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Die neue Welt · 1938-01-14 · Heft 718 (14.1.1938) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 718 (14.1.1938)
Date
1938-01-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 WE NEtJE WELT ^Mm**¥-<J?m&W Uopo/cr* Ehrlidi-Hichkr (Schluß der Erzählung aus dem Novellenband „Geschichten aus Oesterreich".) £edi6-düudi •"WfrlT WlPVP^f In der angrenzenden Regimentskamlei begrüßte ihn ein alter Wiener Kamerad, Leutnant Rosenfeld, Nervus, Doktor Glück! Wie geht's? Von wo kommst du?" „Vom oberen Isonzo." „So? — Bei welchem Regiment warst du?" Haubitzen Zehn." „Haubitzen Zehnt Das ist doch ein slawisches Regiment?" ,£!s waren auch Wiener dabei. Einer — kannst dich noch an unseren Instruktor in der Offiziersschule erinnern, an den Oberleutnant Dietl?" Natürlich! Bin lieber Kerl gewesen! Wie geht's ihm?" „Vorgestern — ist er gefallen." »Aber! — Im Angriff oder...?" ,$fein. In der Nacht ist sein Unterstand zerschossen worden!" )yArmer Kerl! Und — wart ihr zusammen?" „Nein. Er war bei einer anderen Batterie, von unserem Unterstand vielleicht zwei Minuten entfernt! Und uns — ich war mit einem Ruthenen, ist nichts..." In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, der Major. trat ein und sagte; ,Jtosenfeld! Hat — melde Haubitzen Aocht, daß ich Leutnant Glück zu ihnen eingeteilt habe! Aber...", regte sich seine Aktenseele, „daß wir nicht Paotz'n mach'n! Mußte... müßte man nicht seinem Regiment das eigentlich melden?" „Gewiß, Herr Major. — Ich werde auch Festungsartillerie Eins telegraphisch melden, daß Herr Major Herrn Leutnant Glück zu Haubitzen Acht eingeteilt haben! — Die sollen dann verfügen." ,ßravo, bravo!" rief der Major, sichtlich erleichtert, „Geht uns daonn Sache weiter nichts an!" Und der ,ßaohe" selbst, Leutnant Glück, reichte er noch ein kleines Tröstchen: „Glaub' mir, lieber Glück; Haubitzen Aocht — wunderbaore Stellung! Ich wollte, ich könnte mit dir!" ,,r? y c ,&itte, Herr Major!" wollte Leutnant Glück erwidern, schwieg aber, weil er den Wunsch des Majors zu werten mußte. Die Major gab beiden Offizieren noch rasch ein „Seerwus!" und verließ die Kanzlei. „Wann bist du aus dem Feld gekommen?" fragte Leutnant Rosenfeld. ,&eute." „Und wie lange warst du draußen?" ,&in Jähr." „Und da schickt er dich gleich wieder, hinaus? Weißt du, das ist eine Gemeinheit!" und er wandte sich ängstlich um, bangend, daß es jemand gehört hätte, denn Mut durfte der Offizier nur dem Feinde, zeigen, aber nicht — dem Vorgesetzten. — Die leere Kanzlei befeuerte ihn zu weiteren Ausfällen: ,J5r hätte doch andere Leute genug, die schon ein Jahr da herumsitzen! — Das ist unerhört! Ein Jahr warst du im Feld und sollst jetzt wieder hinaus!" „Rosenfeld! Ich werde dir etwas sagen: Im Feld sein ist nicht das Aergste. Man gewöhnt sich daran. Das Empörende ist nur, wie sie mit einem Menschen umspringen. Da heißt es gestern: Aus dem Feld zurück und heute: Wieder hinaus! Wozu das Ganze? Hätten sie mich gleich' draußen gelassen, denn.. ,JDu!" unterbrach ihn Rosenfeld. ,^Aber das ist wahr, was der Alte wegen der Stellung sagt. Es rührt sich dort nichts! Ich weiß es. Die Haubitzen Acht haben schon vier Monate keinen Schuß abgegeben. Du bist dort — sicher." „Ach Gott! Sicher!" sagte Glück. „Ist denn der Tod das Aergste? Ich sag' dir, Rosenfeld: Der Tod ist nicht so schrecklich, als diese Rechtlosigkeit! Schau: Sterben müssen wir einmal aUe. Einer früher, einer später. Aber solang man lebt, will man doch ein Mensch sein, und ist man einer, wenn man kein Recht hat? Eine Nummer, ein Nichts ist man in dem Krieg geworden! — — Aber jetzt...", beendete er rasch seinen Aus fäll, denn er fühlte, er käme zu weit, „jetzt geh* ich schlafen. Ich bin heute Nacht durchgefahren und müde." „Wo schläfst du?" Jch werde mir im Hotel Exzelsior ein Zimmer nehmen." „Du, Doktor Glück! Ich mächt' noch gern mit dir beisammen sein, bevor du ins Feld gehst! Wo bist du heute