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Die neue Welt · 1938-01-11 · Heft 717 (11.1.1938) · page 3

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 717 (11.1.1938)
Date
1938-01-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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$Tr. 717 vom 11. Jänner 1938 MB NEUE WELT Seite 3 d&kunmtte* du 2eit Edel«ftass«smus Einer der reichsten Aristrokraten Polens, Fürst Radziwill, hat die Absicht geäußert, eine Jüdin zu heiraten. Daraufhin haben seine Tochter und sein Neffe bei Gericht den Antrag gestellt, den älteren, verliebten Herrn unter Kuratel zu stellen. Sie haben, der Stimmung in Polen entsprechend, rassische Motive geltend gemacht. Ein polnischer Fürst und eine Jüdin! Entsetzlich! Das Gericht hat sich ihnen gefällig erwiesen. Nun flüchtet der Fürst in die Öffentlichkeit. Er gibt fürstliche „Intimitäten" zum besten und schreibt in der polnischen Presse: „Mein lieber Neffe forderte von mir schon mehrmals, daß ich auf das Ordinariat verzichte. Nach meiner schweren Krankheit und Operation erklärte er, daß ich ihm kein Vergnügen damit bereite, daß ich gesund geworden sei und sogar gut aussehe. Jetzt, da meine Familie erfahren hat, daß ich heiraten will, eröffnete sie gegen mich eine Unerhörte Kampagne. Worum geht es denn eigentlich? Doch um nichts anderes als um mein Vermögen! Vorsichtig schiebt meine Familie Rassenmotive in die vorderste Linie: daß ich mich mit einer Frau jüdi3chei Herkunft verehelichen will. Meine Tochter Gräfin Skorzewska tritt gleichfalls gegen mich mit den selben Motiven auf, aber gerade sie dürfte nichts gegen „Nichtarier" haben, da ihre Großeltern, die Eltern der Frau Marie Bernardak, gleichfalls Juden waren, und zwar Juden, die aus einer niedrigen Gesellschaftsaehichte stammten. Ihre Großmutter hieß Auguste Leib rock und ihr Großvater Lejb Leibrock, Woher also dieser Raasismus meiner Tochter Skorzewska?" Ja, dies/- verfluchten, geldgierigen Juden ... Itfada deutschem Mu«fer In „Tara N o a s t r a", dem offiziellen Organ der Regierung; Goga, ist am 4. Jänner 1938 folgender Erlaß des rumänischen Arbeitsministeriums' erschienen: „Wir, Minister-Unterstaatssekretär im Departement für Arbeit, Gesundheit und soziale Fürsorge, ' beschließen, in Ansehung der zahlreichen Fälle, in denen festgestellt wurde, daß jüdische D i e n s t g e b e r, die in ihrem Hause junge Rumäninnen als Hausgehilfinnen anstellen, dies zum Zwecke des Mädchenhandels tun, daß es von nun an jedem Juden verboten sei, in seinem Hause eine christliche Hausgehilfin im Alter von unter 40 Jahren zu beschäftigen. Für den Minister: Marcel Adam m. p. Generaldirektor: Cuncscu m.p. Chavafaterlcopfe qah es einst Anknüpfend an die Intervention der W estmächte wegen Verfolgung der Juden bei der rumänischen Regierung schreibt „Salander" in der „Baseler Nationalzeitung": ' „Gegenüber der ungeheuerlichen Rassengesetzgebung und Judenverf emungspraxis in Hitler- Deutschland ist das amtliche Europa überhaupt stumm geblieben. Es steht offenbar so, daß, wenn eine Großmacht sich das Vergnügen gestattet in wilde Kulturzustände zurückzusinken, die übrige Staatenwelt höchstens verlogen wegblickt, und nur dann ihr moralisches Gewissen wiederfindet, wenn ein kleineres Machtgebilde von solchen atavistischen Anwandlungen befallen wird. Rumänien ist allerdings sozusagen das klassische Land antisemitischer Rauhbeinigkeit und übertraf vor dem Weltkrieg gelegentlich darin sogar das zaristische Rußland. Es hat sich damit auch schon früher allerhand