Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1937-12-17 · Heft 710 (17.12.1937) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 710 (17.12.1937)
Date
1937-12-17
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2711613-2712245-2712335--6895-2720707
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 710 vom 17. Dezember 1937 einer Prophezeiung, daß Weizmann in Genf von der Zahl der Menschen und Hirne und Herzen abhängig sein werde, die hinter ihm stehen: „Es ist bitter, aber eine Wahrheit: es wird auch die Zahl der Pfunde gezählt ..." Theodor H e r z 1 hatte, als er vor England und vor die Weltöffentlichkeit trat, nur sehr wenig Menschen und noch weniger Pfunde hinter sich. Aber i n sich hatte er eine große Idee, den Glauben an diese große Idee und das Wissen um das Geheimnis: Pol it i k. Sie aber, die Herren der Leitung, die Wanderredner, die Kulturbonzen, die Rektoren und erweiterten Agency-Männer, sie haben den Glauben nicht, und darum gehen sie nur auf Pfunde aus. Wie lange will man das schwergeprüfte Judenvolk damit taub machen und hinhalten? o. r. Antizionistische Aktion im Yemen Aus Jerusalem: „Davar" führt die in den letzten Jahren im Yemen (SUdarabien) vor sich gehende antizionistische Aktion auf den Einfluß Italiens zurück, welches mit der Bekämpfung des zionistischen Aufbaues die englische Mittelmeerpolitik treffen will. Während der greise Imam Jahija noch zögert, Italien freie Hand im Yemen zu geben, weil er um die Selbständigkeit des Yemen bangt, die er in jahrzehntelangen blutigen Kriegen erkämpft hat, ist sein Sohn, der Kronprinz, ein fanatischer Anhänger Mussolinis, und seinem Einfluß ist es zu verdanken, daß die Italiener immer festeren Fuß im Yemen fassen. „Al-Imam", die einzige in Banaa, der Hauptstadt des Yemen, erscheinende Zeitung, füllt Ihre Spalten mit Angriffen auf England und die Juden. Statistik des Gerichtswesens in Palästina Aus dem jetzt veröffentlichten Bulletin des juristischstatistischen Annes der Palästina-Regierung über das Gerichtswesen im zweiten Viertel 1937 geht hervor, daß in dieser Periode vor den palästinensischen Kreisgerichten insgesamt elf Mordfälle verhandelt wurden; die Angeklagten waren durchwegs Mohammedaner. Drei von ihnen wurden verurteilt. Ferner fanden 424 Prozesse wegen Vergehen, gegenüber 161 im ersten Viertel 1937, statt. 343 Personen, unter v ihnen 331 Mohammedaner, 6 Christen .und 4 Juden, wurden verurteilt. Vor den Ortsgerichten fanden 18.191 Prozesse gegen 21.845 Angeklagte" statt, von denen 16.870 abgeurteilt wurden. Im ersten Viertel 1937 hatten sich 18.711 Angeklagte in 15.422 Fällen vor den Ortsgerichten zu verantworten; 14.852 wurden verurteilt. Verband jüdischer Chemiker in Palästina Aus Tel-Aviv: In Tel-Aviv fand unter der Beteiligung von 140 Delegierten und Gästen aus dem ganzen Lande die Jahreskonferenz des Verbandes der jüdischen Chemiker Palästinas statt. In seiner Eröffnungsansprache wies Prof. Babtelsky von der Hebräischen Universität darauf hin, daß Palästina" nicht so arm an Mineralien ist, wie allgemein angenommen wird. Die, chemische Industrie habe in den letzten Jahren einen großen Aufschwung genommen. Vor 10 Jahren gab es in Palästina 30 Chemiker, von denen die Hälfte arbeitslos war. Heute sind in den wissenschaftlichen und industriellen Unternehmungen etwa 200 Chemiker beschäftigt; außerdem gibt es im Lande noch etwa 200 Chemiker, die gegenwärtig nicht in ihrem Fache tätig sind. Gemu§ebau Im „Haarez" schildert H. Werbun die Möglichkeiten des jüdischen Gemüsebaues in Palästina wie folgt: Obwohl in den letzten Wochen die Preise des Gemüses sich gebessert haben, kann man doch nicht an der Tatsache vorbeigehen, daß der Gemüsebau bei den