Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 710 (17.12.1937)
- Date
- 1937-12-17
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Kr. 710 vom IT. Dezember 193? DIE NEUE WELT Seite 5 Palästina-Redaktion „Die Neue Weif «• TeloÄviv, Dliengoff'traBe Nr. 6 Vor neuen Spaltungen Von Dr. N. Vardi (tel-Aviv) Die Erschütterungen, denen die Zionistische Organisation jetzt ausgesetzt ist, kommen nicht nur in der Teilungsdebatte, sondern auch im bevorstehenden Prozeß gegen den Führer der Judenstaatspartei, Großmann, und im weiteren Zerfall der Bewegung, in der Gründung einer neuen Partei ^Schocken" zum Ausdruck. Der Sinn des Großmann-Prozessea ist, daß die Zionistische Exekutive die Judenstaatspartei loswerden möchte. Es ist kein Prozeß gegen eine Person, sondern gegen die Zionistische Opposition. Das bestätigte auch M. Uösischkin in einer Rede, die er gestern in Jerusalem gehalten hat: Vor 35 Jahren, führte Ussischkin aus, verließen die Zionistische Organisation die Territorialisten, vor vier Jahren verließen sie die Revisionisten, und nun stehen wir am Vorabend einer dritten Sezession... Da Herr Ussischkin jetzt, mit der Exekutive auf bestem Fuße steht, glauben wir, daß er nur wiederholt, was er in den Korridoren der Agency von anderen gehört hat. Die Sezession der Judenataatspartei aus der Zionistischen Organisation — das ist jenes Ziel, welches den Führern der zionistischen Majorität heutzutage vorschwebt. Der Prozeß ist der erste Schritt zu diesem Ziel. Die Gründe, die die Zionistische Exekutive bewogen haben, diesen Weg zu beschreiten Sind innen- und außenpolitische. Der Innenpolitische Grund liegt klär auf der Hand: Es hat sich herausgestellt, daß die sogenannten „Nein-Sager" aus dem Lager der Koalitionsexekutiye keinen ernstlichen Kampf gegen die Teilung Palästinas zu führen gedenken. An der Spitze dieser regierungstreuen „Nein-Sager" steht Herr Ussischkin, von dem ein hervorragender Zionist in Zürich gesagt hat, er sei wohl ein Löwe, jedoch bereits in Gestalt eines Bettvorlegers im zionistischen Schlafzimmer. Diese Charakteristik ist keineswegs übertrieben und es wirft einen grellen Schein auf die Absichten der regierungstreuen „Nein-Sager", daß gerade dieser „Löwe" ihr Führer geworden ist. Man läßt Herrn Ussischkin und Konsorten ihre friedliche Kinderopposition ruhig weiterspielen. Die einzige Partei, die den Kampf gegen die Zerstückelung Palästinas mit Einsetzung' aller Kräfte zu führen gedenkt, ist die Judenstaatspartei, die sich durch keine bezahlten, oder ehrenamtlichen Posten von ihrer Stellung abbringen lassen will und wird. Und da in einer so heiklen Frage jede e r n s 11 i c h e Opposition, mag sie zahlenmäßig noch so klein sein, den Teilungspolitikern bedeutende Schwierigkeiten verursachen kann, so muß diese Opposition mundtot gemacht werden. Und wenn es nicht anders geht, aus der Zionistischen.Organisation ANKGESCHKFT Dr. OFFENBERGER Wien. I, Freyung 1 Telephon: U--27. r 2 - 11, U - 28 - 2 - 55 Durchführung sttmtIi c h 0 r Bank« und Börsetransaktionen vollkommen herausgedrängt werden. Nur dann wird. Dr. Weizmann in der Lage sein, im Namen der gesamten zionistischen Herde im Kolonialamt vorzusprechen. Es gibt aber auch einen außenpolitischen Grund für die Schärfe, mit der die Zionistische Exekutive gegen die Judenstaatspartei losgezogen ist: Die Exekutive steht unter dem Alpdruck des Kolonialamtes, dem sie sich so gerne ganz gefügig erweisen möchte. Durch die Veröffentlichung der Weizmann-Ormsby-Gore-Dokumente wurde ja nicht nur Weizmann, sondern auch Minister Ormsby-Gore schwer kompromittiert, der Lüge überwiesen, also — weg mit der Judenstaatspartei. * Es ist für die Verhältnisse in der Zionistischen Organisation besonders bezeichnend, daß in einer Zeit, da andere Nationen den Prozeß der inneren Befriedung durchmachen, sich die Zionisten in den Haaren liegen und die Zionistische Organisation dem Zusammenbruch entgegen