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Die neue Welt · 1938-01-21 · Heft 720 (21.1.1938) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 720 (21.1.1938)
Date
1938-01-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite6 D|E &#Ui& WELT Nr. 720 vom 21. Jänner 1838 T>u Asket,.* J. L, Perez Steht «»ein Chassid Freitag, nachdem er einen „Knisch" bei der „Schoichetke" gegessen, im menachenleeren Beßmedresch an der rechten Seite vorn bei einem Betpult. Auf dem Pult liegt das Sefer „Schir haachirlm" aufgeschlagen — wie es sich ziemt für Erew Schabbes. Mit den Händen bindet er sich aus frischen,, kurzen Zweigen, die frische, grüne, duftende Blätter haben, einen „Besen" — für das Schwitzbad, mit den feuchten^ träumerischen Augen blickt er ins „Schir häschirim", mit den Lippen murmelt, singt er Strophe nach Strophe... Als er zur Strophe ..Wie bist du doch, meine Gespielin, schön ...!•• gelangte, warf er, scheint's zufällig, zur Maariw-Wand einen Blick. Richtiger: zum Fenster in der Wand, die zur „Schammestes" Wohnung führt.... In dieser Sekunde spürt er ein Sticken im Hals, etwas will durch den Mund ins Freie, es.reißt und stickt ihn... Erschrocken, öffnet er breit den Mund — da springt aus dem Mund auf das Pult ein Ding — es ist winzig, grünlich, beweglich... Er besieht es näher: ein kleines, bewegliches, grünes Menschlein. Ein kleines, zartes Schwänzlein hinten und Hühnerfüße. So hüpft es auf dem Pult umher... „Wer bist du?" „Dein Gedanke!" antwortet lachend das kleine Menschlein und zeigt ihm zwei Reihen weißer, scharf zugespitzter Zähne. „,Schir — häschirim* habe ich gesagt!" wendet der Chassid ein. „Stimmt: die Strophe .Wie bist du doch, meine Gespielin, schön. ..!* und dabei einen Blick zürn Fenster der .Schammestes' Wohnung geworfen... Gesteh's, nicht an Sulamith, sondern an Breine, der Schammestes. Tochter, hast du gedacht...' willst sie s e h e n?'..."" Rückt der Chassid erschrocken weg. „Na ... na...", lacht laut auf das winzige Menschlein, „ich habe heute ohnehin keine Zeit: ich muß mich beeilen, mich in das Buch der Neugeborenen eintragen... Ich werde zurückkommen." Und verschwindet. Meint der Chassid: ein Blendwerk! ~ schon so viele Nächte nicht geschlafen! Rafft er sich auf, reißt sich zusammen, bindet fest die Zweige, nimmt den Besen unter den Arm und geht in das Schwitzbad. Wieder Freitag. Wieder allein im Beßmedresch. Vor ihm das Sefer: „Targum scheni." Wunder auf Wunder — dieser Palast des Königs Salomo! Kristall, funkelnder, leuchtender Kristall, mitten auf dem Meere . Schließt er die Augen aus Begeisterung und Genuß und -wiegt den Körper, mit den Lippen schmatzend: Aijaijai... Da verspürt er einen kleinen Klaps; auf der Nase. Oeffnet er die Augen: — das Mehschlein:! Aber größer — scheint gewachsen zu sein... „Ha! — bist gewachsen!" „Du denkst und ich wachse." „Ich habe nicht gedacht, behüte! -^ Targum scheni gelernt" erklärt der Chassid. „Stimmt: aber tief im Herzen gedacht... in einem Solchen Palast, Kristall, Kristall, mitten auf dem Meere mit i h r zusammen... " Senkt der Chassid den Kopf. Senkt ihn tief und seufzt: „Sie wird Br a u t...." „Dummheiten! Unsinn!" „Nein! wahr ist's: sie wird Joines Braut...!" „Joine hahahah... Joine hustet!"' „Na — und was weiter?" „Und wird später stärker husten — Blut aushusten..." „Und?..." , ... „Vorläufig nichts: die Frucht muß auf dem Baum reifen..." Betrachtet ihn der Chassid forschend. Da bemerkt er, wie das Menschlein sich verfärbt und rot wird, ganz rot. „Du bist doch rot geworden!" ruft er erschrocken aus. „— .Odom' ist ein Mensch, — ,Odom* heißt rot, — ,Dom' heißt Blut... " „Was plapperst du da zusammen?" „Es wird kommen die rechte Zeit, du wirst dann alles verstehen!" Eine kurze Pause. Dann wieder das winzige , Menschlein: „Sag' mir lieber — willst sie sehen? Sie wäscht sich jetzt..." Und da der Asket nicht nein sagt, dreht sich das Menschlein um, bläst leicht zum Fenster in der Maariw- Wand, — öffnet sich das Fenster und man sieht: Breine, der Schammestes Tochter, steht, zu ihnen mit der Achsel, über eine Schüssel heißen WasSers gebeugt und wäscht sich die Haare, lange, wundervolle Zöpfe. „Siehst du?" — raunt ihm das rote Menschlein au, „Siehst du diese Zöpfe? Die Schüssel ist zu Wein, sie geht fast über." . Da packt ihn der Asket voll Schreck: „Sie kann sich umdrehen und uns sehen!" „Mich?" „Ja, dich wird sie sehen und, behüte, erschrecken." . „Nein! Außer dir kann mich niemand flehen..." fe ^cMtfWi« . ^.