Unannehmlichkeiten zugezogen, \im die Jahrhundertwende sogar einmal eine äußerst scharfe amerikanische Note. Die peinlichste Zurechtweisung erfuhr es aber im Jahre 1902, als der damalige Bürgermeister von London, der sehr volksbewußte Sir Marcus Samuel, späterer Lord Bearstcd, den rumänischen Gesandten von der traditionellen Einladung des diplomatischen Korps zum jährlichen Lord- Mayor-Rankett ausschloß. Nicht einmal das Foreign Office, das sich auf die Beschwerde des bestürzten Diplomaten hin ins Mittel legte, vormochte dagegen etwas auszurichten. Sir Marcus berief sich darauf, daß die Bewirtung in den Räumen, die ihm während seiner Amtszeit als Wohnung dienen, seine Privatangelegenheit sei und daß ihm nicht zugemutet werden könne, den Vertreter eines Staates, der seine Rassenbrüder verfolge, als Gast zu empfangen. Solche Charakterköpfe gab es damals noch. Heute tritt Lord Herbert Samuel öffentlich für die Kolonialfordeximgen des Staates ein, der sein Volk wie Ungeziefer behandelt, und der Schwiegersohn des Juden Sir Erncst Cassel, Lord Mount Tempel, versäumt keine Gelegenheit, seine Freundschaft mit Hitler und Ribbentrop zu bekunden. Der Unterschied gegen früher mag freilich neben Charakterdefekten auch daraus sich erklären, daß auch jüdische Geldaäcke vom großen Bolschewistenschlotter befallen werden können, und ihnen Hitler zwar als Verfolger ihres Volkes unerfreulich ist, aber seine Behauptung, Europa vom Kommunismus gerettet zu haben, doch freundlich einleuchtet. Jede Steuerklasse hat eben ihre eigenen Gemütskrankhei ten." Wir bitton für unsere alten u. arbeitsunfähigen BUNDEN um Spenden. Für die blinden Musiklehrer, Klavierstimmer, Korbu. Besselflechteraowio Bürstenmacher bitten wir um Arbeit Mfsvuem iu $&distketo Bünden Wien II, Rembrandlstrofle 18 — Telephon A- 47 -2.77 Postsparkassen-Konto A-133.213 RUNDSCHAU Proiüdfcdte Ehrenbezeigung' Immer deutlicher tritt die Protestbewegung der amerikanischen Öffentlichen Meinung gegen die Judenverfolgungen in Polen im allgemeinen und gegen die Einführung von „Ghetto"-Bänken im besonderen in Erscheinung. Es sandten Proteste direkt an den polnischen Unterrichtsminister: 994 Universitätsprofessoren. Mitglieder der amerikanischen Liga für akademische Freiheit. Das Institute of International Education (darunter fünf Nobelpreisträger und 59 Rektoren, von denen kein einziger ein Jude ist). Das Amerikanische Komitee für religiöse und Mmderheitenrechte. Die Amerikanische Studenten-Union. Die Amerikanische Lehrerföderation. Der Christliche National-Rat der Studenten . . . In allen Protesten wird betont, daß sie eine Ehrenbezeigung für die jüdischen Gelehrten sind und die moralische Unterstützung der freiheitlichen Kräfte Polens bezwecken. Wie richtig Amerika die Situation erfaßt hat und wie richtig es die Triebkräfte des polnischen Hochschul-Antisemitismus einschätzt, geht beispielsweise aus folgendem Protesttext hervor: „Die Ghetto-Bänke kennzeichnen den Beginn einer militärischen Organisierung des polnischen akademischen Lebens. Diese Organisierung kann mit der Unterdrückung von jüdischen Studenten beginnen, aber sicher wird das Ende das sein, daß die Freiheit des Studierens aus Polen schwinden wird, wie die Lehrfreiheit in allen totalitären Staaten bereits geschwunden ist ... Die Einführung der ,Ghetto-Bänke', die eine Verletzung der den Juden in Polen konstitutionell garantierten Gleichberechtigung als Minderheit darstellt, ist eine bedrohliche Tatsache. Noch alarmierender ist, daß die polnische Regierung einer Kampagne