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Die neue Welt · 1937-12-24 · Heft 712 (24.12.1937) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 712 (24.12.1937)
Date
1937-12-24
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Dm itfft£ ws^ Nr« 712 vom 24. De*embef 19ST Leistungen des Spitals der Wiener Judengemeinde Die Ausgestaltung de» Spitals der Kuttu$ge»tAääe CRothschild-Spital) unter der administrativen Leitung des Dr. A. Rasch k es und des öbmännes der Spitals* kommission, Dr. J. H. Körner (der schon im Altersheim Vorbildliches geleistet hat), ist in einer Weise durchgeführt worden, die den Verantwortlicheft Faktoren, insbesondere dar zionistischen Leitung der Kuttuagemeinde, nur Ehre und zur Genugtuung gefeiöftt. Was nftcn MAß* gab« der vorhandenen Mittel an Neuetattchiungen, Vit* Besserungen, Erweiterungen zu schaffen mögaich war» ist geschehen, so daß heute das Wiener jüdische Spital als Muster Institut ersten Ranges gelten kann. Die Herzstation, die Radiumabtellvmg, dfts erweiterte Röntgeninstitut, der erweiterte Operatiotissaal, das musterhaft bewirtete Ambulatorium — all das begründet ilen internationalen Ruf dieses jüdischen Instituts, und es ist zu hoffen, daß es Dr. J. H. Körner gelingen wird, auch sein weiteres Ausgestaltungsprogramm durchzuführen. Die nachstehenden Einzelheiten mögen ein Bild des Geschaffenen geben: Ü*n Spital vertäft über 256 fietteh, die auf Mgenät Abf-eUtiagen *af getollt sind: I. med. Abteilung < Primaria« Professor Dr. Herbert E 1 i * i), It. med. Abteilung: (Primarius Professor Dr. Leo ff e ß), chlrorglsfhe Abtctlnnf (Primaflug Odiertt Dr. Waldemar Ooldsohmidi), urologische Abteilung (Prlmarln» Dr. Theodor Raimund Sc hw»rzwtld), dftrmatOlOfttth« Abtellnnf (Primarius Professor Dr. Haas K8ftlfc«te i n), tynakologitohe Abteilung: (Primarius TJoteAt Dr. Albert B1 ä u). Ab* tellndf; für Herzkrankheiton (Primarius Oote&t Dr. ti. 8<Jherf). Außerdem sind dem Spital angegliedert: «In Röntgeninstitut (Vorstand Dr. Jonas Bora Jt), Institut f&r tt ä d t u nv behandlong: (Vorstand Dr. Wilhelm Se&löÖ), Pro»ehiur und histologisches Laboratorium . (Vorstand Dötcnt Dr. Theodor Bauer), ferner folgende Ambulatorien: für Hai»' und h'asenkrankheiten (Prim. D?. Kort T « e K 1 M i a }'), für Öhrenkrankheiten (Vorstand Dr. Martin Buchband), für Augenkrankheit«» (Vorstand Dr. Max Meißner), für Xerv*nkr»nklUH«i (Vorntand Doktor M. Inf e l d). Die Anzahl der Angestellten des Spitals beträgt 149, darunter & Assistenten und 10 Sekundtrtrtte; überdies arbeiten im Spital 3 Ambulantassistcnten. » Um Jungen Aerxten die Ausbildung im Beruf tu ermöglichen, hat der Kultusvorstand beschlossen, 2$ Aspiranten tu« mlassea. Unter 4ft Pflegerinnen und 71 sonstigen* naefi dem Kollektivvertrag angestellten Personen befinden sioh - 60 christliche Angestellte. Im .Iahte lttV erfolgten umfassende Inrestitlonen, unter Anderem die vom KuHnsvorstand durchgeführte Krvrelternng des Spitals durch Angllederung einer Herr. Station und des Jtftdlnminstitnts, Neueinrichtung der Ambulanten. Anschaffung eines Elektro-Cntors, Vermehrung der Apparat« zur Ermittlung des orundumsatzes und die Installation einer Psntaphoslenehte Im Operationssaal. . Die Kahl der Patienten stieg ton 25.17 im .1ahre lASti auf bis Ende November 1*37. Demzufolge erhdht« sich auch die Zahl der Verpflegstage von 53.132 im Jahre ld36 auf «0.57« bis Ende ttotember 1937. Für die Im Spital untergebrachten unbemittelte« Patienten mit 14.784 Verpfleg-stagen trlgt. die rlültusgemeinde im lUhmen der von Ihrer Fftrsorge/entrale geführten Rrankenfftrsorge die Äostea Im Betrag ton Uber S Joo.nöO.—. . Di* Zahl der ambulanten Patienten betrug im .iahte 193? 