Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 706 (3.12.1937)
- Date
- 1937-12-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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r Beit« 4 «MMMäl DIE NEUE WELT Nr. 706 vom 3. Dezember 1937 Demokraten, Advokat Siegmund Nagurski, gewählt Der Kandidat der Nationaldemokraten blieb mit 600 Stimmen in der Minderheit Der antisemitische Block veranstaltete eine Demonstration gegen Nagurski, Advokat Suchodolskl stürmte auf Nagurski ein, wurde aber von diesem mit Ohrfeigen empfangen. Es kam daraufhin 2u einem Vumult Der Rechtsblock brachte einen Antrag ein, einen Numerus clausus für Juden in der Advokatenkammer in der Weise einzuführen, daß die Verhältniszahl der jüdischen Advokaten der Prozentnonn der Juden in Polen angeglichen werden Soll, ferner die Liste der Advokatursaspiranten für Juden zu schließen und die Zahl der Juden bei den Universitäten zu beschränken. Advokat Hartglas beantragte, diesen Vorschlag als mit der Verfassung in Widerspruch stehend nicht zur Abstimmung zu bringen. Mit 700 gegen 500 Stimmen wurde beschlossen, über den Antrag des Rechtsblocks zur Tagesordnung Überzugehen. Daraufhin gaben die Antisemiten die Parole aus; „Wir kündigen den Juden das Wohnrechtim polnischen Staat." Die beiden jüdischen Advokaten Rosenstadt und W. Seidemann wurden in den Advokatenrat gewählt. Wieder Studentenexzesse in Lemberg Aus Lemberg: An der Lemberger Universität, die erst am Samstag, 20. November, nachdem sie längere Zeit geschlossen war, wieder eröffnet wurde, kam es am 27. November neuerlich zu schweren Ausschreitungen seitens der nationalistischen Studenten. Die Unruhen griffen bald auf die Handelshochschule und auf die Politechhik Über. Zahlreiche Jüdische Studenten wurden blutig geschlagen. Vor der PöHtechnik wurde ein dänischer Staatsangehöriger, der Leiter der dänischen evangelischen' Mission in Lemberg, schwer mißhandelt. Während der Ausschreitungen wurden zahlreiche Fenster der Universität zertrümmert. Alle drei Hochschulen sind für unbestimmte Zeit geschlossen worden. Die lüde« und da* rumänisch« Parlament Aus Bukarest (J. T. A.): Der frühere jüdische Abgeordnete und Senator Dr. Mayer Ebner (Cernauti), einer der Führer der nationalen Jüdischen Reichspartei, weilte in diesen Tagen in Bukarest und nahm an den Verhandlungen zwischen den Repräsentanten der „Union rumänischer Juden" und denen der Jüdischen Reichspartei über die Bildung einer eigenen jüdischen Liste anläßlich der bevorstehenden Wahlen in das rumänische Parlament teil. Während in der Jüdischen Reichspartei Einigkeit darüber herrscht, daß die Juden sich mit einer eigenen Liste an den Wahlen beteiligen sollen, sind innerhalb der Union rumänischer Juden die Meinungen hierüber geteüt. Die Mehrheit der Union hält die Aufsteilung einer jüdischen Liste für inopportun, wenn auch der Präsident .der Union, Dr. Wilhelm Filderman, die Notwendigkeit einer jüdischen parlamentarischen Vertretung anerkennt. (Inzwischen hat Dr. Filderman das Präsidium der Union niedergelegt.) Die Jüdische Reichspartei hat daraufhin beschlossen, eine jüdische Liste aufzustellen und allein in den Wahlkampf zu treten. Die reglerende Liberale Partei stellt Juden nicht auf ihre Liste. Bei den Nationalzaranisten, der Hauptgruppe der Opposition, dürfte das gleiche der Fall sein. Andere Parteigruppierungen kommen für die Juden überhaupt nicht in Betracht. Wenn die Jüdische Reichspartei nicht für eine jüdische Parlamentsvertretung sorgt, werden die Juden in der Kammer nicht vertreten sein. Die J. T. A. in Italien .verboten Aus Paris (J. T. A.): Das Büro der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Paris hat von der französischen Postdirektion die Verständigung erhalten, daß das vom Pariser J.