abend?" „Abend?" wiederholte Leutnant Glück traurig. ,Ja-, für den Abend habe ich mit Herrn Wessely, einem lieben alten Herrn eine Zusammenkunft vor dem Tempel besprochen. Er wollte mir nämlich ein Zimmer vermitteln. Ua _ jetzt brauch' ich's nicht mehr." „Also hol' ich dich vom Hotel ab. Ja?" ,JIein, RosenfeU. Ich geh' doch zum Tempel hin. Der alte Herr erwartet mich dort und — es gehört sich, daß ich ihm wenigstens für seine Mühe danke, wenn ich auch nicht hier bleiben kann. Treffen wir ms doch vor dem Tempel. Ich glaube — so gegen halb sieben ist'a aus! Aber, jetzt — jetzt, werd' ich schlafen,. Servus Rosen* ieur ' ' „Servm, Doktor Glück."--- Jetzt werd' ich schlafen!' Das spricht sich leicht und ist so schwer durchzuführen, wenn eines Menschen Seele erschüttert ist. Leutnant Glück konnte nicht schlafen und glaubte, wegen des Unrechtes, das ihm zugefügt worden war. ,Nein, mein lieber Leutnant! Der Zweifel hält dich wach und ein wenig die Scham, daß du wieder dorthin strebst, wo der Mensch Trost findet: Zum lieben Gott!' Leutnant Glück wollte in den Tempel und schämte sich dieser plötzlichen Regung. In diesem Zwiespalt rief er, sich selbst täuschend: Jch will ja nicht hin, weil ich glaube! Ich will... nur unter Juden sein! Nun ja: Morgen bin ich schon im Feld und — zwei Jähre war ich in keinem Tempel! Ich möchte doch gerne seh'n, wie es dort aussieht?!" „Nu! Sind Sie doch m den Tempel gekommen, Herr Leutnant!" begrüßte Herr Wessely am Abend den etwas verlegenen Leutnant Glück. „Ich hob' mir's gleich^ gedacht, Sie werd'n kommen!" „Wieso?" fragt Leutnant Glück, erschrocken und beschämt, weil er sich durchschaut fühlte. „Wieso? — Weil Sie ein guter Mensch sind." Mißtrauisch sah Leutnant Glück den alten Juden von der Seite an, aber Herr Wessely reichte ihm ein Gebetbuch mit den freundlichen Worten: „Woltem Sie nicht mitbeten, Herr Leutnant?" JTein. Ich bleib' bei meiner Ueberzeugung!' wollte Leutnant Glück erwidern; aber der alte Herrt sah ihn so liebevoll an, daß er diese Worte unterdrückte, schweigend das Gebetbuch nahm, wenn auch mit der heimlichen Absicht, eine Andacht nur vorzutäuschen. Als er aber im Gebetbuch die hebräischen Schriftzeichen sah, da!... Das kann nur der verstehen, der eine jüdische Kindheit hatte, der jüdisch erzogen worden ist, dessen Vater im Tempel streng gefragt hatte: „Wo hält'n m'r?" und dem immer „ahnungslosen" Knaben ein Rippenstößchen, oder auch mehrere mit der Begründung gab: „Weil du ein Fagan bist und nix aufpaßt!" Und ich sage euch: Ist, einer so erzogen worden — dann mag er glaubenslos oder sogar getauft sein! In nichts zerfließen diese Wandlungen, wenn er in das Gebetbüch blickt; denn da schauen zwischen den so fremd gewordenen, unverständlichen Zeichen hinter einem Alef der Vater und hinter einem kleinen Jid das Antlitz der Mutter heraus und die ganze Jugend, die schöne goldene Kindheit wird lebendig, das Herz wird warm und weit und — schön isfs dann auf der Welt! Leutnant Glück betete. — Während einer Pause musterte er, wie gebräuchlich, die verschiedenen Tempelbesucher. Auf der Frauengalerie erregte eine schöne, junge, aber schwarz gekleidete Frau seine Aufmerksamkeit, so daß er leise fragte: „Wer ist diese junge Frau?" Herr Wessely sah zur Frauengalerie hinauf und erwiderte: )yAch Gott! Das ist eine traurige Sach". Drei Monat' war sie verheirat', ist der Krieg ausgebroch'n. Bald darauf hat ma' ihren Mann gemustert, dann ist er ins Feld kommt nach ein' Jahr auf Urlaub, geht dann wieder ins Feld und — fallt! Und sie — nächsten Monat erwart' sie ein Kind. Das erste Kind!" „Schrecklich! Wird das arme Kind keinen Vater haben! Ist sie wenigstens versorgt?" „Versorgt? — Nix W geblieben." ,Lebt sie bei ihren Verwandten?" „Was heißt, Verwandte? Sie is' doch aus Russisch- Polen und steht allein da. Nähen tut sie: Militärwäsch' und sagt: Sie braucht nix und nimmt auch nix! Aber wir..." lächelte er schelmisch, „wir, die Gemeinde, was meinen Sie, Herr