Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1937-12-17 · Heft 710 (17.12.1937) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 710 (17.12.1937)
Date
1937-12-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2711613-2712245-2712335--6891-2720703
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Seite 2 DIE NEUE WELT Nr. 710 vom 17. Dezember 1937 ©esfermdiisdier Antisemifenbuml Und der Wiener Vteebürgermeister Dr. Kresse In Versammlungen und mit Flugschriften betreibt nun seit geraumer Zeit der „Antisemitenbund", sein offizieller Titel lautet: „Deutsch-österreichischer Schutaverein Antisemitenbund", eine Hetze fegen die österreichische Judenschaft, welche an Verlogenheit, Brutalität und Schmutzigkeit hinter den'hakenkreuzlerischen Produkten nicht zurücksteht. Die letzte von uns festgehaltene Leistung des Antisemitenburides war die Besudelung der jüdisch enKriegsgefallen e n und unflätige Beleidigung der jüdischen Frontkämpfer. Nach diesem Ausflug in die Vergangenheit leistet sich nunmehr der Antisemitenbund wieder „Gegenwartsarbeit". Er benützt die kommenden Weihnachtsfeiertage, um gegen die jüdischen Gewerbetreibenden und Kaufleute zu hetzen. In einer Serie von Flugblättern wird zum Kampfe und zum Boykott gegen dpn „Ewigen Juden, diesen rassen- und geistesfremden Parasiten", aufgerufen. Besondere Beachtung verdient, daß sich der Antisemitenbund hiebei nicht auf die eigene Kraft verläßt, sondern auf „Prominente" aüs anderen Lagern beruft. So bedient er sich jetzt als Kronzeugen und Schutzherrn für seine üble Kampagne des Vizebürgermeisters, der Stadt Wien Doktor W. Kresse. In einer uns vorliegenden Flugschrift, welche insbesondere in der Provinz verbreitet wird, Billige WelhnachSsreise mit der ,Czernowilzer Alf gem. Zeitung* nach Polen und Czernowitz am 23. Dezember 1937. Rückfahrt / m 6. J inner 1938. Anmeldungen und AusllaiiAiikiflfb ä'* künfte im Reisebüro fyrlarlC.lllllllCII6 Wien I. Rotenturmatr. 26, Telephon R-24. 2-88/87 heißt es einleitend: „Der Antisemitenbund erinnert an die Rede des Herrn Vizebürgermeisters von Wien Dr. Kresse am 17. November 1937 im Rahmen des Oesterr. Gewerbebundes, in welcher Dr. Kresse das Recht für sich in Anspruch nahm, die Bevölkerung aufzufordern, nur beim bodenständigen Kaufmann und Handwerker einzukaufen1.' Der Antisemitenbun'd richtet daher an alle Volksgenossen den dringenden Mahnruf ..." . Wir nehmen nicht an, daß Vizebürgermeister Dr. Kresse in Verbindung mit. demarg berüchtigten ,,Antisemitenbund". steht und die Verwendung seiner Person als Aushängeschild für eine wüste Gesellschaft mit seiner Zustimmung erfolgt... Aber das verschlägt wenig. Tatsache ist, daß die Reden und Handlungen eines obersten Funktionärs der Bundeshauptstadt so geartet sind, daß sie —r, ob mit oder ohne Zustimmung — dieser wüsten Gesellschaft als Reklame geeignet erscheinen. Die gegen den jüdischen Gew.erbestand gerichteten Reden des Vizebürgermeisters und die durch ihn vorgenommene Anpreisung und Eröffnung der Ausstellung „Christen, kauft bei Christen" haben, wie man sieht, üble Früchte gezeitigt. Dem Ansehen Wiens dienen diese Dinge gewiß nicht. * Im Zusammenhang mit dieser Angelegenheitbringen wir eine Zuschrift, welche uns dieser Tage von. einem österreichischen Leser, welcher derzeit im Aus-, land wohnt, zugekommen ist. Sie lautet: „Ich habe in Ihrem Blatte gelesen, daß der Vizebürgermeister von Wien ' Dr. Kresse