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Die neue Welt · 1938-01-07 · Heft 716 (7.1.1938) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 716 (7.1.1938)
Date
1938-01-07
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE .WELT Nr. 716 vom .7. Jänner 1938 -> AauAi ^Wf^^wi&w Leopold Ehrlich-Hichler, der Autor des soeben erschienenen Novellenbandes „Geschichten aus Oesterreich" Wenn jemand die Festigkeit besitzt, sich von keiner literarischen Mode vorführen zu lassen, und •genug Eigensubstanz, um Geschautes und Gefühltes zu formen, kann ihm als Schriftsteller das Erstrebenswerteste gelingen: die Selbstverständlichkeit der Diktion und die Natürlichkeit des Gegenstandes. Leopold Ehrlich-Hichler, der sich mit seinen Romanen „Der Sohn des Moses Mautner" und „Heimweh nach Wien" einen Namen gemacht hat, besitzt diese Gaben in reichem Maße — zunächst einmal kann er ererzählen, eine heutzutage seltene Erscheinung. Ihm geht es nicht darum, in artistischer Manier zu glänzen oder weltferne Stoffgebiete der Literatur einzuverleiben. Ein Mensch mit hellem Sinn, verstehendem Herzen und sittlichem Verantwortungsgefühl umreißt rasch noch, ehe sie dahin ist, die Schwermut, die im österreichischen Menschen und in der österreichischen Landschaft steckt, und er tut dies einfach und natürlich, sachlich und doch innerlich bewegt, sich als Zeuge dieser Dinge fühlend. Nun kommt Hichler als Chroniqeur seiner Epoche (Vorkriegszeit, Weltkrieg, Gegenwart) das drittemal zu Wort — in seinem soeben erschienenen Buch „Geschichten aus Oesterreich" (R. Löwit- Verlag, Wien), das alle edlen Züge der schriftstellerischen Begabung des Autors trägt. Ein Mensch zeichnet die untergehende, im Dämmer einer neuen Zeit verlöschende Welt, ein jüdischer Mensch, der um das Geheimnis seelischer Spannungen weiß und dadurch gerade dort am innigsten ergreift, wo das Schicksal des einfachen, liebenswerten, unkomplizierten Menschen sich vollzieht. Ehrlich-Hichlers „Geschichten aus Oesterreich" sind ein warmes und sanftes Buch, jede der sechs Erzählungen atmet ihr eigenes Leben, und sie alle beglücken den Leser durch ihre Reinheit und Frische. —Id. * Im nachstehenden bringen wir die im Weltkrieg spielende Erzählung „Lecho daudi". Reaerveleutnant Dr. Glück war schon ein Jahr im I :ld, als er plötzlich den Befehl erhielt, nach Agram einzurücken. Nach Agram, ins Hinterland, in eine große Stadt'. Begreiflich, daß Leutnant Glück darüber nicht mißmutig war und seine Sachen rasch und gerne packte; sogar sehr gern. Und als er nach Agram kam und wieder Menschen bei ihrer alltäglichen Beschäftigung sah, Frauen und Kinder, nicht nur rauhe und im Feld so häufig rohe Männer, da wurde ihm sehr wohl zumute' und unbewußt summte er den Kehrreim des alten Wiener, Liedes: Da bin i, da bleib i, da will i...!" Also sterben. wollte er dort nicht, denn er freute »ich seines Lebens, als er in den Straßen vergnügt umhertollende Kinder und schöne Frauen sah, die züchtigabwehrend und zugleich ermunternd schauten, diese Künstlerinnen, welche im Blick so geschickt ihre Uebermacht in Demut zu verwandeln verstehen! Aber wer ein Jahr im Feld war, ein Jahr im Feld, meine Damen und Herren, der achtet dieser gefährlichen Blickkünste nicht und ist froh, daß er wieder Frauen sieht! Leutnant Glück, als braver Soldat, wollte sogleich, der Meldung wegen, in die Kaserne, da es aber noch zu früh war, wollte er zunächst für seine Unterkunft sorgen und Zimmer suchen. Und er suchte in den Straßen Agram und fahndete WbQh den* m der, Vorkriegszeit,' 8o> hmflgen\ wißen und vielversprechenden Ankündigungen: „Zimmer zu vermieten mit separiertem Eingang!" oder „wunderbare Femsicht!" und wenn sowohl Fernsicht als separaierter Eingang mangelten, gab es dafür: „Mit Frühstück", jedoch nur, „für soliden Herrn!" Aber auch diese Zettel hatte der Krieg, vielmehr sein Kind, die Wohnungsnot, verschlungen und Leutnant Glück dachte beklommen: „Wo werde ich hier wohnen f" Und als er müde und vom vergeblichen Suchen entmutigt, über die Hauptstraße Agrams ging, bemerkte er ein Kleidergeschäft „Simon Wessely"! ,Simon Wessely!' dachte Leutnant Glück. J)er ist ein Jude und wird mir raten, 100 ich ein Zimmer bekommen könnte!'