Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 709 (14.12.1937)
- Date
- 1937-12-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 709 vom 14. Dezember 1937 DIE NEUE WELT weite S Wettpolitik der Woche Wer sich Uber die Art, wie das faschistische Italien seine iirparialen Aspirationen befriedigen will Mar ist, dem ist der soeben angemeldete Austritt Italiens aus dem Völkerbund nicht überraschend gekommen. Schon seit dem Frühjahr 1636 hat Italien an den Genfer Arbeiten nicht teilgenommen. Die Verstimmung Mussolinis trat ein, als der Völkerbund (dessen Sanktionen gegen das mit der Okkupation Abessiniens beschäftigte Italien unwirksam, ja blamabel waren) die Herrschaft Italiens Über Abessinien nicht sanktionieren wollte. Sie wurde durch die Haltung der beiden ebenfalls ausgetretenen Mächte Japan und Deutschland verstärkt, die durch ihre Haltung in allen außenpolitischen Fragen zu verstehen gaben, daß die Genfer Institution versagt habe und unter den bestehenden Verhältnissen nicht mehr , in der Lage sei, ihre Aufgabe zu erfüllen. Schließlich erkannte Mussolini, daß das französisch-englische Zusammenarbeiten ihm die Möglichkeit genommen habe, seine Expansionsbestrebungen im Mittelmeer ohne das Auftreten Frankreichs weiterzuführen. Kurzum: Mussolinis Absage an Genf schließt einen Prozeß ab, der begann, als der italienische Faschismus die Kraft in sich fühlte, seine imperialen Ziele mit eigenen Machtmitteln erreichen zu können. Eine Analyse der Situation, wie sie den Schritt Mussolinis begründete, ergibt etwa folgende Punkte: 1. Eroberungsziele an sich vertragen sich nicht mit den Thesen des Völkerbundes. 2. Die Gleichschaltung Italiens mit Japan und Deutschland mußte das Verhältnis zum Völkerbund lockern. 3. Das Scheitern der britisch-italienischen Verständigung bezüglich Abessiniens machte die Aussicht, in Genf Wohlwollen zu finden, zunichte. 4. Die Dynamik des faschistischen Regimes verlangte einen neuen Impuls. 5. Auf dem Weg zu voller Bewegungsfreiheit gab es kein Halten mehr. Die Lage ist geklärt. Das noch zwei Jahre nach Kündigung währende formelle Verbleiben Italiens in Genf hat keine Bedeutung. Der Gedanke der kollektiven Sicherheit, wie ihn die Weststaaten in allen ihren politischen Konzeptionen vertraten, hat vorläufig eine Schleppe erlitten. Ja, es sieht so aus, als würde es zu Blockbildungen auf ideologischer Grundlage — hie imperialer Faschismus, hie konservative Demokratie :— kommen. Wenn eine weitere Abbröckelung des Völkerbundes vermieden werden soll, dann müssen die verbleibenden Mächte ihn so reformieren, daß er fähig ist, das sittliche Prinzip der Welt- und Staatenordnung zur Geltung zu bringen. Amerika könnte den Entfall gutmachen, Anzeichen einer Näherung der Vereinigten Staaten au die europäischen Sorgen sind vorhanden; Präsident Roosevelt hat zu verstehen gegeben, daß sein Land die Verantwortlichkeit gegenüber der Menschheit nicht verkennt. Vorläufig lassen sich die Folgen des italienischen Austritts aus dem Völkerbund nicht übersehen. Nur das eine läßt sich sagen: Man rechnet damit, daß England nach diesem Fall Schritte unternehmen wird, das Konto Völkerbund wieder glattzustellen. o. r. I, Hoher Markt- LichtenstegNr.4 Mexiko Aus Mexico City (J. T. A.): Das Komitee jüdischer Organisationen in Mexiko hat dem Staatspräsidenten Cardenas ein gegen die antisemitische Agitation in Mexiko gerichtetes Memorandum überreicht, in welchem es heißt, Mexiko könne die Beispiele anderer Länder, die zwischen