Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 720 (21.1.1938)
- Date
- 1938-01-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 720 vom 21. Jfttmfer' 1938 s^tft f; für einen Juden... Stanislav S k i b a ist ein bekannter polnischer Schriftsteller, der dein polnisches Vaterland bereist und die Läge der Juden im nicht jüdischen Ümkreis studiert und schildert. Nächstehend eine deine* jüdisch-christlichen Reportagen, die auch für andere Länder gültig ist. Während ich in einem der Städtchen weilte, die mit der Schande des Narodowe-Hüllgänismus, des barbarischen Antisemitismus, befleckt sind, erzählte man mir von den Leiden eines Juden, eines Menschen mit großen Verdiensten um die einheimische Bevölkerung. Ich beschloß, den Juden in seiner Wohnung aufzusuchen und mit ihm über sein, jetziges und früheres Leben zu Sprechen. Man sagte, er habe einen kleinen Laden. Bei Seinem ttaüs angekommen, hielt ich selbstverständlich nach einem Geschäftsschlld, Ausschau, blickte hin und her, fand es aber zu meinem größten Erstaunen nirgends. Als» ich mich nach der Hausnummer ümsäh, bemerkte ich endlich unterhalb der Hausnummer ein kleines, mit Farbe dichtbemaltes Täf eichen. Das war das Schild. Ein kleines Schildchen eines Ärmlichen Kramladens. In einem versteckten Provlnzatädtchen. Bei meinern Nahen zeigten sich im Fenster — erschreckt und verschämt — zwei junge Mädchenköpfe. Sie wendeten sich zu jemand, .d.er hinter ihnen stand, sprachen ein paar Worte und verschwanden. Ich drückte die Türklinke und trat ein. Ea schlug mir eine feuchte Kellerluft entgegen und •!n schwerer Geruch von Verwesüng und Töd. Den ersten Teil des „Geschäftes" nahm der Küchenherd ein. Auf dem Küchenherd standen zwei, drei Töpfe, mit dem Boden aufwärts; rechts eine lange Bank mit einem Eimer reinen Wassers und einige Gefäße. Unter der Bank ein Kübel mit Spülwasser: Iri einem Winkel ein Besen und eine Hühnersteige. '• ' -: ' Ich.wendete meinen Blick nach links. Angelehnt an der Wand, hart beim Ofen, stand eine hochgewachsene Frau in mittleren Jahren. Und neben ihr zwei Mädchen, angeschmiegt an die Mutter wie Klicken an die Flügel der Henne. Beide schöne Geschöpfe mit dunklen jüdischen Augen. Auf einem alten, wackligen Stuhl eine zweite Frau, eine ältere. Sie fädelte Zwirn in eine Nadel und warf von Zeit zu Zeit einen Blick auf mich. Im Hintergrund, hinter irgend einem Möbelstück, das wie ein Verkaufstisch aus-' sah, stand ein mittelgroßer Mann, unbeweglich;vie ein Klotz. Vor ihm auf dem Verkaufstisch eine. Waage mit ein paar kleinen Gewichten. Alle waren sehr, ärmlich gekl£id&t> Alte. -Fetzen;mit nguen:. Löchern, Beide Mädchen, mit roten, wie verbrühten Händen. Die Not blickt; ihnen aus dem Gesicht, stiert aus jedem Winkel, sitzt auf den leeren Töpfen. In der Stube ist es kalt, sehr kalt. „Wo ist Ihre Ware?" fragte 4ch leichthin, „Sie sehen doch, nicht da." „Ich sehe aber Ihren Gewerbeschein an der Wand, Sie haben also Ware haben müssen." „Gewiß hätte ich Ware, aber heute hat)' ich keine mehr. Man hat mir sie weggenommen." * .., „Für Steuern?" „Ja, für Steuern." „Warum haben Sie das zugelassen?" „Was konnte ich tun? Schon seit einem Jahr halten. , die Narodowzes, die National-Antisemiten, Boykottposten vor meinem Geschäft. Mein christlicher Nachbar macht Geld, gedeiht. An den Markttagen läßt man mich .zu. den Käufern nicht zu, man schleppt sie in die polnischen Geschäfte. Kann man Steuern zahlen, wenn man keine Losung macht? Da ich nichts zu leben hatte, tauschte ich das letzte Stückchen Ware gegen Brot, gegen Kartoffeln. Und schließlich bin ich ohne Mittel zum Leben geblieben;", „Konnte Ihnen nicht die. Gemeindeverwaltung irgendwie beim Steueramt helfen?" „Im Gegenteil. Gerade die Gemeindeverwaltung hat zur unbarmherzigen Haltung des Steueramtes beigetragen. Ich bekam eines Tages eine Umsatzsteuer von zehntausend Zloty