30.000 und die der durchgeführten Operationen 1383, die Zahl der Röntgensutreisuugen für Zwecke der Diagnose t.WO und für Zwecke der Therapie (SO. Da» Spital steht auch Patienten anderer (»lanbensbekenntniSHe snr Verfügung. Die Im Spltol titigen Aent«, welche sieh inner- und außerhalb Oesterreichs eine« ausgeeeichneten Rufes erfreuen, und die bestehenden mustergültigen Einrichtungen bilden auch eine Anziehungskraft für die im Ausland lebenden Patienten, deren Zahl ift den elf Monaten des Jahres 1937 auf TIS angewachsen Ist. Mit RUcksicht darauf, daß mit den Patienten meistens auch Begleitpersonen nach Wien kommen, die in Hotel« und Pensionen Unterkunft finden, kann man sagen, daß das, Spital auch für den Fremdenverkehr in Oesterreich Propaganda leistet. * Äußer dem Spital am Wl»hrlnger Gürtel erhalt die Kultusgemeinde eine Spitalsabteiinn g im Altersheim, IX, seegssse 9. mit 220 Betten, die mustergültig geführt wird und unter der Leitung des Primarius Do«enten Dr. Rudolf -S t r i S o« «re r steht. Der Spitalsbetrieb der Kultusgcmeinde verfügt daher über m Betten. Die Spitalsabteilung des Altershelms verfügt auch über ein im,Jahre 1937 neuerrichtetes chemisches Laboratorium und einen elektrischen Kardiographen; alle sonstigen ärztlichen Untersuchungen der Insassen des Altersheims Werden im Spital am Wahringer Gürtel durchgeführt. Die baulichen Adaptierungen im Spital und im Altersheim wurden vom Technischen Amt der Kultusgemeinde unter Leitung des Zivilarchitekten Leopold Ponton durchgeführt. Die antisemitischeAktion dauert unvermindert an Aus London: Auf der Tagung des Böard of Deput.ies erstattete der Vorsitzende des Joint Foreign Comraittee, Leonard G. Montefiore, den Bericht des Joint Foreign Committee. Verschiedene Leute, sagte er, die Deutschland letzthin besucht haben, älrid der Meinung, daß der Antisemitismus dort im Abflauen begriffen sei. Sie hätten zum Beispiel weit seltener Aufschriften „Juden sind hier nicht erwünscht" gesehen. Er glaube wohl, daß viele Deutsche tatsächlich den Antisemitismus mißbilligen. Andererseits* ist die S t ä a t s m a s c h in e r i e in voller Tätigkeit und die antisemitische Aktion in Deutschland dauert unvermindert fort. Was die Frage betrifft, ob mit Ablauf dieses Jahres die Pässe der deutschen Juden zurückgezogen werden, so könne man noch nichts voraussagen. Gegenwärtig ist es so, daß, obwohl in den einzelnen Bezirken Deutschlands der Vorgang verschieden ist, Juden im allgemeinen nur Pässe bekommen, wenn sie endgültig auswandern. Außerdem bürgert sich immer mehr der Brauch ein, daß Juden ihre Pässe abzuliefern haben, auch wenn deren Gültigkeit noch nicht abgelaufen ist, und diese nur unter der Bedingung zurückerhalten, daß sie für immer däs Land verlassen. Die Politik der deutschen Regierung, sägte Montefiore, ist widerspruchsvoll. Einerseits will man die Juden löswerden, andererseits legt man ihnen dabei Schwierigkeiten in den Weg. Neu errichtet! rl Z ei c h n e r 0, Komödiengasse Nr. 10 Primitive Methoden des äntijüdischen Kampfes, wie sie etwa in Danzig angewendet werden — ^rtrümmerung von Fensterscheiben jüdischer Läden und Plünderung von Waren —, kommen in Deutschland nur gelegentlich vor. Indirekte Methoden sind gleich wirksam und erregen weniger Aufsehen. Infolge der fortschreitenden Verarmung der Juden, kommt es.z. B. häufig vor, daß jüdische Kaufleute nicht in der Lage , sind, die Steuern zum festgesetzten Terrhln zu entrichten. In solchen Fällen werden ihre Geschäfte durch polizeiliche Verordnung zwangsweise verkauft. Manchmal wird der Eigentümer des Geschäftes mit der Begründung, er habe gegen die Währungsvorschrifteri verstoßen, verhaftet und nur dann auf freien Fuß gesetzt, wenn er verspricht, das Land zu verlassen. Immer unhaltbarer wird die Lage der in jüdischen Händen befindlichen Industrieunternehmungen, die auf Versorgung mit Rohstoffen angewiesen sind, da die zuständige Regierungsstelle das Recht hat, das Quantum