von Gewalttaten seitens der antisemitischen Studenten und illegaler terroristischer Gruppen freien Lauf gelassen hat." Wir erinnern nur an die Jahre, in denen dem studentischen Hakenkreuzlertum in Oesterreich freier Lauf gelassen wurde, bis tatsächlich die Freiheit des Studierens bedroht war. Es blieb nicht beim bestialischen Ruf „Juda verrecke!" und den lieblichen Horst-Wessel-Lied-Strophen, allmählich wurden auch Kreise erfaßt, die auf Grund ihrer christlichsozialen Vergangenheit immun schienen . . . und schließlich stand man vor einem nationalsozialistischen Terror, der das kleine Oesterreich zu gefährden drohte. Die Stimmen aus Amerika werden vielleicht, wenn schon nicht der antisemitischen Presse, so doch der polnischen Regierung zu denken geben. Oetkevs Badkpulver Es ist bekannt, daß große deutsche Firmen im Ausland sehr erfolgreich von Juden vertreten wurden — bis das Hitler-Regime daranging, auch die jüdischen Vertreter außerhalb Deutschlands zu eliminieren. Dieser Prozeß ging nicht sehr leicht. Denn viele angesehene deutsche Exporthäuser wollten sich die Chance, durch jüdische Vertreter in den Ländern mit antideutschem Boykott Geschäfte zu machen, nicht ohneweiters nehmen lassen, und es gelang ihnen auch, da und dort ein paar jüdische Vertreter zu halten. Der Druck der reichsdeutschen Nazistellen hörte aber nicht auf. Nach und nach fielen diesem Druck die guteingeführten jüdischen Vertreter zum Opfer. Nun geht es in Polen los, wo bis zum Hakenkreuz- Regime ein großer Teil der deutschen Importwaren von Juden bewirtschaftet wurde. Die I. G. Farbenindustrie und die Firma O e t k e r haben nach einem authentischen Bericht aus Warschau begonnen, ihre jüdischen, bewährten und langjährigen Vertreter zu entlassen, brotlos zu machen. 0 e t k e r s Backpulver ist unseren Hausfrauen wohl bekannt... Wohin? Die Vorgänge in Rumänien haben der Behandlung der Judenfrage in Mittel- und Osteuropa wieder zu erhöhter Aktualität verholten. Fünf Millionen Juden sehen sich in ihrer Existenz bedroht, der Vernichtungsfeldzug gegen die 350.000 noch in Deutschland lebenden Juden hat nichts an Schärfe verloren. Die große englische Zeitschrift „F i n a n c i e l News" stellt in ihrer politischen Wochenschau fest, daß — gegen den Willen weiter deutscher Kreise — die nationalsozialistische Partei und die Reichsregierung die Verfolgung der deutschen Juden mit verschärfter Strenge betreiben. „Das Schlimmste ist vielleicht", schreibt c!:is Blatt, „daß die deutsche Regierung, nachdem sie die Juden fast aller Mittel des Erwerbs des Lebensunterhalts beraubt hat, es ihnen nun unmöglich macht, das Land zu verlassen. Vor einem oder vor zwei Jahren hatten J wohlhabende Juden noch die Möglichkeit, das Land unter Verlust der Hälfte oder von zwei Dritteln ihres Vermögens zu verlassen. Heute ist dies nicht m'ehr möglich. Sogar kurze Reisen ins Ausland zum Besuche von Verwandten oder geschäftlichen Charakters werden von den Polizeibehörden immer mehr erschwert. Es gibt", schließt das Blatt, „in Polen, Rumänien, Deutschland und Oesterreich über fünf Millionen Juden, denen man jede Existenzmöglichkeit verwehrt. Da sie nicht auswandern können, wird ihre Lage immer verzweifelter." Diese Feststellung zeigt die tragische Situation, in der sich ein großer Teil des jüdischen Volkes befindet. Sie weist zugleich auf die Notwendigkeit hin, Palästina den Juden zu öffnen — als das einzige Land, das Raum hat für neue, arbeitswillige und opferwillige Menschen. Allerdings ist das nur durch eine zionistische