Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 719 (18.1.1938)
- Date
- 1938-01-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DDE NEUE WELT Nr. 719 vom 18. Jänner 1938 minister Georghe Cuza, und einige andere Mitglieder des Kabinetts würden demissionieren, wenn diese Forderung nicht erfüllt werden sollte. Er wies darauf hin, daß er viele Jahre hindurch gegen den Völkerbund als eine „judische Institution" gekämpft und gegen ein Verbleiben Rumäniens in diesem Völkerbund agitiert habe. Cuza besteht darauf, daß Außenminister Micescu sich nicht, wie beabsichtigt, zur Völkerbundsratstagung nach Genf begebe. Prof. Cuza äußerte ferner seine Entrüstung darüber, daß die von seinem Sohn in seiner Funktion als Arbeitsminister erlassene Verordnung, die es luden verbietet, unter 40 Jahre alte weib- ^cne Hausangestellte'zu' beschäftigen, von r,?g* widerrufen wurde, obwohl der offizielle Text der Verordnung bereits in dem Reglerlingsorgan „Tzara Noastra" erschienen war. Ein Teil des Kabinetts sieht die außerordentlichen Schwierigkeiten, die flammenden Wahlparolen mit der Wirklichkeit in Einklang zu bringen. Man hat z. B. erklärt, daß 1 3 0.000 jüdischen Händlern und Wirtshausbesitzern die Konzession zum Ausschank von Alkohol entzogen werden soll, und diese Nachricht wurde von dem extrem-faschistischen Bevölkerungsteil mit Jubel aufgenommen. Nun stellt sich auf Grund der offiziellen rumänischen Statistik für 1936 heraus, daß es in ganz Rumänien nur 52.796 Schanklizenzen gibt, von denen 41.096 Christen und nur 11.700 Juden gehören. Der Oberste Rat der rumänischen Advokatenkammer hat beschlossen, die Ausschließung der 1510 Bukarester jüdischen Rechtsanwältev bis zur Überprüfung ihrer Staatsbürgerschaft zu verschieben. Cuza siegt Das offizielle rumänische Gesetzblatt veröffentlicht das kürzlich vom Arbeitsminister Georghe Cuza erlassen^ Dekret, wonach jüdische Haushalte unter 40 Jahre alte Nichtjüdinnen nicht beschäftigen dürfen. Das Gesetz wurde hauptsächlich damit begründet, daß viele Juden das Angestelltenverhältnis zu Zwecken des Mädchenhandels mißbraucht hätten. Die Tageszeitungen dürfen das Dekret nicht abdrucken. Bekanntlich hatte Goga das Gesetz seines Arbeitsministers unmittelbar nach der Ankündigung zurück gezogen, was die tiefe Verstimmung, ja Rück' trittsdrbhung des Staatsmiriisters A. C. Cuza, des Vaters Georghe Cuzas, zur Folge hatte. ' Nun haben die beiden Cuzas« den Sieg davongetragen. Vertrauen§kundgehung und Prolest , Ocffentliche Sitzung des Wiener Kultusvorstandes — Konflikt in der „Union" Auf der Tagesordnung der letzten öffentlichen Sitzung des - Wiener Kultusvorstandes stand die Behandlung der Rede des Vertreters der israelitischen Religions- 1 gesellschaft in der Wiener Bürgerschaft, Rat der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich, und.Stellungnahme zu den aus diesem Anlaß gegen ihn gerichteten Angriffe der „Union österreichischer Juden". Hervorzuheben ist, daß die im Hause anwesenden. Vorstandsmitglieder der „Union", den Beschluß faßten, bei diesem, Punkte der Tagesordnung der Sitzung fernzubleib e n, also der Auseinandersetzung über das Verhalten ihrer Führer auszuweichen. - Präsident Dr. Friedmann kam ..auf die Rede des Herrn Dr. Ehrlich zu sprechen und drückte ihm den tiefgefühlten Dank der Judenschaft für sein mannhaftes Ein-* treten für die allgemeinen jüdischen Interessen aus. Er stellte unter Bezugnahme auf die im Blatte der „Union" erschienenen