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Die neue Welt · 1938-01-21 · Heft 720 (21.1.1938) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 720 (21.1.1938)
Date
1938-01-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seit« 4 DIE NEUE IVSSLff Nr. 720 vom 21. Jänner 1938 RUNDSCHAU Ein nidilarisdier Gönner Man hat in Oesterreich wahrlich schon genug Aerger mit den Dingen gehabt, die einer „nationalbetonten" Weltanschauung entstammen. Aber Aerger allein macht die Sache nicht besser, Abwehr ist zweifellos das bessere Mittel, mit ihr fertig zu werden. Immer wieder die lästige Propaganda dieser getarnten Patrioten, die nur das eine Ziel kennen, ihr Vaterland mit jenem jenseits der Grenze gleichzuschalten! Jetzt gehen sie daran, sich mit Hilfe ihrer Besucherorganisation „Deutsche Bühne" ein Theater zu erobern, das Raimund-Theater . . . Es scheint allerdings, daß da nicht alles klappt. Der präsumptive Direktor und bisherige Operettenkomiker Ernst Tautenhayn hat die erforderliche Theaterkonzession noch immer nicht in Händen. Die kompetenten Faktoren zögern. Es ist nur natürlich, daß unter den gegenwärtigen Verhältnissen die Eröffnung eines (schon so oft zusammengebrochenen) Theaters an gewisse Verpflichtungen geknüpft sein muß, an materielle und — politische. Denn so harmlos sich auch die «eue Direktion geben mag, wird sie doch nicht bestreiten, daß der Besucherstock, d. i. die „Deutsche Bühne", eine parteimäßig gefärbte •Richtung andeutet. Herr Tautenhayn hat, wie gesagt, die Konzession noch nicht, aber einen sehr weitherzigen Gönner, den Herrn Dr. Leon W i 11 e t, der die Majorität der Anteilscheine des Raimundtheater-Vereines besitzt, also ausschlaggebend ist — gegenüber jenen Persönlichkeiten des Vereines, die in dieser Verpachtungsangelegenheit Vorsicht aus politischen Gründen verlangen. Herr Dr. Leon Will et hat sich für ein rascheres Tempo entschieden. Er schließt einen Vertrag ab, bevor die Konzession vorliegt. Ihm winken rund 35.000 Schilling Pachtzins und für diesen Betrag drückt er seine beiden blauen arischen Augen zu. Oder irren wir? Ja. Wir irren. Herr Dr. Leon Willet, Chef des Bankhauses Edmund Grün, gehört der „arischen" Rasse nicht an, er ist bloß im Begriff, durch seine Bereitwilligkeit in Sachen des Raimundtheaters den „arischen" Belangen zu dienen. Er ist nämlich im Jahre 1932 aus dem Judentum ausgetreten ... Ein Aufrechter Professor Kulczynski, der als Rektor der Lembejjger Universität demissionierte, weil er der Einführung von Ghettobänken für die jüdischen Studenten nicht zustimmen wollte, setzt in einem Schreiben in der Lemberger Presse die Gründe seiner Demission auseinander: „Ich bin zurückgetreten", schreibt Prof. Kulczynski, „weil ich nicht eine Verordnung unterzeichnen wollte, die zu Unrecht .Verordnung des Rektors' genannt wird, da sie in Wahrheit eine Verordnung ist, die der Rektor durch Terror zu unterschreiben gezwungen wurde. Eine einzige politische Partei profitiert von dieser Verordnung, aber die ganze Universität hat für sie durch Opferung ihres Prestiges und der Interessen der Wissenschaft zu büßen. Die Rektoren und die Senate der Universitäten stehen den Terrormethoden dieser politischen Partei, die Sondergesetze für jüdische Studenten einführen wül, hilflos gegenüber. Der von gewissen Parteien getriebene Mißbrauch der Universitäten zu politischen Zwecken ist eine Form der Erpressung, die die Autonomie der Universitäten zerstört und die Freiheit, ohne die die Wissenschaft nicht bestehen