Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 714 (31.12.1937)
- Date
- 1937-12-31
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 714 vom 31. De2ember 1937 loset Hastem: Jetemias" Die Werke Josef Kasteins, mögen sie welchem Stoff immer gewidmet sein, erscheinen uns nicht bloß als Geschichte im landläufig historischen Sinne; sie sind auch kulturelle Auseinandersetzungen mit der Epoche, deren Darstellung sie dienen, und sie sind in gewisser Hinsicht Menschheitsbücher, mag auch die Einreihung der historischen Persönlichkeiten in bestimmte Kategorien schroffstem Widerspruch begegnen — wie dies beispielsweise bei seiner Schrift Über Theodor Herzl der Fall war. Aber man muß trotzdem bekennen, daß Josef Kasteins Bücher von lebendigem Volkstum erfüllt sind ♦ und die Fähigkeit haben, den Leser zur Ergriffenheit zu zwingen, seine Phantasie hochzuspannen und ihn selbst, diesen kritisch eingestellten und verwöhnten Reitgenossen, zu den schönen Dingen der jüdischen Vergangenheit in Beziehung zu bringen. Um seine große und umfassende Aufgabe durchführen zu können, mußte Kastein sich zunächst eine entsprechende Methode der Darstellung schaffen. Diese Methode besteht darin, daß geschichtliche Vorgänge bis zu einer gewissen Grenze legendarischen Charakter bekommen, legendarische Züge einer historischen Wahrheit angenähert werden. Dadurch wird die Möglichkeit grandioser Analysen und Deutungen gegeben und vor allem — darauf kommt es Kastein scheinbar an — das Schicksal einer Idee als dynamischer Kraft für die Entwicklung eines Volkes in den Mittelpunkt des Werkes („Berichtes"), gestellt. Jeremias ist darum für Kasteins Darstellungsart das geeignetste Objekt. An diesem Propheten erlebt und erleidet Kastein alle Qual und Wollust künstlerischer Nachdichtung. Die Unbedingtheit der Berufung des Jeremias ist für Kastein der Stoff, den er ■— nachbildend — formt und mit einer inneren Beseeltheit und Seligkeit als wunderbar-wunderlichen Verkünder des Gotteswortes in die Welt hinausstellt. Das Wesen der Prophetie in allen ihren Nuancen erkennend, steigt Kastein in die Tiefen der Inspiration hinab: seine Sprache wird schön und kraftvoll, die Konstruktion der Sätze asketisch, das ihm durch den Propheten anvertraute Gotteswort rein und strahlend — „ein in den Knochen eingeschlossenes Feuer", wie Jeremias selbst sein inneres Ringen nennt. < v....;, Unter den Werken über Jeremias (Jirmijahu, den Sohn des Priesters Chilkija) nimmt Josef Kasteins „Jeremias" einen besonderen Platz ein. In diesem Werk geht es um die ewigen, das ewige Problem des Judentums, des Judeseins, des jüdischen Volkes, um die — göttliche Offenbarung. Achäd-Haam, Hermann Cohen, Moritz Lazarus, E. Auerbach haben Schönes und Treffendes über den Propheten Jeremias gesagt. Josef Kastein bringt ihn uns als den Träger einer einmaligen und immer wieder sich selbst gebärenden Idee entgegen, als den Künder des Wortes Gottes und des judischen Schicksals. o. r. Nachstehend vereöffentlichen wir den Anfang des I. Kapitels aus Josef Kasteins „Jeremias", Der Bericht vom.Schicksal einer Idee (R. Löw.it Verlag, Wien und Jerusalem). Vor mehr als zweitausendfünfhundert Jahren, zu einer Zeit, die für die Mehrheit der Völker nichts als graue Urtage der Sage bedeuten, lebte in dem Landstädtchen Anatot, nordwestlich von Jerusalem und nur wenige Meilen davon entfernt, ein junger Mensch mit Namen Jirmejahu. Er ist eben jener Prophet, den älle Völker, die je die Bibel lasen, mit seinem latinisierten Namen Jeremias kennen. Sie wissen — deutlich oder verschwommen — etwas von seinem Schicksal. Sie verknüpfen die Vorstellung von ihm mit dem Bilde, wie er auf den Trümmern Jerusalems sitzt — was er niemals tat — oder mit Klageliedern, die er nie geschrieben hat. Siebenützen