td'0 Propaganda ,Christen, kauft bei Christen' betreibt, welche mit der Propaganda .Kauft nicht-beim Juden' gleichbedeutend scheint.,-Ich habe aber auch in anderen Wiener Blättern gelesen, daß der nämliche Herr Dr. Kresse im Referat .Fremden-Verkehrs-Werbung' der Stadt Wien tätig; ist. Wie reimt sich das zusammen? Daß die von Herrn ' Dr. Kresse betriebene Agitation ,Christeri; kauft bei' Christen' nicht geeignet ist, ausländische Juden zum Besuche Oesterreichs anzuregen, ist wohl klar. Ebenso steht fe3t, daß der Kampf gegen jüdische Gewerbetreibende auf die Nichtjuden aus den Westländern, welche an so was nicht gewöhnt sind, nicht sehr anlockend wird. Sie sind für konfessionellen und rassischen Streit nicht eingenommen. Anziehend wirkt das vielleicht auf SA.-Leute aus Deutschland, Henlei.n- Leute aus der Tschechoslowakei, eiserne Gardisten aus Rumänien, Pfeilkreuzler aus Ungarn etc. etc. Diese Elemente genügen aber kaum, das Bedürfnis nach „Fremdenverkehr" ausreichend zu befriedigen." Juden aller Parteien! . Bas an siebzig Juden* in Palästina verübte Unrecht geht alle Mit Ohne Gerichtsverfahren ülfd 'Urfett, oltii« den Schatten eines Beweises wurden siebzig Männer von Ihren Familien losgerissen Und bis zu einem Jahr in der berüchtigten Festung in Akko gefangen* gesetzt. Siebzig Familien, Frauen und ' Kinder, greise Mütter und Väter wurden ihrer Ernährer beraubt, dem größten Elend preisgegeben. Wollt ihr an diesem schreienden Unrecht teilnahmslos vorbeigehen? Wollt ihr, daß jüdische Patrioten an ihrem Volke verzweifeln? Wollt ihr, daß hunderte Menschen unverschuldete Not erleiden sollen? Kein Jude kann es wollen! Darum spendet nach Kräften für die „Gefangenen in Akko" und ihre Familien! Spenden sind an den Landesverband der Zlonisten-Revisionisten Oesterreichs, Postscheckkonto B-H-0-36, zu senden. 12. Feber 1938: DU &f&e»tatiue> UeecutthrftÜHfr dec ft4eH4t6cfo&OHift&i Vom Jüdischen Weltkongreß . Sitzung der Exekutive. Am 1. Dezember fand in Paris eine Sitzung der Exekutive des Jüdischen Weltkongresses statt, an der die Herren Dr. N. Gold mann, Genf (Vorsitzender), I. Na.iditch, Paris, Rev. M.. L. Perlzweig, London, M. Jarbium, Paris, Saly Mayer, St. Gallen, Henri de.Tolödo (als Mitglied des Finanzkomitees) teilnahmen. Der Vorsitzende, der soeben von einer mehrtätigen Reise aus Polen (Zurückgekehrt war, wo er die StUdte Lemberg, Lodz und Warschau besuchte, hatte Gelegenheit, mit den 'polnischen Mitgliedern der Administrative des J. W. K. eingehend zu sprechen. Er informierte die Mitglieder des Exekutivkomitees über die allgemeine Situation in Polen und insbesondere über die Vorbereitungen;: zürn P o 1 n i s c h - j ti d ischen Kon gr e ß. '.Die nächste Sitzung der Exekutive wurde-auf den 9. Jänner 1938 in Paris festgesetzt. London. Am 27. Oktober veranstaltete"die Britische Sektion des J. W. II. einen Empfang zu Ehren von Colone! Josiah Wedgwood, Minister a. D. und Mitglied des Unterhauses. Der Hauptredner war Rev. M. L. Perlzweig, der in seiner Ansprache hervorhob, wieviel Col. Wedgewood im br'itflehen" Unterhaus zugunsten der Minderheiten geleistet' hattet Coldnei Wedgwood erklärte in seiner' Antwort, daß er "die" Bestrebungen des J. W. K. vom ganzen Herzen unterstütze und Bei Dickleibigkeit regen ein bis zwei Glas natürliches „Franz-Josef "-Bitterwasser, während drei-vier Wochen täglich des Morgens auf nüchternen Magen getrunken, die Darmtätigkeit