^j^ I „UnnUUS deine Angst. Außer dir hört mich niemand. Sieh lieber hin, dieser Hals und dieser Kacken! Alabaster!" Und da der Asket vor Begierde bebt, fügt jefter hinzu: „Willst du, ich soll sie dir zeigen, so wie Achaschwerosch Wascht! sehen wollte, willst du?" „Ich will!" stößt der Asket zwischen den brennenden Lippen hervor... „Wirst du unterschreiben?" „Was unterschreiben?" „Einen Vertrag — mit einem Blutstropfen vom kleinsten Finger..." „Ich will! Und — sofort! Gib, her!" „Gut. Ich gehe den Vertrag holen." Das rote Menschlein ist verschwunden, der Fensterflügel hat sich geschlössen und der Asket schleppt sich mit Mühe zu einer Bank... Hoschannah Rabbah, spät nachts. Zwei Jahrzeitlichter brennen auf dem Vorbetpult. ber Asket kauert auf der Bank hinter dem Ofen. Da erscheint das Menschlein, es ist schon erwachsen, und drückt ihm etwas in die Hand. ' „Was ist das?" fragt der Asket. „Hahaha... du erkennst nicht?, das ist doch dein Messerl. Du hast es mir zum Schleifen übergeben." „Ich, dir? Wann war das?" „Einmal, es war Mitternacht, nach einer Begegnung." „Ich weiß nicht." „Du weißt: damals, als ich dir erklärte Odora- Mensch, Odom-rot..." „Schwelg!" schreit der Asket voll Schreck. Stolz bläst sich das winzige Mensohlein auf: „Sieh doch, wie scharf geschliffen!" Er öffnet die Klinge, sie blitzt. „Scharf' wie ein .Chalef', probier am Fingernagel." Der Asket nimmt mechanisch ''das ' Messer, prüft die Schärfe der Kiinge am Fingernagel 'und sagt sehnsüchtig: „Sehen will ich!" „Wenn du den Vertrag unterschrieben hast, befehle ich: Wand, Maariw-Wand! verschwinde! . . ." Die Wand befolgt den Befehl. Sie ist weg... Breine schläft ruhig in einem langgestreckten Holzbett. Der Asket sitzt in Schweiß gebadet, die Hände und Füße zittern vor Erregung, das 'Gesicht-r weiß wie Kalk mit brennend-glotzigen Augen... Er sitzt und gafft... -. Nähert sich ihm das rote Bürschlein und flüstert ihm ins Ohr: „Du siehst? ... Du verstehst? ... Alabaster! Elfenbein!. .." : „Mehr!... Mehr!..." lechzt der Asket mit brennenden Lippen. „Bettdecke! herunter!" befiehlt leise, aber fest der Rote und es geschieht. „Er schmeichelt dem Asket: „Wie meinst du? ist sie schöner als (Wascht!'?" „Sulamith! Sulamith!" haucht , der Asket mit Schaum über dem Mund. 1 J ' , „Und der Palast... reiner Kristall..,. mitten auf dem Meere ..." setzt er fort. 1 „Wird sein! Ganz sicher!.'. . Die Frucht Ist' reif... Heute, morgen — -wird alles seih .. Die Frucht ist bald ganz reif... Eine Kleinigkeit fehlt noch.i." versichert das winzige Menschleln. In dieser Sekunde zerfällt aJlea, alles zerrinnt in nichts. Die Wand steht wieder an ihrem Ort, das Fensjer ist geschlossen und verhangen. „Was ist das? Was hast du, Bösewicht, angestellt?" schreit der Asket auf den Roten ein.- „Nicht Ich", antwortet das Menschlein resignierend, „nicht ich — das ist Joinea Werk.". ,.J oi ne? Er? Wieso? Wann? Wo?" „Joine ist hergekommen Toire lernen... Er sitzt bei der Misrachwand... Da ist meine Kraft wirkungslos ... Ich bin kaltgestellt Man muß warten, oder — ihn beseitigen..." Der Asket hebt den Kopf von unten herauf >■ und lugt hervor: richtig, dort an der Misrachwand sitzt Joine ■ und lernt. Dessen Kommen'hat es nicht bemerk*. Und — da Joine nicht hustet, spricht er zornig zu sich und drückt, halb bewußt, halb unbewußt'die Klinge des Taschenfeltela stärker an sich. Nicht einmal-ein klein wenig will er husten... . .; * „Du! Roter Schurke! Joine' hustet nicht." „Er wird.4 Und Joine hustet schont „Hahaha..." spottet der Asket, „ein Husten wie ein Wickelkind bei einer Erkältung..." Joine hustet jetzt stark. Er packt sich beim Leib. Er erstickt