Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1938-01-25 · Heft 721 (25.1.1938) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 721 (25.1.1938)
Date
1938-01-25
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712340-2712347--6971-2720793
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seit« 1 DIE NEUE WELT Nr. I2i vom 25. Jänner im keine Aufenthaltsbewilligung mehr zu «rteilen. # „Viitorul" und „Tlmpui" veröffentlichen eine Mitteilung des Kultusministeriums, wonach im neuen Budget des Ministeriums keine staatlichen Subventionen für jüdische Kultusgemeinden enthalten sind. Die in Cernauti (Czernowitz) dreimal wöchentlich in deutscher Sprache erscheinende „Ostjüdische Zeitung", welche von dem früheren Senator und Mitglied der Leitung der Jüdischen Reichspartei Dr. Mayer Ebner herausgegeben wird, darf nicht mehr erscheinen. Innerhalb der national-jüdisch gesinnten jüdischen Bevölkerung Rumäniens wird das Fehlen dieser Zeitung, welche jederzeit die jüdischen Interessen in würdiger Form vertreten hat, schwer empfunden. Ministerpräsident Octavian Göga hatte in den ersten Tagen seines Amtsantrittes dem, Präsidenten der Jüdischen Reichspartei Dr. Theodor Fischer die strikte Versicherung gegeben, daß Zeitungen, die rein jüdischen Interessen dienen, von den Verboten nicht betroffen werden würden. Trotzdem wurden seither bis auf wenige Ausnahmen die jüdischen Zeitungen in ganz Rumänien verboten. * Die Bukarester mexikanische Gesandtschaft wird von zahlreichen Juden belagert, weil Gerüchte verbreitet waren, daß die Einwanderung nach Mexiko keiner Beschränkung unterliege, wenn ein Vermögen von 100.000 Lei vorliege. Aus diesem Ansturm ergaben sich bald große Schwierigkeiten, weil die Gesandtschaft kein eigenes Gebäude besitzt, sondern in einem der größten Bukarester Hotels untergebracht ist. Nachdem eine ganze Anzahl von Gästen des Hotels vergeblich versucht hatte, durch die Menge hindurch in das, Hotel hinein-, bzw. aus dem Hotel herauszugelangen, griff die Polizei ein und räumte die Vorhalle und den Eingang. Die Bukarester Zeitung „Capitala" meldet, daß 600 jüdische Familien in Bessarabien sich an das italienische Konsulat in Galaz mit der Bitte gewandt haben,,ihnen die Einreise in Abessinien zu gestatten. Aehnliche Ansuchen haben Juden in anderen Landesteilen Rumäniens an andere italienische Konsulate gestellt. Zahlreiche dieser Juden sind Aerzte, Ingenieure, Anwälte usw. Die italienischen Konsulate haben diese Ansuchen nach Rom weitergeleitet. Zur Frage des Jüdischen Jungvolkes Zionisten-Beyisionisten. Die Neu-Zionistische Organisation Oesterreichs (Zionisten-Revisionisten) hat in der Frage der Schaffimg eines selbständigen Jüdischen Jungvolkes folgenden Beschluß gefaßt: „Die vom Bundesjungendführer Graf Thurn-Valassina abgegebene Erklärung, wonach die jüdische Jugend in einem gesonderten Verband im Rahmen des österreichischen Jungvolkes vereinigt werden soll, stellt die vom national-jüdischen, jüdisch-religiösen und vaterländisch-österreichischen Standpunkt aus einzig gerechte und mögliche Lösung dar. Die Neu-Zionistische Organisation, die einen großen und maßgebenden Teil der Judenschaft Oesterreichs vertritt, begrüßt das vorgelegte Projekt." Binjan Haarez. Die Wiener Organisation „Binjan Haarez" (Arbeitendes Palästina) nimmt in ihrem Organ „Der Jude" zu dem Plane der Schaffung eines „Jüdischen Jungvolkes" wie folgt Stellung: „Die Ankündigung des Führers des österreichischen Jungvolkes, Graf Thurn-Valsassina, wonach diese Jugendorganisation grundsätzlich keine Juden aufnehmen wird, und für die jüdische Jugend eine