Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 12 (1938)
- Issue
- Heft 715 (4.1.1938)
- Date
- 1938-01-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2711613-2712340-2712341--6929-2720745- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 MÄ NftUfi WELT Nr. 715 vom 4. Jänner 1938 t>er 1920) noch über den Minderheitenschutz hinaus verpflichtet, allen in Rumänien lebenden Juden, die keine Statsbtirgerschaft nachweisen konnten, die rumänische Staatsbürgerschaft zu verleihen. Will also die neue Regierung einer gewissen Gruppe von Juden die rumänische Staatsbürgerschaft entziehen, dann muß sie ihre völkerrechtliche Verpflichtung brechen, bzw. den Völkerbund verlassen. Da nun Ministerpräsident Goga in dem oben angeführten Interview des „Evening Standard" erklärt hat, „unsere Außenpolitik wird sich weiterhin auf den Völkerbundpakt gründen, wir beabsichtigen nicht, Genf zu verlassen", so kann nur ein i 11 e g a 1 e r Schritt für das weitere Schicksal der rumänischen Juden bestimmend sein. Der Völkerbund, dem Rumänien angehört und weiter anzugehören gewillt ist, steht wieder einmal vor der Aufgabe, seine Pflicht gegenüber den Juden, gegenüber seiner jüdischen Minderheit, zu erfüllen, welche sich ihm anvertraut hat. Er darf es nicht so halten wie im Fall D a n z i g, wo der Völkerbundkommissär Burckhardt sich von den rechtbrecherischen Nazis zur Jagd einladen ließ und mit den Verächtern der Völkerrechtsgrundsätze Tee trank. Die Juden Rumäniens und mit ihnen das jüdische Volk erwarten, daß der Völkerbund ihnen endlich 211 ihrem verbrieften Recht verhelfe und nicht wieder stummer Zeuge einer fürchterlichen Katastrophe werde. Die eisten ant^'üdischen Maßnahmen Aus Bukarest wird gemeldet: Großes Aufsehen erregt die Bestellung des früheren radikal-antisemitischen Abgeordneten Nicola Robu zum Präsidenten des Komitats Cernauti (Czernowltz), das bekanntlich eine große Judengemeinde beherbergt. Als vor einiger Zeit der Landesrabbiner des Altreichs, Senator Dr. Nlemlrower, auf Einladung des griechisch-orthodoxen Patriarchen nach Czernowitz kam, um an der Jubiläumsfeier für den Patriarchen teilzunehmen, stellte sich dem Landesrabbiner am Eingang zum Erzbischöflichen Palais Robu in den Weg und verwehrte ihm das Betreten des Gebäudes. Später entschuldigte sich deswegen der Patriarch bei dem Rabbiner. Robu wurde mit der Reorganisierung der halbmilitärischen Verbände der National-Christlichen Partei im ganzen Reiche betraut. Ausbürgerung jüdischer Familien Die Stadtgemeinde Cernauti erhielt 154 Entscheidungen des Kassationshofes, durch welche ebensoviel jüdische Familien . ihrer Staatsbürgerschaft' verlustig erklärt wurden. Die Gesamtzahl der bisher in Cernauti ausgebürgerten jüdischen Familien beträgt 376. Das Ausland zur rumänischen Regierung§umbildun<| „Gefährliches Abenteuer" Aus Paris wird gemeldet: Im „Echo de Paris" schreibt Pertinax: Rumänien stürzte sich in ein recht gefährliches Abenteuer. „Temps" führt im Leitartikel aus, Rumänien stehe im Begriffe, ein gefährliches Experiment zu beginnen. Neuwahlen im April Aus Prag wird gemeldet: Der Bukarester Korrespondent der „Prager Presse", der als besonders informiert gilt, meldet: Die Regierung wird die halbmilitärische Organisation der National-Christlichen Partei, die sich „Lanciere" nennt, reorganisieren und ihre Mitgliederzahl auf 200.000 erhöhen; die Organisation wurde unter die Führung des jetzigen Präfekten von Cernauti, Nicola Robu, gestellt. Die Kammer wird noch vor ihrem Zusammentreten aufgelöst, die Neuwahlen werden wahrscheinlich im April stattfinden. Genugtuung der Nazi-Presse ' Die reichsdeutsche Presse und das Prager Organ der Henlein-Partei, „Die Zeit", verzeichnen mit Genugtuung die ersten Maßnahmen der rumänischen Regierung Goga-Cuza. „Die Zeit" meldet: „Als besonders wertvoll wird eine Erklärung des Blattes der „Eisernen Garde", des „Buna Vestire", angesehen. Darin heißt es, die „Eiserne Garde" werde die neue Regierung unterstützen, wenn sie ihr nationales Ideal zu erfüllen und die jüdischen Kräfte zu vernichten suche, anderenfalls müsse man sie bekämpfen." Wir b tten für unsere alten u. arbeitsunfähigen OtlNOIN um Spenden. FUr die blinden Musiklehrer, Klavier- Stimmer, Korbu. Sesselflechtersowie Bürstenmacher bitten wir um Arbeit Uilfsveeem de» {iidisdm Bünden Wien