vorgeschrieben. Wirklich zum Lachen. Denn ich hatte kaum um hundertfünfzig Zloty Ware in meinem* Laden und ungefähr ebensoviel Kredit..." „Sib sind Mitglied des Gemeinderates und gerade die Christen haben Sie gewählt?! Ist das richtig?" „Ja." „Also, als Jude repräsentieren Sie die Christen?" > „Das liegt in den Verhältnissen. Aber lassen wir das lieber", sprach der Jude mit Würde und Bescheidenheit. Und dann hörte ich, wie es um seihe Familie stand, Sie,,die Alten meinte er — seien ohnehin zu baldigem Starben verurteilti aber die Kinder... Sie gehen in. die Schule, lernen gut, aber ... heute haben sie vier Kartöffeltt und ein Glas Tee zu sich genommen. Nächstes Jahr' wird er nicht mehr imstande sein, einen Gewerbeschein, zu nehmen, wozu übrigens? Auf der Gasse traf ich einen Christen, einen ange-, sehenen Bürger, der mir die. Frage beantwortete, weshalb der Jude in den Gemeinderat gewählt worden sei: „Sehr einfach. D.er Jude hat etwas Bildung und — die Hauptsache — er kann rechnen, und im Gemeinderat brauchop wir so etwas. Außerdem ist er ein Mensch, auf den man sich verlassen kann, der sich in geschäftlichen und karitativen Dingen auskennt. Darum haben wir ihn ge-, satoätzt und Respekt vor ihm gehabt. Er selbst hat oft-den Leuten gehölfen, . die heute Pech und Schwefel auf ihn «chütten.., Reich ist er nicht, beneiden also kann man ihn' nicht. Aber Sie kennön' döch das' polnische Sprichwort: Uäk^ bfep,; tp dö 2yda. . :. jak po tfieäzte,. pocaluj... «ydzle..."' (Wehrt Not ist, geht's gegen dfen Juden, wenn die Not vorüber, dann küsse mich... Jude!) ' *;,Uh<f wärurh^häbt ttfr ihn in der Not verfassen,, zugrundegerichtet?'' " ' „ÖkfÜr kötinen wir nicht. Schuld'daran ist der neue iMob, der jetzt durch die jüdische Gasse streicht. Der läßt uns nicht bei ihm kaufen, verjagt Uns mit Steinen." „Kann er hier diese schwere Zeit'Übertauchen?'' ] „ich glaube nicht... Aber er ist ein außergewöhnlich fähiger Mensch, vielleicht findet er einen Ausweg und baut sich eine neue Existenz Auf."--— Und nun, jüdische Leser, komme ich als Pole zu euch mit der dringenden Bitte, Hilfe zu schaffen für. eiÄen der vielen ziigruhdegerichteteh jüdischen Bürger, für einen. Juden, der sein Talent in den Dienst der polnischen Gesellschaft gestellt hat..Reitet jSn uh'd seihe Familie vor dem Untergang! / . ■ ,; " ' '■ -.'"■'. '*' '' ''• Dieser Hilferuf gilt ui der^voriiegenden Form eüieiri anonymen Juden, bezieht , sich aber auf .die vielen hunderttausende Juden Polens, ^ie'infolge der staatlichen Wirtschaitspdiltik und der antUen^ttSdhen Boykottpropaganda von völligem Ruin'bedroht sind. (Anm. der Red.) 5f#.80Öjüdischei Studenten in Rußland Aus Moskau (J. T. A.): Aus einer vom Volkskommissär für Unterricht vor kurzem veröffentlichten Statistik ' ist zu ersehen, " daß ' gegenwärtig 518.300 jüdische Studenten die russischen Mittel-'"-und Hochschulen.,besuchen, •. während , es. vor?d e r; R e v o- 1 u t i:.o n 53.000, waren.. Von ihnen, studieren 82.300 an den verschiede'ffW russischen U hi v e r s 11 ä t e n (vor 1917 waren es nur 2000). 424.900 besuchen russische Mittelschulen, gegenüber" 51.000? vorder Revolution': An technischen, Hochschulen . studieren 30.900 jüdische .feirer, während,..vor,. 1917. kein einziger jüdisc]iier:''Studentf die Technik'besuchte. . " . UütHGc Un maUcUtUen QUettb Im Rahmen des Ringes-der Altherrenverbände (I., Kohlmarkt. 10) /h^i.t.;Dr./Oskar.<R<)se n;.4e Id.Montag,..den. 7.vFeJjruar, um, ^9 Uhr. abends eine Conference unter dem Titel „Humor 4,m ..m-äh>r.ia-chen Ghe11o". .,:. lüdiscil^ Rönsllerspiele : Ab Freiitäg, den 2Ü.' Jänner, gelangt, "mit Sevilla Pastor in der Titelrolle, die lustige Operette „D fe'r Amfer l:k% \ef. Llct a k** von Freyman und Ölschanetzky. .täglich,: auch. ,Sonntag nachmittags, ztir Aufführung. Lore Glücks mann wirkt in diesem Stüjck, mit, das zu den erfolgreichsten der New-Yorker Saison gehört. r ' ' •-• •'- : ... Donnerstag, den <^7.: d. 