de« zur Verfügung zu stellenden Rohmaterials auf ein Minimum zu reduzieren und von diesem Reoht auch Gebrauch macht. Dennoch schreitet dem Organ der SS., „Schwarzes Korps", der Prozeß der Vernichtung jüdischer, Industrieunternehmungen durch Sperrung der Zufuhr von Rohstoffen nicht schnell genug fort. Vor kurzem erschien. in dem Blatt ein Artikel, in dem darüber Klage geführt wurde, daß jüdische Unternehmungen überhaupt noch Rohstoffe bekommen. Da es den Beamten der zuständigen Regierungsstelle ratsam erscheint,. Winke, die von einer solchen Seite, her kommen, nicht unbeachtet zu lassen, muß man damit rechnen, daß sie entsprechend handeln werden. In letzter Zeit befaßt sich die Gestapo wieder eingehend mit den etwa 30.000 staatenlosen, bzw. durch Ausbürgerung staatenlos gewordenen Juden in Deutschland. Der übliche Vorgang ist der, daß dem staatenlosen Juden mitgeteilt wird, seine Ai-beits- und Aufenthaltsbewilligung sei abgelaufen und er habe das Land binnen 1'4 Tagen zu Verlassen. Da kein europäisches Land heutzutage Staatenlose aufnimmt, stehen die staatenlosen Juden in Deutschland vor 'der Alternative: K6 n z en t r a ti on s 1 age r in Deutschland wegen Verstoß gegen den Ausweisungsbefehl oder Gefängnis im Nachbarland wegen illegaler Grenzüberschreitung. ' »; Auf dem Gebiete von Industrie und Handel schreitet die „Arisierung" rapid fort. Besonders gilt dies für die Textilbranche. Heutzutage befindet sich nur mehr ein einziges großes Warenhaus in Berlin in jüdischen Händen. Aber schon verlautet, daß das Haus zu Beginn des kommenden Jahres aus „städtebaulichen Gründe n" niedergerissen werden wird. Ein Erpresserlridc Aus Zürich: Da« „Israelitische Wochenblatt für die Schweiz" schreibt unter dem Titel „Warnung vor einem deutschen Trick": „Von zuverlässiger Seite werden wir auf folgendes Vergehen der Gestapo in Deutschland aufmerksam gemacht. Plötzlich erscheinen in den Wohnungen von Juden Gest&pobeamte, die versuchen, herauszubekommen, ob der Betreffende im Ausland Gelder hat. Durch Einschüchterungsversuche wird der Betreffende gezwungen, mitzuteilen, mit wem er in der Schweiz oder sonst im Ausland korrespondiert. Dahn muß er entweder bei dem Schweizer Freund sofort ahtelephonieren oder expreß an die Adresse im Ausland schreiben: „Bitte mir sofort den Stand meines Kontos anzugeben." So hofft man, feststellen zu können, wer etwa Devisen im Ausland besitzt. — Es handelt sich um keine Greueln ach rieht, sondern um eine' seriöse Information. Wer also einen solchen*Brief erhält, TpeiÄ, wäs er davon* zu halten hat: Nicht verblüffen lawen!" General Ludendorff Am 20. Dezember ist General Ludendorff im Alter1 von 72 Jahren in München gestorben. Erich Ludendorff war einer der großen militärischen Führer im Weltkriege. Bei Kriegsausbruch wurde er Obernuartlermelster der II. deutschen Armee und nahm an der Erstürmung Lüttichs teil, die von General Duesterberg, der väterlicher- und mütterlicherseits bekanntlich von Juden abstammt, geleitet wurde und tfie der erste große Sieg der deutschen Waffen im Kriege war. Ludendorff nahm im Kriege keine ausgesprochen antisemitische Haltung ein. Dagegen erlangten antisemitische Offiziere in seiner Gefolgschaft einen gewissen Einfluß. Diese setzten die sogenannte „Judenzählung" in der deutschen Armee im zweiten Kriegsjahr durch, die ein Ergebnis zeltigte, welche* für die Juden in keiner Weise nachteilig war. Die gleichen Einflüsse waren maßgebend, als im Jahre 1916 im Hauptquartier Ludendorffs in Polen der Plan auftauchte, die polnischen jüdischen Massen auf alte und seeuntüchtige Transportschiffe und Barken zu verladen und diese den feindlichen Kriegsschiffen und Torpedobooten entgegenzuschicken. Einerseits wollte man damit eine Barriere schaffen, hinter der sich die deutsche Flotte besser formieren könnte, andererseits