kann, unterminiert." Die jüdischen und die demokratischen Zeitungen nennen die Haltung Kulczynskis „ein Symbol der Unabhängigkeit der Wissenschaft". Sechs Professoren, unter ihnen der Dekan der medizinischen Fakultät an der Universität Lemberg, Prof. Ostrowski, und der Dekan der mathematischen Fakultät, Prof. Samsonowicz, haben zum Zeichen der Solidarität mit dem früheren Rektor Kulczynski und als Protest gegen die Einführung von Ghettobänken für jüdische Studenten ihre Demission gegeben. Hitler zitiert Mommsen Die „Basler Nationalzeitung" schreibt: „Dem deutschen Reichskanzler ist in seinem Neujahrsaufruf ein merkwürdiger Fehler unterlaufen: Die Berufung auf Mommsen (Hitler hatte sich wieder einmal auf Mommsens Ausspruch, die Juden seien ein „Ferment der Dekomposition", berufen und das Wort „Ferment" mit „Giftstoff" übersetzt) stimmt nämlich ganz und gar nicht." „In Wirklichkeit rühmt Theodor Mommsen das Judentum als Ferment (Gärungsstoff, nicht etwa Giftstoff!) der Einheitsstaatabildung, Die von Hitler nicht nur mißverständlich, sondern auch unrichtig zitierte Stelle findet sich in Mommsens „Römische r-Geschichte" (VII. Auflage, Band HI, Seite 459) und lautet: „Auch in der alten Welt war das Judentum ein wirksames Ferment des Kosmopolltismua und der nationalen Dekomposition" (keineswegs der Dekomposition von „Staaten") Zur Erläuterung dieses Wortes bemerkte Jtfomrasen ausdrücklich, daß. auch im Deutschen Reich „ein gewisses Abschleifen der Stämme aneinander unbedingt geboten" sei und daß er es „keineswegs für ein Unglück" halte, wenn „die Juden in dieser Beziehung eingreifen". „Als .merkwürdig' haben wir den Fehler des Reichskanzlers deshalb bezeichnet, weil das mißverständliche Zitat schon seit vielen Jahren den Antisemiten als Waffe dient und schon unzählige Male von Wahrheitsfreunden berichtigt worden ist. Es empfiehlt sich, den berühmten Historiker, der bis zu seinem Tode Mitglied des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" war, nicht als Kronzeugen für judenfelndllche Ressentiments zu bemühen. Denn Mommsens Haltung hatte schon 1894 einen klassischen Ausdruck gefunden in folgenden Worten (angeführt bei Hermann Bahr „Der Antisemitismus", S. 26 f): ,K a n a l 1 1 e bleibt Kanaille, und der Antisemitismus * ist die Gesinnung der Kanaille. Er ist wie eine schauerliche Epidemie, wie die Cholera — man kann ihn weder erklären noch heilen... Endlich muß sich die Pest ja doch einmal erschöpfen ... Vielleicht verschwindet der Wahri, der so viele Gemüter betört und unsere ganze Kultur um 100 Jahre zurückgeworfen hat'." Ravel und Waldteufel lieber den in der Vorwoche verstorbenen großen französischen Komponisten Maurice Ravel wurden unzählige Aufsätze geschrieben: Würdigungen, Nachrufe — mit eingehender Analyse seiner Musik. Allerdings wurde unterlassen, zu erwähnen, daß er eine besonders innige und innerliche Beziehung zur jüdischen Musik hatte. Ravel war der erste französische Komponist,-' der jiddische und hebräische Gesänge in CsKSoctäNniL1» Bürgerliches Familitndafft. In- und ausländische Zeltungen. Separierter Raum für geschlossene Gesellschaften. Herabgesetzte Preise. Mokka 45 Broschen, Melange 50 Groschen. neuer Form zu Meisterwerken gestaltete. So trug er, der kein Jude war, dazu bei, jüdische Musik in Frankreich populär zu machen. Seine Vertonungen sind von außerordentlicher Schönheit und vor allem auch dem jüdischen Bewußtsein nach empfunden. Die „Jüdische Rundschau" zitiert in ihrem Nachruf ein Interview mit dem