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Die neue Welt · 1937-12-10 · Heft 708 (10.12.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 708 (10.12.1937)
Date
1937-12-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 708 vom 10. Dezember 1937 Btudeetidkeit *VWW9WUWWWWwWH^r*W Von Prof. I. N. Rothmann (Tel-Aviv) Ich sitze im warmen Palästina und es ist mir — kalt. Die Göttin Politik hat uns jetzt mit einem Schwall von Gaben überschüttet und die Luft ist voll betäubender Gifte, das menschliche Denken mit seiner natürlichen Klarheit liegt darnieder. Man spricht in ein und derselben Sprache und man versteht einander nicht. Der Schöpfer wollte, daß unser Königstraum sehr groß erscheine den Augen unserer Nachbarn. Unser bißchen Aermlichkeit, unser sorgenvolles Bemühen, die paar unbedeutenden Gebäude auf dem mageren Sand, ein wenig mittelständischer Komfort, der mit harter Mühe erworben wurde, springen allen Mittelmeernachbarn in . die Augen. Sie, die Nachbarn — die Araber, Italiener, Syrier, Aegypter und all die anderen — haben bei sich zu Hause reichgedeckte Tische. Ihr Himmel leuchtet so hell wie der unserige hier, es gibt bei ihnen gute Quellen und wasserreiche Teiche, hohe, kühle Berge und fette Täler und es fehlte ihnen bisher nicht der Tel-Aviver Sand und der Scharoner Kot. Aber die Sumpffiebergefahr ist von der Scharon-Ebene beseitigt und auf dem Sand hier bei uns können schon Bäume blühen und plötzlich haben wir gefühlt: die Nachbarn beginnen,. auf uns zu schauen. Ja, schauen... Wenn nur das allein gewesen wäre! Aber sie werfen einen Blick in die Werkstätten und Orangenpflanzungen, sie stecken ihre Hand zwischen Räder und Speichen, sind oft dort, wo man sie am wenigsten zu sehen erwartet. Und oft geschieht es, daß man von der Ferne die Sporen von Reitern klingen hört, Fahnen fremder Völker erheben sich, Kolonnen stehen gerüstet und bereit... Scharf sind die Dolche und geladen, die Gewehre ... „Man hört ein dumpfes Brüllen, wie das Brüleln von Löwen, und wenn man das Land ansieht, so ist es dunkel und eng und das Licht duckt sich in finstere Nebel.. Ein Zitat aus einer Zeitung? Nein. So hat vor ungefähr 2000 Jahren hier bei uns in Erez Israel ein Jude geschrieben. (Jesaja, V. 29, 30.) 2. Madame Politik ließ sich seinerzeit nicht sehr intim mit uns ein, aber wir haben begonnen, uns zu entwickeln, sind hoffähig geworden. Jetzt haben wir bereits einen politischen Kodex und es zeigen sich bereits die ersten Früchte: Wir teilen und spalten uns, zerschneiden das kleine jüdische Lager. . . . Mir scheint, es müßte da in der Heimat jeder Jude jedem Juden Freund und Bruder sein. Denn wenn nicht hier in Erez Israel — wo sonst sollte man einander mit Freundschaft begegnen? Und da, in Erez Israel, wurde eine' Fremdheit eingeführt, die nach peinlichster % Engherzigkeit riecht. Man hält sich hier distanziert, abgesondert. Blickt mißgünstig auf jeden, hält sich für jemand, den anderen für gar nichts. Innerhalb der Parteien selbst herrscht eine Atmosphäre voll unangenehmer Kälte. Man hat stets etwas auszusetzen. So ist's bei den Rechten wie bei den Linken. Bei den Linken rüstet man schon zu einer unabhängigen sozialistischen Partei für den Fall, daß die „Mapai"-Sozialisten (die gegenwärtige sozialdemokratische Arbeiterpartei Palästinas) nach der Durchführung der Teilung die Regierung bilden sollten, und bei den Rechten (gemeint sind die Allgemeinen Zionisten) macht man schon Bestellungen auf Ministerbänke. Und man teilt sich und splittert sich und die Linke weiß nicht, mit wem die Rechte morgen sein wird. „Es hütet sich jeder vor seinem Freund und jeder blickt scheu seinen Bruder an, denn es könnte auch der Bruder ... Ein Freund täuscht den anderen, und sie reden keinwahres Wort und sie befleißigen sich, daß einer den andern belüge..." Ein Zitat aus einem Feuilleton? Nein. Ungefähr 600 Jahre vor der Zerstörung des Heiligtums hat sich ein Jude hier in der Heimat so ausgedrückt. (Jeremias, IX, 3—5.) 