erwartete man, daß die feindlichen Flottenkommanden davor zurückschrecken würden, auf hilflose Menschern zu feuern; durch ein solches Zögern wäre dem deutschen Flottenkommando ein Uebergewicht verliehen worden. In Berliner jüdischen Kreisen herrschte, als man von diesem Plan erfuhr, Entsetzen. Eine jüdische Abordnung unter Führung des damaligen Präsidenten des Hilfsvereins der deutschen Juden, Dr. Paul Nathan, begab .sich eiligst in das Hauptquartier im Osten, sprach bei Ludendorff vor und warnte ihn vor einer solchen Maßnahme, die dazu angetan wäre, dem deutschen Ansehen in d»»r ganzen Welt einen nicht wieder gutzumachenden Schlag zu versetzen. Bekannt und viel beachtet war ein Aufruf, den General Ludendorff im dritten Kriegsjahre in j i d d ischer Sprache in allen Orten des okkupierten Gebietes im Osten plakatieren ließ. Der Aufruf trug die Ueberschrif t „Zu meine üben J i d e n in Pole n". In ihm versprach der Feldherr den polnischen Juden allerlei Vergünstigungen unter der deutsqben Okkupation und späteren Herrschaft; gleichzeitig erhoffte cv. daß die Juden den deutschen Waffen. alle mögliche Hilfe angedeihen lassen werden. Dieser Autruf hatte, als später die Russen das von den Deutschen okkupiert gewesene GehW. wieder besetzten, die Wirkung, daß die rachelüslc; n«. zaristische Soldateska zahlreiche Juden unter der B eschuldigung der Spionage quälte und hinrichtete. Als der Krieg für Deutschland verloren war, flüchtete Ludendorff mit der berühmten ..blauen Brille" unerkannt über die Grenze nach Schweden. Kurz danach ermöglichte, ihm die Weimarer Regierung die Rückkehr nach Deutschland. Von da an betätigte er .«ich a k t i ▼ antisemitisch. Wohl, um dio Schuld an der Niederlage des deutschen Heeres von sich abzuwälzen, erfand er die „Dolchstoß-Legende", die zwar in der Hauptsache die deutsche Arbeiterbewegung treffen sollte, gleichzeitig aber auch ein eminent antisemitisches Ziel hatte und nach dieser Richtung auch sehr stark wirksam Wurde. Später verdichtete Ludendorff seine antisemitische Kon-, zeption zu der Legende von den „überstaatlichen Mächten" (Judentum und Katholizismus), die sich zur Nledeiringung Deutschland verschworen und ihr Ziel durch die „vorläufige" deutsche Niederlage auch il. Kl. Pfarrgasse 21 Tel. A-43-5-19 Cafe Buchsbaum Bürgerliches Familiencafd. In- und uutlandische Zeitungen. Separierter Raum für geschlossene Gesellschaften. Herabgesetzte Preise. Mokka 45 Groschen, Melange 50 Groschen. [ erreicht hätten. Durch diese Haltung hat Ludendorff den mehr als 100.000 deutschen Juden, die unter seinem Kommando kämpften und von denen 12.000 auf den Schlachtfeldern ihr Leben ließen, die Treue gebrochen, sie verleugnet und diffamiert. An der heutigen entsetzlichen Lage der Juden und der ehemaligen jüdischen Frontsoldaten in Deutschland trägt Ludendorff einen großen Teil der Schuld. Einen starken Ansporn zu seiner antisemitischen:. Betätigung erhielt Ludendorffvon seiner Gattin Mathilde, geb. Kemnitz. In den von dem Ehepaar Ludendorff herausgegebenen Zeitschriften „Volksw arte", „Ludendorffs Wochenblatt" und „Am heiligen;Quell deutscher Kraft" wurden immer wieder Runen, Zeichen und Symbole abgedruckt, die die „teuflischen Pläne" der „internationalen Juden" versinnbildlichen sollen.; Das Welturteil hat General Erich Ludoendorff, der* ■die Regierungen Wilhelms II. immer wieder an der Abjschließung eines vernünftigen Friedens zu hindern wußte, mit der historischen Schuld für die unnötige Verlängerung des Weltkrieges belastet; nicht minder groß ist seine moralische Schuld an der gegenwärtigen unsagbar traurigen Lage der Juden in Deutschland,, der Eitern, Geschwister und Kinder jener 100.000, die unter. Lüdendorffs Kommando gekämpft haben und der 12.000* die nicht mehr zurückkehrten.

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