Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 706 (3.12.1937)
- Date
- 1937-12-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 706 vom 3. Dezember 1937 DIE NEUE WELT Seite 5 Palästina-Redaktion „Die Neue Welt" •i Tel-Aviv, Dlzengoffstrafte Hr. 6 Woran sind wir? Das politische Dreieck im Mittelmeer. — Zwei Fachleute über die Teilung. — Die Lage der Industrie Von Dr, H. Rosenblum (Tel-Aviv) ' In einem umfassenden Artikel über die britische Position im Mittelmeer schreibt Garvin, politischer Redakteur des „O b s e r v e r", u. a folgendes: „Öas Mittelmeer stellt den Zentralnerv des Vereinigten Königreiches dar. Es ist ganz und gar ausge schlössen, daß der Meeresweg rund um Capetown den kürzeren und günstigeren Suezweg ersetzen könnte. Gleich dem Atlantischen Ozean stand immer das Mittelmeer den Bedürfnissen der britischen Schiffahrt offen. Nun ist jedoch dieser glückliche Zustand zu Ende: im Westlichen Teil des Mittelmeeres ließen wir uns in eine spanische Komplikation verstricken im östlichen Teü ist es die arabisch-moslemi sehe Komplikation, in die wir gerieten, und in der Mitte des Mittelmeeres stecken wir mitten in der italienischen Komplikation. Dabei muß nicht außer acht gelassen werden, daß die militärische Kraft Italiens heute viel wesentlicher ist. als jemals zuvor. Im Laufe der letzten 300 Jahre gab es keinen Augenblick, in dem unsere Lage so schwer gewesen wäre wie jetzt. Führen wir denn nicht den Zionismus dorn Ruin entgegen, indem wir ihn der arabischmoslemischen Empörung aussetzen? Und Spanien? Die Schwierigkeiten der englischen Politik in Spanien sind durch unsere eigenen Fehler verursacht. Wir haben auf das falsche Pferd gesetzt." Und weiter: „Wir müssen versuchen, aus der Sackgasse herauszukommen und unsere Arbeitsmethoden in Spanien und Palästina zu ändern. Wir müssen unsere Freundschaftsbeziehungen mit ehemaligen Freunden wiederaufnehmen. Andererseits ist es unsere Pflicht, manche Verbindungen zu 1 ö s e n." Und dann: „Das Echo der palästinensischen Ereignisse ist bis nach Indien gedrungen. Es gibt nichts Gefährlicheres als den Bund des Islam gegen die britische Politik in Palästina. Man müßte natürlich dafür sorgen, daß die palästinensischen Unruhen beendet werden, man muß sich aber darüber klar sein, daß man mit bloßer Kraftanwend.ung diese Frage nicht lösen kann." Diese Philosophie bedeutet nichts anderes, als einenvsehr ernsten politischen Rückzug, der zu den „Favoriten" führt, und zwar: zu dem faschistischen Italien, dem aufständischen Spanien und dem arabischen Palästina. General Franco gehe offenkundig dem endgültigen Sieg entgegen, und es wäre deshalb ..unvernünftig", ihm weiter den Rücken zu wenden; die arabische Welt bereite der englischen Politik manche Schwierigkeiten, und es wäre deshalb „unvernünftig" die zionistischen Versprechungen Englands nicht in den Korb zu werfen; das moderne Italien werde im künftigen Krieg eine bedeutende militärische Kraft darstellen und es wäre deshalb „unvernünftig", mit dem „italienischen Freunde" weiterhin zu streiten... Das sind klare, offene und nüchterne Worte. Ich bezweifle es, ob jemand in England eine derartige Offenherzigkeit bisher bekundet und so wahrheitsgetreu die neue Linie der britischen Politik im Mittelmeer geschildert hat. Auf allen drei Fronten des Mittelmeeres kommt die neue politische Linie Englands zum Ausdruck: die französisch-amerikanische Presse berichtet über die sichtliche Besserung der politischen Beziehung zwischen dem Foreign Office und dem aufständischen Spanien; auf dem italienischen Frontteil kommt es nun zu einer neuen Annäherung zwischen England und dem Duce, die in der bevorstehenden italienisch-britischen Konferenz ihren materiellen Ausdruck finden wird. Wenn wir mit in Betracht ziehen, daß der englische Vorschlag auf eine britisch-italienische Annäherung nach dem Zusammenbruch der britischen Politik in Abessini e n erfolgt ist, so werden wir den wahren Charakter des Vorschlages zu würdigen verstehen. Und schließlich die palästinensische Front des Mittelmeeres: auch liier stehen wir vor einem politischen Rückzug der englischen Politik gegenüber dem Arabertum. In diesem Zeichen stehen sämtliche politische Pläne, die mit Palästina