ihren eigenen Bürgern rassische oder religiöse Unterschiede machen, nicht nachahmen, well die Verfassung Mexikos auf der Gleichberechtigung aller Bürger basiert. Der Präsident wird ersucht, unverzüglich Schritte zu unternehmen, um der antisemitischen Agitation im Lande ein Ende zu machen. Es wird betont, daß die Juden sich in Mexiko niedergelassen haben, um zu arbeiten und zur allgemeinen Entwicklung des Landes beizutragen. Die Juden hätten neue Arbeitsmöglichkeiten geschaffen und mehr als 25.000 mexikanischen Arbeitern Arbeit verschafft. Sie hätten auch eine heimische Industrie entwickelt, die es Mexiko ermögliche, sich vom Import einer großen Anzahl von Artikeln aus dem Auslande unabhängig zu machen. 11.157 Juden vorließen Palästina in den letzten drei Jahren Aus Jerusalem (J. T. A.): Aus einer von der Palästina-Regierung soeben veröffentlichten Wanderungsstatistik geht hervor, daß sich vom 1. Jänner 1936 bis 31. Oktober 1937 9000 jüdische Einwohner Palästinas nach dem Ausland begeben haben, ohne zurückzukehren. Von Anfang 193Ö bis Ende Oktober 1937 verließen insgesamt 11.157 Personen das Land. Obwohl keine genauen statistischen Angaben über die gegenwärtigen Aufenthaltsländer der Ausgewanderten vox'liegen, geht doch aus dem vorhandenen Material hervor, daß sich die meisten nach den Vereinigten Staaten sowie nach Brasilien und nach Sowjetrußland begeben haben, und daß eine beträchtliche Anzahl nach Polen, Rumänien und sogar nach Deutschland zurückgekehrt ist. Palästina — ein Friedhof der Industrie Von Marcell Färber (Tel-Aviv). Noch lebt sie. Aber wenn nicht bald Abhilfe geschaffen wird, dann wird Palästina ein Friedhof der Industrie sein. Die Bedeutung der Industrie für Palästina tritt anläßlich der Debatte Über den unglücklichen Plan der Teilung des Lahdes besonders hervor. Es ist klar, daß nicht die Landwirtschaft allein, sondern die Industrie und der Handel, vornehmlich aber erstere, für die Lebenshaltung der Bevölkerung von höchster Bedeutung sind. Im Jahre 1926( als die Industrie sich noch im Anfangsstadium befand, zählte man 583 Unternehmungen mit 5711 Arbeitern. Heute lebt bereits annähernd ein Drittel des Jischuw direkt oder indirekt von Industrie und Gewerbe. Diese Zahl erscheint im richtigen Lichte, wenn man bedenkt, mit welchen Schwierigkeiten unsere Industrie zu kämpfen hatte und welch mächtige Feinde ihr gegenüberstehen: Verständnislosigkeit auf selten der Palästina-Regierung, falsche Zollpolitik, eine nur auf ihre eigenen Interessen bedachte übermächtige Arbeitergewerkschaft, welche durch unbegründete hohe Lohnforderungen rücksichtslose Machtpolitik betreibt, durch Streiks und Boykott vor dieser Industrie Hindernisse aufhäuft. Und unter solchen Umständen hatte eine Industrie um ihre Existenz und Entwicklung zu kämpfen, welche in unerforschtem Neulande mit schwachem Kapital und starkem Optimismus etabliert worden war. Da galt es, nicht nur einen Markt zu erforschen, sondern ihn zu schaffen, nicht nur Vertrauen und Kredite zu gewinnen, sondern sich gleichzeitig gegen böswülige Gläubiger und Schuldner zu schützen, alles ohne Beratung und Hilfe seitens der Zionistischen Organisation, die kein Verständnis für eine im neuen Lande notwendige Planwirtschaft an den Tag legte. Viele Fabriken, die mit großen Opfern geschaffen worden waren, sind an den bösen Verhältnissen im Lande zugrunde gegangen. Aber fast immer haben es andere Industrielle gewagt, in die Bresche zu springen und den Kampf für die jüdische Industrie