Juden eine Krise durchmacht. Die Juden haben die für Gemüsebau bestimmte Fläche von 2500 Dunam im Jahre 1935 auf 7000 Dunam erhöht und gleichzeitig hat sich die arabische Produktion bedeutend vermehrt. Sie betrug 1933 15.000 Tonnen und 1936 45.000 bis 50.000 Tonnen. In den ersten neun Monaten des laufenden Jahres haben die Araber den jüdischen Markt mit 40.000 Tonnen Gemüse beliefert, während die jüdischen Produzenten in dieser Zeit 20.000 Tonnen lieferten. Während die jüdische Produktion jetzt eine Krise durchmacht, spürt die arabische nichts davon, ja neigt zur Erweiterung der Erzeugung. Während der letzten vier Jahre ist der jüdische G e m ü s ekonsum auf das Dreifache gestiegen, aber die jüdische Produktion beliefert nur 25 Prozent dieses Marktes. Die Araber produzieren viel billiger infolge ihres niedrigen Lebensstandards. Dazu kommt die Konkurrenz des syrischen Imports. Syrien hat ein besseres Klima, reichliche Wassermengen und überdies eine versteckte Exportprämie infolge des gesunkenen Francs. Trotzdem ist die Zukunft des jüdischen Gemüse^ baues auf weite Sicht günctig zu beurteilen. Notwendig ist eine Organisierung der Produktion und des Verkaufes, die das Risiko des einzelnen herabsetzt. Dann wäre es möglich, das Angebot in den verschiedenen Jahreszeiten zu stabilisieren. Es sind in den letzten Jahren wertvolle theoretische Versuche in feezug au* P.üngungi, Krankheiten, Wahl der Arten gemacht worden, die aber nur bei verbesserter Organisation ausgewertet werden können. Fachleute beurteilen die Aussichten des Gemüseexports aus Palästina gut, die landwirtschaftliche Versuchsstation in Reehobot glaubt, daß die Züchtung von Kartoffeln gute Aussichten hat. Wir brauchen eine festorganisierte Planwirtschaft auf dem Gebiete des jüdischen Gemüsebaues, welche solche Vollmachten haben wird, wie sie z. B. heute der organisierte Gemüsebau in Holland besitzt. Judenstciatsjugend Dienstag, den 21. Dezember, um halb 9 Uhr abends im Zentralheim, II, Praterstraße 30, . spricht der bekannte Psycho - Analytiker dt. tmmtitk fettyues über „Nervöse Störungen und ihre psychischen Heilmethoden" Gäste willkommen! Die größte Sammlung hebräischer Inkunabeln Aus Jerusalem: Der Vorsitzende des Exekutivrates der Hebräischen Universität in Jerusalem, Salman Schocken, hat der Universitätsbibliothek eine 64bändige Sammlung hebräischer Inkunabeln zum Geschenk gemacht. Damit besitzt die j Hebräische Universität die größte und erlesenste Privatsammlung hebräischer Inkunabeln aus der Zeit vor 1500. Zusammen mit den 20 bereits früher im Besitz der Universität gewesenen hebräischen Inkunabeln ist diese Sammlung zugleich auch die vollständigste der Welt. Von den 64 Bänden sind 42 italienische Werke, 21 wurden in Spanien und in Portugal gedruckt, 1 stammt aus Konstantinopel. Die Bücher sind nicht nur darum so wertvoll, weil sie einmalig, sondern auch, weil sie Erstausgaben und ausgezeichnet erhalten sind. Archäologische Entdeckung Aus Jerusalem: Eine französische Expedition entdeckte bei der Erforschung von Höhlen bei T e 1- Al-Hariri Hunderte von babylonischen Inschriften, die bis in die Zeit Abrahams zurückreichen und hebräische Namen sowie Angaben über wandernde semitische Volksstämme einschließen. Dadurch wird die Existenz der letzteren, die in der Bibel erwähnt werden, bestätigt. In archäologischen Kreisen erregte diese Entdeckung großes Aufsehen und man sieht der weiteren Entzifferung der Inschriften gespannt entgegen. (Palcor.) P. Wiih! Freitagabend Mit dem Beginn des Abendgebets in der Synagoge, bzw. mit der Rezitation des vorangehenden Sabbatpsalms (Ps. 92) fQ;2?n \2Vb TOH3 tritt die pflichtgemäße Sabbatruhe für jeden Ortsbewohner ein, selbst wenn es noch