Politik möglich, die mit den bisherigen Methoden des offiziellen Exekutive- Zionismus bricht. Mosley phantasiert Aus Jerusalem meldet. Palcor: Die arabische Zeitung „Adifaa" veröffentlicht eine Unterredung zwischen ihrem Londoner Korrespondenten und Sir Oswald Mosley, bei der der letztere sagte, daß die Faschisten die Forderungen der Ai*aber vollkommen unterstützten. Er hoffe im Jahr 1942 in der Lage zu sein, dieRegierungzu übernehmen. Dann würde er sofort sämtliche jüdischen Rechte in Palästina für nichtig erklären. Zu dieser Erklärung führt die Zeitung aus, die Araber seien geduldig und würden die Ereignisse abwarten. Dieselbe Zeitung meldet aus Genf, daß der neue rumänische Außenminister, wahrscheinlich M. A n t on e s c o, Rapporteur des Völkerbundes über Palästina, zurückberufen und einen neuen Vertreter bestimmen wird, der die arabischen Forderungen unterstützen soll. * Weiters meldet Palcor aus Jerusalem: Die palästinensischen Kommunisten begannen mit einer scharfen Kampagne gegen die Teilung des Landes und veröffentlichten Manifeste in Hebräisch und Arabisch, in denen die Juden aufgerufen werden, sich im Kampf gegen den Zionismus und gegen die Führer der jüdischen Arbeiterorganisation zu vereinen. BftdherverbrennuRg! Aus Czernowitz berichtet die Polnische Telegraphen-Agentur (Pat): Am Sonntag, 2. Jänner, haben uniformierte „Blauhemden", Mitglieder der National-Christlichen Partei Goga-Cuzas, aus allen Zeitungskiosken und jüdischen Buchhandlungen sämtliche jüdischen Bücher und Zeitungen entfernt, auf dem Platz, auf dem sich das Kriegerdenkmal befindet, zu einem Scheiterhaufen gehäuft und verbrannt. Als der Präfekt Robu von dem Vorgehen der „Blauhemden" Kenntnis erhielt, habe er diesen einen scharfen Vorwurf gemacht. Von anderer Seite wird gemeldet, daß sich unter den verbrannten Zeitungen die Warschauer „Hajn t" und; „Moment" befinden. (J. T. A.) Kollektivstrafe für luden Aus Haifa wird gemeldet: Die Kollektivstrafe, die dem Haifaer Stadtviertel Jarina, wo der arabische Polizeioffizier El Khatib von Arabern getötet worden war, auferlegt wurde, ist bei sämtlichen Einwohnern, Arabern und Juden, eingemahnt worden. Der Juden hat sich deshalb große Erregung bemächtigt. Mehrere Juden, die aich weigerten, ihren Teil zu leisten, wurden verhaftet. (J. T. A.) Verb« der Judemtaatszionisten Oesterreichs Sektion XIV/XV, Schanzstrafle 32. Mitwoch, den 12. Jänner, halb 9 Uhr abends, im Heim Vortrag Dr. Felix Klug; Die Lage im Zionismus. Judenstaatsjugend. Dienstag, den 11. Jänner, halb 9 Uhr abends, Vortrag David Nebeuzahl: Verteidigung jüdischer Rechte. — Die Lage in Rumänien. „Rassisches und Klassische s." Die nächste Aufführung dieser erfolgreichen Revue von Bobby Weiser und Vicky Schlesinger, findet Sonntag, den 16. d. M„ um 8 Uhr abends, im renovierten Festsaal des Hotel-Restaurants Stephanie, II., Taborstraße 12, statt. Karten von ST.— bis S 2.— im Heim der Judenstaatszionisten, II,, Praterstruße SO, täglich abends von 7 bis 10 Uhr sowie bei den Funktionären. Jlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllilllllillllilllllllllllllllllllllllllllilllllllllü VerüoDd der lurtensfaalszionisien / Jüdenstaatslugend | Sonntag, den 16. Jänner 1938, S Uhr abends, im 1 neurenovierten Festsaale des Hotel Restaurant I Stephanie, II, Taborstraße 12, Aufführung der j§ erfolgreichen Revue jf „Rassisches und Klassisches44 1 von BOBBY WEISER und VICKY SCHLESINGER § : Karten von S 1.— bis S 8.- IIIIIIIIIIUIIIIIIIIIIIIHIIÜUil

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