Angriffe entrüstet fest, daß hier ein Akt krassen Undanks und schwerster Verletzung des Ansehens, der Würde und der Interessen des Wiener Judentums vorliegt. Er schloß mit dem Antrag, der Kultusvorstand möge Herrn Dr. Ehrlich Vertrauen und Dank aussprechen. Nach ihm sprach Kultusvorsteher Dr. Oskar Grünbaum, welcher in schärfster Weise das Vorgehen der „Union", vor allem ihres Führers Regierungsrat Dr. O p p e n h e i m, als Verrat am jüdischen Volke charakterisierte. Er sagte, e« müsse zur Ehre gewisser Vorstandsmitglieder der „Union" hervorgehoben werden, daß sie über die politische Haltung ihres Präsidenten Dr. Oppenheim empört seien, und erwähnte in diesem Zusammenhang eine vom unionlstischen Vorsteher Baurat Kempler an Dr. Ehrlich abgegebene Loyalitätserklärung. Dieser innere Konflikt, sagte Dr. Grün.- baum, sei offenbar der Grund des Fernbleibens der „Union" von der Sitzung. Nachdem noch die Vertreter des Misrachi, Dr. Rosen b e r g,- ' und '. der:: Revisionisten,, Graubart, Herrn Dr. Ehrlich den Dank ausgesprochen' und das Vorgehen der „Union" verurteilt hatten, wurde die Dankeskundgebung für Dr. Ehrlich einhellig angenommen. Bundeskanzler Schuschnigg spendet für die Winterhilfe der Israelitischen Kultusgemeinde Vom Bundeskanzleramte wurde als Spende des Bundeskanzlers Schuschnigg für die Winterhilfe der Kultusgemeinde ein Betrag von S 10.000.— übermittelt. RUNDSCHAU Brach einer edlen Tradition Das große, geeinte Italien hat sich im Laufe seiner Geschichte den Ruhmestitel einer Stätte der Toleranz und Gastfreundlichkeit gegenüber verfolgten Unglücklichen erworben. Noch vor wenigen Jahren nahm Italien Gelegenheit, diesen Ruf zu erhärten. Jüdische Studenten aus Polen, Ungarn, Rumänien usw. denen in ihren Heimatländern der Zutritt zu den Hoch schulen verwehrt worden war, fanden in Italien herzliche Aufnahme, und nach dem Umsturz in Deutsch' land fanden viele Opfer des Hitler-Regimes Zuflucht in Italien. Mussolini selbst nahm Gelegenheit, für bedrohte Juden im Ausland einzutreten. Jetzt aber, nach Beginn des barbarischen antisemitischen Treibens in Rumänien, zeigt Italien ein anderes Gesicht. Kein Ausdruck der Empörung über Verletzung der primitivsten Menschen- und Bürgerrechte und kein Zeichen des Mitgefühls. # Aus Turin: „La Stampa", die sich in letzter Zeit antizionistisch undantijüdisch' exponiert hat, führt im Zusammenhang mit den Ereignissen in Rumänien aus: Was bedeutet Numerus clausus? Festsetzung der Zahl junger Juden, die die Hochschulen besuchen dürfen, wobei die fixierte Grenze nicht Uberschritten werden darf. In Italien z. B. beträgt die Zahl der Juden, die sich als solche deklarieren, nicht viel mehr als 50.000. Gemäß der Proportion dürften Juden zu den- Hochschulen nur im Verhältnis von 1 zu 800 zugelassen werden." Dieses Aufwerfen einer Frage seitens „La Stampa", welche bisher in der italienischen Presse noch nie behandelt worden ist, wurde hier viel beachtet. Aus Tri est: Der Chefredakteur-des weitverbreiteten „II Popolo", Rino Alessi, einer der einfluß-r. reichsten Publizisten Italiens,' befaßt sich im Leitartikel mit den Ereignissen in Rumänien und schreibt: „Wir fordern ohne sentimentale Rücksichtnahme Bei Hämorrhoiden und Stuhlbeschwerden ist < natürliche „Franz-Josef"-Bitterwasser — ein Glas davon auf nüchternen Magen genommen — infolge seiner schmerzlos-reinigenden und angenehm erleichternden Wirkung zu fortgesetztem Gebrauch besonders gut