Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 711 (21.12.1937)
- Date
- 1937-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 711 *om 21. Dezember 193? DtS NEtiE WELT Seite S Bericht über da§ Ifidisdte Geateflncfeftpi'tal Montag, den 20. Dezember, fand im Spital der IferaeUtischen Kultusgemeinde Wien <Rothschlld-Spital) «ine Pressekonferenz stapfe, die Aufklärung über die Leistungen, den Betrieb und die durch die Erfordernisse Öer Zeit notwendig gewordene Erweiterung des in der ganzen Welt bekannten Instituts gab. Man kann ohne trebertreibung sage», daß das unter der administrati/en Leitung des Gencrajötabsarztes i. R. Dr. A. Raschkes Stehende Spital au den mustergültigsten Ansialten dieser Art gehört. DepHauptanteil an der im letzten Jahr durchgeführten Erweiterungen und Vcrbajflerupgen gebührt unbestritten dem Obmann der Spitalskommission Dr. I. H. Körn,er, der mit einem Fanatismus und einer Hingabe ohnegleichen die Neuanführqngen angeregt und zur Purehfflhrung gebracht hat. Dr. I. H. Körner, hat es verstanden, mit Takt, Verständnis und fachlichem Wissen die Umfassenden Investitionen durchzusetzen, und setzt seine erfolgreiche humanitäre Tätigkeit mit unvermindertem .«ttfer fort. Der Außenstehende, der etwa als Patient oder Besucher in den Betrieb des Spitals einen Blick tut, hat keine Vorstellung von der Leistung, die hier seitens des Kultusvorstandes geleistet wird. Der Betrieb erforderte im Jahre 1937 einen Aufwand von S 900.000.—; eine gewaltige Summe im Vergleich zu den finanziellen Kräften der verarmten jüdischen Bevölkerung Wiens. Wir werden in unserer nächsten Ausgabe alle auf der Pressekonferenz mitgeteilten wissenswerten Einzelheiten veröffentlichen. G&rings Kranz Aus Paris: Die hier erscheinende „Deutsche Freiheit" schreibt: „Das Totenzimmer von Suzanne Deutsch de la Meurthe, der bekannten französischen Fliegerin, die in der vergangenen Woche zur letzten Ruhe gebettet wurde, glich einem Blumengarten ---: zwei große Kränze fielen besonders auf. Den einen hatten die italienischen Flieger ihrer französischen Kameradin gestiftet, und der andere kam, wie »eine Bandschleife besagte, von den „Aviateurs a 11 emands", also von dem deutschen Flieger-Verband unter Gö rings Führung. Das wäre an und für sich nichts Besonderes irM nicht weiter verwunderlich, wenn nicht Suzanne Deutsch de la Meurthe — Volljüdin gewesen Wäre, die auch nach dem Ritus ihrer jüdischen Vorfahren begraben wurde. So kam es, daß ein Rabbiner seine Totenrede über dem Kranz der deutschen FUegerorganisation Hermann Görings, die antisemitisch und rassewütig zu sein hat, hielt... Hätte Suzanne Deutsch de la Meurthe das Unglück gehabt, zu Hitlers Zeiten Deutsche zu sein und in Deutschland zu wohnen, so wäre ihr nicht Kranz und Schleife zuteil geworden, vielleicht aber — das Konzentrationslager oder die Vertreibung." fttadt dem Umsturz in ESras&lien Aus B u e n o s A i r e s (J. T. A.): Professor Doktor Aaron Bkerraan, der als Delegierter des Kongresses der Wissenschaftler aus Rio de Janeiro in Buenos Aires eingetroffen ist, erklärte in einem Gespräch mit dem J.-T.-A.