in der Sprache ihres Alltags eine - Menge von Redewendungen, von denen sie nicht wissen, daß er ihr Schöpfer gewesen ist: vom Ton in des Töpfers •Hand, vom Schnitter Tod, vom Lamm, das zur. Schlachtbank geführt wird, vom Gott, der auf Herz und Nieren prüft, von der Spreu, die vom Weizen gesondert wird, vom Mohren, der seine. Haut nicht wechseln kann. Sie erinnern ihn als jenen Propheten, den die Maler, und Dichter immer wieder aus dem Helldunkel der Bibel hervorzogen, um irgend etwas an ihm darzustellen: seine Ehrfurcht heischende Gestalt, oder die Würde seiner Erscheinung oder die Bürde seines Amtes. So kommt es, daß er im Bewußtsein der Zeiten und der Völker nie ganz gestorben ist. Das ist gewiß ein großes Schicksal, so über mehr als zweitausend Jahre erinnert zu werden. Und doch ist es zu gering. Dieser Gestalt kommt eine zeitlose Bedeutung zu; nicht nur für das eigene Volk, sondern für alle Völker. Für das eigene Volk steht dieser Jirmejahu in der Stunde der Katastrophe und der Neugeburt im Angelpunkt einer Geschichte, die von da an nicht mehr zu Ende gehen will und vor deren Dauer und Vielfalt einem ■ der Atem stockt. Und für die Völker, die guten Willens sind, ist er der große: Lehrmeister, der aufzeigt, wie man einen lebendigen Sinn in eine Gemeinschaft hineintragen kann; einen Sinn, der nicht dem Tode ausgeliefert ist und mit dem man ein Volk zeitlos und unsterblich wachen, kann. Sieht man darauf, wie die Geschichte des rätselhaften Judenvolkes sich einem, neuen Anfang zuwendet, und wie die Geschichte der Völker ringsum sich aus der Hoffnungslosigkeit ihrer Wege zu ungeahnten Katastrophen verdichtet: ist dann nicht Grund .genug gegeben, eine solche Gestalt über die Jahrtausende hin zu beschwören, um ihr in der Gegenwart einen lebendigen Raum freizumachen? Doch genügt, um diesen Raum zu gestalten, keine Erfindung und keine Erdichtung. Der Weg zur Wahrheit dieser ewigen Gestalt geht über eine Kärrnerarbeit, die aus dem Wust von Zutaten und Einfügungen, von Auslassungen und Irrtümern den Kern herausschält. Denn Jahrhunderte haben am Buche Jirmejahu gearbeitet, und man spürt — selbst dann noch, wenn es Verfälschungen sind —, daß es der Dank der Nachwelt sein soll für den großen Geist, dem nichts, gar nichts, in seiner Gegenwart und Lebensspanne gelang, der als der ärmste und erfolgloseste Mensch der Welt gestorben ist; und dem doch — über seinen Tod hinaus und in die Zeiten hinein — das Wunder der Unsterblichkeit eines Volkes gelungen ist. „Jirmejahu, Sohn Chilkijahus, von den Priestern, die in Anatot im Lande Binjamin waren." Mit dieser knappen Auskunft überliefert uns seine Zeit, was sie von Ort und Raum seines Herkommens für mitteilenswert hält. Das mag dem Historiker, der für den Bau seines Weltbildes nach Einzelheiten gräbt, eine geringe Ausbeute sein. Für den Menschen von damals sagte es genug. Er hatte daran eine Menge von Anhaltspunkten und Beziehungen, denn sein Denken war angefüllt mit historischem Wissen und historischen Beziehungen. Es genügte, eine solche kurze Andeutung hinzuwerfen, um. ihnen den ganzen Raum seiner Eanstenz mit einem Schlage sichtbar zu machen. Von Anatot'wußten sie aus der Tradition, daß es einer der dreizehn Priesterorte war, die im Buche Jehoschua aufgezählt sind. Er war auch für sie mit einem einprägsamen, geschichtlichen Bilde verknüpft: der junge Sch'lomo, der Legendenkönig, ist gerade eben auf den Thron gekommen. Jetzt rechnet er unter dem Deckmantel der Sohnesliebe mit seinen persönlichen Gegnern ab. Einer der ersten ist Ebjatar, der Hohepriester aus dem Geschlecht der Eliden. Er kommt gerade noch mit dem Leben davon. Ein lakonischer und despotischer Befehl schickt ihn in die Verbannung: „Nach Anatot geh, auf deine Felder, denn du bist ein Marin des