Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 708 (10.12.1937)
- Date
- 1937-12-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. t08 vom 10. Dezember 1937 23. Oktober, soweit es sich um das Zertrümmern der Schaufensterscheiben jüdischer Geschäfte handelt, gerecht. Das sind die psychologischen Grundlagen der Ausschreitungen vom 23. Oktober. Der Wille der Masse kollidierte mit dem Gesetz. Und die Exekutive des Staates schritt gegen die ein, deren Gefühl den Gesetzen vorauseilte ... Es ist nun "leider so, daß der einzelne aus der Menge herausgestellt, gewissermaßen Schuldträger der Gesamtheit wird. Der einzelne, der aus der Meng*» herausgegriffen und bestraft wird, muß sicherlich seine Bestrafung als ein gewisses Unrecht empfinden, und dieses Gefühl kann nicht klarer ausgedrückt werden als die Einwendungen der Angeklagten vor dem Schnellrichter, die erkennen lassen, wie sehr der einzelne in der triebhaft handelnden Menge seinen Willen aufgegeben hat: „Die anderen taten es ja auch." „Der Wille der Menge, der sich am 23. Oktober in so turbulenter Weise ausgedrückt hat, hat nichtsdestoweniger auch schöpferisch gewirkt Es ist, als ob der 23. Oktober die Wehen für die Geburt einer neuen wirtschaftspolitischen Ansicht der Menge, der breiten Masse ankündigte. Die Juden werden heute nicht mehr als Geschäftsleute und Verkäufer besucht, das Prestige, das die jüdischen Kaufleute in der Allgemeinheit bisher immer noch zum großen Teil genossen haben, ist verschwunden. Man kauft nicht mehr bei ihnen, und der Erfolg ist, daß jetzt schon eine Reihe von Juden — hoffentlich für immer — Danzig verlassen hat. Ein großer Teil der Juden trifft die notwendigen Vorbereitungen und wird in den nächsten Tagen folgen. Die meisten ehemals jüdischen Geschäfte stehen leer, soweit sie nicht schon an Arier vermietet werden konnten, und ein Plakat hinter den zertrümmerten Scheiben oder auf der Holzverschalung kündet dem Vorübergehenden an, daß ein neuer Mieter gesucht wird. Die Vorgänge vom 23. Oktober haben sich eben wie ein reinigendes Gewitter ausgewirkt." * Der Herr Völkerbundkommissär findet morgens die „Amtszeitung" auf dem Tisch, liest sie pflichtgemäß, frühstückt und fährt zur Jagd. Die seinem Schutze anvertraute jüdische Minderheit greift zum Wanderstab und Bettelsack. Zeitgemäß ♦♦ Viele Firmen legen, den Umständen der jetzigen» Zeit Rechnung tragend, Wert darauf, daß ihre Vertreter, welche bestimmte Gebiete bereisen, möglichst „arisch" wirken. Nun ist diese Vorsichtsmaßregel anscheinend, auch in Gaunerkreisen zur Uebung geworden. Dem Gerichtssaalbericht, welcher ein Dlebspaar (einen Juden und einen Nichtjuden) betrifft, Ist zu entnehmen: Heute hat der Hochstapler- PleÖ vor einem Schöffensenat des Straflandesgerichtes Wien zusammen mit dem Bauzeichner Wilhelm L a n a wegen Betruges sich zu verantworten. Beide haben, wie die Anklage sagt, in der Schweiz aus einem offenen Safe einer Bank 12.000, Schweizer Franken gestohlen. Pleß hat überdies durch Fälschung eines Bankbriefes einem Notar ein Sparkassenbuch von über 31.000 Schilling herausgelockt. Nach Verlesung der überaus umfangreichen Anklageschrift wurde zunächst Lana als Beschuldigter vernommen. Er bestritt den Diebstahl der Schweizer Franken und gab nur kleinere Delikte zu. Pleß sagte ihm, er wolle in Vorarlberg Geschäfte machen und brauche einen „arischen" Begleiter. Lana war gegen Zahlung von 300 S bereit, mitzutun. Pleß kaufte ihm vor der Abreise eine Krawatte und sagte ihm: „Ziehen Sie sich diese braune Krawatte an, damit Sie