'M., Uraufführung des Lebensbilder >,JisrulJtH.l dem Stoler-s" von Markus Wittiin. .....\ ... ',-,-• -Toset Kastein: J e r e talU s. Der Bericht vom Schicksal einer Idee. Verlag R. Löwit, Wien^Jerusalem. Josef; Kastein ' stellt.'' in setoem' neuen Buche „Jeremias" fest: Völker sterben nicht durch materielle Niederlagen, sondern durch geistigen, . Selbstmord, durch Verzicht auf die \Motive ihres' Lehens,' durch Angleichung an'Geist und Seeledes Siegers-.'Wie -6s kam, daß •dieses kleine' .Volk n i cht resignierte, n i e h t auf seine tMotiy« verzichtete, nicht anerkannte, daß es, ihm gegenüber, überhaupt einen, Sieger .gab: .das alles wird an., der Gestalt >ind der Ejpoch'e' desjenigen ^Propheten 'dargestellt, der solchergeistigen Haltung-' in- 'seinem1 Volke eine. Wirk-1 lichkeit bereitete. - - . ..• •■; l ■ .:: .- : :pß.j hier ..ewig gültige Probleme behandelt-, werden, ist das Buch von einer erstaunlichen Akt u a.l i t ä t und Mpdernität, und wer sich'Über den Zustand, der Welt von heute. Gedankerr'machte sollte-es lesen, um zu erfahren, wo in der Geschichte aller Gemeinschaften der Kern, ihrer Gestaltung-und der Keim ihrer .Tragik liegen. jEr wird einem Meisterwerk der historischen und der psycholqgischen , Darstellung begegnen, strenger: Wissenschaft im-; Gewände einer, lebendigen Urzählung.. , (, viiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiim., Heue. toutetU HENRIETTE ROSEIIPEID-KLEIH Wien I, Kärntnerstraße ai Mr Filmfreunde Heute: Joan-Ormvfprd-preniier©. Im Schweden-iKino •findet he,ute" die Preithier^ des Franz-Molnar-Films , der Metro: ,^)aa' u^kuuxte' Mädchen'" 'ifcatit. Die Titelrolle' des Filaris ist mdt- Joah, ÖrawfÖKl besetzt.1 Ihre beiden Partner sind'Pranchot Tone und Robert Young. / »»Der -gelbe-Herrscher^' r—r heute. In diesem, an verschiedenen . Se^ät^onsn^.i«ijQhen E?ilm spielt Boris "Karloff einen Rabeitehigeneral, der sich' gegen die ohi^lesi8cHe, Staatsgewalt, empört.' Wieher '.UTOUfM^hrwiig dieses Warner-Bros.-iFilms' heute im ^Kreiiz-i .und Votivpark-Kino. ^i.St^e/.Door^.noit Kat^harihe Hepburn und Olhger ^R^r»v'M^ta^..D^K)ip'Vj<iRiy^ü^^)t. .«in- Film aus der Welt des Sehein^s, die utiB dmm.pr wieder mit -magischer Gewalt in' ihren' Bann lockt, stelit zwei Weltstäfs. von völlig entgegengesetztem Tem'peramen.t in den .Mittelpunkt ■ der /Handlung« die; .-eigenwillige, herbe, gefühlsreiche Katharine Hepburn, seit -ährer „Maria Stuart" als die. stärkste dramatische Begabung Hollywoods anerkannt, und die springlebendige,..quecksilbrige Ginger Rogers, die hier d\irch die VieigestalUgkeit ihres Wesens überrascht. Der RKO.-Radio-Film „Stagfe Door" entstandnach einem . Bühnenstück von George: Kaufmann.:; und Edna Fenber, den Autoren von.,,»Dinner ,11m. aoh.t". \md' ,pas KÄrn^iantensohJff". ' ' . J KlNO.PROtiRAMME Berit Karloff okoloff Kreuz-Kino fsz i; I« giii lerrslier I, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorrt«lluna«n j k, H6, Hbt, W9 kCHUICDEN Joan Crawford F^p^wkv^O in Franx Molnors Dos unbekannte Mädchen mit Franchot Tone, Lerfttta Young Vorverkauf ab 10 Uhr vormittags ununterbrochen Besinn: %4, %*, %t, V*10Ühr.T«l. A'49*0'«O flugarten- Kino II, Untere Augarten- .- Schlagerfilm In jiddischer Sprach« raOe 28 Telephon A-40-B-98 »ginn: */»«, Vi>. ,10 Uhr Empfehlenswerte Firmen RESTAURANTS, CAFfiS etc. Cftfo Atlashof, I.,?ranz-Josefs-Kai 1, Tel. R-28-2-2S. Coffi Augarteiahof, II.,' Untere Augartenstraße 46, Telephon A-44-0-75. Caf* Buchsbaum, IL, Kleine Pfarrgasse 21. Bürgerliche! Famllienca£6. ' „ , C^f6-Bestanrant „De Frapce", I., Schottenring 3, Telephon A-16-3-74. Brstftlasslge Küche. Billige Preise. Saal und Klubzimmer zu vergeben. ■ Deutsch, am Schottenring 12, Delikatessenhandlung und Gtfststube. Cafd-Restaurant „Espresso", I., Rotenturmstraße 1. 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