führen. Gerade jetzt meldet die englische Presse über die bevorstehende Aussöhnung des Führers der Iren, De Väleras, mit seinem bittersten Feinde Cosgrave. Die bevorstehenden internationalen Komplikationen zwangen die beiden langjährigen Gegner, zu einer Verständigung zu gelangen. Vor dem kam es zu einer politischen Aussöhnung in Südafrika, wo die zwei langjährigen Gegner Herzog und Smuts beschlossen haben, von ihrem inneren Kampf Abstand zu nehmen und ihr Hauptaugenmerk der politischen und wirtschaftlichen Konsolidierung des Landes zuzuwenden. Eine bemerkenswerte Erscheinung ist ferner das eben erschienene Buch des bekannten liberalen Unterhausmitgliedes in England, Mr. Ackland, in dem der Verfasser die Ausschaltung der politischen Diskussion zwischen den Liberalen und , den Arbeiterparteilern und eine gemeinsame Front im Kampfe gegen die außenpolitische Gefahr vorschlägt. Große Mächte und Nationen beginnen, ihrem nationalen Selbsterhaltungstriebe folgend, ihre Kräfte zu sammeln, um sie in den Dienst größerer Ziele zu stellen. Wie tragikomisch erscheint in diesem Lichte der Kampf im Judentum, der nunmehr so weit gediehen ist, daß er die Zionistische Organisation in die Luft zu sprengen droht. Die Revisionisten sind vor vier Jahren kaltgestellt worden. Jetzt soll ihnen die Judenstaatspartei folgen. Aber auch innerhalb des verbleibenden zionistischen Lagers gibt es keine Ruhe: Die Vereinigung Allgemeiner Zionisten A, die Sich vor zwei Jahren von ihrer Stammpartei, der Organisation Allgemeiner Zionisten, getrennt hat, macht jetzt selbst eine Spaltung durch. Ein Teil der Allgemeinen Zionisten A mit Salman Schocken, Kurt Blumenfeld, M. M e d s i ri i u. a., verließ gestern seine Partei, um eine neue zu schaffen. Der „Haaretz", Organ des Hexern Schocken, wird von nun ab in den Dienst der neuen Gruppo gestellt werden, die den Kampf gegen die Allgemeinen Zionisten A und Allgemeinen Zionisten B mit aller Schärfe führen will. Wir werden somit von nun ab drei verschiedene Parteien, die sich als Allgemeine Zionisten bezeichnen, haben. Aber auch innerhalb der Allgemeinen Zionisten A ist eine Gruppe mit Solo- Svei^chik an der Spitze aufgetreten, die «den Teilungsplanen ihren Rücken gewandt hat. Was den früheren Redakteur dea „Haaretz", Dr. Glickson, anbetrifft, so wollte er weder der Vereinigung Allgemeiner Zionisten noch der Schocken-Gruppe beitreten, und ist im Begriffe, eine neue Partei zu schaffen... Kampf aller gegen alle. Es scheint, daß Dr. Weizmann nun doch seine Aufgabe zur vollen Zufriedenheit des Kolonialamtes erfüllt hat, und daß dieses nunmehr Gelegenheit erhält, unter der Kanönade des innenzionistischen Kampfes ihre antizionistischen Pläne in Palästina ungestört zu betreiben. PoLtisdie Korrespondenz (Büro der Welt-Leitung der Judenstaatspartei, Tel-Aviv.) In der letzten Sitzung der Exekutive der Judenstaatspärtei wurden vor allem zwei Wichtige Gegenstände behandelt: die Massen Verhaftungen und Einkerkerungen junger Juden in Palästina und die Hetze der zionistischen Leitung gegen unseren Führer Meir Großmann. Die Zionisten-Revisionisten, in deren Reihen die meisten Verhaftungen vorgenommen wurden, beschuldigen die Zionistische Exekutive und den Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat), die eingekerkerten jungen Juden vor den Behörden als Mörder und Terroristen denunziert zu haben. Diese Behauptung ist unerwiesen. Richtig aber ist, daß in Aufrufen dieser beiden Körperschaften gegen „jüdischen Terror" die Lage der Eingekerkerten und ihrer Partei ungeheuer erschwert wurde. Richtig ist auch, daß sich diese beiden Körperschaften geweigert haben, den Gefangenen und ihren Angehörigen Hilfe angedeihen zu lassen. Nach Anhörung des Referats des Vertreters der Judenstaatspartei im Waad Leumi, B. Weinstein, wurde folgende Resolution angenommen und verlautbart: „Die Judenstaatspartei ist über die Aufrufe der Zionistischen Exekutive. und des Waad