recht arisch ausschauen." Lana zieht die Krawatte aus der Rocktasche und legte sie als Corpus delicti auf den Gerichtstisch. Der zweite Angeklagte, Otto Pleß, erklärte energisch: „Ich bekenne mich in keiner Weise schuldig." Vors.: „Was ist es denn mit der* Krawatte, die Sie dem Lana gekauft haben?" Angekl.: „Sie hat mir so gut gefallen." Vors.: „Aber, der Lana behauptet, Sie haben sie gekauft, damit er bei den Nationalsozialisten Anklang findet. Sie haben also den Lana als arischen Schutzpatron verwenden wollen . . ■ Das. „staatsfeindliche" Vermögen der B«-BL-Logen Aus Berlin: Der „Deutsche Reichsanzeiger und Preußische Staatsanzeiger" vom Samstag, 20. November 1937, druckt folgende „Bekanntmachung" ab: „Auf Grund des Runderlasses des Reichsführers der SS, und Chefs der Deutschen Polizei im Reichsministerium des Innern vom 10. April 1937, betreffend Auflösung des Unabhängigen Ordens „B n e Bris s", und auf Grund des Gesetzes über die! Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens vom 14. Juli 1933, in Verbindung mit dem Gesetz über die Einziehung kommunistischen Vermögens vom 26. Mai 1933, wird das gesamte Vermögen folgender jüdischer Logen zugunsten des Preußischen Staates eingezogen: 1, Des Hessischen Logenverbandes des U. O. B. B., Sitz Frankfurt a. M. j 2. Des Hessischen Distrikts des Schwesternver« ' bandes des U.O.B.B., Sitz Frankfurt a. M. I 3. Der Frankfurt-Loge mit Frauenvereinigung in Frankfurt a. M. 4. Der Hermann Cohen-Loge mit Frauenvereinigung in Frankfurt a. M. 5. Der Markus Horowite-Loge mit Frauenvereinigung in Frankfürt ä/M. 6. Der Nassau-Loge in Wiesbaden. 7. Des Büros des Berliner Distrikts des Schwesternverbandes des U. O. B. B. in Frankfurt a. M. Zu dem eingezogenen Vermögen gehören auch folgende Grundstücke: a) Wohnhaus mit Hausgarten, Escherheimer Landstraße 25, in Frankfurt a. M.; b) Escherheimer Landstraße 27 in Frankfurt a. M., Wohnhaus mit Saalgebäude und Hofraum, Hausgärten; c) Wohnhaus mit Hof räum usw., Faulbrunnenstraße 13 (auch Schwalbacher Straße 39) in Wiesbaden; d) Wohnhaus mit Hofraum und Hausgarten, Walkmühlstraße 85, in Wiesbaden und die eingetragenen Grundstücke der Nassau-Loge. Dies wird an Stelle einer Zustellung amtlich bekanntgemacht. — Wiesbaden, den 18. November 1937. Der Regierungspräsident: i. V.: von Borcke." Ein Brief aus Dachau Aus Prag (J. T. A.): Der „Neue Vorwärts" (Karlsbad) veröffentlicht folgenden Artikel: „Jüdische Geiseln in Dachau. — Erpresserbrief der Lagerleitung an den „Neuen Vorwärts". Mit dem Poststempel „Dachau, 1. XH. 87" erhielten wir folgenden Brief: „Aji die Red. „Neuer Vorwärts", Karlsbad, Tschechoslowakei. Konzentrationslager Daohau, 80. XI. 37 „Der „Neue VorwSrts", Karlsbad, Nr. 229 vom 31. X. 37, die „Deutsche Volkszeitung4', Paris, Nr. 46, 2. Jahrgang, vom 14. XI. 37, weiter die „Deutsche Volkszeitung", Frag, Nr. 47 vom 31. X. 37, und die „Stimm e", Jüdische Zeitung, Wien, Nr. 693 vom 10. November 37 haben erneut Greuellügen über die Konzentrationslager verbreitet Diese unverschämten Lügen werden von den Emigranten-Juden verbreitet. Die Juden in Dachau stehen wieder im Verdacht, Lügennachrichten hiezu aus dem Lager geschmuggelt zu haben. Bis zur Feststellung der Täter werden wir Juden in Isolationshalt genommen. Wir teilen Euch mit, daß wir für die Dauer der Isolation streng abgeschlossen sind, alle Bequemlichkeiten verlieren und Post weder senden noch empfangen dürfen. Es liegt an Euch, die Emigranten -Juden in Prag zu beeinflussen, solche blödsinnigen .Lügen über die Konzentrationslager künftig zu unterlassen, da die Juden in Dachau als Rassegenossen hiefür verantwortlich gemacht werden. Kurt Eisner.'