geeignet Fragen Sie Ihren Arzt. E ein Gesetz, welches verhindern soll, daß die Hunderttausende Juden, die die Grenzen anderer Länder verlassen, sich nach Italien wenden. Italien beabsichtige nicht, Rassenpolitik zu betreiben, dennoch ist es dringend hotwendig, das Wohnrecht und die Zuerkehnung der italienischen Staatsbürgerschaft zu überprüfen. Italien darf nicht Zufluchtsort für jüdische Emigration werden." Aus Livorno':, „I1 Telegraf e" schreibt: „Die Beschränkung der Zulassung ausländischer Juden in Italien würde wahrscheinlich auch die italienischen Bürger jüdischen Glaubens zufriedenstellen; für diese besonders ist die Gefahr des Zustroms von Glaubensgenossen aus der Ukraine, Polen und Rumänien groß." Aus Jerusalem: Der italienische Sender Bari teilte seinen Hörern im Orient mit, daß die britische D e m. a r c h e in Bukarest zugunsten der Juden auf Grund des zionistischen und jüdischen Druckes auf die britische Regierung erfolgt ist. „Pre§§e-PaläsfDiia" Das deutsche Reichspropaganda-Ministerium des Dr. Goebbels hat es sich zur Aufgabe gemacht, „die Welt über die Gefahr, die ihr vom Judentum droht'S aufzuklären. Um dieses selbst verkündete Ziel zu erreichen, hat das Ministerium mit seinen zähllosen Stellen in allen Ländern der Erde einen Feldzug gegen das Judentum inszeniert, wie er hartnäckiger, und heimtückischer nicht ersonnen werden kann. Die Perfidie der reichsdeutschen nationalsozialistischen und. der mit ihr korrespondierenden f remdprächigen Presse wurde oft genug als solche entlarvt, und heute weiß jeder objektive Beurteiler der hakehkreuzlerischen Propaganda, daß sie in der Hauptsache mit Lügen, Uebertreibungen und Verleumdungen arbeitet. Ein großer Teil der Spannungen in vielen Staaten, wo es neben dem Mehrheitsvolk Deutsche, bzw. Juden gibt, ist ausschließlich auf die Hetze der nationalsozialistischen Presse und .auf die Verbreitung ihrer anti jüdischen Parolen zurückzuführen. Diese Tatsache hindert den deutschen Reichspressechef Dr. Dietrich nicht, in seiner Soeben erschienenen Schrift „Weitpresse ohne Maske" den Staatsmännern der ganzen Welt ein Rezept zu empfehlen, das lautet; „Werft die J u d e n und unsauberen Geschäftemacher aus der 'Presse hinaus, wie wir es taten, und ihr werdet ein Wunder erleben. Schaffen wir ein Presse-Palästina — aber ohne Korridor! — dann wird jedes Volk Ruhe im Lande ur.d Frieden mit seinen Nachbarn haben; dann wird es ein Leichtes sein, durch internationale Presseabkommen und Nichtangriffspakte jeden Versuch, die Völker in den Krieg zu hetzen, schon im Keime zu ersticken." Dr. Dietrich scheint während der Abfassung seiner Schrift vergessen zu haben, daß nicht in -allen Ländern die Presse zur Dienerin des Regimes herabgewürdigt wurde, und daß es außerhalb Deutschlands noch einen Maßstab für die Beurteilung der Pressemoral und Sinn für ungeknebelte Gesinnung gibt. Das möchte den heutigen Machthabern Deutschlands passen, daß man ihre Lügen- und Hetzkampagne gegen die Juden und freiheitlich gesinnten Menschen ohne Widerspruch dulde und durch ein „Presseabkommen" das Aufkommen der Wahrheit verhindere. Immer wieder; Judiichffbolscheimtfech Der Wiener Korrespondent der „Essener Nationalzeitung" ist auf die Wiener Theater nicht gut zu sprechen. Er sieht sie unter dem Aspekt der hakenkreuzlerischen Rassefrage, sieht also vor lauter Juden die Theater nicht. Wie üblich, wimmelt es hier von falschen Urteilen und Unrichtigkeiten, denn Haß und böser