Leumi fc mpört und erschüttert. Sie protestiert gegen die Tendenz dieser Aufrufe, die Verantwortung für die Ermordung von Arabern den Juden zuzu- > schieben. Die Verfasser dieser Aufrufe fanden es nicht der Mühe wert, diese Angelegenheit einer Untersuchung zu unterziehen, und haben in frivol-leichtsinniger Weise ein Urteil gegen jüdische Brüder gefällt. Diese Aufrufe leisten jenen Faktoren, welche an der Erniedrigung und Verleumdung des Jischuw interessiert sind, willkommenen Beistand. Die Judenstaatspartel drückt ihr Befremden darüber aus, daß es die Zionistische Exekutive und der Waad Leumi bis jetzt nicht für notwendig erachtet * haben, gegen die unbegründete Einkerkerung von Juden zu protestieren, und daß sie es ablehnen, dem. Beispiel der Stadtvertretung von Tel-Avlv und anderer lokaler Körperschaften zü folgen und den Akko-Gefangenen moralische und materielle Hilfe angedeihen zu lassen. In dieser Handlungsweise der zionistischen Instanzen kommt wieder jene Tendenz zum Ausdruck, welche schon größten politischen Schaden gestiftet hat und in Zukunft Niederlage auf Niederlage bringen wird." * Im Zusammenhange mit der Meldung, daß die zionistische Leitung die Rechte des Herrn Großmann als Mitglied des Aktionskomitees der Zionistischen Organisation suspendiert hat, wurde beschlossen, folgende Erklärung zu veröffentlichen: ■ a) Die Judenstaatspartei erkennt die seitens der zionistischen Leitung vor jeder Verhandlung und ohheUrteil vorgenommene Suspendierung der Rechte des Herrn Großmann nicht an. Diese Hechte wurden ihm von der höchsten Instanz — vom Kongreß — übertragen und die zionistische Leitung, welche selbst Partei im kommenden Prozeß ist, kann ihn dieser Rechte auch „zeitweilig" nicht entkleiden. b) Die Satzungen, auf welche sich die zionistische Leitung bei diesem Rechtsraub stützt, sind auf den vorliegenden Fall nicht anwendbar. c) Die Behauptung, daß die Maßregelung Großmanns vorgenommen würde, um „der dem Aktionskomitee drohenden Gefahr einer Veröffentlichung des Inhalts jener Sitzungen" vorzubeugen, ist absurd. Niemals waren die Dokumente, wegen deren Veröffentlichung Großmann angeklagt, im Besitze irgend einer zionistischen Instanz, noch bildeten sie jemals den Gegenstand von Verhandlungen im Aktionskomitee oder in einer anderen Körperschaft. d) Die Judenstaatspartel legt gegen die ungerechte, parteiische Handlungsweise der zionistischen Leitung schärfste Verwahrung ein und stellt fest, daß damit die Grundlagen der Zionistischen Organisation untergraben werden. e) Die Behauptung, daß durch die Enthüllung der gegebenen Abmachungen zwischen Welzmann und Ormsby-Gore dem Zionismus ein Schaden zugefügt wurde, entbehrt jeder Grundlage. Die Judenstaatspartei ist im Besitze von Beweisen, welche das Gegenteil erhärten. Die Enthüllung der Preisgabe des ungeteilten Erez Israel durch Weizmann und Ormsby- Gore bat dem Zionismus großen Nutzen gebracht. Kwuxah „Robert Stricker" Die von der Judenstaatspartei in H e r z 1 i a errichtete Siedlung jugendlicher Judenstaatszionisten ist „Kwu2ah Robert Stricker" benannt worden. Sammeln/ sammeln ♦ ♦ ♦! Vor einigen Monaten, als die jüdische Welt noch unter dem unmittelbaren Eindruck des in Zürich befürworteten Palästina-Teilungsplanes stand, kamen, aus Palästina Sendboten mit der Parole, der jüdische Jischuw brauche eine mächtige Stütze... man müsse alle Anstrengungen machen, das begonnene Werk fortzusetzen... es sei Pflicht, für die Erhaltung der jüdischen Positionen im Lande Sorge zu tragen..., kurzum: man müsse Geld hergeben, sammeln, der ständigen Aktion für den Keren Hajessod (den Aufbaufonds) einen neuen mächtigen Impuls geben. Nur schüchtern tauchte in den Hirnen vieler I Zionisten die Frage auf, ob denn genügend Sicherheit vorhanden sei, daß die politische Lage die Errichtung neuer Siedlungspunkte und überhaupt weitere Investitionen auch .erlaube. War doch alles in Schwebe! Wußte man doch nicht, unter