-Vertreter, Präsident Vargas (Diktator) werde Antisemitismus oder Judenverfolgungen in Brasilien keinesfalls dulden. Prof. Ekerman erklärte weiter, es sei unwahr, daß jüdische Emigranten aus Brasilien deportiert wurden. Die Regierung Vargas sei den Juden freundlich gesinnt. Er unterstrich die Tatsache, daß die Regierung Vargas die Partei der Integra 1 i s t e n, 4. s. die brasilianischen Faschisten, die eine antisemitische Agitation in Brasilien führten, verboten hat. Diesen Ausführungen des jüdischen Gelehrten ist entgegenzuhalten, daß die von der J. T. A. gemeldete und kürzlich erst von Reuter bestätigte Ausweisung von 2000 jüdischen Brasilien-Einwanderern aus Deutschland bisher nicht zurückgenommen wurde. Ebenso besteht noch das Verbot der Ansiedlung jüdischer Einwanderer aus Deutschland in Brasilien durch'die ICA. Ghcttobiinko — im rumänischen Parlament Ans Bukarest (J. T. A.): Der Sprecher der rumänischen Deputiertenkammer, N. N. Saveanu, teilte den Parlamentsberichterstattern mit, daß beim Zusammentritt .des neugewählten rumänischen Parlaments im Februar die jüdischen Berichterstatter in einer b esonders für sie bestimmten Loge werden Platz nehmen müssen. Ferner wird ihnen das Betreten der Wandelgänge verboten sein. Diese Maßnahme sei getroffen worden, um Zusammenstöße zu vermeiden, die durch antisemitische Abgeordnete, deren es im kommenden Parlament voraussichtlich eine beträchtliche Zahl geben werde, hervorgerufen werden können. Drei Todesurteile Das MJÜtilrgerickt verurteilte einen Araber, der mit einem Revolver in der Hand angetroffen wurde, zum Tode, Acht Mitglieder seiner Familie wurden als Mitschuldige sctj lebenslänglichem Kerker verurteilt. Der Krirainalgerlohtehof in Jerusalem verurteilt« die Araber Abu Tkhln und Muhammad Jabar, die am Ä. Februar d. J. den jüdischen Chauffeur Mendel Minz auf der Straße Nathania—-Tel-Aviv bei Kfar Saba ermordet hatten, zum Tode. Wie ifelf fei um die Juden Deut$€hland$? Aus Paris wird berichtet: Das europäische Büro des Joint Distribution Committee veröffentlicht einen umfangreichen Bericht über die Tätigkeit des Zentralausschusses für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland. In dem Bericht, der die Zeit vom 1. Jänner bis 30, Juni 1937 umfaßt, wird betont, daß lokale Bemühungen nicht ausreichen, um die Arbeit des Zentralausschusses jetzt oder in Zukunft aufrechtzuerhalten, und daß daher die Zusammenarbeit der großen internationalen jüdischen HUfsorganisationen hierzu nötig sei. Ende 1936 gab es in Deutschland 392.350 Juden, gegenüber 418.985 Ende 1935 und 499.628 bei der letzten Volkszählung am 16. Juni 1933. Die jüdische Bevölkerung in Deutschland ist daher in den dreieinhalb Jahren von Juni 1988 bis Dezember 1936 um 107.278 Seelen zurückgegangen. ' Der Bericht stellt ein andauernde Verschlechterung der Lage der Juden in Deutschland infolge des wachsenden Tempos, in welchem der Prozeß der Liquidierung jüdischer Geschäfte vor sich geht, fest. Die Lage der jüdischen Angehörigen freier Berufe ist geradezu verzweifelt. Das schnelle Sinken der Zahl der jüdischen Bevölkerung in Deutschland ist am deutlichsten sichtbar an der Verringerung der Zahl der Juden in den Kleingemeinden durch Auswanderung und Abwanderung in die großen Städte. Die Landesverbände der jüdischen Gemeinden sind mit Verhandlungen Uber den Verkauf von Synagogen und mit anderen Liquidationsmaßnahmen vollauf beschäftigt. Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden steht gegenwärtig mit über 100 Gemeinden wegen des Verkaufes von Synagogen in Verhandlung. Infolge der Abnahme der Zahl der jüdischen Bevölkerung sinken auch die Einnahmen des Zentralausschusses. Nur durch äußerste Anstrengungen und größte Opferbereitschaft können unter den gegenwärtigen. Umständen in Deutschland noch ansehnliche Befrage für das soziale Werk aufgebracht werden. Im ersten Halbjahr 1937 verließen insgesamt 3641 Juden Deutschland; von diesen wanderten 1363 nach Palästina, 1870 nach Ueberseeländern, 69 nach verschiedenen europäischen Ländern aus. Die Zahl der Juden in Deutschland, die unterstützungsbedürftig sind, wird immer größer; es ist jetzt jedoch oft unmöglich, auch nur den dringendsten Bitten nach Unterstützung zu entsprechen, well die Kassen leer sind. Im Winter 1936/37 wurden 82.067 Personen von der Jüdischen Winterhilfe betreut. Die Ausgaben der Jüdischen Winterhilfe betrugen 3,630.353 Mark. Eine Reihe von Wirtschaftszweigen, insbesondere die jüdischen Verleger und Buchhändler, wurden von einer Reihe gesetzlicher Bestimmungen hart Melr Großnnann Man sollte meinen, daß die Entfernung zwischen London und Jerusalem nicht sehr groß ist. Radio und Flugzeug haben die zwei Zentren, wo die zionistische Politik bestimmt wird, einander wesentlich genähert. Und doch, hängt zwischen England und Palästina meistens'ein schwerer Nebelvorhang. Dieser Nebelvorhang, bestehend aus präparierten Informationen und falschen Vorstellungen, wird von gewissen zionistischen Führern für allerlei politische Manipulationen benützt. Fürwahr, wenn man von» London aus die palästinensische Lage betrachtet, bekommt man oft den I, Hoher Markt- Lichten stsg Nr. 4 Eindruck, daß das Land in Flammen steht. Dörfer brennen, Opfer fallen, das ökonomische Leben wird vernichtet. Alles sieht anders aus als die Wirklichkeit — bedeutend schwerer und finsterer. Und umgekehrt: Wenn man in Jerusalem ist und die Londoner Berichte liest, scheint es, daß England sich in seiner zionistischen Politik vollständg gewandelt habe; der Zionismus habe keinen Freund mehr; alle dächten nur an Teilung und Liquidierung; und das Judentum sei einsam und verlassen. Anstatt nun den Nebel zu verjagen, welcher die Gemüter mit Pessimismus vergiftet und das Judentum zu selbstmörderischer Verzweiflung treibt, wird er von der Zionistischen Exekutive immer dichter und giftiger serviert. Und darum muß von Zeit zu Zeit jemand kommen und den Nebel verscheuchen. * In Genf gingen die Herren Dr. Weizmann, Shertok, Goldmann und Ben Gurion von einer Delegation zur anderen, um den Willen des jüdischen Volkes zu interpretieren. Wer die Kongreßreden dieser Herren gelesen hat, kennt ihre Anschauungen. Vielleicht haben sie nicht direkt die Zerbröckelung des historischen Erez Israel gefordert, wie es sich einige vorstellen, aber daß sie Peels Teilungsplan betroffen. Am 1. August trat eine Verordnung in Kraft, die es Juden verbietet, ohne ausdrückliche Erlaubnis des Bevollmächtigten zur Ueberwachung der kulturellen Tätigkeit der Juden in Deutschland (Hinckel), Bücher zu ENG UND UND ISRAEL Kartoniert S 1.