Wille sind schlechte Informatoren. Es geht nämlich dem Blatt darum, das österreichische Regime und den österreichischen Kulturwillen herabzusetzen, indem vorgetäuscht wird, daß nicht der deutschchristliche Geist im Theaterleben Wiens dominiere, sondern — Oesterreich, Verhülle dein Antlitz — der jüdisch-bolschewistische. Als Beweis für diese Behauptung führt die Essener „Nationalzeitung" das zurzeit in der Wiener „Scala" gespielte Stück „Der süßeste Schwindel der Welt" an, dessen Text und Musik angeblich von Juden stammen. Das Blatt scheint nicht zu wissen, daß der Komponist der genannten Operette der bekannte Robert Stolz ist, ein Vollblutarier in nazistischer Auffassung, und der einzige namhafte Komponist, der die Musik für all die unterdurchschnittlichen Nazifilme schreibt. Oder ist es die sinnlose Wut, die den hakenkreuzlerischen Korrespondenten des Essener Blattes für Tatsachen blind macht? Wo man kein lüde ist Das „Salzburger Volksblatt" vom; 29. Dezember 1937 veröffentlicht einen Aufsatz über den berühmten Arzt Prof. Ignaz Philipp Semmeli weis, den Entdecker der Antisepsis. Die Würdigung gelehrten Semmelweis kommt in folgenden markanten Stellen zum Ausdruck: „Semmelweis ist einer jener großen deutschen. Forscher, die nur nach heftigem Kampfe gegen ihre Zeit und Zeitgenossen ihre Ansicht durchsetzen konnten und die daher das Vorbild jeder kämpfenden Wissenschaft schlechthin sind" ... „Der deutsche Arzt entschloß sich ..." „Das ungarländische Deutschtum kann auf einen seiner größten Söhne stolz sein, dessen Wirken nicht nur seinem; eigenen Volke, sondern der ganzen Welt, besonders aber den jungen Müttern, zum Segen gereicht." Das deutscharische „Salzburger Volksblatt" würdigte Semmelweis als einen Menschen, der sein Leben der Wissenschaft, der Menschheit opferte. Es vergaß bloß zu erwähnen, daß Semmelweis, der große deutsche Forscher, der deutsche Arzt, einer der größten Söhne des ungarländischen Deutschtums —- Jude war. . . JUDEN STAATSJUGEND Dienstag, den 18. Jänner, halb 9 Uhr abends, im Zentralheim, II, Praterstraße Nr. 30 VORTRAG Referent Dr. Felix,Klug Thema: Demokratie, Sozialismus und wirl Gäste willkommen! Sektion Prater, II, Erlaffsttr. 5 Donnerstag, den 20. Jänner, halb 9 Uhr abends spricht Dr. Felix Klug über das Thema: Demokratie und Sozialismus! Gäste willkommen! , Die orthodoxe jüdische Jugend Oesterreichs für Schaffung eines jüdischen Jungvolkes Die orthodoxe jüdische Jugend Oesterreichs sandte den Bundesführer des Oesterreichischen Jungvolk, Graf Thurn-Valsassina, folgendes Schreiben: „Die" orthodoxe jüdische Jugend begrüßt es mit Befriedigung, daß ihr im Rahmen des Oesterreichischen Jungvolkes Gelegenheit geboten wird, am Neuaufbau Oesterreichs mitzuwirken. Zugleich spricht sie die Erwartung aus, daß der orthodoxen jüdischen Jugend im Rahmen des jüdischen Jungvolkes die volle Selbständigkeit gewährt wird und daß zu Führern dieses Jungvolkes Männer ernannt werden, die ~ erfüllt vom Geiste wahrer Frömmigkeit und traditioneller Glaubenstreuo — darüber wachen werden, daß die jüdische Jugend im Geiste des tboratreuen Judentums geführt wird, um sie zu thoratreuen Juden undj wahrhaften Oesterreichern zu erziehen." Gesamtverband jüdischer Hochschülor Oesterreichs „Judäa". Dienstag, den 18. Jänner, punkt 19 Uhv 30 findet ein Vortrag des Herrn Dr. Rudolf Bienenfeld statt. Thema: Die Religion der religionslosen Juden. Ort: Chajes-Saai der Judäa, IX., Alserstraße 26.