--- ,Meine Hochachtung, Herr Leutnant! Was ist angenehm dem Herrn Leutnant?" begrüßte Herr Wessely den eintretenden Offizier und musterte zugleich sachkundig, womit er etwa den Herrn Leutnant ausrüsten könne? Er merkte, daß Leutnant Glücks Kappe erneuerungsbedürftig sei, und flüsterte rasch seinem Angestelten zu: „Max! Breng'n Sie heraus die neue Kappen!" Herr Max, etwas schwerhörig, welchem Uebel er no& den Zivilstand verdankte, erwiderte diensteifrig: „Jaw&l, Herr Chef! Die neuen Jack'n!" und eilte so rasch in den htiheren Ladenraum, daß er den liebevollen Nachruf seines Herrn: „Die Kappen, hab' ich gesagt, tauber Cheresch!" nicht mehr vernahm. Indessen stellte sich Leutnant Glück vor: „Gestatten Sie: Leutnant Doktor Glück! — Habe ich die Ehre, Herrn Wessely? ..." „Zu dienen, Herr Leutnant. Mein Name is' Wessely." ,JHerr Wessely! Ich wollte Sie... um einen Rat 'bitten." _ f Die zur Freundlichkeit: angespannten Gesichtszüge iWesselys erschlafften ein wenig, denn er dachte: Jiommi schon einmal einer in das Gewölb', will er a Eze." sagte aber laut, wenn auch ein wenig gedehnt: ,ßitte, Herr Leutnant. — Wollen Sie nicht Platz nehmen?" gab Leutnant Glück einen Stuhl, Herrn Max, der mit einem 'halben Dutzend FeldJacken hexanstürmte, einen vernichtenden Blick und sprach: „Mit was kann ich Ihnen dienen, Herr Leutnant?" ,Jch wollte Sie um Rat bitten, Herr Wessely, ivo ich in Agram ein Zimmer haben könnte? Ich bin heute früh aus dem Feld gekommen und suche schon fast zwei Stunden und — finde nichts!" „Ja, mit die Wohnungen, Herr Leutnant, ist das bei uns so eine Sache! Es is* alles vergeben in Agram. '— Aber sagen Sie mir nur, Herr Leutnant: Wird der Krieg nix bald aus sein?" 1 ,Leider, Herr Wessely, weiß das niemand." ,iHerr Leutnant! Ich wer' Ihnen was sag'n: Ich bin ein älter Mann und weiß nicht, ob ich den Szof... das End'...", verbesserte er rasch, „von dem Krieg erleb'? Aber ich frag' nur: Wohin führt das Ganze? Mir hab'n nix zu essen, nix zu schlaf'n! Ma' Ivat nichts zu verkaufen! Ma' liat ka' Tuch, ka' Stoff... Aus Papier mach'n sie jetzt Stoffe! Ein Ponim... Gesicht, was so ein Anzug führt! Meine Feinde soll'n das trag'n!... Aber was Ivab'n m'r davon, Herr Leutnant: Sie woll'n doch a Eze... ein' Rat...", verbesserte er wieder rasch, „hab'n weg'n dem Zimmer!?" „Ja, bitte, Herr Wessely." Der alte Herr überlegte einen Augenblick und sagte dann freudig: ,J)a fallt m'r was ein! Sie, Max!" wandte er sich zu seinem Verkäufer. „Sie hab'n m'r unlängst gesagt: Da drauß' wär1 ein Zimmer in Sveti Duch!?" „Was für Tuch, Herr Chef:" „Oi joi! Häb> ich da ein Pferd!" seufzte Herr Wessely leise, aber doch vernehmbar und wandte sich, verlegen lächelnd ob dieses Ausbruchs, zu Leutnant Glück:. >yEr hört nämlich schlecht! Das heißt: Hört er denn schlecht? Wenn er will, hört er; aber er will nicht. Er meint immer, er is* bei der Musterung!... Aber jetzt fallt m'r noch was ein, Herr Leutnant: Jakob Deutsch hat m'r gestern gesagt, er hätt' ein schönes Zimmer zu vergeben!" ,J)as wäre ja großartig. Herr Wessely! Wo, bitte, ist dieser Herr Deutach?" „Wo er wohnt, weiß ich nicht; aber heut', Freitag Abend, ist er im Tempel. Können Sie mit ihm red'n. Kommen Sie am Abend in den Tempel, Herr Leutnant! Wird Ihnen gefaU'n bei uns! Ein' Kantor hab'n m'r! Mmmmm!" gab Herr Wessely sein Entzücken in einem gedehnten, frei erfundenen ,^igun" kund. Leutnant Glück aber antwortete verlegen: ,ßehr gern — möchte ich kommen, Herr Wessely; aber... ich!... Dürfte ich Sie vielleicht — vor dem Tempelgebäude erwarten?" „Vor dem Tempel?" fragte der alte Herr, zunächst erstaunt und pöltzlich, als verstünde er: ,J>ardon, Herr Leutnant! Das hab' ich nicht gewußt! Sie sind schon geschma!? ..." ,Jfein, nein, Herr Wessely! Ich bin nicht getauft! Gott behüte!" ,Jfwn?... Und woU'n nicht in den Tempel kommen?" Der junge Mann rang