Leutnant? Was hab'n m'r getan? Mir häb'n gesammelt — für das Kind! Das wird nix darben!" ,J)as ist sehr schön." „Aber glauben Sie mir, Herr Leutnant: Bei dem. Sammeln hat ma wieder seh'n können, wie schlecht unsere Juden sind!" „Pssst, pssst!" riefen Wesselys Nachbarn,- denn die Schlechtigkeit der Juden hatte seine Stimme zu sehr geschwellt. „Schlecht sind die Juden!" wiederholte Herr Wessely, zum Protest, aber diesmal — etwas zarter. „Wieso?" fragte Leutnant\Glück. „Wieso? No, wer' ich Ihnen erzählen: Da ist zum Beispiel einer in unserer Stadt lohwill kein'. Namen nennen — aber sein Vermögen: alle jüdischen Kinder gesagt! Und wie ma' zu ihm gekommen is', er soll geb'n, was meinen Sie, Herr Leutnant, hat er gesagt? ,Was geht mich die Russin an? Ich bin 0esterreicher!' Nu? A Patriot was er is*! Staans gesagt! ~ Was sag'n Sie dazu, Herr Leutnant?" Leutnant Glück schwieg. Das Schicksal dieser unj glücklichen Frau liatte ihn wieder verbittert und seine früheren Zweifel (jeweckt. „Wo ist Gottes Gerechtigkeit?" dachte er. Da begann der Kantor „Leoho üauäi" und die erhabene, wunderbare Weise drang durch den Tempel und in die Betern ücz Zuhärer. Di © se nfl a-t4 ort e M © e JUmisäns md Mmisäns Die beiden Autoren lind Darsteller d<My> Wü&ec und VUky. Sdtte&UiQec freuen sich auf die 10. Aufführung ihrer Revue, welch© Sonntag, den 16. Jänner, 8 Uhr abends, im neurenovierten Theatersaal des Hotel-Restaurant Stefanie, II., Taborstraße 12, stattfindet. Restliche Karten an der Abendkasse. Leutnant Glück wehrte sich. Er wollte nicht hören und murmelte bitter: „Wo ist sie, die Prinzessin? Wo ist. der Friede, die Freude?" „Was sag'n Sie, Herr Leutnant?" fragte Wessely* ,Jch versteh' Sie nicht?!" Als aber die Gemeinde sich umwandte und der, Chor leise und innig „baui bescholaum". begann, da —■ zog die Prinzessin ein und mit ihr ein tiefer. Friede in des jungen Menschen Seele, Ein ungewohntes, fast vergessenes Gefühl, das Gottvertrauen, erschütterte ihn und rasch, um seine Erregung zu verbergen, flüsterte er: „Ich muß fort." Herr Wessely sah seinen Gast verständnislos an, ober bis er die Lippen zur Frage: „Was damehrf" öffnete, war Leutnant Glück schon beim Tempelaus gang* Er trat ins Freie und ihm schien, als rufe jemand seinen Namen. Da merkte er, daß Leutnant Rosenfeld durch die Masse der wartenden Menschen zu ihm strebte und erregt rief: ,JEin Telegramm ist gekommen!" „Was für ein Telegramm?" ,J)ein Regiment, Festungsartillerie Eins, hat geantwortet! Sie fordern dich an! Du brauchst nicht mehr ins Feld! Du sollst... Da!. Er las das Telegrammm vor: Leutnant Glück hat sofort zu seinem Stammregiment zwecks Ausbildung eines Kurses einzurücken! — Weißt du, Doktor Glück, was das bedeutet? Mindestens ein halbes Jahr kannst du in Wien bleiben! Du! Ich bin so froh, daß ich dir das hab' bringen können!... Ja! Warum... sprichst du nichts?" Wenn einem Menschen ein unerwartetes Geschenk in den Schoß fällt, glaubt er zunächst an Wunder und so geschah es, daß Leutnant Glück leise fragte: „Weißt du, wer das bewirkt hat?" „Wie meinst du?" Glück wiederholte: „Weißt du, wer das gemacht hat? — Die Prinzessin Sabbat!s< „Du Schwärmer! —' Dein Regimentskommandant hat's gemacht! Also weißt du, Doktor Glück: Sei mir nicht bös, aber ich muß darüber lachen! Ich, als freier, Denker, kann das nicht verstehen!" Leutnant Glück legte seine Hand auf Rosenfelds Schulter. Ein gütiges Verstehen, wie ein milder Herbstabend, leuchtete aus seinem Gesicht und ein abgeklärtes und dennoch harmloses Kinderlächeln verschönte seinen Mund, als er sprach: „Das kannst du auch nicht verstehen, du... du lieber Freidenker!" Wir bitten für unsere alten u. arbeitsunfähigen BLINDEN um Spenden. Für die blinden Musiklehrer, Klavierstimmer, Korbu. SesselflechteriQwio Bürstenmacher bitten wir um Arbeit det fiiäisäm Büttden Wien II, Rembiand'htloße 18 — Telephon A 47 2 - 77 PosUpaikassen-Konlo A-133.213

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