&9 Die zionistische Bewegung steht vor grundlegenden Entscheidungen. Die Broschüre „England und Israel" beleuchtet die aktuellen Probleme von neuen Gesichtspunkten und kommt zu Ergebnissen, die für alle, denen das Palästina-Aufbauwerk am Herzen liegt, von höchstem Interesse sein müssen Durch jede gute Buchhandlung oder direkt vom VERLAG R. LK Wian I, PlaischmarkS 1 verlesen bzw. in den Handel zu bringen. Von dieser Verordnung ist die Extistenz der jüdischen Buchhändler bedroht. Tatsächlich haben von den zirka 200 jüdischen Buchhändlern nur 60 die Erlaubnis zum Buchvertrieb erhalten, aber auch diese sind kaum mehr in der Lage, ihr Geschäft zu betreiben. Sehr tragisch gestaltet sich auch die Lage der jüdischen Arbeitslosen. Seit der behördlicherseits erfolgten Schließung der jüdischen Arbeitsvermittlungsbüros sind die jüdischen Arbeitslosen gezwungen, sich an die allgemeinen staatlichen Vcrmittlungsbüros zu wenden. Man bemühte sich zwar von jüdischer Seite, die Erlaubnis zur Vermittlung gewisser Berufe, an denen ausschließlich jüdische Kreise interessiert sind, zu erwirken, doch ist bisher eine Entscheidung hierüber noch nicht gefallen. Gegenwärtig betrügt die Zahl der jüdischen Arbeitslosen etwa 40.000. Eine Entlastung der jüdischen Kreditbanken ist trotz der starken Auswanderung nicht eingetreten. In Anbetracht der großen Schwierigkeiten, mit denen die jüdischen Kreditkassen zu kämpfen haben, hat die American Joint Reconstruction Foundation beschlossen, dem Zentralausschuß einen Sonderfonds zur Verfügung zu stellen. Für Berufsumschichtung wurden im ersten Halbjahr 1937 457.976 Mark ausgegeben; für Zwecke de3 Studiums jüdischer Knaben und Mädchen im Ausland wurden von deren Verwandten in Deutschland 469.244 Mark durch den Zentralausschuß überwiesen. * Die Gesamteinnahmen der Reichsvertretung beliefen sich auf 2,232.000 Mark. Ihnen standen Gesamtausgaben in der Höhe von 1,855.202 Mark gegenüber. Die Juden Deutschlands sind nach wie vor auf die Hilfe ausländischer Organisationen angewiesen. unterstützt und hiebei bemerkt haben, das jüdische Volk wolle es so, darin besteht nicht der geringste Zweifel. Zum ersten Male in der Geschichte von Genf hat man Volksvertreter gesehen, welche — ohne Widerstand und Kampf — damit einverstanden sind, daß das eigene nationale Territorium verkleinert werde. Die Herren Beck (Polen) und Tatarescu (Rumänien) gaben nach langen zionistischen Bitten ihre Zustimmung. Hierauf das Kapitel „Londo n". Wiederum dasselbe. Wir sehen die zionistischen Führer in der Rolle von Teilungspropagaudisten. Sie besuchen einen Politiker nach dem anderen, um sie von der Richtigkeit des glänzenden Planes zu überzeugen. Natürlich verlangt man hiebei bessere Grenzen, will eine größere Bodenfläche für den jüdischen Staat. Die Pointe aber bleibt unverändert; Die Gesandten des jüdischen Volkes predigen die Lehre der Teilung. Es ist dies nicht ein tragisches Paradoxon, sondern einfach eine Episode des moralischen Zusammen* bruches. Nicht bei allen englischen Politikern haben unsere Herren Gesandten eine warme Aufnahme gefunden. Männer, wie Wedgwood, Lloyd George, Churchill und eine Reihe liberaler und sozialistischer Abgeordneter, haben mit Verantwortungsgefühl (und Mißtrauen) auf die merkwürdige zionistsiche Transformation geblickt. Einige haben sogar gedacht: Da muß etwas nicht in Ordnung sein. Die Stellung unserer aufrichtigen englischen Freunde ist eine klare. Sie verwerfen den Teilungsplan als undurchführbare, schädliche und zwecklose Konstruktion, die weder den Juden noch den Arabern, noch auch den Engländern etwas Gutes bringt. Die anderen, die Zweifelnden, leiden am Mangel richtiger Nachrichten betreffs der Konsequenzen der Teilung. Aber sobald man vor ihnen die Zukunft enthüllt, die den zuschandengeschnitteneu Staat bringen soll, wird ihre. Stellungnahme zu dem Problem