fast. Es wirft ihn von: einer Seite auf die andere. Er steht auf und geht durchs Beßmedresch zum Wasserbehälter, um ein wenig Wasser. Zurück ■• torkelt er schon. Sein Gang ist schwerfällig, unsicher... „Der Gang eines Gefällten;"; „Nein!" antwortet der Asket. „Heute ist Hoschanah Rabban ... Der Schatten geht hinter ihm. Ihm nach." „Ein dünner -Schatten aber... Ein zappelnder, zitternder... Wie lange. noch? " „Unsinn!... In acht Tagen ist die > Chuppeh mit Breine...", hackt der Asket das Gespräch entzwei. „Werden wir eine junge Witwe haben..." „Ich will nicht! Ich will nicht, daß er sie anrührt! Ich will nicht!" schreit auf der Asket, Schaum über den Lippen, feuerrot im Gesicht,.. , .tili**,! »BP fcflPPjfc Ate fcttfBU««" ' tJsfcJi'-ÄidL• .»ifP** ü~-*...»t.Y>«>—..........-• [Juuuaejt fipdetnßetid ^0WW^&JW^JUU MrV^fWW^WTWF vor der großen Welfctoninee $ac<di fyMstwt Donnerstag, den 27. Jänner 1938, «m 8 Uhr abends BRAHMS-SAAL (Kleiner Musikvereins-Saaty \, Auf dem Programm: Die schönsten Volkslieder (spaniolisch, hebräisch, jiddisch) u. a. K a r t e,n: Konzertdirektion G. Kugel, K.-Z. Graben und Ring der Ältherren-Verbände, I., Kohlmarkt 10. „Wie? Sprich! Was kann man tun? Eben geht Joine an ihnen vorbei. Er bleibt stehen, um Atem zu schöpfen. „Komm! Komm her zu Joines Schatten!" „Was wird sein?" „Wirst schon seh'n." Sie gehen an den Schatten heran. Der Asket ist barfuß. Man hört nicht die Schritte. „Verlier nur nicht den Taschenfeitel mit der scharfen Klinge. Es wird einen Knacks geben." Der Asket drückt das Messer fester an sich. . Joine steht mitten im Beßmedresch, hält sich mit der einen Hand an einem Ständer, mit der anderen beim Kopf. Er. hustet grauenhaft. Sie stehen auf seinem Schatten. „Willst ihn beseitigen?" fragt der rote Bösewicht, Der Asket nickt mit dem Kopf. Stimmt zu. Seine Stimme hat Joine nicht gehört. „Laß das Messer auf den Hals des Schattens her« unterfallen. Sofort. Laß'fallen!" Und da der Asket zögert, stößt ihn der Rote im Ellenbogen: läßt er durch den Stoß das Messer fallen. Mit der Spitze nach unten "sticht es genau in der Mitte den Hals des Schattens durch und bleibt im Fußboden stecken. In dieser Sekunde fällt Joine um und ein Blutstrom schießt aus seinem Hals hervor... Da schreit der, Asket furchtbar auf! — und erwacht ... Denn all das war ein schwerer, düsterer Traum auf der harten Bank im leeren Beßmedresch in einer Vollmondnacht.... Und als der Asket sich erhob und dastand, in Schweiß gebadet,.mitten in der Nacht im menschenleeren Beßmedresch, packte ihn die Angst. Er kroch wieder hinter den Ofen, scharrte sein Bündei hervor, band es mit einem Strick fest, warf es Über die Schulter und verließ, das Beßmedresch... Hinaus, hinaus, weiter wandern in die weite, weite Welt... (Ucber tragen von M. S. Brafmann.) Filme der Woche Ungarn: Die entführte Braut. Frankreich: La grande Illusion — Dunja — Un Carnet de Bai. Amerika: Ein Star ist geboren — Romeo privat— Olympiade der Unterwelt — König wider Willen -r Die gezeichnete Frau — Hafenspelunko — Ritter ohne Furcht und Tadel — Unter vier Augen — Guter Kamerad — Helene Wiufür — Mister Moto; der Schatten von Schanghai — Ali Baba geht in die Stadt — Der König und das Girl — Sllly Micky Melodie 1938 —- Banditen von Kain-Tu-Kei — Der Liebesreporter — In gefährlicher Mission — Das Herz der Welt — Dead End (Im Schatten der Wolkenkratzer) — Mr. Dodd saniert — Ebb Tide — Der gelbe Herrscher — Das unbekannte Mädchen — Die große . Stadt — Kjisse am Broadway. Filme unter Arierparagraph Daphno und der Diplomat — Der Katzensteg — Die reuigen Sünder — Fanny Elßler — Gabriele sucht Abenteuer — Das große Abenteuer — Serenade — Fledermaus — Meine Freundin Barbara — % x 8 im Himmelbett — Musik für dich — Abenteuer in Warschau — Der Berg ruft — Der Liebling der Matrosen — Streit um den Knaben .To — Die Landstreicher — Brillanten — Gaaparone — Tango Notturno -r Togger — Der Tiger von Eschnapur — Immer wenn ich glücklich bin — Die. Danp von Malakka — Urlaub auf Ehrenwort«

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