Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 704 (26.11.1937)
- Date
- 1937-11-26
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 704 vom 26. November 1937 Zwi Peres Chaje Eine alte Dichtung erzählt: Alljährlich, am 9. Ab, dem Tage der Tempelzerstörung, entsteht zwischen den Steinen der Klagemauer eine Lücke, in der schimmernde Bluttropfen zu sehen sind. An diese Dichtung werden wir am Todestage des großen Führers Rabbi Zwi Perez C h a j e s erinnert. Es wird uns heute so recht die große Lücke sichtbar, die durch sein frühzeitiges Hinscheiden in unseren Reihen entstanden ist, und es scheint uns, als ob nur blutige Tränen geeignet wären, unseren Schmerz und unsere Trauer auszudrücken. Ein Fürst im Reiche des Geistes ist von uns gegangen, von dem unsere Lehrer meinen: die Könige hinterlassen ihre Krone einem Nachfolger, das Vermögen der Reichen bekommen ihre Erben; dieser Große aber hat all seine Herrlichkeit mit sich genommen; über ihn muß man weinen, über i h n soll man trauern. Ein Jahrzehnt ist es her, seitdem das Wiener Judentum an einem grauen Dezembertage seinen Führer zu Grabe getragen hat; aber die Lücke ist bis heute nicht ausgefüllt, die Wunde nicht vernarbt. „Wir sind verwaist geblieben, unser geistiger Vater ist nicht mehr." In den vergangenen Jahrhunderten pflegte man die großen Männer des Judentums nicht mit ihrem Namen, sondern nach ihren Werken zu benennen. Man ging dabei von der richtigen Voraussetzung aus, daß das Wesen eines Menschen am besten gekennzeichnet werden kann durch das Gebiet seiner geistigen Tätigkeit, welches er sich erwählt hat und durch sein geistiges Schaffen auf eben diesem Gebiet. Wenn auch dieser Brauch heute nicht mehr geläufig ist, so müßte man bei Chajes, der als Mensch und Gelehrter den großen Geistern der Vergangenheit viel nähersteht als unserer epigonenhaften Zeit, eine Ausnahme machen und ihn als Erklärer des Propheten Arnos bezeichnen. Es war kein Zufall, wenn sich Chajes zu diesem Propheten so hingezogen fühlte, dessen Reden erklärte und in verschiedenen Aufsätzen und Vorträgen immer wieder auf ihn zurückgreifen wollte. Es besteht nämlich eine gewisse Aehnlichkeit zwischen der Tätigkeit des Aeltesten unter den uns überlieferten Propheten und dem Wirken des großen Oberrabbiners. Es scheint, als ob sich Chajes in manchen Beziehungen Arnos zum Vorbild erwählt hätte. In alter Zeit hätte man behauptet, in seiner Seele war ein Funken des großen Geistes, der einst Arnos beseelt hat. Wir haben viele bedeutende Propheten in unserer Geschichte vor Arnos, es genügt bloß auf den Propheten Elia hinzuweisen, der im vollen Sinne des Wortes in die Ewigkeit eingegangen ist. Sowohl von Elia, als auch von anderen Propheten wurden uns große und wunderbare Taten überliefert. Demgemäß wurden sie auch als Männer Gottes geehrt und gefürchtet. Ihre Worte sind uns aber nur in wenigen Sätzen überliefert und vermögen uns kein vollständiges Bild ihrer geistigen Wirksamkeit zu bieten. Die Reihe der Propheten, deren Werke die Krone unseres heiligen Schrifttums bilden, wird vom Arnos eröffnet. Dabei wird uns von Arnos kein einziges Wunder berichtet; er kam weder mit Königen noch mit Feldherren zusammen in Verbindung, wie wir es von den anderen lesen. Er lebte unter dem Volke und sprach zu der großen Masse in ihrer Sprache. Diese seine Redeweise erregt Aufsehen, ist auffallend, und der Oberpriester von Beth-El weist den Propheten zurecht: sein Ton sei unpassend und eigne sich nicht für die heilige Residenzstadt. Arnos aber * antwortet: „Ich bin kein Prophet und kein Prophetenjünger; Hirte bin ich und ein Sykomorenzüchter, Gott ist es, der zu mir sprach: Auf, künde meinem Volke Israel!" Diese hohe Auffassung seiner Aufgabe und die Bereitschaft, sich für sie zu opfern; sie brachten es mit sich, daß die Reden dieses Propheten in der Heiligen Schrift verewigt, wurden.' Nur derjenige, welcher die Freude geistigen Schaffens ausgekostet hat, kann es begreifen, welches Opfer Chajes brachte, wenn er nach Wien gekommen, der Wissenschaft entsagte, um ganz ein Führer aus geistiger Verwirrung, ein Retter aus drückender Not sein zu können. Auch Chajes blieb