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Die neue Welt · 1938-01-04 · Heft 715 (4.1.1938) · page 1

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Journal
Die neue Welt
Volume
12 (1938)
Issue
Heft 715 (4.1.1938)
Date
1938-01-04
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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PrAfS 10 GfOSChdn Warttag, den 4. Mnncr 1»38 IS. Uhrgan« ■fc ■ M AlI ■■ 111~ "--- LH^H Hl L^HH IL^E_i_ AM H H Universit ■lv I ■■ Hlfci^pfci W Dienstag, den 4« Jänner 1938 V.ib. Titl. Universitatsbibi: Hr. 715 Zeitung vom Verleger versendet „Journal exp6dlö par rfediteur" LT REVUE HERAUSGEBER: ROBERT STRICKER BEZUGSBEDINGUNGEN: Oesterreich monatlich S 1.40, vierteljährig a 4.—, ganzjährig » 16.—; Polen monatUch Zlot? 1.(50. Vierteljährig Zloty 4.50: Tschechoslowakei monatlich Kc 6.-. vierteljährig: Kc 18.-; Jugoslawien monatlich Dinar 1*-. jährig Dinar 40.-} Bümänlen monatlich Lei 50.—, vierteljährig Lei 150.—; Deutschland monatlich Mark JL-, vierteljährig ffi 3.-; Bulgarien monaUich Lewa 80.-, vierteljährig Lewa 80.-: ItaUen monatlich Lire 5—, vierteljahrig Lire 14,-; Schwel« und die übrigen Länder monatlich Schweizer Franca 1.50, vierteljährig Schweizer Francs 4.50. Mit £3 bezeichnete Anzeigen sind entgeitllob. Redaktion u. Verwaltung: IX, Universitä'sstr. 8, Jet. A-20-2-78 - Erscheint Dienste? u. Freitag Juden Staat siugend Dienstag, den 4. Jänner 1938, halb 9 Uhr abends, im Verbandshelm, II, Praterstraße 30 VORTRAG Referent: Oberbaurat Robert Stricker Thema: Arbeit und Verhältnisse in der Wiener Judengemeinde Gäste willkommen! Kesseltreiben gegen Juden Wie auf ein Signal werden in der österreichischen Prese alarmierende, durch keine konkreten Tatsachen bestätigte Nachrichten über die Zuwanderung von „Juden aus dem Osten" verbreitet. Dieselbe Presse malt auch die Gefahren aus, die dem Lande Oesterreich aus solcher Zuwanderung erwachsen, und tut dies in derart grellen Farben, daß man vermeint, die Völkerwanderung sei gegen dieses neue Zuströmen von Menschen bloß eine kleine, ein paar Stunden dauernde Familienübersiedlung gewesen. Wie zumeist in solchen Fällen, stehen die „Wiener Neuesten Nachrichten" an der Spitze der „Warner", „Mahner" und „Riegelvorschieber". Im Zusammenhang mit dem erwarteten radikalantisemitischen Kurs in Rumänien bläst auch die „Reichspost" dasselbe Lied, wenn auch etwas müder und . humaner. Es geht. ihr darum^; pesterreich vor Ueberftemdung und vor ru^chtösterrei^ zu bewahren; vor Elementen, die auf der Suche nach einem Erwerb vielleicht Methoden anwenden würden, die mit der österreichischen ständischen Ordnung nicht in Einklang zu bringen wären; vor einem Zuzug von Menschen, die den ohnehin schwer belasteten österreichischen Berufsmarkt schädigen könnten. Und sie, die „Reichspost", spricht schließlich das vernünftige Wort aus: „Jedes Land nähre seine Juden selber!" In solcher Forderung steckt zweifellos ein großes Stück Selbstverständlichkeit, aber gerade diese Selbstverständlichkeit wird eben da und dort außer acht gelassen. Das neuinstallierte Regime in Rumänien geht nach den Aeußerungen des Regierungschefs daran, die Juden zu eliminieren, ihnen das Brot vom Mund wegzunehmen. Das so laut in die Welt hineingeschriene Wort „Rumänien den Rumänen" bedeutet nicht die Absicht, dort, wo nichtrumänische Personen bisher die staatliche und kulturelle Führung innehatten, den Nationalrumänen Platz zu machen, sondern den jüdischen Staatsbürgern mit einem Federstrich die wohlerworbenen und