weiter zu kämpfen. Nur auf einzelnen Gebieten blieben die Lücken unausgefüllt. Die Industrie entwickelte sich, wurde groß und stark. Trotz allem. Bis eine Katastrophe von außen hereinbrach: der abessinische Krieg. Die europäischen Lieferanten verloren das Vertrauen zum Weltmarkt, und eines der ersten Länder, denen der Kredit entzogen wurde, war Palästina. Die junge jüdische Industrie war plötzlich gezwungen, alle Rohmaterialien bar zu bezahlen. Gleichzeitig sank die Aufnahmsfähigkeit des Absatzmarktes im Lande, auch vom arabischen Boykott beeinflußt, erst jäh und dann allmählich weiter bis auf eüi Drittel. Wäre damals die Zionistische Organisation mit ihren Fonds, Banken, ihrem moralischen und materiellen Einfluß der notleidenden Industrie zu Hilfe geeilt, alle Schwierigkeiten hätten leicht überwunden v/erden können. Denn trotz der Krise hat kein Industrieller zur Rettung seiner Gelder den Kampfplatz verlassen. Der ungeheure Optimismus der palästinensischen Industriellen wurde aber von der Oeffentlichkeit nicht beachtet und niemand tat etwas dazu, ihn zu stärken. Uebermächtig steht im Wirtschaftsleben des Landes die Anglo-Palästina-Bank, das Wirtschaftsinstrument der Jewish Agency. Es wäre die Aufgabe dieser Institution gewesen, der Industrie zu helfen, den Rohwareneinkauf zu finanzieren, langfristigere Kredite zu erträglichen Bedingungen zu geben. Statt dessen hat man Fabriken für kleine Kredite mit siebenfachen Garantien belastet, erdrückt und ihnen jede Möglichkeit zur Aufnahme weiterer Hilfskredite abgeschnitten. Was war der Grund dafür, daß die öffentlichen Institutionen einen so wichtigen Sektor der Volkswirtschaft mit diesen obstruktiven Mitteln bekämpfen? Jetzt wird die Sache immer klarer. Es war weder Z uf all noch Mangel an Möglichkeit für Hilfe, Es war eine klare feindliche Linie, die da bezogen wurde, die Linie der im Lande und in der Zionistischen Organisation allmächtigen Histadruth: der Wunsch nach Sozialisierung. Da die Industrie ihre Lebensfähigkeit erwiesen und Bedeutung erlangt, die Energien aufzehrende Pionierarbeit bereits geleistet hat, sollen, direkt oder indirekt, die Histadruth und ihre Kreise, Arbeiter- Kooperativen an die Stellen der zugrunde gerichteten Industriellen treten. Es ist nicht unsere Sache, die Personen der Industriellen zu verteidigen. Aber der Jischuw darf nicht ruhig zusehen, wie um eines Machtkampfes der Histadruth willen Energien und Volksvermögen zerstört werden. Die Arbeiter-Kooperative, das öffentliche oder halböffentliche Unternehmen, ist nicht imstande, die Privatinitiative des Industriellen zu ersetzen. Selbst der faschistische Staat, der doch als Totalitäts« staat soviel als möglich der privaten Hand entreißt, sieht in der Privatinitiative die einzig geeignete Kraft für Industrie und Handel, So schreibt Benito Mussolini im Programm des Faschismus im Artikel 9 der Carta del Lavoro: „Der Eingriff des Staates in die wirtschaftliche Produktion findet nuv dann statt, wenn die Privatinitiative fehlt oder unzureichend ist, oder wenn politische Interessen des Staates auf dem Spiele stehen. Dieser Eingriff kann die Form der Kontrolle, der Förderung oder der direkten Geschäftsführung annehmen." Die Zionistische Organisation, deren Wirtschaftspolitik heute von der Histadruth bestimmt wird, gebärdet sich bereits als Staatsregierung. Es ist höchste Zeit, auf die Gefahr hinzuweisen, die in der Lähmung der Privatinitiative liegt. Nie kann das öffentliche Unternehmen oder die