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Die neue Welt · 1937-12-14 · Heft 709 (14.12.1937) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 709 (14.12.1937)
Date
1937-12-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 709 vom 14, Dezember 1937 **W M. Ben-Elieser: Die nur zu Besuch kommen ■ ■ ■ Es sind etwa drei Jahre her. Der Name „Erez Israel" war damals in aller Mund, durcheilte die jüdische Welt und erfüllte jedes lebendige Herz. Ein neues Amerika! Damals bekam ich ein Schreiben; ein reicher Verwandter, ein angesehener Bürger, ein Jude von der alten Chassidim-Art, dieser also schrieb mir einen langen Brief, dessen Inhalt ungefähr so lautete: Die Geschäfte gehen schlecht; die Zeiten haben sich geändert, der „Purez" (der adelige Gutsherr) ist ein anderer geworden; der Kommissär, der Gendarm und der Stadtkommandant sind andere geworden — sie wollen jeden von uns mit zwei Fingern erdrücken und in einem Löffel heißen Wassers ertränken! — Kurz, was er von mir will? Eine Kleinigkeit! Ich, der hier im Lande schon viele Jahre wohne und vertraut sei mit allen Problemen des Lebens und der Wirtschaft, ich möge so gut sein, ihm einen Rat erteilen, ob es vorteilhaft wäre, hierher nach Palästina zu übersiedeln ... Ich kenne diesen Verwandten gut. Ich entsinne mich noch, wie er sich über uns Zionisten lustig machte. Zionisten! — etwa soviel in seinen Augen wie Komödianten, Tagdiebe, Gaukler, bestenfalls arme Narren----So antwortete ich ihm also, wenn er sich mit der Absicht trage, nach unserem Erez Israel zu kommen, um gute Geschäfte zu machen, möge er in allen Ehren dort bleiben, wo er sei — denn, hier gebe es weder gute, noch schlechte „Prizim", und Juden seiner Art werden nicht entzückt sein in Erez Israel. Viel „Naches" werden sie hier bei den eigenen-Brüdern — nicht erleben... Monate verstrichen. Ruhe. Kein Brief kam. Auch gut — dachte-ich mir. Was mich betraf: ich bereute nicht, ihm so geraten zu haben. Was ich ihm riet, war meine "feste-Ueberzeugung. Da — eines Tages, wie war Ich .überrascht, meinen guten Freund mit seiner Frau promenierend durch die Straßen Tel-Avivs zu treffen! Sie gingen beide daher und — gafften, wie kleine Kinder. Da blieben sie vor einem Laden stehen und beguckten strahlenden Auges, die ausgestellten Sachen, da hoben sie Ihre Köpfe empor zu den neuen, schönen Häusern und ihre Gesichter leuchteten, dort gesellten sie sich zu einer Schar spielender Kinder und hörten dem Plappern der Kleinen im Modernhebräisch zu — Kinder im Zaubergarten! Und ich — beschämt schlich ich hinter ihnen daher und hörte, wie die Frau zu ihm sagte: „Das ist eben Erez Israel!" Und er antwortete in einer Betonung, wie ein Chassid den Namen des Zaddik ausspricht, leise, mit Ehrfurcht, „Ja, ja, Erez Israel!" Ich konnte nicht länger an mich halten, ich begrüßte sie herzlich. Ich hatte mir etwas eingebrockt! Mein Verwandter maß mich vom Scheitel bis zur Sohle und sagte ironisch: „Siehst du, ich habe deinen Rat dem Wind anvertraut — da bin ich gekommen, gottlob! Es ist mir schwer, zu begreifen, weshalb du mir schriebst, ich möge nicht kommen! Hier ist doch ein wahres Paradies! Ah, ich habe schon eine Erklärung: es kann nicht anders sein, ihr Herren Zionisten glaubt, dieses Heilige Land sei euer Erbstück und nur euer! Und die anderen, jene haben daran keinen Anteil..." Kleinlaut bemerkte ich: „Du bist doch ein .Talmidchacham', ein gelehrter Jude. Du weißt doch, daß wir einem ,Ger', einem Heiden, der unseren Glauben annehmen will, die Frage steilen: ,Was hat dir an uns gefallen? — steh' ab davon, nimm dich in acht, überleg's gut, denk' an die schwere Lage, denk' an das geplagte Leben der Juden, an die vielen Gebote und Verbote, an. alle die Schwierigkeiten! »-- Und erst, wenn der ,Ger1 auf diese Vorhalte, klar und bewußt, sagt: .Und dennoch will ich euren Glauben annehmen!', erst dann gestatten wir es ihm..." Mein Verwandter wandte sich scharf zu mir, blieb mitten auf der Herzliastreet stehen, was scherte ihn der Verkehr, er mußte mir eine gebührende Antwort geben. Hart und streng: „Wer gestattet es dir, mich in bezug auf Erez Israel einen ,Ger' zu nennen? Mich? Etwa well ich keinen Schekel kaufe? Oder weil ich zu keinem Kongreß fahre?... Puh... Puh... Soll mir deshalb Erez Israel weniger heilig sein? — Welch' abscheulicher Gedanke! Wende ich mich denn nicht dreimal jeden Tag im Gebet nach Jeruschalajim, bin ich denn kein treuer Soldat dem Ewigen, statte ich denn nicht pünktlich meinen Rapport ab und — vergesse ich denn jemals in meinem Gebet die Hoffnung auszusprechen, der Ewige möge wieder in Jeruschalajim, mitten im Volke seinen Thron aufschlagen und das Heiligtum erstehen lassen? — Du bist einfach schlecht!"... EJs kostete mich viel Mühe, meinen guten Freund zu oeruhigen — er stand nocü immer mitten auf der Bis 23. Dezember täglich Verkauf von 8 bis 7 Uhr Waschsfoffe, Samte: Strapaz-Flanelle, gestreift, per Meter . . S —.65 Pyjama- oder Touring-Flanell, Modedessins S —.98 Vorarlberger Winter-Dirndlstoffe, gewebt . S 1.29 Veloursflanelle, Modestreifen, f. Schlafröcke S 1.89 Mille fleurs oder Streif-Velours..... S 1.50 Boucle-Velours, 80 cm breit...... S 1.50 Diagonal-Winterdirndlstoffe, aktuelle Muster S 1.60 „Gailtaler", Mode-Winterdirndlstoff . . . 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S 89.— Boxcalf-Schuho mit Croupönsohle . . . . S 15.90 Jllustrierter Winter-Katalog gratis I ILTABORSTfl.H& Herzliastreet — und ihm zu erklären, daß ich ihn, h%* hüte es der Ewige, nicht kräriken wollte: einen Menschen wie ihn, einen angesehenen Juden, bewahre, bewahre... Es gelang mir und bald war er wieder der Alte. Und da wir., „intime Brüder" seien, gestand er mir, er sei vorsichtshalber noch nicht hergekommen, uni sich hier seßhaft zu machen, nein, das nicht. Er sei auf Besuch da. Tourist — mit einem Wort: zwei, drei Monate. Inzwischen führe der Sohn daheim die Geschäfte. Wenn ihm das Land behage, in seinem Sinne, werde er sich ein Haus in Tel-Aviv kaufen und gänzlich übersiedeln. Augenblicklich sei er begeistert. Insbesondere sie, gemeint war seine Frau, sie erkläre immer wieder, das Land nicht verlassen zu wollen. Frauen sind immer leichtsinnig, bemerkt er zu mir mit abfälliger Miene — so dränge sie schon jetzt in ihn, er möge dem Sohne schreiben, alles zu liquidieren und herzukommen... Er aber sei wohl entzückt, aber doch vorsichtig, er lasse sich Zeit... Zeit... Einmal in der Woche oder in zwei Wochen besuchte ich sie im Hotel. War sprachen über allerlei Probleme des Landes, des Aufbaues, der Wirtschaft. In den ersten Wochen stieg die Begeisterung grenzenlos, förmlich von Stunde zu Stunde. Dann aber kam der Wandel. Die Hymnen wurden zu Klagen... Es begann mit der — Sonne in Erez Israel. Zu viel Sonne, viel zu viel! Das schadet