Todes..." Und von da an sitzt die Priesterfamilie, ohne Rang und Ansehen, bescheiden auf ihrer Scholle; tind wenn auch nicht jedem Hörer sofort erkennbar war, daß Jirmejahu ein später Nachkomme dieses Ebjatar war, so war doch das allgemeine, das gegenwärtige Bild schon bei der Nennung des Namens Anatot und des Wortes Priester eindeutig umrissen: die Vorstellung einer alten Lewitenstadt mit einem Heiligtum darin; vielleicht auch nur mit einer Steinsäule, der. Mazeba, oder dem Pfahl, der Aschera; immer aber mit einer Schlachtstätte, einem Altar, auf dem die Opfer der lokalen Kulte dargebracht wurden. Und an solchem provinziellem Heiligtum — einem .von sehr vielen — amteten Priester aus jenem 'Stamme, von dem man gar nicht mehr Wußte, daß er einmal vor Jahrhunderten ein Stamm wie alle anderen auch gewesen war, mit seiner Sippe und seinen Aeltesten und seinem Hunger nach einem Stück Boden, darauf seßhaft zu werden und die Wüste zu vergessen. Man hatte längst das Ergebnis einer Entwicklung akzeptiert, deren Zwischenglieder sich im Dunkel verloren hatten und die als Sichtbares eine Gruppe, einen Stand, eine Kaste von Menschen aufwies, die hier und da ihren privaten Bodenbesitz haben mochten, die aber doch im Sinne der Gruppe und des Stammesverbandes nicht angesiedelt waren. Sie galten, selbst wenn sie kleine Grundbesitzer waren, noch aus dem Leben des Erwerbes abgesondert zu jenem Dienst, dessen die Menschen bedurften, um den kultischen Teil ihres alltäglichen Daseins in rechter Weise zu erfüllen. Aus solchem Amte genossen sie mehr Ansehen als Einnahmen und hatten — in sich mit Tradition gesättigt — mehr Kenntnisse als Vermögen. Wer in solchem Umkreis geboren wurde, trug — auch wenn er das Priesteramt nicht selber ausübte — schon viele Züge an sich, die ihm für das Auge des Betrachtenden einen Umriß gaben. fascUicUte dec Juden Ein Werk von B« Miifmelstein, Verlag Josef Bell (Wien) Belm Erscheinen irgend einer „Geschichte der Juden" fragen wir uns immer: Was ist das Neue an diesem Werk? Oft ist die Beantwortung dieser Frage sehr schwer. Denn viele Geschichtsschreiber begnügen sich mit bloßen Kompilationen, so daß ihr Werk eigentlich die mechanische Wiedergabe eines vorangegangenen ist. B. Murmelstein hatte den fruchtbaren Gedanken(/<die Geschichte der Judön in vier Jahrtausend e.einzuteilen. Diese Einteilung, erscheint durchaus gerechtfertigt. Denn die Judenheit stand ungefähr am Beginn eines jeden Jahrtausends vor einem neuen Markstein ihrer Geschichte. 2000 - v; d. . Z. wanderte Abraham nach Erez, Israel eint 1000 y, begründete David Neu et richtet! fir fei Zeichner II, Komödiengasse Nr. 10 das jüdische Staatswesen, am Beginn der neuen Zeitrechnung begann die Diaspora, 1000 n. d. g. Z. — der Beginn der jüdisch-spanischen Epoche und heute, am Ende des zweiten Jahrtausends, stehen wir vor dem Wiederbeginn eines nationalen Lebens in Erez Israel. Eine solche Einteilung gewährt einen prägnanten und leichtfaßlichen Ueberblick über unsere Geschichte, und das Lehrbuch wird zum Lesebuch — zur richtigen Geschichte. Die letzten Forschungsergebnisse und auch die eigenen Studien ermöglichen ein neuartiges Urteil über bestimmte Geschichtsperioden. Da der Verfasser Dozent eines Rabbinerseminars ist, hat er selbstverständlich auch die Religion als wesentliche Geschichtskomponente hervorgehoben. Neu ist an Murmelsteins Werk der Sinn, den er der jüdischen Geschichtsdarstellung gibt. Dieser Sinn wird am besten durch die Sage wiedergegeben, nach welcher der Prophet Elia als himmlischer Geschichtsschreiber auf Häuten der Opfertiere die täglichen Geschehnisse des jüdischen Lebens verzeichnet. Der Gedanke, daß eine Geschichte der Juden die Darstellung eines ununterbrochenen, ewigen Opfers ist, muß jedem Beobachter treffend