3. In solchen Zeiten ist es gut, sich in einen Winkel zu drücken und das heilige Bekenntnis zur Reinheit und Wahrheit zu retten. Der Brith Hakanaim ist heute ein kleiner Winkel. Was werden wir in diesem Winkel tun? Wir werden dort von Mann zu Mann den Funken von Brüderlichkeit und Wärme tragen, wir werden alle lehren, daß einer dem andern Schutz sei und Hilfe, Freund und Mitkämpfer. Vor allem — das! Was taugt der ganze Lärm des Parteilebens, wenn man dort in schwerer Zeit keine Befriedigung finden kann, und allein bleibt, allein und verlassen, trotz alles schönen Aufputzes und aller Symbole? Einer Idee dienen — ist eine wunderschöne Sache. .Einem Ideal dienen — bedeutet einen großen menschlichen Aufstieg. Aber einem Freund dienen — ist keine kleinere Sache, und wer weiß, ob es nicht die höchste und schönste Stufe ist, zu der alle menschlichen Ideen und alle Volksideale führen. f». Wuhi: Du Satöat Jüdische und nicht jüdische Beobachter des Sabbats Die Baptisten und Adventisten vom siebenten Tage In der baptistischen Bewegung ist die Feier des Sabbats an Stelle des Sonntags in mehreren Zweigen üblich, vor allem bei den danach beananniten Sabbatarian Baptists, auch Seveneth Day Baptists (Baptisten vom siebenten Tage). Diese Sekte hat ihren Ursprung in England, wo es schon gegen Ende des 16. Jahrhunderts zahlreiche Beobachter des Sabbats gab. Ungeachtet der Verfolgungen gab es im 17. Jahrhundert viele baptistische Gemeinden in England, die an der Beobachtung des Sabbats festhielten. Später sind die Baptisten vom siebenten Tage in England stark zusammengeschmolzen, breiteten sich dafür aber in Nordamerika aus, wohin im Jahre 1664 ihr Sendbote Stephan Mumford aus London gekommen war. Sie bilden besonders im Süden des Staates New York noch jetzt eine ansehnliche Gruppe. Auch eine deutsche Gemeinde von christlichen Sabbatbeobachtern bildete sich schon vor zwei Jahrhunderten in den Vereinigten Staaten, und zwar in Pennsylvanien. Infolge der Berührung mit den Sabbatarian Baptists ist die Sabbatfeier auch von einem Zweig der Adventisten, dent Seventh Day Adventists, aufgenommen worden. J. N. Andrews, der u. a. ein Buch über die Geschichte des Sabbats verfaßte, kam 1874 nach der Schweiz und organisierte von Neuchätel aus die adventistischen Gemeinschaften auf dem europäischen Festland. Deutsche Sabbatarier des 18. Jahrhunderts Zu Beginn des 18. Jahrhunderts trat Johann Tennhardt, ein schlichter Gewerbetreibender in Nürnberg, für die Heiligung des Sabbats ein und ließ in Erfurt verschiedene Schriften in diesem Sinne drucken. Seine Propagahdareisen führten ihn nach Hessen, Sachsen, Schlesien und Berlin. Er wurde seiner religiösen Ueberzeugung wegen wiederholt verhaftet und starb 1726 in Kassel. Noch jetzt leben in Württemberg und Hessen vereinzelte seiner Anhänger, die den Sabbat beobachten. Im Jahre 1741 beschloß der Gemeinderat in Bethlehem (Pennsylvanien) auf Vorschlag des Grafen Nikolai von Zinzendorf, den Sabbat als allgemeinen Ruhetag einzuführen. Feier des Sabbats bei den orientalischen Cristen Die äthiopischen Christen feiern von altersher den Sonnabend neben dem Sonntag. Als die Jesuiten gegen Ende des 16. Jahrhunderts nach Abessinien kamen, suchten sie die Sabbatfeier abzuschaffen und veranlagten den König Segued, einen Befehl zu erlassen, wonach am Sabbat gepflügt und andere Arbeit