anständig ausgefüllten Positionen zu nehmen, sie rechtlos zu machen. Hätte die von der „Reichspost" angegebene Parole „Jedes Land nähre seine Juden selber" Geltung, dann wäre die zweite Parole „Oesterreich sperre vor dem zu erwartenden jüdischen Zustrom seine Grenzen" überflüssig. * Immer noch dauert die jüdische Emigration aus Deutschland an. In Polen stehen hunderttausende Juden zur Auswanderung bereit. Nun sollen die Juden Rumäniens drankommen. Gleichzeitig sperren sich die einzelnen Länder ab. In Ungarn wurden kürzlich von parlamentarischer Tribüne die schärfsten Maßnahmen gegen eine etwaige Einwanderung aus dem Osten verlangt, und Bulgarien hat soeben, unmittelbar nach Installierung des Goga-Regimes, eine strenge Grenzsperre gegen Rumänien verfügt. Gerade jetzt beginnt ein Kesseltreiben gegen die Juden, von denen viele vielleicht gezwungen sein werden, üire rumänische Heimat zu verlassen und sich nach einem Obdach in fremdem Land •umzusehen. Die böswillige Presse spricht von der Gefahr einer jüdischen Invasion und stellt sich besorgt um die Interessen Oestereichs, als wären Staatsfeinde vor der Tür. Mit derlei Uebertreibungen ist niemandem gedient, am wenigsten Oesterreich selbst, dem ja Gesetze zur Verfügung fitthen, die das soziale und wirtschaftliche Leben regeln. Der Jüdische Weltkongreß greift ein Aus Genf wird gemeldet: In politischen Kreisen ist bekanntgeworden, daß der Jüdische Weltkongreß eine Note fertiggestellt hat, die sich mit den antijüdieshen Erlässen der neuen rumänischen Regierung beschäftigt. Die Note wurde am 1. Jänner der englischen und französischen Regierung überreicht und man erwartet, daß sich der Völkerbundrat mit der Eingabe am Montag, den 17. Jänner, beschäftigen wird. Es ist nicht ausgeschlossen, daß zwischen dem Völkerbund und Rumänien ein schwerer Konflikt ausbrechen wird, da sowohl London wie Paris den Standpunkt des Jüdischen Kongresses als gerechtfertigt ansehen. Der Völkerbund wird zweifellos feststellen, daß die in Vorbereitung befindlichen Judengesetze der Regierung Goga-Cuza dem zwischen dem Völkerbund und Rumänien besternte Müiderheitenvertrag von St. Germain widersprechen. Völkerbundvertrag: Juden Rumäniens unter Minderheitenschutz Zur allgemeinen Ueberraschung hat der rumänische König die neue Regierung nicht entsprechend dem Ausgang der Wahlen ernannt, sondern einer verhältnismäßig kleinen Gruppe, der nationalchristlichen Partei, die Macht in die Hände gegeben. Von 387 Mandaten vermochte diese Partei nur 36 zu erobern, während der Regierungsblock Tatarescu-Jorga-Vaida-Voivod mit 154 Mandaten, die Nationalzaranisten .mit~86, Mandatennnd die radikalantisemitische, hitleristische Partei Codreanu, die Nachfolgerin der berüchtigten, seinerzeit aufgelösten Eisernen Garde, mit 66 Mandaten aus der Wahl hervorgingen. Es hat im gegenwärtigen Augenblick keinen Sinn, psychologische Betrachtungen über diese Konstellation anzustellen, Tatsache ist, daß heute die Exponenten der nationalchristlichen, den Hakenkreuzlern und dem Faschismus nahestehenden Front, Goga und Cuza, die Macht in Händen halten und daß die Ideen des demokratischen Parlamentarismus, der religiösen, nationalen und _ kulturellen Toleranz sowie der Gleichhreit aller Staatsbürger •in Rumänien ihre Geltung verloren haben. Ob das nerDurlimpieler'Kommt! Minderheitskabinett die Kraft haben wird, sich gegenüber der starken Opposition zu behaupten oder überhaupt sein radikales Programm auf innen- und außenpolitischem Gebiet durchzuführen, das ist eine Frage