eigene Organisation geschaffen werden 30II, hat in der jüdischen Oeffentlichkeit mit Recht eine starke Beunruhigung ausgelöst. In der Diskussion über diese so bedeutende Erklärung des Jugendführers wird immer klarer, daß es sich bei dieser Stellungnahme unzweifelhaft um einen Angriff gegen das Prinzip der Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung Oesterreichs handelt. Das antisemitische Motiv dieser Kundgebung kann nicht bestritten werden. Wir sehen in dieser Ausschaltung der jüdischen Jugend aus einer Organisation, die einen wichtigen Bestandteil der Vaterländischen Front bildet, den Versuch einer Diskrimination der jüdischen Staatsbürger dieses Landes. Die jüdische Bevölkerung hat allen Grund, sich gegen die Schaffung eines Präjudiz zu wehren, auf das man sich bei einer Einschränkung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden auf anderen Gebieten berufen könnte. Diese prinzipielle Bewertung der Einführung des Numerus nullus in der Vaterländischen Jugendorganisation kann uns aber nicht davon abhalten, an dem Organisationsrecht der jüdischen Jugend festzuhalten. Die jüdische Jugendbewegung ist eine historisch gewordene Tatsache der jüdischen Gegenwart, sie hat im Rahmen des jUdischen Lebens bedeutsame erzieherische und soziale Funktionen zu erfüllen. In Erkenntnis dieser wichtigen geschichtlichen Aufgaben der jüdischen Jugendbewegung werden wir alle jene Bestrebungen unterstützen müssen, die der Erhaltung und Autonomie der jüdischen Jugendorganisationen gewidmet sind." RUNDSCHAU Warum siltl Dr* Weizmann ♦ ♦ ♦ t In der Ausgabe Nr. 718 vom 14. Jänner stellte „Die Neue Welt" fest, daß während der Zeit wichtiger politischer Entscheidungen die zionistische Stimme nicht hörbar sei und Präsident Dr. Weizmann in seiner Villa in Rechoboth, fern vom politischen Leben, sitze und schweige. Das, schreibt das Oppositionsblatt, dürften wohl die Anhänger Wei2manns bei der Lektüre unserer Betrachtung gesagt haben, all die Dutzendzionisten von der jüdischen Gasse, die lieber das Krumme gerade gehen lassen, als sich über die* Lage eigene Gedanken zu machen, die Weizmannianer um jeden Preis, selbst um den der Katastrophe. Nun lesen wir im Warschauer jiddischen „Moment" vom 19. Jänner einen Bericht des palästinensischen Korrespondenten, der heute wohl kaum als politischer Gegner Weizmanns und der Weizmann- Politik bezeichnet werden kann, einen Bericht, der wörtlich lautet: „Eine Sache ist. allen ein Rätel: Warumsitzt jetztDr. Weizmann in Rochoboth und nicht inLondonoderinGenf? Wie kommt es, Ca$Akkedu4 I, Hoher Markt - LichtenstegNr.4 daß in solcher Zeit, wo in London und in Genf weltpolitische Entscheidungen getroffen werden und das Schicksal des jüdischen Volkes im jüdischen Land auf dem Spiele steht, der Hauptkommandant sich erlaubt, abseits in Rochboth zu sitzen und sich mit den Angelegenheiten seines chemischen Instituts zu beschäftigen?" Wir wollen aus dieser kritischen Frage keine positiven Schlüsse ziehen, aber sie scheint uns dafür zu sprechen, daß vielleicht da und dort die Frage des palästinensischen „Momenf'-Korrespondenten wiederholt werden wird. Der verlorene Filntkrieg Während bei uns weite Kreise noch immer nicht wissen, wie es um den österreichischen Film bestellt ist, hat das Ausland die Situation voll begriffen und macht sich Gedanken darüber, die leider nicht zugunsten der heimischen Fümproduktion sprechen. Unsere These, die wir in einer langen Reihe von Aufsätzen darlegten, ging dahin, daß eine unter nationalsozialistischer Vormundschaft stehende österreichische Filmindustrie ihren österreichischen