Kooperative, welche Verantwortung und Befehlsrecht auf viele Menschen verteilen, daher an mangelnder Entschlußkraft leiden, die Schwierigkeiten überwinden, welche von innen und außen her unsere Industrie hemmen. Noch ist die Hilfe möglich. Noch stehen und arbeiten Fabriken mit dem Aufgebot ihrer letzten Kraft. Einsehen und rasche Hilfe sind dringend gebot»».. »Freie« Wahlen in Rumänien Aus C e r n a u t i: Die Bezirksleitung von Storojineti hat verfügt, daß die Wähler von Vijnita. (Wiznitz) im Norden der Bukowina nicht auf ihrem Territorium wählen, sondern aich nach dem Dorfe Vijenca zur Abstimmung begeben sollen. Dazu schreibt die ,.Ostjüdische Zeitung": „95 Prozent der Bevölkerung der Stadt Wiznitz; sind Juden. Wiznitz ist nach Tel-Aviv die jüdischeste Stadt der Welt. Nun soll die jüdische Stadtbevölkerung in das christliche Dorf marschieren, um dort zu wählen. Das Wahlmanöver ist durchsichtig genug: 1. Werden sich viele Wähler nicht entschließen, den Weg von mehreren Kilometern zu machen, um ihre Stimmen abzugeben, schon gar nicht an einem Wintertag. 2. Wenn die ersten ins Dorf gehen, um zu wählen, und unterwegs von Radauhelden belästigt werden, verbreitet sich dies sofort in der Judenstadt Wiznitz und dann entschließt sich niemand mehr, von seinem Stimmrecht Gebrauch zu machen. — Das Präsidium der Jüdischen Reichspartei wird den Innenminister, Herrn Franasovici, fragen, ob diese Verfügung in Einklang zu bringen i3t mit seinem Versprechen, eine ungehinderte Abgabe der Stimmen zu ermöglichen." Einstampfen! Aus Prag (J. T. A.): Die ..Westfälische Landeszeitung", Dortmund, schreibt in Nr. 330 vom 5. Dezember unter dem Titel „Restposten für Weihnachten": „Ja, sie sind schon unsere Schmerzenskinder, diese Ramschtische mit Büchern in den Warenhäusern. Heines Buch der Lieder, in Halbleinen, nur 95 Pfennig. BallinS Lebenerinnerungen, ebenfalls nur 95 Pfennig, dabei sogar 480 Seiten stark. Wühlst du weiter, dann findest du sie alle wieder, die dir fremd, ach, so fremd geworden Sind, diese Jünger und Rufer der jüdischen Asphaltkunst, wie sie auch heißen mögen, und sie grinsen dich an: „Höhö, wir sind noch immer da!" — Einstampfen und weiter nichts! Wir wollen nicht, daß weiterhin jüdisches Geschmeiß auf den Warenhaustischen herumlungert und auf Dumme wartet — wir wollen auch nicht, daß unbefangenen und unwissenden Volksgenossen Bücher jüdischer Autoren, die sich heute im Haßgesang gegen Deutschland nicht genug tun können, als „billiger Gelegenheitkauf" und „schönstes Weihnachtsgeschenk" in die Hand gedrückt werden." Eine neue antisemitische Partei in Holland Aus Amsterdam: Nach der Niederlage der von Ing. A. Mussert geführten holländischen nationalsozialistischen Partei bei den letzten Parlamentswahlen im Mai verließen zahlreiche prominente Personen die Partei. Vor kurzem nun hat eine von diesen, der bekannte evangelische Geistliche Dr. van D u y 1, eine neue Partei, die Holländische Volkspartei, ins Leben gerufen, die ebenfalls den Antisemitismus in ihr Programm aufgenommen hat. Juden werden in die Partei nicht zugelassen, 1, Wollzeilel7 Telephon R-24.2-16 Vont«lliing«n> *, Vi«, V*1© Victor McLasHen THWEDEM |)as bloit Dagirn: ttd, 'M, VnB, WO Uhr. T«l. A-49-0-60 Vorverkauf ab Ccnstancc Benno t, CatyCremt 10 Uhr vormittags ununterbrochen Bis Freitag, den 17. Dezember; Der große PiunkfHm Ü, Untere Ausarten straße 26 Telephon A-4C».'-98 8«fjlnn: V, ',»0, »,8, VJO Ubr ic Köni iii Viktoria spielt Ann© Keaste, ihr Partner bt Ado.f Wohlbrück