heller Tag ist. Wo keine Synagoge vorhanden ist, beginnt das Werkverbot spätestens eine halbe Stunde vck Sternenaufgang. In Osteuropa und. in manchen anderen Gegenden ist es Brauch, die Werktätigkeit schon eine Stunde und zwölf Minuten vor Sternenaufgang einzustellen. Nach der Heimkehr aus der Synagoge betritt der Hausvater mit dem Gruß „Gut Sabbat" die" Wohnung und heißt die Sabbatengel durch das vier Strophen zählende Begrüßungslied „Schalom Alechem" willkommen und rezitiert im Anschluß hieran (Spr. Sal. 31/10—31), worin das Lob der edlen Frau verkündet wird. iß b^n Hütt Manche lassen diesem Bibelabschnitt noch ein Gebet vorangehen. (D^iyn m-i) , Nunmehr spricht der Hausvater den Weihesegen bei einem bis zum Rande mit Wein gefüllten Becher, trinkt einen Mundvoll aus dem Becher und gibt auch seinen Hausgenossen von dem Wein zu trinken. Es folgt das vorgeschriebene Händewaschen zum Mahle, der Hausvater ergreift die beiden, bis dahin verhüllten Sabbatbrote, schneidet das untere an — nachdem er die Schnittfläche mit dem Meser bezeichnet und den Segensspruch verrichtet hat —, ißt einen olivengroßen Bissen davon und teilt dann allen Hausgenossen von dem abgeschnittenen Stück zu. Zu diesen Hausgenossen gehören häufig auch durchreisende Arme oder sonstige Gäste. Die Rabbiner und frommen Männer sehen am Sabbat gerne Talmudjünger oder, zugereiste Gelehrte an ihrem .Tische. So wissen wir zum Beispiel von dem Rabbiner und Lehrhausvorsteher Israel Isserlein in Wiener Neustadt (15. Jahrhundert), daß er am Freitagabend alle seine Schüler zu Tische zu laden pflegte. Die schriftlichen Anweisungen, durch die von den Armenvorstehern den einzelnen Familienvätern fremde Sabbatgäste zugeteilt werden, wurden P1 e 11 e n (Bolletten) genannt. Als erstes Gericht der Abendmahlzeit wird in der Regel Fisch aufgetragen. Der genannte Rabbiner Isserlein aß schon am Freitag eine kleine Portion von den Sabbatflschen mit einer Weißkrautbrühe. Eine andere, in mittelalterlichen Schriften erwähnte Zubereitungsweise war mit Wein oder Essig oder einer Pfeffertunke. Besonders beliebt war Hecht. Gegenwärtig wird in Östeuropa vielfach gefüllter Hecht genossen; daneben sind Karpfen bevorzugt. Im Mittelalter speiste man am Freitag zu Abend auch Pasteten, die mit ihrer Fleischfüllung, das einstige Manna veranschaulichen sollten, wie es zwischen zwei Tauschichten dalag. In Marburg (Steiermark) bereiteten im 15. Jahrhundert die meisten Juden für den Sabbat eine Pastete, die „Breitling" genannt wurde. Zur religiösen Weihe des Mahles und zur Erhöhung der Sabbatfreude werden zwischen den einzelnen Gängen oder vor der Verrichtung des Tischgebets alte hebräische Sabbatlieder (Semirot) gesungen, die von den Verfassern meiat eigens für die Sabbattafel bestimmt worden sind. Auch werden bei Tisch Thora-Erklärungen, die sich auf den laufenden Wochenabschnitt beziehen, vom Hausherrn, seinen Angehörigen oder den Gästen vorgetragen. Kabbalistische Autoren empfehlen, bei den einzelnen Sabbatmahlzeiten je acht Abschnitte des Mischma-Traktats Schabbat zu rezitieren. Sabbatmorgen Nach Beendigung des synagogalen Morgen- und Zusatzgebetes wird das zweite Sabbatmahl eingenommen. In einzelnen mittelalterlichen Ritualwerken des deutschen Sprachgebietes wird dieses Vormittagsmahl des Sabbat mit dem französischen Namen Surtable bezeichnet. Da am Sabbat nicht gekocht werden darf, werden die für dieses Mahl bestimmten Speisen — soweit sie nicht kalt geno33en werden — am Freitag „gesetzt", d. h. in einem Backofen, einem Herd, einer Kochkiste oder einer ähnlichen Vorrichtung für den Sabbat warm erhalten. Große Volkstümlichkeit hat das von Heine dichterisch besungene Schalet (altfranzösische chald-chaud) erlangt, worunter