verstorbenen Künstler, warum er sich gerade in der jüdischen Musik so sehr vertieft, hat. Ravel erklärte u. a.: „Als ich jene Melodien komponierte, war ich von der seltenen und auffallenden Schönheit hebräischer Musik völlig gefangengenommen. Ich fühlte mich in eine neue musikalische Welt versetzt. Ich war von der mystischen Klangfarbe und dem exotischen Reiz so bezaubert, daß mir die Melodien wochenlang nicht aus dem Kopf gingen. Dann war meine Immagination entflammt. Das Resultat sind meine hebräischen Melodien und sie sind — sözusagen — in einem tollen Inspirationsausbruch entstanden." * Hundert Jahre ist es gerade her, daß ein Mann geboren wurde, der durch seine Walzer eine ganze i»3 tieu: San Remo, Penslone Fellce Corso dell* lmp«re 184. Unter Aufsicht des Hamburger Vereinet. Direktion: Dr. med. Alax Schwarz Generation erfreute. Emil Waldteufel. Er, der aus Straßburg stammte, Sohn eines kleinen jüdischen Musikers war, wurde in ganz Europa gefeiert und war der Lieblingskapellmeister Napoleons III. Waldteufel-Walzer — daran knüpfen sich für MÜlionen Menschen die schönen Erinnerungen froher, sorgenloser Stunden . . . Aber diese Millionen Menschen wissen nicht, daß Waldteufel, dessen jetzt gelegentlich seines hundertsten Geburtstages in zahllosen Aufsätzen gedacht wurde, ein Sohn des jüdischen Volkes ist. Oberrabbtner Alkalay nicht mehr im Senat Aus Belgrad: Oberrabbiner Dr. I. Alkalay, dessen Funktionsperiode als Senator soeben abgelaufen ist, ist von der Regierung nichtwieder ernannt worden. Dr. Alkalay hat die jugoslawische Judenheit im Senat seit dessen Schaffung vertreten. Die 70.000köpfige jüdische Bevölkerung Jugoslawiens bleibt in beiden Häusern des Parlaments ohne Repräsentanz. Die Nachricht, daß Dr. Alkalay dem Senat nicht mehr angehört, hat auf die jüdische Bevölkerung, die die wachsende antisemitische - Propaganda im Lande mit Besorgnis verfolgt, sehr entmutigend gewirkt. Man ist vollkommen Überzeugt, daß diese antijüdische Propaganda von Deutschland her, und zwar durch die Deutsche Staatliche Touristengesellschaft, subsidiert wird. Die führende antisemitische Zeitung in Jugoslawien, „B a lkan", wird ebenfalls aus reichsdeutschen Quellen erhalten. « Unbekannte Täter haben die Fenster der spaniolischen Synagogein Belgrad zertrümmert und 1 SIEGM. KORNMEHL OROSSPLEISCHHAUEREI Zentrale: II.. Berggasse 19, Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten mmS!!^ unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinate der Ist Kultusgemeinde Wien Aut«iti*tellunä Kostenlo» ■ IX. BttrgBMMlS / XVill., WMhrlngerstr. 97 % an der Mauerwand ein Hakenkreuz aufgemalt. Die Polizei hat die Erhebungen eingeleitet. # Aus Belgrad: Eine Abordnung des Verbandes jüdischer Gemeinden «prach beim Justiz« minister vor und ersuchte Ihn, bei der Regierung dahin zu intervenieren, daß Oberrabbiner Dr. I. Alkalay neuerlich zum Mitglied des jugoslawischen Senats ernannt werde. Der Minister erwiderte der Abordnung, die Ernennung von Senatoren obliege direkt dem Regentschaftsrat (Vorsitzender ist Prinzregent Paul). Dr. Alkalay sei nicht der einzige, der nicht wiederernannt wurde. Die Regierung sei interessiert, daß lediglich ihre Anhänger im Senat sitzen. In der Begleitung des zur Zeit in Deutschland weilenden jugoslawischen Ministerpräsidenten Dr. S t o j ad i n o v i c befindet sich auch der Redakteur der a n t isem itischen Zeltung „Balkan", Savkovic. Arierparagraph im Schweizer Film Aus Bern: Die Schweizer Wochenschrift „Dia Nation" berichtet