zu tun haben. Wir Juden sind infolgedessen wenig daran interessiert, ob der Teilungsplan diese oder jene Einzelheit aufweisen wird. Es handelt sich um den Geist des Planes, welcher das weitere Anwachsen j jüdischer Kräfte aufzuhalten sucht. Und ebenso wie j das Gesetz vom Geiste des Gesetzgebers be- ' stimmt wird, wird eine polltische Reform vom Geiste ihrer Verfasser getragen. Es wird von englischer Seite die Behauptung aufgestellt, die Zionisten mußten den Teilungsplan akzeptieren, denn dieser stellt den Juden dasjenige zur Verfügung, was sie heute in Palästina tatsächlich! besitzen. Wenn wir dieser Theorie gefolgt wären, hätten wir im Jahre 1917 alles den Arabern abtreten müssen, denn damals war der jüdische Besitz in Palästina fast Null... Die Aufgabe des Palästina-Mandats ist es, den Juden zu der Besitzergreifung des gesamten Landes zu verhelfen, um daraufhin das Land Palästina, „welches mit dem jüdischen Volke durch historische Bande verbunden ist", iwter die Oberhoheit des Judentums zu setzen. Es ist aber nicht die Aufgabe des Palästina-Mandats in der Mitte des Weges haltzumachen, um den Großteil des Landes den Arabern zu übergeben mit der Behauptung, der Rest des Landes stünde noch nicht in unserem Besitz... Das ist das Prinzipielle an dieser Angelegenheit. * Und nun ein paar Bemerkungen zur praktischen Seite der Angelegenheit. Zwei hervorragende Fachleute auf dem palästinensischen Agrargebiet gaben dieser Tage interessante Zahlen Über den kommenden „Judenstaat". Es sind Dr. A. Granowsky, Leiter des landwirtf Die Verkaufsstelle der Die Neue Welt ii in Palästina befindet sidi in Tel-Aviv > Nachmanistr* 22 schaftlichen Departements des Nationalfonds und Dr. M. Duhan, der 15 Jahre lang als Vizedirektor des landwirtschaftlichen Departements der palästinensischen Regierung fungierte und voriges Jahr sein Amt verließ. Beide Herren gehören zu den besten Kennern ihres Faches, und ich glaube nicht, daß ihre Zahlenangaben von-jemandem bestritten werden können. T• - Dr. r Granowsky*.-?' .erklärte ^auf, ^eiher,,» /Presse-* konteren? in Jerusalem,' claß die.ge#am/te Flächte, Welche. vom Peel-Bericht für den Judenstaat in Aussicht genommen ist,. 4,884.000 Dunam ..betreffe. Davon sind nur 125.000 Dunam kultivierbarer Regie: rungsboden, die für die jüdische Immigration eventuell in Frage kämen. Die anderen 335.000 Dunam Regierungsboden sind unkultivierbar und können ( nur für Forstwirtschaft in Betracht kommen. Allerdings ist es noch nicht ganz klar, ob der angeführte Regierungsboden auch wirklich in den Händen der Regierung bleiben wird,■■, denn mehrere Personen haben ihre Rechtsansprüche vor dem Gericht darauf reklamiert, und der Ausgang dieser Prozesse kann nicht im voraus bestimmt. werden. Sollte aber die Regierung sogar alle Prozesse gewinnen, so werden es nur 9 Prozent der gesamten Landesfläche sein, die sich in ihrem Besitze befinden werden. Alles andere ist arabischer und jüdischer Privatbesitz, der sich folgendermaßen zusammensetzt: 3,200.000Dunam gehören den Arabern und 1,220.000 Dunam den Juden. Vom arabischen Boden gehören 2,640.000 Dunam Fellachen, die darauf ihre kleinen Wirtschaften führen. Der Fellachenboden betrifft also 5 4 Prozent der gesamten Juden Staatsfläche. Daraus zieht Herr Dr. Granowsky die Folgerung, daß die künftige Regierung außerstande sein wird, eine Bodenreform oder Bodenkonfiskation zu jüdischen Zwecken durchzuführen, und zwar, sowohl aus rein agrarischen (man wird den kleinen arabischen Bodenbesitzern ihre winzige Bodenfläche nicht abnehmen können) als auch politischen, Rücksichten. Wir werden somit nicht in der Lage sein, eine Bodenreserve für unsere Zwecke zu schaffen, weder aus dem Regierungsboden, dessen Fläche verschwindend klein ist, noch aus dem arabischen Besitz. Die einzige Möglichkeit, uns eine Bodenreserve zu schaffen, sieht Dr. Granowsky in der arabischen Auswanderung aus dem Judenstaat in benachbarte arabische Länder. Nun behauptet Dr. M. Duhan, daß eine solche Auswanderung vollkommen undurchführbar sei. „Die gesamte bewaffnete Kraft des britischen Imperiums, führte Dr. Duhan aus, wird nicht dazu ausreichen, um die 300 arabischen Dörfer des Judenstaates hinter die Grenze abzuschieben." Hier spricht ein Mann nicht aus purer theoretischer Ueberlegung, sondern aus der allerbesten Erfahrung. Ein Judenstaat mit Ausschluß Haifas und Jerusalems wäre vielleicht in der Lage, ergänzende 200.000 jüdische Einwanderer aufzunehmen, das wäre aber auch das Maximum. Ich glaube, daß diese Zahlen keiner Kommentare bedürfen. Es wäre noch vielleicht das eine hin-, BANKGESCHÄFT Dr. OFFENBERGER Wien I, Freyung 1 Telephon: Ü . 