verrichtet werden sollte. Den Zuwiderhandelnden wurde strenge Strafe angedroht. Allein das Volk erhob sich zur Verteidigung seiner alten religiösen Satzungen, und nach blutigen Kämpfen sah sich der König gezwungen, seihen Befehl zu widerrufen und die Gewissensfreiheit wiederherzustellen. Seither haben die Abessinier bis auf den heutigen Tag an der Feier des Sabbats festgehalten. Auch bei den Jakobiten in der Osttürkei und bei den Thomas- Christen in Malabar (Indien) wird der Sonnabend neben dem Sonntag vielfach gefeiert. Die Verrichtung des Eruw Innerhalb eines geschlossenen Gehöfts, das an sich als Einzelbereich TVlVT fllEH anzusehen ist, an dem aber mehrere -Hausbewohner teilhaben, ebenso in einem nur an einer Seite offenen Gäßchen (Sackgasse, Passage) mit mehreren Häusern, ferner aus den Wohnräumen eines Hausvaters in die des anderen darf nach arabischer Anordnung am Sabbat nichts getragen werden, es, sei denn, daß eine ideelle Vermischung und Vereinheitlichung der räumlichen Besitzrechte (Eruw, Schituf) stattgefunden hat, die ihren symbolischen Ausdruck in einem allen Einwohnern gemeinsamen, in Einzelverwahrung gelegten Brot (bzw. irgend einem anderen Genußmittel) findet. Bei Gäßchen muß ferner ein figürlicher Abschluß der, offenenDurchgangsstelle durch Stand- oder, Querbalken, in gewissen Fällen durch eine türähnliche Einfassung (izwei Pfähle und eine Querstange darüber) hergestellt werden. Durch solche Abschlußvorrichtungen, (Drahtverbindungen u. ä.), die gemeinhin ebenfalls Eruw; genannt werden, kann unter bestimmten Voraussetzungen die religionsgesetzliche Zulässigkeit des Tragens innerhalb ganzer Stadtteile oder Städte bewirkt werden. Die Sabbatvorschriften der Karäer Die Gesetze über das Werkverbpt am Sabbat sind bei den Karäern viel strenger als bei den rabbinisch^n: Juden. Auch sie kennen, nach dem Vorbild der Mischna, neununddreißig verbotene Hauptarbeiten, die aber zum Teil von den in der Mischna aufgezählten abweichen. Da die Karäer sich nicht auf eine Ueberlieferung berufen dürfen, bemühen sie sich, aus Schriftstellen und auf Grund logisch-hermeneutischer Dedukationen nachzuweisen, daß alle ihnen als verboten geltenden Verricfr* tungen unter den Begriff „Arbeit" rDfr^ö fallen' Grund* sätzlich halten die Karäer alle Arbeiten am Sabbat für unzulässig, die nicht zu gottesdienstlichen Zwecken oder zur Ernährung und zur Befriedigung sonstiger lebend, wichtiger Bedürfnisse des Menschen unbedingt erforderlich sind. Daher darf man z. B. Speisen nicht mit dem Messer, sondern nur mit der Hand zerkleinern. Selbst das Haus soll man am Sabbat womöglich nur zum Besuch des Gottesdienstes verlassen. Die alten karäischen Gesetzeslehrer verbieten gleich den Samaritanern und Falaschas das Feueranzünden oder Anstecken eines Lichtes am Freitag für den Sabbat — die meisten späteren karäischen Gelehrten (seit Jeschua ben Jehuda; 11. Jahrhundert) gestatteten jedoch das Anzünden eines Lichtes für den Freitagabend, da dies als unentbehrliches Bedürfnis anzusehen sei, und verboten dafür das Auslöschen. In bezug auf das Bewegungsverbot stimmen die Karäer mit den rabbinischen Juden überein, indem auch sie die Handhabung der am Sabbat außer Gebrauchsbestimmung stehenden Gegenstände zur Kategorie der verbotenen Werktätigkeit zählen. Die Einrichtung des Eruw wird von den Karäern nicht anerkannt. Bei Kollision des Sabbatgesetzes mit anderen Geboten, z. B. der Beschneidung, gehen die Ansichten der karäischen Gesetzeslehrer bezüglich die Verdrängung des Werkverbots auseinander. Anan (8. Jahrhundert) und Karkassani (10. Jahrhundert) wollten, daß man die Beschneidung jedenfalls gegen Ende des Sabbats vornehme, damit