Charakter verlieren und dadurch den österreichischen Namen kompromittieren müsse. Unsere Prognose hat sich bewahrheitet. Das Debakel ist da. Die „Neue Zürcher Zeitung" (17. Jänner) schreibt unter der Ueberschrift „Das Ende' des österreichischen FUms": „Der Filmkrieg Deutschland—Oesterreich ist zu Ende. Oesterreich hat ihn auf der ganzen Linie verloren, seine Position als selbständig Filme produzierendes Land ist dahin. Man erinnere sich der einzelnen Phasen dieses Kampfes: Er begann im Jahre 1933 nach der Gleichschaltung des deutschen Films mit der Forderung der Deutschen, der österreichische Film möge sich ihren. Normen anpassen, andernfalls würde man in Deutschland keine österreichischen Filme mehr bringen . . . In der Tat wurde zwar nicht öffentlich, aber de facto gegen Ende des Jahres 1933 der Arierparagraph im österreichischen Film eingeführt. Es folgte in den Jahren 1934/35 der sogenannte Kampf um das Kontingent, d. h. um die Zahl der gegenseitig zugelassenen Filmanzahl. Auch hier siegte Deutschland, indem es nach und nach den Nenner im Verhältnis 70 : 7 stabilisierte, d. h. es durften nur sieben österreichische Filme nach Deutschland, während siebzig deutsche Filme nach Oesterreich kamen . . . Berlin schritt zu einer Gewaltaktion. Man setzte sich durch Aktienkauf in den Besitz der größten österreichischen Produktionsfirma, die zugleich auch Besitzerin der Hauptateliers ist, der „Tobis-Sascha", und schaltete diese Firma anschließend so gründlich gleich, daß sämtliche nichtarischen Direktoren entfernt wurden. Ohef der „Tobis- Sascha" wurde Ingenieur Göring, ein Bruder des preußischen Ministerpräsidenten. Inzwischen war weiterhin erreicht worden, daß die österreichischen Filmsujets der Aufsicht der deutschen FUmkammer unterworfen wurden ... Jetzt hatte man die österreichischen Produzenten dort, wo man sie haben wollte; sie mußten alle Berliner Bedingungen annehmen. Und die waren nicht klein: Vollkommenes Eigenbestimmungsrecht der reichsdeutschen Wir bitten für unsere alten u. arbeitsunfähigen BLINDEN um Spenden. Für die blinden Musiklehrer, Klavier* Stimmer, Korbu. Sesself lechtersowie Bürstenmacher bitten wir um Arbeit Ui&isußteiH f Mvirw* mrWi&ww w det iiidiscken> Blinden Wien II, Rembiandtstraße 18 — Telephon A - 47.2 77 Postsparkassen-Konto A-133.213 Stellen bei der Wahl des Sujets, der Besetzung und der Placierung, Ausschaltung der nichtarischen Wiener Vertriebs- und Verleihflrmen usw. Jetzt wird also in Wien wieder gedreht, aber Rosen-t hügel und Schönbrunn sind heute nichts anderes als Produktionsfllialen von Neubabelsberg. Der Wiener Produzent darf allerdings gnädigerweisesein Geld hergeben und das Risiko des Filmes tragen, alles andere wird von. Berlin aus erledigt . . . Erstklassige Wiener Schauspieler, die im hiesigen Film Jahrelang ihr Brot gefunden haben, müssen den reichsdeutschen Kollegen weichen. Was man heute als „Wiencr" Film zu sehen bekommt, ist eine in Wien als zufällige Produktionsstätte hergestellte reich«- deutsche Arbeit." Palästina als Kronkolonie Im Zusammenhang mit der Dikussion des Teilungsplanes, bzw. mit seiner Ablehnung durch den größten Teil der jüdischen Welt, sind neue Projekte bezüglich, der künftigen Staatsform Palästinas aufgetaucht. Insbesondere wurde von gewissen jüdischen Kreisen Englands die Umwandlung Palästinas in eine englische Kronkolonie propagiert, eine Propaganda, die auch in britischen Kreisen bereits Fuß gefaßt hat. Im „Jewish Chronicle" (London) führt der Vorsitzende der kürzlich gegründeten Palestine Crown. Colony Association, Max Seligman, aus, daß die Installierung einer