27 . 2 -11, U 28 - 2 - 55 DurcMtthru ng ilnifichir Bank* und BÖr•«transaktlonen zuzufügen: Dr, Granowsky ißt selbst Anhänger der Teilung, weil er im Gegensatz zu Dr. Duhan an die arabische Auswanderung glaubt. Im übrigen stimmen aber seine Ansichten mit denen Doktor Duhans überein. * Die wirtschaftliche Krisis besteht leider weiter. Es wird viel über die Lage der jüdischen Industrie gesprochen. Folgende Vorschläge werden jetzt erörtert: Es sollen Industriekartelle geschaffen werden, um den inneren Wettbewerb, mit seiner ungünstigen Auswirkung auf die Preise, auszuschalten. Es soll ferner die Qualität der palästinensischen Produktion gehoben werden, um der ausländischen Konkurrenz die Waage zu halten. Die maßgebenden Organe sollen für die Aufnahme einer größeren Industrieanleihe sorgen, um unseren Fabriken über die schwere Zeit hinwegzuhelfen. Die Histadruth, erklärt man weiter, müßte ihre Klassenpolitik, die die Lage unserer Industrie erschwert, bedeutend ändern. Der Kontakt zwischen der Industrie und den entsprechenden Regierungsdepartem e n t s müßte gestärkt werden. Es ist kaum anzunehmen, daß diese und andere Vorschläge unter den gegenwärtigen Umständen eine entsprechende Aufmerksamkeit finden werden. Sowohl die jüdischen „maßgebenden Organe" als die entsprechenden Departements der Regierung sind gegenwärtig mit ganz anderen Dingen beschäftigt. Politi§die Korrespondenz Fremde Interessen tun Palästina (Büro der Judenstaatspartei, Tel-Aviv) Die pan-arablschen Tendenzen dienen zwei europäischen Mäohten, die gegenwärtig eine Kampagne gegen England und Frankreich führen. Bs sind dies Deutschland und Italien. Das Schicksal hat es gewollt, daß der Zionismus , in fließe internationale Komplikation verwickelt wird. Die Weltpresse verweist bei Behandlung der jetzt herrschenden Spannung gleichzeitig auf Spanien, den Fernen Osten und Palästina. Bekanntlich hat sich Mussolini während seiner Reise nach Lub als den „Verteidiger" des Isla m s und aller Länder mit arabischer Bevölkerung, wie Algier, Tunis, Marokko, Aegypten, Jemen, Syrien, Palästina usw., bezeichnet. In erster Linie ist Italien in Aegypten, Jemen, Hedschas und Palästina tätig. In Aegypten unterstützt Italien die separatistischen Tendenzen gegenEngland. Arabische Zeitungen Aegyptens behandeln offen das Uebereinkommen mit Italien, das ja auch eine starke Seemacht ist. Man spricht von bestimmten Konzessionen zugunsten Italiens bezüglich des Hafens von Jemen, was für Italien die Herrschaft im Roten Meer bedeuten würde. Und was die italienische Intervention in palästinensischen Angelegenheiten anbelangt, versucht Mussolini in erster Linie den Teilungsplan der Peel-Kommission zu annullieren. Seine Berechnung ist folgende: Durch die Teilung gewinnt England einen wichtigen strategischen Punkt auf der Halbinsel Sinai. Späterhin wird die Vereinigung des arabischen Staates in Palästina und Transjordanien, mit Emir Abdallah an der Spitze, der ein guter Freund Englands ist, stattfinden. Die italienische Aktion in Palästina und der Kampf für die Realisierung der nationalistischen Losungen geht dahin, England den Zugang zum östlichen Teil des Mittelländischen Meeres zu spei'ren, ebenso wie in Spanien versucht wird, den Zugang Englands zum westlichen Teil des Mittelländischen Meeres zu behindern. * Auch die deutsche Presse beschäftigt sich jetzt stark mit dem Nahen Osten und besonders mit der Person des Mufti von Jerusalem und des Königs I b n Saud. Die Nationalsozialisten weisen darauf hin, daß zwischen Aegypten, Syi'ien und dem Persischen Golf Ift jede* {iidUtht Heb*! GadaIJa Ben Elleser: )Mes\loSk attiwode! Das Makkabäerbuch von heute Soll der Judenstaat Makkabien gegründet werden? Leinen, 333 Seiten S 8.40 Zu beziehen durch alle Buchhandlungen! Verlag Dr. H. Glans, Wien VHI. Tel. A.28-:U14Z