dem Lande und den Menschen, dozierte mein guter Freund. Dann kamen die Eigenarten der Menschen hier an die Reihe. Ungezogen, ohne Ehrfurcht und Respekt vor dem Alter. Ganz zu schweigen von den Führern des Jischuws. Dann kamen die Chaluzim und Chaluzoth dran — alle frei, frei im religiösen Sinn, daß sich der Ewige erbarme; sie zerstören den Schabbath, sie verletzen die elementarsten Gebote, einfach schrecklich... Was aber das Wichtigste sei: nämlich die Geschäfte und die Geschäftsleute, schweig', Bruder, öffne nicht deinen Mund zum Bösen ... Schweig', Bruder» keine Geschäfte, keine Geschäftsleute ... Die Sache nahm ein rasches Ende: als ich letztens sie besuchen kam — sie waren schon etwa vier Monate im Lande — eröffnete er mir seinen Entschluß, in wenigen Tagen abzureisen. Karten habe er schon in der Tasche. Schluß. Aber — so setzte er vertraulich hinzu — ich möge nicht glauben, er wolle heimfahren. Bewahre! Er nicht. Schließlich sei dieses Land, trotz aller Mängel, doch sein gutes Land, ein heiliges Land, das Land der Verheißung, das Land der Väter... Aber was solle er machen, s i e, seine Frau, könne sich nicht akklimatisieren, nicht einleben hier. Nicht mit dem Klima, nicht mit den Verhältnissen, nicht mit den Frauen, kurz, sie jammere den ganzen Tag. O, diese Frauen, diese Frauen!!... Die Frau meines Freundes saß in einer Nische des Zimmers mit gesenktem Kopf, hörte unsere Unterhaltung untl — schwieg. Ich verstand dieses beredte Schweigen. Mein Freund war eine Herrennatur. Er diktierte. Er befahl und es geschah. Sie wurde niemals um Rat gefragt ... So hielt er es immer. Auch daheim im Dorfe. Wenn verarmte Verwandte zu ihm kamen, er, der Reiche, möge ihnen helfen — er war ein großer Geizhals! —, wand er sich stets hin und her und sagte mit Bedauern: „Ich will euch helfen, mit vollen Händen — aber sie, sie sagt: ,Nein!' Soll ich mich euretwegen mit ihr zerstreiten, bis zum „Gef, bis zur Scheidung?"... Auch jetzt, da es galt, sich im Lande der Sehnsucht anzusiedeln, zu schaffen, zu arbeiten, Strapazen zu ertragen, wälzte er seine Unlust auf ihr Haupt. Sie wolle nicht!... Er wolle wohl... Und sie, die gute und edle Schoschanah, sie schwieg und senkte ihr Haupt... Doch innerlich tat es ihr weh und schnitt sie ins Herz... Eine Sehnsucht ertränken in der Sucht nach „guten Geschäften"! Das war hart und grausam. Sie war eine Duldnerin, wie die meisten, und schwieg .. t (Aus dem Hebräischen übertragen von M. S. Brafmann.), Ghettobänke auch in Bukarest Aus Bukarest: Der Professor an der Technischen Hochschule in Bukarest, Cornelius Cassasovici, hat angeordnet, daß die jüdischen Hörer besondere Plätze in den Hörsälen einnehmen. Es ist dies der erste Fall eines Hochschulghettos an rumänischen Hochschulen* Die Union rumänischer .Juden sandte an Ministerpräsident Tatarescu, an Unterrichtsminister Dr. Constan-; tin Anghelescu und an den Präsidenten der Liberalen Partei, Constantin Bratianu, Telegramme, in denen sie gegen die Einführung von Ghettobänken protestiert lind erklärt, daß diese Maßnahme zur Verfassung und zum Programm der Regierung und der Liberalen Partei in Widerspruch flteht. Eigentümer, Verleger, Herausgeber: Oberbaurat Robert Stricker. Verantwortlicher Redakteur: Fritz Kolb. — Druck: Druckerei- und Ver!ags-A.-G, Ignaz Steinmannj alle Wien, IX., Uhiveraltätsstraße 6-8,

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