die Heilung und sonstige Pflege auf den Werktag fallen. Nach Elijahu Baschjazi (15. Jahrhundert) verdrängt das vorsinaitische Gebot der Beschneidung (und ebenso die Darbringung des Pessachopfer3) da3 spätere Sabbatgebot. Sabbatfbräudhe Der Rüsttag „Und am sechsten Tage, da sollten sie rüsten, was sie heimbringen." (II. M., 16/5.) *wy n« wjm n&t&n ova nvn . In Anlehnung an diesen Schriftvers lehrt die jüdische Ueberlieferung am Freitag, womöglich schon am frühen Morgen, alles für den Sabbat, insbesondere für die Sabbatmahlzeiten, Erforderliche heranzuschaffen und bereitzustellen. Schon die Gesetzeslehrer im talmudischen Zeitalter wollten diese Vorbereitungen nicht ihrem Hausgesinde überlassen, sondern waren darauf bedacht, dem Sabbat zu Ehren selbst nach besten Kräften das Haus zu rüsten und alles fein säuberlich herzurichten. R. Abraham Danzig (1748 bis 1820), der Verfasser des halachischen Kompendiums „Ohaje Adam" (das Leben des Menschen), berichtet, er sei Augenzeuge gewesen, wie hochangesehene, hervorragende Thoragelehrte an den kurzen Freitagen der Wihtermohate die Zimmerböden selbst reinfegten, auch um einer Entweihung des Sabbats durch ihr Hausgesinde vorzubeugen. Es ist allgemein gebräuchlich, daß die jüdischen Hausfrauen die geflochtenen Brote (Challot, Barches) für die Sabbatmahlzeiten selber kneten und backen, auch darum, weil der Hausfrau dadurch Gelegenheit zur Absonderung der vorgeschriebenen „Teighebe" (IV. M., 15/21) p nu nöTiro növ-in lonn r6n Mmoiy twxn nm« lonn geboten ist. Das Entzünden der Sabbatlichter gilt gleichfalls vorzugsweise als Pflicht der jüdischen Hausfrau. Es werden mindestens zwei Kerzen angesteckt, meist eine größere Anzahl, Nach dem Anzünden der Sabbatlichter breitet die Frau die Hände gegen die Lichtflammen aus und spricht den Segen. Mit diesem Augenblick beginnt für sie der Sabbat und sie darf keinerlei Werktätigkeit mehr ausüben, auch wenn es noch voller Tag ist. Es ist eine allgemeine Gepflogenheit, vor dem Anstecken der Sabbatkerzen die mit einer Decke verhüllten beiden Sabbatbrote auf den Tisch hinzulegen. In manchen chassidischen und von der Kabbala beeinflußten Kreisen besteht die Sitte, die Sabbattafel mit zwölf Broten zu besetzen. Im Mittelalter und auch späterhin bediente man sich am Freitagabend der acht- oder sechsizacklgen Sabbatlanze, die von ,der Zimmerdecke über der Mitte des Tisches herabhing, vor Eintritt des Sabbats herabgelassen und nach Sabbatausgang wieder hochgezogen wurde. Zu .den Sabbatvorbereitungen gehörte schon im talmudischen Zeitalter auch die Körperpflege: Baden oder zumindest gründliches Waschen mit warmem Wasser, Schneiden der Fingernägel, Kopfwaschen, Haarscheren. Im Orient und in Osteuropa ist das von kabbalitischen Autoren für den Rüsttag des Sabbats empfohlene Tauchbad allgemein üblich. Vor Eintritt des Sabbats werden Wäsche. und Kleider gewechselt; jedermann legt sein bestes Gewand an, um die „Königin Sabbat" würdig zu empfangen. Die Umgestaltung des äußeren Menschen soll mit dazu beitragen, die unvergleichliche Weihestimmung hervorzubringen, die die jüdische Sabbatfeier von jeher auszeichnet. In den Nachmittagsstunden pflegen die Frommen den laufenden Wochenabschnitt aus dem Fünfbuch zu lesen, und zwar wird hierbei jeder Vers nach der Sangesweise der Tonzeichen (Akzente) zweimal im hebräischen Urtext und einmal in der aramäischen Uebersetzung des Onkelos vorgetragen. Vielfach liest man vor dem Nachmittagsgebet am Freitag das Hohelied. In Gemeinden mit sephardischem oder chassidischem Ritus wird das Nachmittagsgebet mit dem Psalm 107 eingeleitet. (ScWußartikel folgte

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