welchen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen man während der „Uebergangszeit", d. i. bis zur Entscheidung über das Schicksal des jüdischen Palästina, arbeiten könne! Die Bedenken halfen nichts, obwohl nicht einmal klar war, wie sich der Modus der Einwanderung und das System der Zertifikatenzuteilung gestalten werden. Präsident Weizmann richtete an die zionistische Welt die Aufforderung, weiterhin Opfer zu bringen, und die im willige Presse gab diese Aufforderung kritiklos weiter. Sie tat dies wahrscheinlich im Glauben, daß immer noch Weizmanns geflügeltes Wort von der Kuh in Palästina, die wichtiger sei als jede Politik um Palästina, praktische Geltung habe — im einzigen Glauben, der ihr überhaupt vom großen Glaubensgebäude Herzls geblieben ist. Die Juden Deutschlands machten sich anschließend an die Parole Weizmanns Mut und verlangten in einem Aufruf weitere Opfer für den Palästina-Aufbau von sich, ein leicht begreifliches Phänomen, wenn man an die hoffnungslose Lage der jüdischen Bewohner des Dritten Reiches denkt. Wo sich nur ein leises Fragen nach der politischen Sicherung der jüdischen Positionen bemerkbar machte, erstickte man es mit dem Hinweis, daß diesbezüglich schon das Richtige geschehen würde, oder bemäntelte die Verlegenheit mit der Ausrede, es sei jetzt nicht die Zeit, sich den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die erst in der Entwicklung begriffen seien... Und schließlich hieß es, die neue britische Kommission werde demnächst zur Prüfung der Verhältnisse und zur Fassung eines Beschlusses nach Palästina kommen und darum sei es notwendig, so stark als möglich dazustehen. Wir kennen den Text und die Melodie. Seit einem Dutzend Jahren heißt es, entscheidend seien die Realitäten und nicht die Politik. Realitäten — das sei Boden, Siedlungen, Kühe, die verschiedenen Kulturinstitutiönen, Geld; Politik — das sei ein Begleitumstand minderen Ranges. Je stärker man an Realitäten sei, desto fundierter könne man Politik betreiben. Und Politik werde man wieder im Juli 1938 in Genf betreiben können, wo die nächste Sitzung der Mandatskommission des Völkerbundes die Palästina- Frage zu behandeln habe. Gewiß ist es notwendig, Gelder zu sammeln, und gewiß ist es notwendig, die bestehenden jüdischen Positionen in Palästina um jeden Preis zu halten. Aber diese beiden Dinge als einzigen Maßstab für die politischen Möglichkeiten einsetzen, heißt in die Mentalität zurückfallen, die uns von Niederlage zu Niederlage geführt hat. Heute noch dem Geldsammeln den Vorzug vor der politischen Arbeit zu geben, ist seitens der Führung des offiziellen Zionismus eine Frivolität, die nur mit ihrer Sorglosigkeit und Abgebrühtheit verglichen werden kann. Im Jahre 1922 beispielsweise, wo wir in Palästina noch gar keine realen Positionen innehatten, wo es fast noch keinen Boden, keine Siedlungen, keine Kühe, keine Bankdepositen gab, war unsere politische Lage zweifellos besser als im heutigen Zeitpunkt, der uns mit all den genannten Werten ausgestattet antrifft. Inmitten des Weltkrieges wurden die Tschechen, obwohl sie über gar keine substantielle Macht verfügten, als kriegführender Staat anerkannt. Ihre Führer wußten eben, daß man Politik machen müsse. Und inmitten desselben Krieges bekamen wir von Großbritannien die Batfour-Deklaration, für die wir keinen realen, sondern ausschließlich einen moralischen Gegenwert zu bieten hatten. Aber die Weizmannianer wollen das nicht wahrhaben. Sie faseln wiederum von den Millionen Juden, die hergeben sollen, vom Geldsammeln, von den realen Mitteln, die allein ausschlagg*e b e n d seien. So schreibt die „Selbstwehr" (3, Dezember 1937) in bezug auf die kommende Genfer Tagung der Mandatskommission: „Keine Kunst der Diplomatie kann Weizmann in. Genf zum Sieg führen, wenn nicht gleichwertige Realitäten ihm zur Seite stehen. Keine Kraft kaun erhaben, die das jüdische Volk ihm nicht gibt." Und nach,