kräftig an, vermindern den Fettansatz und machen den Körper schlank; Fragen Sie Ihren Arzt. sprach mit Bewunderung von der wirksamen politischen Arbeit, die zugunsten des Kongresses in England getan wird. Im Anschluß daran erklärte er seinen Beitritt zur Britischen Sektion des J. W. K. (Abteilung, für Einzelmitglieder) unter Zeichnung eines jährlichen finanziellen Beitrages für den Kongreß. Manchester. Am 5. November sprach Rev. M. L. Perlzweig, auf einer Versammlung in der Reformsyhagoge in Manchester über Arbeit und;Ziele des Jüdischen Weltkongresses. Die Versammlung war stark besucht. Es fand eine Diskussion statt, als deren Ergebnis ein kleines Provisorisches Komitee gebildet wurde mit der Aufgabe, die Bestrebungen des Kongresses in Manchester zu unterstützen und die Vorbereitungen zur Errichtung einer ständigen Organisation zu ergreifen. Liverpool. Am 7. November fand in Liverpool auf Einladung des Zionistischen Zentralrates von Liverpool eine Konferenz der Repräsentanten jüdischer Organisationen statt, auf der Rev. M. L. Perlzweig über den Jüdischen Welkongreß sprach. Die Konferenz beschloß, dem Kongreß volle Unterstützung angedeihen zu lassen; ein Komitee unter dem Vorsitz von Dr. Montaguo Solomon wurde damit beauftragt, eine feste Organisation zu schaffen. Polen. Das endgültige Datum des Jüdischen Volkskongresses in Polen ist für den 20. Februar 1938 festgesetzt worden. Die Wahlen finden am 30. Jänner statt. In vielen Städten Polens haben sich bereits Lokalkomiteea gebildet, die die Arbeiten für den bevorstehenden Kongreß leiten. Im Laufe der nächsten Woche werden solche Komitees bereits in 300 Ortschaften bestehen. Für den 19. und 26. Dezember werden in Lodz, Wilna, Bialystok und Rozno Kreiskonferenzen vorbereitet. In allen Orten finden Kundgebungen für den Kongreß statt. An solchen Kundgebungen in Bendzin, Pinsk, Kielce, Radom, Kalisz, Lublin, Baranowicze, Grodno, Gzenstochau, Posen und Wloclawek werden Mitglieder des Präsidiums und des Organisierkomitees des Jüdischen VolkakongresseB, in Polen teilnehmen. Am 11. Dezember fand eine aolche Kundgebung in Kattowltz in Anwesenheit des Sejmabgeordneten Dr. Sommerstein statt. Jugoslawien. Auf Einladung des Jugoslawischen Gemeindeverbandes weilt im Dezember Dr. Nurock in Jugoslawien. Er wird in einer Anzahl von größeren Städteri Jugoslawiens über die Arbeiten und Ziele des J. W. K.;«»Vörträge halten. Eine Reihe von Empfängen ist vorgesehen. . ♦ Aus Genf: Öfti Sekretariat des Jüdischen W e 11 k o n g r e s s e s hat soeben den Mitgliedern des Wtrtschaf.tskomitees. des Völkerbundes, das augenblicklich in Genf tagt, ein von der Wirtschaftsabteilung des Jüdischen Weltkongresses veröffentlichtes Werk über „Die wirtschaftliche Lage der jüdischen Minoritäten4* zugehen lassen. Das Öoltument, das die tragische Lage von Millionen in unsäglichem Elend lebenden Juden schildert, ist gleichzeitig den Mitgliedern des Völkerbundrates, der Mandatskommission, dem Generalsekretär des Völkerbundes, Avenol, dem Direktor de» Internationalen Arbeitsamtes, Butler, und ihren verschiedene^ Dienststellen sowie einer großen Zahl von Regierungen zugesandt worden. Der Begleitbrief stellt fest, daß „dieses Werk auf Grund umfangreichen, bisher unveröffent 1 incht e n Material s" zürnersteh Male genaue Angaben über eine Frage enthält, die für Millionen von Mensehen, für das nationale und internationale Wirtschaftsleben und