* Kurt Eisner ist der 33jährige Sohn des bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner, der am 21. Februar 1919 von dem nationalistischen Studenten Graf Arco ermordet wurde. Seine Mutter, eine „Arierin", lebt als Emigrantin in Prag. Kurt Eisner wurde im März 1933 verhaftet. Der Grund der Verhaftung war, daß er die völlig verwüstete Wohnung des sozialdemokratischen Reichetagsabgeordneten Kurt Löwenstein nach einem Sturm der SA. photographiert hatte. Seitdem, also seit bald fünf Jahren, befindet er sich ununterbrochen in Gefangenschaft. Der Aufsatz in Nr. 229 des „Neuen Vorwärts", auf den der Brief Bezug nimmt, besteht lediglich aus einem Zitat aus einem Buch des schwedischen Dichters Bertil Malmberg, das im Verlag Bonnier in Stockholm erschienen ist. Malmberg hat das Lager von Dachau mit behördlicher Erlaubnis besucht und schildert seine dortigen Erlebnisse. Unter anderem erzählt er, w,ie ein Gefangener, weil er ihm auf die Frage, warum er gefangen sei, eine der Wahrheit entsprechende Antwort gegeben hatte, zu zwanzig Tagen DunkelarreBt verurteilt wurde. Diesen Abschnitt hatte der „Neue Vorwärts" nachgedruckt. Soweit der Sachverhalt. Daß Kurt Eisner nur unter dem eisernen Zwang der Lagerleitung geschrieben hat, liegt auf der Hand. Selbstverständlich fehlte ihm Jede Gelegenheit, den Inhalt von Zeitungen kennenzulernen, die nicht nur in Dachau, sondern in ganz Deutschland unter Androhung der furchtbarsten Strafen verboten sind. Der wirkliche Verfasser des Briefes ist offenaichtllch ein Mann, dem die Gabe logischen Denkens völlig versagt ist. Denn für die Bekundungen des. schwedischen Dichters Malmberg können vernünftigerweise weder die „Emigranten-Juden" noch gar die unglücklichen Juden in Dachau verantwortlich gemacht werden Es bleibt der Tatbestand, daß die Lagerleitung in Dachau über ein Buch des schwedischen Dichters Malmberg in sinnlose Wut geraten ist und daß sie diese Wut an den völlig unschuldigen gefangenen Juden ausläßt." So weit der „Neue Vorwärts". Wie wir feststellen konnten, haben in den allerletzten Tagen im Auslande lebende Personen von jüdischen Insassen des Dachauer Lagers handgeschriebene Briefe erhalten, die buchstabengetreu so lauten, wie der Brief Kurt Eisners. (J. T. A.); Aus HiileftDcuHdtlawd Der Wiener „Tag" erbringt an Hand einiger Re- I Produktionen von Bildern der Münchener Ausstellung „Der ewige Jude" den Nachweis, daß die gezeigten Photographien gefälscht oder mit gefälschten Titeln versehen wurden. So zeigt ein Bild „Sklavenhändler" eine Szene, die Prüfung von Choristinnen durch die jüdischen Theaterdirektoren Rotter darstellend. Es stellt sich jedoch heraus, daß nicht die Brüder Rotter, sondern zwei andere Personen abgebildet sind, von denen der eine der Wiener Operettentenor Nästelberger ist, ein bekannter Antisemit, der heute in Deutschland lebt. * Das Reichsarbeitsgericht In Berlin hat das Urteil gegen einen städtischen Beamten auf fristlose Entj lassung, weil er in den Jahren 1934 bis 1936 in einem jüdischen Warenhaus Waren für 300 Mark auf Teilzahlung eingekauft hatte, bestätigt. In der Begründung heißt es: „Der Einkauf bei Juden durch den Beamten ist nicht nur eine schwere Pflichtverletzimg als Mitglied der Nationalsozialistischen Partei, sondern auch ein Verstoß gegen seine Pflichten als Angestellter einer Stadtgemeinde, die unter nationalsozialistischer Staatsführung steht. Durch den Einkäuf bei