eine für den Sabbat warm erhaltene Bohnensuppe mit einer Fleischeinlage oder ein ähnliches aus Bohnen und Graupen gemischtes Gericht verstanden wird. Beliebt ist auch die für das Sabbatmahl warm erhaltene „K u g e 1", eine üppige, gewürzte oder süße Mehlspeise (Pfefferkugel, Apfelkugel). Auch das Sabbatvormittagmahl wird durch den Genuß eines Bechers Wein (oder, in dessen Ermanglung, eines anderen alkoholischen Getränks, zum Beispiel Bier oder Likör) eingeleitet. — In manchen Gegenden Mittel-Westeuropas folgt auf den „großen Weihesegen" bloß ein leichter Imbiß (Kaffee und. Kuchen oder ähnliches), während das eigentliche zweite Sabbatmahl erst später, um die Mittagszeit, eingenommen wird. Auch bei den Tagesmahlzeiten des Sabbats werden religiöse Tischlieder (Semirot) angestimmt und Thoraworte gesprochen. Vor dem Beginn des zweiten Mahles . wird in chassidischen Kreisen das hiefür bestimmte mystische Lied, des R. Jizchak L u r i a vorgetragen. Sabbatnachmittag Zu den Annehmlichkeiten, die bestimmt sind, die behagliche Stimmung des Sabbats zu erhöhen, gehört auch die Mittagsruhe. ^Jj;/! rDu?3 H^'C- Damit wird di? weitf, verbreitete Sitte der Siesta nach dem zweiten Sabbatmahl! begründet. In den Synagogen und Lehrhäusern finden vor der Nachmittagsandacht in der Regel volkstümliche Vori träge über den Wochenabschnitt, im Sommer über die 1 Sprüche der Väter-statt. Die dritte Sabbatmahlzeit wird in der Regel nach dem Nachmittagsgebet eingenommen. Besonders feierlich wird das dritte Sabbatmahl in chassidischen Kreisen begangen, und zwar als Gemeinschafts- und Liebesmahl. Im da hindämmernden Sabbat sitzt die Gemeinschaft um ihren religiösen Führer geschart, nimmt aus seiner Hand die Speisen entgegen, lauscht andachtsvoll seinen Thoradeutungen von oft mystischem Gepräge und stimmt in religiöser Inbrunst die Sabbatgesänge an, darunter das für dieses Mahl bestimmte kabbalistische Lied von R. Jizchak Luria und andere kabbalistische Hymnen. In der letzten Zeit hat der vor drei Jahren ver- , storbene hebräische Dichter Ch. N'. B i a 1 i k den Versuch unternommen, in Palästina durch die Oneg-Schabbat-! Bewegung der traditionellen Feier des dritten Sabbatmahls eine neue Gestaltung und einen neuen Sinn zu geben. Sabbatausgang Schwer empfindet der gläubige Jude allwöchentlich den Abschied von der Sabbatweihe und dem Sabbatsegen, i Bringt ihm ja der heilige Ruhetag nicht allein körperliche Entspannung und Wohlbehagen, sondern bereichert und adelt sein ganzes Wesen durch Erhöhung seines Innenlebens und vielfältige Steigerung aller seiner seelischen Kräfte. Deswegen sucht man den Verlust der „höheren : Seele" durch Verlängerung der Sabbatfeier noch etwas; hinauszuschieben. Wenn drei kleine Sterne in geringem 'Abstand voneinander am Firmament sichtbar werden, ist der Sabbat mit seiner Heilskraft gewichen und man beginnt in den Synagogen mit dem Abendgebet. Nach dem synagogalen Unterscheidungssegen (H^ISn) verläßt man das Gotteshaus und wünscht einander eine „gut* .Woch". Die Elia-Lieder und andere für den Sabbataus- 1, gang bestimmte religiöse Gesänge werden im häuslichen I j Kreise nach der Hawdala angestimmt, in chassidischen ' Gegenden meist beim feierlichen Mahle, durch dessen Ver- I anstaltung im Sinne der talmudischen Vorschrift der scheidenden Königin Sabbat gleichsam das Gelelt gegeben wird —daher der Name Melawe Malka. * Das Material zu der hiemlt abgeschlossenen Aufsatzserle „Der Sabbat4« wurde von F. Wühl »um größten Teil der Schrift von Ml. Zobel „Der Sabbat" (Schocken-Verlag, Berlin, 1935) entnommen. Wir machen auf die ausgezeich« nete Schrift M. Zobel« besonder» aufmerksam.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.