II, Rembrandtstraße 18 — Telephon A-47-2-77 Postsparkassen-Konto A-133.213 Zur Tagesordnung Sfftmutx und Schund Wien, den 3. Jänner 1938. In seiner Neujahrsrede sprach der österreichische Bundeskommissär für Heimatdienst und Chef des Bundespressedienstes, Oberst Walter Adam, über den Kurs der österreichischen Staatsführung und über die Gegnerschaft, der diese Führung ausgesetzt ist. Richtung und Ziel der österreichischen Politik sind unveränderlich und die Unabhängigkeit Oesterreichs wird nach allen Seiten gewahrt werden — das war die eine Seite der Ausführungen; die andere galt den offenen I, Hoher Markt- Llchtsn3tegNr.4 t&t&AkkßjtL&i wrWrwrir f iiiii^fliw mß und verkappten Gegnern des österreichischen Vaterlandes, insbesondere jenen, die immer noch mit der schäbigsten Haß- und Hetzliteratur auf illegalen unterirdischen Wegen den österreichischen Staatsgedanken besudeln. Gemeint war natürlich — und auch genannt — die ülegale nationalsozialistische Propaganda, der Lügenfeldzug der vom Dritten Reich ihre Schlagworte und ihr Material beziehenden österreichischen Hakenkreuzler. Und es fiel das ebenso richtige wie in diesem Zusammenhang zu selten gehörte Wort: Schmutz und Schund! Schmutz und Schund — das ist die Bezeichnung für den Text der Propagandaschriften, die von den österreichischen Nazis — deren Bodenständigkeit ist wohl unbestritten! — verbreitet wird, von den Herren, die, wie Oberst Adam sagt, den edlen österreichischen Freiheitskämpfer mimen und im Ausland infame Lügen über Oesterreich verbreiten. Es sind aber dieselben Herren, die Schmutz und Schund auch über die Juden ausgießen, in diesem Punkt aber von den patriotischen Oesterreichern keine Rüge bekommen, im Gegenteil: viele dieser sich patriotisch nennenden Oesterreicher haben sich den gegen die jüdischen Staatsbürger gechleuderten „Schmutz" zueigen gemacht und jonglieren mit ihm so bravourös und tückisch wie die Schmutzproduzenten selber. Solange sie sich nicht auch im Judenpunkt von den Nazis distanzieren, können sie für .sich die Bezeichnung „Oesterreichische Patrioten" nicht beanspruchen. //Von den verdammten Polen" Die deutsche Minderheit in Polen macht dem polnischen Staatsvolk Sorgen, trotz des seit mehr als drei Jahren bestehenden deutsch-polnischen Freundschaftsvertrages. Die polnische Presse spricht von einer gefährlichen Kampfstimmung und erklärt, daß die.: Deutschen sich zu Handlungen hinreißen lassen, welche antipolnischen, ja geradezu antistaatlichen Charakter tragen. Unter dem Einfluß der nationalsozialistischen Agitation werden antipolnische Boykottparolen verbreitet, so beispielsweise die Forderung, die Winterhilfsaktion ausschließlich den Deutschen in Polen zugute kommen zu lassen — eine Forderung, die von Du $co(k jiddische film .Der Punmspieler W den Polen als direkte Kampfansage empfunden wird. Wenn die polnische Presse die Schmälerung der Rechte der Poleii in Danzig verzeichnet, so wird ihr vom Danziger Polizeipräsidium das Postdebit entzogen, so daß die Frage entsteht (die von der polnischen Presse jetzt aufgeworfen wird), ob die Polizei in Danzig den Interessen der Freistadt zu dienen hat oder ob sie lediglich eine Expositur der Reichspolizei ist. Die Besorgnisse der Polen sind zweifellos berechtigt. Sie lassen sich auch nicht durch irgend welche deutsche Erklärungen zerstreuen. Aber die Polen sollten nicht gar so empfindlich sein in einem Punkt, der sie selbst bezüglich ihres Verhältnisses zu den Juden betrifft. Als die nationalsozialistisch gewordene Verwaltung der Stadt Danzig gegen die Danziger Juden mit Terror vorging, schwiegen die Polen und die polnische Presse verzeichnete mehr als einmal die antisemitischen Akte des Danziger nazistischen Senats mit Genugtuung. Auch in ihrem eigenen Lande haben' das polnische Staatsvolk, bzw. die einflußreichen Kreise und die meisten polnischen Zeitungen die jüdische Minderheit nicht gerade mild behandelt. Wenn hier Schadenfreude am Platz wäre, hätten wir allen Grund dazu. Aber wir schalten derlei Gefühle prinzipiell aus, weil wir aus Erfahrung wissen, daß derlei Spannungen, auch die deutsch-polnischen, sich zunächst einmal zuungunsten der Juden auswirken werden, trotz der schönen Liedstrophe des S.-A.-Stürmerß, die lautet: „Wir werden nimmer rasten, S.-A.