Juden werden die Grundsätze der nationalsozialistischen Weltanschauung, die den Einkauf bei Juden verbieten, verletzt." * Das Reichsgericht Leipzig hat eine zwischen einer Arierin und einem Juden vor dem Jahre 1900, also vor 'Vierzig Jahren, eingegangene Mischehe für nichtig erklärt. Als Begründung wird angeführt, daß die geltenden Rassegesetze des nationalen Deutschland auf die vor dem Jahre 1900 eingegangene Ehe zwar nicht angewendet werden können, daß jedoch eine solche Ehe mit Rücksicht auf die neue Auffassung vom Rassegedanken gemäß Art. 180 des Code civele wegen eines Irrtums in der Person, wenn auch nicht in der Abstammung, angefochten werden kann. ]]. Hl. Pfarrgasse 2t Tel. A-43-5-19 Oft Biidisbnum Bürgerliches Familiencafe. In- und auslandische Zeitungen. Separierter Raum für geschlossene Gesellschaften. Herabgesetzte Preise, aufmerksame Bedienung. Ein Palästina-Vortrag vor dem hohen Klerus In Wien hielt der Professor an der katholischtheologischen Fakultät der Wiener Universität, Doktor Johannes Gabriel, in der Leo-Gesellschaft im Beisein von Kardinal-Erzbischof Dr. Ihnitzer, Weihbischof Kamprath, Bischof Seydl und Abt Peichl einen Vortrag über die r e 1 i gi ö s e u n'd'p plitische Lage in Palästina. Dr. Gabriel führte u. a. aus: Die Frage Palästinas ist nicht hur deshalb ein gewichtiges Problem der Weltpolitik,' weil dieses Land für England von hervorragender militärischer Bedeutung ist, sondern weil es von den Gläubigen dreier Religionsgemeinschaften als heiliges Land betrachtet wird. Seit etwa 1880 beansprucht die zionistische Bewegung Palästina als nationale Heimstätte; 1904 wurde hingegen in Paris eine „Ligue de laPatrie Arabe" gegründet, die ein unabhängiges groß-arabisches Reich mit Einschluß Palästinas forderte. Während des Weltkrieges verhandelte England mit dem Scheriff Hussein. Die Araber behaupten, Palästina sei ihnen hierbei von den Engländern zugesprochen worden. Aber 1917 erging der berühmte Balfour-Brief an Lord Rothschild, der den Juden eine nationale Heimstätte in Palästina versprach. Alle Streitigkeiten haben seither ihren Grund darin, daß Palästina augenscheinlich zweimal vergeben wurde. Die Juden stützen sich auf die Balfour- Deklaration, berufen sich darauf, daß sie jede Handbreit Boden rechtmäßig gekauft und bezahlt hätten. Die Araber hingegen betrachten Palästina als ihr eigenes Land. Die Christen fürchten, als Minderheit in geschlossenen Nationalstaaten völlig unter die Räder zu geraten. Die römisch-katholischen und die orientalischen Christen in Palästina stehen durchaus auf Seiten der Araber, weil sie nach ihrer nationalen Zugehörigkeit vorwiegend Araber sind. Gleichwohl sind auch sie gegen einen nationalen arabischen Staat, da sie von den Mohammedanern immer als minderwertig angesehen werden. Prof. Gabriel setzte sich zum Schluß entschieden für die Berücksichtigung christlicher Interessen in Palästina ein und erhob die Forderung, daß, da das Schicksal des Heiligen Landes auch eine Angelegenheit der öOOMillionenChristen der Welt sei, diese ebenfalls darüber befragt werden sollen, ob eine Teilung Palästinas vorgenommen werden soll. JUNQWIZO MIRJAM Den Nagel auf -den Kopf trifft joden W n r ' -I < P o <• u e „Rassischts und Klassisches" von Bobby Weiser unil Viktor H'oh! oh Inger Samstag, den 11.Dwmbtr, 8.10Uhr abend« Im Ehrbarsasl, IV, MUhlgaue 30 Karlen im Vorverkauf bei den Mitgliedern der Jung Wisso Mirjam u. im Helm, T, .Tordangasee 7, Jüd. Kulturatelle, I, Kai 3, Teieplion R-28-2-36, Wizo, I, Schottenring 25, Telephon A-ll-6-26