-T.-A.-Büro herausgegebene Bulletin nach Italien nicht mehr zugelassen wird. Eine Begründung des Verbots seitens Italiens sei nicht erfolgt. # Zu bemerken ist, daß wenige Tage vorher das Büro der J. T. A. in Berlin behördlich gesperrt wurde, Gleichfalls ohne Angabe von Gründen. Weltkongreß der sephardischen Juden Mal 1938 AusAmsterdam: Der Zweite Kongreß des Weltverbandes der sephardischen Gemeinden findet am 15. und 16. Mai 1938 in Amsterdam statt. Der Verband, der am 26. Mai 1935 in London gegründet wurde, hat sich die geistige Renaissance der sephardischen Juden zum Ziel gesetzt. Auf der Tagesordnung des Kongresses steht u. a. die Gründung eines Räbbinerseminars für die sephardischen Juden der ganzen Welt. Statistisches über die Joden in Ungarn und Holland Aus Prag: Einem Bericht des „Büros für Statistik der Juden", Prag, ist zu entnehmen, daß ea im Jahre 1935 in Budapest unter 1,060.481 Einwohnern 201.069 Juden, das ist 19 Prozent der Gesamtbevöikerung, gab, Im Jahre 1930 lebten in Budapest 204.371 Juden oder 20,3 Prozent der Gesamtbevölkerung. In Holland lebten im Jahre 1860 70.003 Juden. Bis 1899 stieg ihre Zahl auf 103.988, bis 1909 auf 106.490. Im Jahre 1920 waren es 116,223 und schließlich im Jahre 1930 111.917. Von 186a bis 1930 bat den daher die Zahl der Juden in Holland um fast 60 Prozent vermehrt. Ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung betrug 1930 1,3, Prozent. Von 1920 bis 1930 hat sich die absolute Zahl der Juden um 3306 Seelen verringert. Vom amerikanisch-jüdischen Kongreß Aus Washington (J. T. A.): Die Außerordentliche Konvention des American Jewish Congress, an der mehr als 70 0 Delegierte aus allen Teilen der Vereinigten Staaten teilnehmen, nahm die folgenden Entschließungen an: 1. Es wird eine gemeinsame Front mit der Christenheit gegen die Unterdrückung der Juden gebildet. 2. Der Jüdische Weltkongreß wird aufgefordert, vom Völkerbund eine Aktion zur Wiederherstellung der Rechte der Juden in jenen Ländern, in denen ihnen die Menschen- und Bürgerrechte genommen oder eingeschränkt wurden, sowie zum Schutz dieser Rechte gegen eine Verletzung in der Zukunft zu fordern. 3. Der Kongreß fordert von der britischen Mändatsregierüng die Oeffnung der Tore Palästinas für eine so große Einwanderung von Juden, als das Land aufnehmen kann. Senator Capper hielt eine Ansprache an die Konvention, in der er die Schaffung einer gemeinsamen Front von Christen und Juden zur Bekämpfung des Antisemitismus und der antidemokratischen Mächte fordert. Denkmal für General Monash in Australien Aus Melbourne (J. T. A.): Das zur Errichtung eines Denkmals für den Generalissimus der britischen militärischen Streitkräfte im Weltkrieg, den jüdischen General Sir John Monash; gebildete Komitee teilt in einer Erklärung mit, daß die zur Aufstellung des Denkmals notwendige Summe bereits vorhanden sei und man in kurzem mit dem Bau beginnen werde. Gleichzeitig gibt das Komitee bekannt, daß beschlossen wurde, einen neuen Fonds zur Errichtung eines zweiten Monash-Denkmals zu gründen. Die Juden in Estland Aus Tan in: Die Besserung der politischen und Ökonomischen Bedingungen in Estland hat auch auf die Lage der 5000 Seelen zählenden jüdischen Bevölkerung des Landes günstig eingewirkt. Nach dem Zusammenbruch der faschistischen Bewegung der „Freiheitskämpfer" ist die politische Situation der