nach einer Antwort und etsa&erfe pi&*bi>\ Jütim» Berr, Wee&ejy l Wae in, dem, Krieg geschehen ist und noch immer geschieht! Wenn Gott dies zuläßt! Nein. — Ich... glaub' nicht mehr." Das schmerzte den alten Mann und er wollte heftig encidern; aber als er dem jungen Menschen in die Augen sah, schien ihm, als schimmere hinter dem Firnis des Unglaubens eine wahre Religiosität und weil er reines Herzens war, eiferte er nicht und sprach wohl beklommen, aber freundlich: „Wie's Ihnen paßt, Herr Leutnant. Wart'n Sie halt vor dem Tempel auf mich." ,&err Wessely! Ich bin aus einem frommen Haus! Glauben Sie nicht, daß mir das so leicht!... Ich..* aber!\.." „Ich weiß, ich weiß, Herr Leutnant! Ich brauch* ein' Mensch'n nur in die Augen seh'n, weiß ich alles! Aber bis Maariw... Abend kann sich noch manches ändern! VieleUcht kommen Sie doch in den Tempel!" ,J)as kann ich nicht, Herr Wessely!" und rasch, als fürchte er, überredet zu werden, schloß er: „Aber jetzt muß ich schon in die Kaserne. — Ich danke Ihnen vielmals, Herr Wessely, und am Abend — auf Wiedersehen!" j ,yA.dieu, Herr Leutnant." r i Major Baron Kereshazy, aktiver Offizier, Ungar* und vermutlich deshalb Kommandant eines kroatischen Artillerieregiments, war mit dem Unterzeichnen einiger, ihm gänzlich unbekannter Aktenstücke beschäftigt, als Leutnant Glück eintrat, einige Schritte vor dem Major stehen blieb und in strammer Haltung sprach: „Herr Major! Leutnant Dr. Glück stelt sich gehorsamst vor." „Seervus! Seervus!" erwiderte, listig freundlich, der Major, reichte Glück die Hand und sagte: „Wir hab'n dich — hat — schon gestern erwaortet! — Nun sag mir einmal, lieber Glück...", seine Aeuglein funkelten dabei listig-forschend, so daß Glück erschrak, „zu welchem Regiment gehörst du?" „Festungsartillerie Eins, Herr Major." „Hat, da bist du ja ein Wiener?!" „Jawohl, Herr Major." „Wie kommst du daonn au uns?" „Ich weiß es nicht. Herr Major. Im Feld war ich Haubitzen Zehn zugeteilt und gestern habe ich den Befehl bekommen, hierlier einzurücken." „Gohmisch! Gohmisch! — Versteh' ich niieht, warum sie d&utscJien Offizier zu kroatischem Regiment. schicken?! Gohmisch! Oder — kannst du vielleicht Kroatisch?" ,^Nein, Herr Major." „No hdt! Was soll ich daonn mit dir ohnfang'n! — Wie lang warst du im Feld?" „Ein Jahn Herr Major." „So, So!" erwiderte er fast unwillig, denn die lange Felddienstzeit Leutnant Glücks störte seinen vorgefaßten Plan. „So, so! Aollerdings hättest du Aonspruch auf Erholung! Aber — was soll ich da mit dir machen! Kroatisch kaonnst du nicht und — deutscher Offizier ist heute für Haubitzen Acht 'im Feld dringend angefordert worden und — ich hab' keinen au-ßer dir!" heuchelte er verlegen, obgleich in seinem Kader etwa zehn deutscha Offiziere waren. „Müßtest du gleich hinaus oder — bist du vielleicht kraonk?" und sah in tückisch-forschend an. Glück aber erwiderte ruhig und fest: „Nein, Herr Major," Da erfaßte den alten Schelm ein menschlichen Rühren;* und er dachte: ,Ich werd' aondern schick'n! Ist aormer Kerl! Kommt jetzt aus dem Feld und soll gleich wieder hinaus?! Aber../, verscheuchte er seines Gewissens mahnende Stimme. ,Sind genug Juden im Hinterland!' und diese, statistisch anfechtbare Feststellung gab ihm die Kraft, das Spiel fortzusetzen und verbindlich-bedauernd zu sagen: „Daonn mußtest du hoalt gleich zu Haubitzen Aocht!" und um die Pille etwas zu versüßen, fügte er hinzu: ,JIaben wunderbaore Stellung!" neigte sein Haupt, sagte: „Daonke", und Leutnant Glück verließ des Majors Zimmer. — (Schluß in der Freitagnummer.) KINO.PBOOBAMME 9 Kreuz-Kino * I, Wollzeile 17 JfU$&l&t& Telephon R-24»2-16 (Bomben über dem Orient) Vont«llung«ii: *, tt«, M, WO mit JotlH Wayiie chweden .jarantella ii Beginn; %6, ttf, tt10 0hr.T«I.A-*9>9'«0 ift mit JEANETTE MACDONALD Vorverkauf ab 10 Uhr vormittags ununterbrochen Rugarten- Kino II, Untere AugartenstraBe28 Telephon A-40-8-98 .B6tt****» Ab Freitag, den 7. Jänner, der Schl*fl«rri<m in jiddischer Sprach«

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