Kronkolonie als Vorstufe zum Dominion die beste Lösung für Juden und Araber, sei, jedenfalls viel vernünftiger als eine Teilung, indem er schreibt: „Die Unwandlung Palästinas in eine Kronk.olonie ist nicht als letztes Ziel gedacht, sondern bloß als Anfang eines Entwicklungsprozesses* der nach und nach zum Status eines Dominions (Gliedstaat) führen soll. Daß die Möglichkeit solch einer allmählichen Ausweitung vorhanden ist, hat die Geschichte anderer Teile des britischen Imperiums reichlich bewiesen. Jedenfalls ist der wichtigste Punkt der, daß die Selbstregierung erreicht wird und damit auch alle anderen Verhältnisse, welche ein Dominion-Status mit sich bringt, da man in solch einem Fall nicht plötzlich Machtmittel einem Volk in die Hand gibt, das für diese noch nicht reif ist. Die Schwierigkeiten, die mit dem! Teilungsplan verknüpft sind, muß man wahrlich als sehr ernst bezeichnen, und das tun auch die-, jenigen, welche dem Plan an sich freundlich gegenüberstehen, da deutlich erkennbar ist, daß nur ein all" mählicher Uebergang zur Selbstverwaltung die Möglich-« keit zu Wohlstand und Zivilisation gewährleistet. In diesem Punkt ist der Teilungsplan ein ernster Nachteil gegenüber der Errichtung einer Kronkolonie, welche zweifellos dem Volk die Mittel zur Befriedigung seiner materiellen und geistigen Bedürfnisse sicherstellen würde. Im Falle der Etablierung einer Kronkolonie wäre es möglich, Palästinas Handel die Vorzugszölle des Imperiums einzuräumen und größere und bessere Aussichten für seinen industriellen und agrikulturen Export zu schaffen. Damit würde das Interesse und Vertrauen Großbritanniens für Palästina bedeutend wachsen und Investi-i tionen könnten in weit größerem Maße als bisher vorgenommen werden. Die britischen Verwaltxmgsfaktoren würden in einen näheren Kontakt mit den Einwohnern gebracht und der Umfang der Verantwortung der lokalen Regierung würde erweitert werden. Die britische Regierung und die Behörden würden sich innig mit dem Land verbunden fühlen und die stiefmütterliche Behandlung würde einer solchen weichen, die mit den höchsten britischen Interessen verbunden ist" Warum Stürmet" beschlagnahmt wurde Aua Prag wird gemeldet: Wie jetzt bekannt wird,' ist die letzte Ausgabe von Julius Streichers „Stürmer** nicht etwa wegen der in ihr enthalten gewesenen Forderung nach Einführung der Todesstrafe fün Rassenschande — obwohl Streicher gleichzeitig unflätige Angriffe gegen deutsche Richter schleuderte, weil sie seiner Meinung nach Rassenschandedelikte zu milde beurteilen —, sondern wegen eines schweren Angriffs auf die Reichsdevisensteile erfolgt. Immer wieder. beschweren sich deutsche Reichsstellen bei der Reichsregierung, daß Streicher im Zuge seines Kampfes gegen das Judentum auch deutsche Behörden diffamiert und sie der Judenfreundschaft bezichtige. Der Angriff auf die Reichsdevisenstelle gab nun den Ausschlag für die Beschlagnahme. Streicher beschuldigte die RelchsdevisensteUc, daß sie jüdischen Studenten Devisen zur Ermöglichung ihres Studiums an ausländischen Schulen zur Verfügung stellt. So z. B. werde zahlreichen jüdischen Studenten aus Deutschland der Besuch der Thora-Schule in Montreux, Schweiz, durch Zuteilung von Devisen durch die Reichsbank ermöglicht; ja, im deutsch-schweizerischen Reiseabkommen sei eine Zuteilung von Devisen an jüdische Studenten ausdrücklich zu diesem Zwecke vorgesehen. Streicher verlangte, daß den zuständigen höheren Beamten der Reichsbank Vorträge über den Umgang mit; Juden gehalten werden. {1. T. A..)j . .'tSf^fiS1:..

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.