Juden stabiler geWörden; ihre wirtschaftliche Lage ist halbwegs be- C(iK Buchsbaum iäs Bürgerliches Familiencafe. In- und ausländische Zeltungen. Separierter Raum für geschlossene Qesellsotiaften. Herabgesetzte Preise, aufmerksame Bedienung. friedigend. Eine gewisse Krise macht sich nur in den freien Berufen fühlbar, doch ist die „Ueberproduktion" an Intelligenz eine allgemeine. In Estland gibt es weder einen offiziellen noch einen halboffiziellen antisemitischen Kurs wie in den Nachbarländern. Die estnische Regierung gewährt den beiden kulturellen Minderheiten des Landes, Deutschen und Juden, weitgehende Autonomie im Gemeindeleben und Schulwesen. Auf Grund der vor kurzem erfolgten Verfassungsänderung erhalten beide alternierend eine Vertretung im Parlament. Gegenwärtig sind die Juden im Parlament vertreten. Das kulturelle Leben der estnischen Juden ist nicht sehr intensiv. Trotz der ihnen eingeräumten Kulturautonomie und eines vorhandenen jüdischen Schulwesens besuchen die jüdischen Kinder vorwiegend estnisohe Schulen. Die überwiegende Mehrzahl der Juden spricht estnisch. Der Prozentsatz der Mischehen ist ansehnlich, etwa 12,7 pro 100. Eine jüdische Presse gibt es nicht. An dem Darniederliegen des jüdischen Kulturlebens sind nicht zuletzt gewisse innerjüdische Kämpfe schuld, die auch der Grund sind, daß in der größten jüdischen Gemeinde, Tallinn, keine Wahlen stattfinden. Sfieicher —• der moralische Lehrmeister Aus Prag (J. T. A.): Unter der Ueberschrift „Die Blindenanstalt in Nürnberg sorgt für Aufklärung" meldet Julius Streichers „Stürmer": Die Blindenanstalt Nürnberg hat die Schrift des Stadtschulrates Fink „Die Judenfrage im Unterricht" In Blindenschrift übertragen. Nunmehr haben also auch die Blinden Gelegenheit, sich Aufklärung in der Judenfrage zu holen. » In der gleichen Nummer teilt der „Stürmer" in großer Aufmachung das Urteil des Berliner Amtsgerichts (gez. Piening, Amtsgerichtsrat) in der Privatklagesache des Rechtsanwalts Dr. Carl Kikath gegen den „Stürmer"-Schriftleiter Karl Holz mit. Der „Stürmer" hatte Dr. Kikath „undeutsches Verhalten" vorgeworfen, weil dieser in einem Schreiben an einen jüdischen Klienten sich der üblichen Höflichkeitsformeln bedient hatte. Die von ihm gegen den „Stürmer" eingebrachte Ehrenbeleidigungsklage wurde, wie mitgeteilt, vom Berliner Amtsgericht mit der Begründung abgewiesen, daß der „Stürmer", der „die Aufgabe hat, das Verständnis für den Rassegedanken im Verbind d*r Jud*iitt»*hilo/tlittn, 5*ktion XIII/XV Samstag, den 4. Dezember 1037, um 8 Uhr abends, im Festsaal des B. J. SVHeimes, Wien VI, Webgasse 36 Jlakkiibäer-Feier verbunden mit Akademie. Lichterzünden Rabbiner Dr. Lewin. Reichhaltiges Programm. Entree 8 1.80 Verb« dV JudensfaaHziotiisten Oesterreichs Gcsellschaftsabend. Samstag, den 4. Dezember, halb d Uhr abends, im Festsaal des Hotel Continental. Näheres, siehe Inserat. Judenstaatsjugend. Dienstag, den 7. De« zember, halb 0 Uhr abends, Vortrag Dr. Fritz Faititschek: Krankheit und Rasse. — Mittwoch, den 8. Dezember, halb 3 Uhr abends, Heimabend, Tanz. — Samstag, den Ii. Dezember, um 8 Uhr abends, Klüba&end mit Akademie und Tan«. Es wirken mit Josef Baar u. &. Sämtliche Veranstaltungen finden im Zentralheim, II., Praterstraßc 3 0, statt., illlllllllllllllllljllM Volk zu wecken und zu vertiefen, sowie die Bewegung im notwendigen Kampf gegen das internationale Judentum zu unterstützen", durchaus das Recht hat, „an dem Verhalten einzelner Volksgenossen dem Judentum gegenüber Kritik zu üben". Im weiteren Text der Urteils* gründe wird der „Stürmer" als moralischer Lehr» meist er des deutschen Volkes gewerteti Karl Holz schließt seinen Triumphaufsatz mit den Worten: „Der „Stürmer" sieht diesen Gerichtsbeschluß als einen Beweis dafür an,'daß auch auf dem Gebiete der Rechtsprechung das deutsche Erwachen beginnt." * Der „Stürmer" bringt einen Artikel des katholischen Hilfspfarrers Kurt Pfeiffer, Pößneck, der die Ueberschrift trägt: „Der Tempel Salomos ist dt© Mördergrube der Welt" und mit den Worten schließt: „Wir wissen es, daß das Judentum, wenn es schon auserwählt ist, nichts anderes ist als das auserwählte Verbrechervolk der Welt. Und dieser jüdischen Mördergrube gilt unser Kampf!" * In einem Artikel „Das Märchen von der jüdischen Abstammung Christis" wird „nachgewiesen", daß Christus Arier war, da die Galiiääer, von denen er abstammt, „der Rasse nach keine Juden waren". Aktion für Auswanderung der Juden aus Danzig Aus Danzig: Das offizielle Organ der National* sozialistischen Partei in Danzig, der „Vorposten", berichtet, daß eine Delegation der Vereinigten amerikanischen Kolonisationsgesellschaft zusammen mit Vertretern des amerikanischen Judentums die Lage der in Danzig lebenden Juden untersuche. Die Delegation soll die Schaffung einer machtvollen Organisation beschlossen haben, um die Auswanderung der D&nziger Juden zu er« möglichen. Die Bibel in jiddischer Uebersetzung Aus New York: Die Erben des bekannten Dichters und Schriftstellers Yehoash planen zusammen mit der Yehoash-Verlagsgesellschaft die Herausgabe der jiddischen Uebersetzung der Bibel von Yehoash zusammen mit dem hebräischen Urtext. Es wurde unter der Leitung von Dr. Chaim Zhitlowsky ein Komitee gegründet. Die Ausgabe soll 1938 erscheinen. In diesem Jahre sind es 260 Jahre seit der ersten „vollständigen Uebersetzung der Bibel ins Jiddische, die 1677 in Amsterdam mit Billigung des „Rates der vier Länder" als „Die Blitzbibe 1" gedruckt wurde. Die Uebersotzung von Yehoash ist bereits in acht Bänden erschienen. Yehoash, der 1927 starb, erlebte nur die Veröffentlichung der ersten zwei Bände, die den „Pentateuch" umfassen. Dr. Viktor Kellner 50 Jahre Abseits vom politischen Tageskampf, aber darum nicht minder der jüdischen Renaissance dienend, hat Dr. Viktor Kellner soeben sein 50. Lebensjahr vollendet^ Zu einer Zeit, da der geistige Zusammenstoß zwischen West und Ost erfolgte und das geistige Element im Zionismus — einige Jahre nach Theodor Herzls Tod — besonders betont wurde, gab sich Viktor Kellner dem Studium des Hebräischen hin und unterrichtete am Gymnasium in Jaffa (1910 bis 1914). Sein pädagogisches und philologisches Talent brachte es mit sich, daß er nach Gründung des Chajes-Realgymnasiums (Wien) zu dessen Direktor berufen wurde, in ein Amt, das die höchsten Anforderungen an einen modern-jüdischen Lehrer stellt. Neben seiner allgemein anerkannten pädagogischen Tätigkeit hat Viktor Kellner auch als Uebersetzer hebräischer Literatur Ausgezeichnetes geleistet; seine Uebersetzungen von A. D. Gordons Schriften und Bialiks Essays sind Muster sprachlicher und gedanklicher Einfühlung. Das Schulwerk, das Dr. Viktor Kellner in Wien schuf, hat seinen Namen weit Über seinen Wirkungskreis bekannt gemacht und ihm die Anerkennung und Sympathie seiner zahlreichen Schüler und Freunde erworben, die ihm an seinem 50. Geburtstag die segensreiche Fort« setzung seines Werkes wünschen. m» gebt um Ihr kostbarstes Gut, „Ihre Augen"! Lassen Sie sich fachmännisch unverbindlich beraten von Optiker Karl Seidner» I., Franz-Josefs-Kai 33, und IL, Hollandstraße 7. (Siehe Inserat»), s