-Karaeraden schwört, bis daß die deutche Ostmark dem Deutschen Reich gehört. Von den verdammten Polen, Sieg Heil Viktoria! Woll'n wir sie wieder holen, Sieg Heil Viktoria..." Katholische Stimmen übet den Antigefflitismus Im Leitartikel der Weihnachtsausgabe des „Osservatore Roman o", des Organs des Vatikans, wird auch auf die Judenfrage und die Ursache des Anwachsens des Antisemitismus Bezug genommen und unter der Ueberschrift „D a s D r a m a Israels" ausgeführt: „Das abgelaufene Jahr war ein Jahr der Not für das Volk Israel. 20 Jahre nach Beendigung des Weltkrieges sind Palästina und die heiligen Stätten wieder, ja mehr denn je vorher, Schauplatz schärfster Auseinandersetzungen. Juden gegen Araber, politische Interessen gegen religiöse, Orient gegen Okzident kämpfen miteinander auf dem Boden, der nicht nur die Geburtsstätte religiöser Zivilisation, sondern auch Schauplatz historischer Auseinandersetzungen gewesen ist." Nach einer Schilderung der gegenwärtigen Situation in Palästina stellt das Blatt fest, daß das unmittelbare Resultat der Beschränkung der jüdischen Einwanderung in Palästina sich in Europa fühlbar macht, wo die Juden unter politischer Verfolgung zu leiden haben. „Der siegreich fortschreitende Antisemitismus ist eine S c h m a c h. Er ist ein Kampf gegen eine Basse im Namen einer anderen Basse, gegen eine Religion, die sich nichts anderes zuschulden hat kommen lassen, als daß sie ihren universellen Charakter behält. Antisemitismus ist nicht ein Produkt des Geistes, sondern eine der Erscheinungen des Sieges der Gewalt über den Geist. Für die Christen ist das jüdische Problem vor allem ein religiöses." Die Christen wollen die Juden nicht von Land zu Land jagen, sondern sie sich annähern. Die Feinde der Juden führen einen Kampf gegen geistige Werte. Der Antisemitismus der gegenwärtigen ■. Epoche ist nicht nur ein Kampf gegen die nationalen Aspirationen des jüdischen Volkes, sondern auch eine Erscheinungsform des Kampfes, den das Neuheidentum in großen Abschnitten des internationalen politischen Leben» provoziert. * Die Wiener katholische Zeitschrift „Die Erfüllung" bringt in ihrer letzten Nummer Stellen aus einer Abhandlung des Pariser katholischen Schriftstellers und Phüosophen Leon B1 o y über da Judsentum und den Antisemitismus. Eine dieser Stellen lautet: „Welcher Art wären unsere Gefühle, wenn unsere Umgebung ständig von unserem Vater und unserer Mutter mit der größten Mißachtung spräche und für sie nichts anderes als beleidigende Sarkasmen übrig hätte? Nun, gerade dies widerfährt ständig Jesus Christus, unserem Herrn. Man vergißt, oder vielmehr, man will es nicht wahr haben, daß der menschgewordene Gott ein Jude war, ja Seiner Merischennatur nach der Jude par excellence, der Löwe von Juda; daß Seine Mutter eine Jüdin war, die Blüte des jüdischen Volkes, daß fast alle Seine Ahnen Juden waren, daß die Apostel Juden waren, so gut wie die Propheten, endlich, daß unsere ganze heilige Liturgie in den Büchern Israels wurzelt" „Wie läßt sich, wenn wir dies bedenken, die ganze Ungeheuerlichkeit der Beleidigung Gottes und der Blasphemie ausdrücken, die darin liegt, die j ü d ische .Rasse* herabzusetzen? Ehemals haßte man die Juden, man erschlug sie, aber man mißachtete sie nicht als .Rasse'. Im Gegenteil, man fürchtete sie und die Kirche betete für sie, eingedenk dessen, daß der heilige Paulus im Namen des Heiligen Geistes ihnen alles versprochen hat und daß sie eines Tage« die Leuchten der Welt werden sollen. Der Antisemitismus, eine ganz moderne Angelegenheit, ist die furchtbarste Ohrfeige, die unser Herr je in Seiner noch immer andauernden Passion erhielt, es ist die blutigste und unverzeihlichste, denn Er erhält sie auf dem Antlitz SeinerMutter und von der Hand der Christen." „Catholic Herald" gegen die Boykottaktion Kresses Aus London (J. T. A.): „Catholic Herald«* kritisiert in einem langen Artikel die antijüdische Boykottaktion des Wiener Vizebürger* meisters Dr. Kresse und schreibt: „Antisemitismus, die übliche Begleiterscheinung des Nazismus, kommt in Oesterreich wieder in stärkerem Maße zum Vorschein. In, Wien ist eine antijüdische Boykottkampagne im Gange* Das sind jedoch keine Christen, die sich unter der Parole: .Christen, kauft hei Christen." zusammenschließen." OUMMrSttWI SCHWARZ ODER BRAUN- V/ARM GE¬ FUTTERT« AltE GRÖSSEN- 'Jlfim 'Oft DAMEN Vjt SsfiftiffnuttM^ (i-TABORSTUkSSC 48