zweiter Ordnung. Denn man muß bedenken, daß gewisse administrative Maßnahmen, gegen einen TeÜ der Staatsbürger gerichtet, unmittelbar nach ihrem Einsetzen schon so schädliche Wirkungen haben, daß spätere Korrekturen das angerichtete Unheil nur schwer wieder gutmachen können. Die Judenheit Rumäniens und mit ihr die Juden in aller Welt, sind von der Nachricht, daß durch das Regime Goga-Cuza allen antisemitischen Instinkten freie Bahn geschaffen sei, konsterniert. Nun soll also nach Deutschland und Polen der antijüdische Haß-, Hetz- und Vernichtungsfeldzug auch in Rumänien „legalen" Charakter bekommen. Die ersten Aeußerungen der neuen Regierung lassen deutlich erkennen, in welcher Weise die jüdischen Staatsbürger aus dem Erwerbsleben ausgeschaltet, also der Vernichtung preisgegeben werden sollen. Der Ministerpräsident Octavian Goga erklärte nämlich in einem Interview mit dem Londoner „Evening Standard": „Unter der Devise »Rumänien den Rumänen' verstehe ich, daß unser Land das Eigentum unserer Bewohner werden soll und nicht das der zehntausend russischen und polnischen Flüchtlinge. Wir sind Antisemiten aus Prinzip, wir hassen die Juden nicht, aber wir sind entschlossen« Industrie,. Handel, und die akademischen Berufe für die eigenen Landsieute freizumachen. Ich beabsichtige, die Juden aus ihren Stellungen hinauszuwerfen und Rumänen an ihre Stelle zu setzen. Wir werden die Wirtschaft nach dem Muster faschistischer Staaten reorganisieren..." Die rumänische Presse — die demokratischen Zeitungen „Dimineata", „Adeverul" und „Lupta" sind gänzlich verboten — meldet, daß die neue Regierung die schärfsten Maßnahmen antisemitischen Charakters in Aussicht genommen habe und unverzüglich er> greifen werde, und zwar ein Verbot der Mitarbeit von Juden an Blättern in rumänischer Sprache, Aufhebung der Verkaufserlaubnis von Erzeugnissen der Staatsmonopole, wie Alkohol, Tabak, Zündhölzer, für Juden, Revision der Einbürgerungen nach dem Jahre 1923, Enteignung der Juden bei landwirtschaftliehen Unternehmungen, Verbot für Juden, auf dem Lande irgendwelche Geschäfte zu betreiben. Die Art, wie hier die völlige Einschnürung des jüdischen Lebensraumes vorbereitet wird, entspricht den nationalsozialistischen Methoden Hitler-Deutschlands. Allerdings tangieren die projektierten Maßnahmen der neuen Regierung die Rechte aller Minderheiten. Von den 19 Millionen Einwohnern Rumäniens sind 13 Millionen Rumänen, 6 Mülionen Minderheiten. Rumänien ist also kein national geschlossener Staat, sondern ein Nationalitätenstaat, Die stärkste Minderheit sind die Magyaren (1,500.000), an zweiter Stelle stehen die Juden (900.000), dann kommen die Deutschen (780.000), die Ukrainer (720,000), Bulgaren (350.000), Türken (250.000), Russen (150.000), ferner kleine Gruppen von Zigeunern, Polen, Tschechoslowaken, Serben, Ruthenen. Rumänien kann mit seinen nationalen Minderheiten nicht so umgehen, wie es ihm beliebt Es ist völkerrechtlich nach dem bekannten Minderheitenschutz-Ver t.r agvon St. - Germain vom 10. September 1919 zum Schutz seiner Minderheiten in der Weise verpflichtet, daß allen auf rumänischem Boden lebenden Minderheiten, also Magyaren, Juden, Deutsche usw., das Recht auf nationale, religiöse, kulturelle und wirtschaftliche Gleichberechtigung zuerkannt ist. Rumänien wurde aber in den Friedensverträgen (Minderheiten-Vertrag zu Paris vom 9. Dezem- Unsere nächste Ausgabe erscheint wgen efet Donnerstag'Feizrttgts Freitag, den 7. Jänner Nachmittag

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