erscheinen. Die jüdische Geschichte befindet sich heute vor demselben kategorischen Imperativ, mit dem sie begonnen hat: „Auf in das Land!" Dieser göttliche Ruf an Abraham hat die Geschichte des ersten Jahrtausends eingeleitet und er gilt auch uns am Schlüsse des vierten Jahrtausends. Das ist der Ausgangspunkt und der Endpunkt des Fadens, an dem wir durch das Labyrinth von vier Jahrtausenden jüdischer Geschichte schreiten: Von den Stammvätern bis zu den Königen, von den Königen bis nach Jabne, von Jabne bis nach Kordova, von Ost nach West und von West nach Ost. Den Wert des Buches erhöht zweifellos die prächtige Ausstattung, die der Verlag Josef Belf beisteuerte: Lexikonformat, in Leinen gebunden, „. mit zahlreichen Tafeln und Bildern. B. Murmelstein hat ein Standardwerk der jüdischen Historiographie geschaffen, wofür ihm Dank und Anerkennung (ebenso wie dem Verlag)] gebührt. Dr. J. Z. K. , Thealer Jüdische Künsllerspiele Für Freitag, den 31. Dezember, wurde die Operette aus dem chassidisöhen Leben „Die Neschume . fin mein Volk" von Tomaschewsky und Schloßfoerg. mit Sevilla Pastor in der Hauptrolle angesetzt. Das chassidische Milieu mit seinen bunten Kostümen und original jüdischen Liedern kommt in diesem reizenden Stück zur vollen Geltung. Außerdem wirken an diesem Abend iitt SoloteÜ erstklassige Kunstkräfte (Viktor S c h 1 e s i ng e r als Conferencier) mit. Kartenbestellungen Telephon; Nr. R-45-4-94. „Die Neschume fin mein Volk" gelangt am Samstag und Sonntag sowohl nachmittags wie abends zur Aufführung. Zweite Werbevorstellung: Die große Revue „Hallo, hier Radio Jerusalem!" Dienstag, den 4. Jänner mit Sevilla Pastor. Ermäßigte Preise. Karten rechtzeitig sichern. Jüdisches J&ultuftheater Täglich, 20 Uhr (Sonn- und feiertags auch als Nachmittagsvorstellung), 15.30 Uhr), „Uriei Acosta", Schauspiel in fünf Aufzügen von Karl Gutzkow. — Freitag, den 31. Dezember, wird außerhalb des Spielplanes „Jakob und Christian" gegeben, eine Komödie von 5. Gronemann, die in dieser Saison einen Serienerfolg, erlebte. Die Aufführung der Komödie beginnt um 19 Uhr. Paul Muni Im Jüdischen Kulturtheater. Paul Muni, der zu kurzem Besuch in Wien weilte, wohnte Dienstag mit seiner Gattin einer Vorstellung des Schauspiels „Uriel Acosta" von Karl Gutzkow im Jüdischen Kulturtheater bei. Der Künstler spendete der Darstellung, der Regie und dem Bühnenbild wiederholt Beifall. Nach der Vorstellung dankte Muni den Schauspielern auf der Bühne in begeisterten Worten für den hohen Kunstgenuß, den sie ihm bereitet haben und betonte, er müsse auch die geistige Kraft rühmen, in einem so beschränkten Raum ein Werk wie „Uriel Acosta" so hinreißend zu spielen. Als Jude müsse er der Organisation, die ein so wertvolles soziales und kulturelles Werk, wie das Jüdische Kulturtheater aus eigener Kraft geschaffen und erhalte, seine Freude und seinen Dank aussprechen. Theater in der Josefstadt: „Südfrüchte." Diese reizende Komödie Birabeaus behandelt in echt französischem Geist und Stil eine heute besonders aktuelles Problem — die Rassenfrage. Der Dichter beschreibt das Schicksal des Negerjungen Noah, dessen plötzliches Erscheinen eine kleine Stadt in Aufruhr bringt. Die Josefstadt bringt eine Ensemblewirkung, wie sie nur dieses Theater bieten kann. Besonders beachtenswert die Darsteller der vier Kinderrollen, ferner E d thofer, Stössel und Adrienne G e ß n e r. Trauerfeier für Univ.-Prof. Dr. Max Eisler. Donnerstag, den 6. Jänner .1938, 6 Uhr abends, veranstaltet der Wiener Talmud-Thora-Schulverein in seiner Schule, II., Malzgasse 16, eine Trauerfeier für sein verblichenes Vorständsmitglied, Herrn Univ.-Prof. Dr. Max Eisler, s. A. Freunde und Verehrer des Verstorbenen werden auch auf diesem Wege zu der Gedenkfeier geziemend eingeladen.