damit für den Frieden der Welt von lebenswichtigem Interesse ist". San Remo, Penslone Feiice CorSO deil' Impefo 184. Unter Aufsicht des Hamburger Vereines. Direktion: Dr. mod. Alex Schwarz „Man hat zuweilen den Eindruck", heißt es im Vorwort des Buches, „daß die Sinnlosigkeit des europäischen Wirtschaftslebens das Ergebnis eines gewaltigen Selbstzerstörungstriebes der Völker ist. Dieser äußert sich zweifellos am charakteristischesten in dem nationalistischen Kampf gegen die Minoritäten und insbesondere in der grausamen und barbarischen Kampagne gegen die jüdische Minderheit."' Ein warnendes Exempel Die Türkei kündigt Syrien den Nichtangriffspakt . In der nächsten Nächbarschaft Palästinas hat sich ein Vorgang von eminenter politischer Bedeutung abgespielt. Die Türkei hat den zwischen ihr und der syrischen Republik vor zirka zwei Jahren abgeschlossenen N i c h t a n g r i f f s p a k t mit sofortiger Wirksamkeit gekündigte w Nach dem Kriege wurde das von der Türkei losgetrennte Syrien unter französisches Mandat gestellt und-von einem fränzösiscb.en Gouverneur in bester Ordnung regiert. Das Land erlebte einen gewissen Aufschwung. Der türkische Nachbar verhielt sich, ruhig, ausgesprochen freundlich. Vor mehr als drei Jahren — die französische Politik stand damals im Zeichen der Sorglosigkeit und eines ausgesprochenen Pazifismus —/tauchte der. Plan'auf,, das Mandat' über Syrien aufzugeben und das Land's e lbs t ä ridi g zu machen. Es fehlte nicht an Warnerh, welche es als gewagtes Experiment bezeichneten, ein von kaum eihi einhalb Millionen Menschen bewohntes, innerlich noch unentwickeltes Land seinem Schicksal zu überlassen, wenn auch unter dem stolzen Namen „Republik". Aber diese Vorhalte schlugen nicht durch. Frankreich hob das Mandat auf und machte Syrien selbständig.. Als Geschenk gab es der jungen Republik den über Wunsch Frankreichs zustandegekömmenen Friedensvertrag mit der Türkei mit auf den Weg. Bald erhielten die Skeptiker recht. Innere Zwistigkeiten, ständige Krawalle im „Parlament", Rückgang der Wirt- . schaft kennzeichnen die Republik Syrien vom Grün«- dungstage an. Und dann regte sich der Nachbar. Die Türkei, welche sich davor gehütet hatte, an das unter Frankreichs Verwaltung stehende Syrien heranzutreten, erhob plötzlich Ansprüche auf den Sandschak Alexandrette. Die „Unterdrückung" der dort lebenden türkischen Minderheit gab einen bequemen Anlaß. Mit Mühe und Not gelang es der französischen Diplomatie, den Zwischenfall notdürftig zu bereinigen. Aber jetzt ist die Hölle wieder los: Kündigung des Nichtangriffspaktes. Das heißt: Die Türkei bereitet die „Rückeroberung" Syriens vor, durch den vorzeitigen Weggang Frankreichs und die Hilflosigkeit der „Republik" ermutigt. Der Frieden im Nahen Orient ist arg gefährdet und Frankreich, das sich durch Aufhebung des Mandats zu entlasten glaubte, wird unvergleichlich mehr an Geld und Kraft aufzuwenden haben, als die Verwaltung Syriens erforderte. Der Vorfall ist in der Weltpresse mit wenigen Zeilen abgetan worden und ist doch von höchster Bedeutung. Er kann das Signal zu Kämpfen im Nahen Orient werden. Er möge England zur Warnung vor voreiligen Experimenten mit Palästina dienen. Und er sollte jene Juden zum Nachdenken anregen, welche . für' einen Judenstaat um jeden Preis, sind, , mag er noch so klein und noch so unfähig zur Selbstverteidigung sein.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.