unter dem Titel „Ein Schweizer Fiimskanda 1", daß der von der Basler Filmfirma Frobenius-Film in Münchenstein gedrehte Großfilm „Die Frau und der Tod" eine gegen Frankreich gerichtete hetzerische Tendenz hat. Diese Tendenz seidurch den Vertreter einer reichsdeutschen Firma diktiert worden, die den Film zum Vertrieb in Deutschland er-" werben will. Der Vertreter des reichsdeutschen Verleihs habe verlangt, daß alle mitwirkenden Künstler unter der Leitung des Baalerg Re^seeurs Leo Lapaire ihm Ariernachweise vorlegen. „Die Nation" schließt: „Sind Sie mit dem Skandal einverstanden, daß ein hoher nationalsozialistischer Funktionär in einem schweizerischen Unternehmen auf Schwcizer Boden Schweizer Bürgern zu Leide die Gesetze seines eigenen Landes durchsetzt und daß unter schweizerischer Flagge getarnt Hetzfilme gegen ein der Schweiz befreundetes Nachbarland losgelassen werden sollen?" Rumäniens Film wird arisch Aus Prag (J. T. A.): „Prager Mittag" meldet aus Berlin: Seit Samstag befinden sich die maßgeblichen Leute der rumänischen Fiimbetriebe, der Leiter der Filmzensur, Regierungsrat Prosper Constantinescu, der Leiter des Sittenamtes, Marin, und der Chef der Filmabteilung des Handelsministeriums, Reehtsanwalt Stan Jonescu, in Berlin, um mit den amtlichen deutschen Filmstellen die Grundlagen für die künftige der t s c hrumänische F i 1 m a 11 i a n c e zu schaffen. Die Deutschen verlangen vor allem die Ausschaltung aller Nichtarler aus jedwedem Filmbetrieb, wenn das Abkommen mit Rumänien zustande kommen soll. Deutschland wäre sogar bereit, nicht nur alle Kosten der Errichtung von Filmateliers und Filmlaboratorien zu tragen, sondern darüber hinaus noch als Käufer eiuar großen Anzahl von Kinos aufzutreten. Amerikanische Verleger bleiben dem Leipziger Verleger-Kongreß fern Aus New York (J. T. A.): 50 hervorragende amerikanische Verleger haben mitgeteilt, daß sie nicht beabsichtigen, an dem Internationalen Verleger-Kongreß in Leipzig teilzunehmen, da die deutschen Verleger es nicht wagen, eine andere Meinung zu verdolmetschen als diejenige, die ihnen von den Funktionären des nationalsozialistischen Regimes diktiert werde. Aus diesem Grunde könne der Leipziger Kongreß ihrer Meinung. nach keinen praktischen Wert haben. Fünfzehn Juden im Sowjet der Nationalitäten Aus Moskau (J. T. A.): In der Mandatskommission teilte der Deputierte Nurpeissow mit, daß im Sowjet der Nationalitäten 54 Völker vertreten sind, und zwar mit 146 russischen,' 34 ukrainischen, 15 weißruasischen, 15 jüdischen, 9 deutschen Deputierten, während sich der Rest der Mandate auf die übrigen Völker verteilt. Verb» der Judenttaatssionis len Oesl erieidis Der Verband der Judenataatsa&lonisten gratuliert seinem Verbaudsratmitglied Herrn Dr. Ernst Link (Innsbruck) zu seiner Vermählung mit PrI. Kegina Bauer aufs herzlichste. Die Sektton Prater veranstaltet Sonntag, den 23. d. M., um Uhr nachmittags Im Jüdischen Kulturtheater, I., Franz-Josefs-Kal, eine Sondervorstellung. Zur Aufführung gelangt „Uri© 1 Aoogta" von Gutzkow. J u d e n h t a a t s j u g e n d. Samstag, den 22. d. M., um 8 Uhr abends Im Heim, Ii., Praterstraße 80, Klubabend, Akademie und Tanz. Kleiner Regiebeitrag. — Dienstag, den 25, d. M„ Mitgliederversammlung. Die Zeitschrift des Brlth Hakanaim „Ha r uaehhac hadaschah" (Der neue Geint) ist HOeben erschienen. Reich Illustriert. Pr?tellungen Rind au dl« Maskiruth de* Brlth Hakanaim, iL, Praterstraße 30, zvt richten.

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