mancher Vorwurf nicht erspart; aber standhaft und aufrecht war er immer dem Rufe treu, den er in seinem Inneren vernahm, ein Funken des großen Geistes, der in Arnos war. Und er sehnte seine Zeit herbei, in der es wieder in Juda und in Jerusalem jüdische Hirten und Sykomorenzüchter geben werde. Eswar ihm auch gegeben, nicht nur Petach-Tikwah, das Ahnen einer neuen Hoffnung, zu sehen. Er erlebte den großen Augenblick der Balfour-Deklaration und durfte sogar an der Spitze des Aktionskomitees am Aufbauwerk führend beteiligt sein. Er, der wie Arnos, von einer messianischen Zeit der allmenschlichen Liebe und Gerechtigkeit geträumt, sah im Wiederaufbau Palästinas den Beginn einer neuen Zeit, und er starb in dieser Ueberzeugung, beseelt von der Hoffnung, daß das neue Zeitalter heranbricht. Es war Gottes Wille, daß ihm erspart bleiben die vielen Enttäuschungen, die uns zu teil wurden. Er sollte es nicht mehr erleben, wie die Wellen eines neuaufgepeitschten Hasses über uns zusammenschlagen, wie Not und Elend die s zum Gedenken I Alleinherrschaft in der jüdischen Gasse antreten. Er sollte nicht mehr von einer Teilung des Landes hören, die schon seinerzeit von Arnos bekämpft wurde. Gottes Liebe hat ihn aufgenommen, er wandelt nicht mehr unter uns; als sein Erbe aber ist es uns übertragen, dem Beispiel des großen Lehrers folgend, trotz Not und Verfolgung stolz auszuharren und dem Zionsideal treu zu bleiben. Denn also, schließt das von Chajes so verehrte Buch des Propheten Arnos: „Siehe, es werden Tage kommen, spricht der Herr, wo der Pflüger an den Schnitter und ■ der Traubentreter an den Sämann stoßen .wird. Da ich die Gefangenen meines Volkes Israel zurückführen werde, damit sie die zerstörten Städte wieder aufbauen und bewohnen. Ich werde sie in ihre Erde verpflanzen, so daß sie von dem Boden, den ich ihnen verheißen, nicht mehr verdrängt werden, spricht der Ewige." Rabbiner Dr. B. Murmelstein, Wien. t Chajes' Grabstätte auf dem Wiener Zentralfricdhof. Vkfmkkltie det fkmtak Von Dr* Israel Zwi Kanner Unsere Weisen berichten votn zwei Gegenständen, die Gott seinem Wülenskünder in Feuerform .gezeigt hat, die M en o r ah und den S chekel. Die Menorah war von „getriebener Arbeit" — im Bibeltext „Mikschah", das ist: mit dem Hammer geschlagen. Dieser Ausdruck kommt noch bei Anfertigung zweier anderer heiligen Stücke vor, nämlich; bei den Cherubim, den Engelgestalten auf dem Deckel der Bundeslade, und bei den zwei silbernen Trompeten, die zum Zusammenrufen - der Gemeinde und beim Aufbruch der Lager dienten. Diese drei Stücke durften weder in der Form gegossen, noch aus einzelnen Teilen zusammengelötet, sondern mußten aus einem Stück heraus mit dem Hammer geschlagen werden. In der Stifts hütte befand sich nur ein Leuchter, während in dem von König Salomo errichteten Tempel zehn goldene siebenarmige Leuchter waren, darunter der aus Moses Zeit stammende Originalleuchter. Diese wertvollen Kleinodien wurden bei der Eroberung Jerusalems durch Nebukadnezar von Jeremias aus dem Tempel gerettet. Er verbarg sie in einer Höhle auf dem Berge Nebo und verschloß den Eingang, der von den Ueberlebenden, wie das Grab Moses', nicht gefunden wurde. Der eine Leuchter der ältesten Zeit, wie die neuen des Salomo, war und blieb fortan verschollen. Der unter Cyrus vollendete zweite Tempel erhielt demnach einen neuen Leuchter in möglichst getreuer Anlehnung an den aus Moses' Zeit stammenden. Dieser zweite siebenarmige Leuchter wurde von Antiochus Epiphanes 169 v. Chr. geraubt und nebst allem übrigen Gerät zerschlagen. Als Ersatz wurde ein dritter Leuchter angefertigt: dieser ist es, der im Jahre 70 n. Chr. von Titus bei der Zerstörung Jerusalems und dem Brande des Tempels erbeutet und in Rom im Triumphzug mit geführt wurde. Nach dem Triumph erbaute Vespasian der Friedensgöttin einen Tempel, Hierhin ließ er die M enora h bringen, weil dieser Gegenstand in seinen Augen besonders wertvoll war. Eine Marmornachbildung der Menorah, ein kräftig ausgearbeitetes Hochrelief, findet sich im Durchgang des Titusbogens in Rom. Es war den Juden verboten, Abbildungen von dem aiebenarmigen. Leuchter, zu, nehmen oder. Nachbildungen für rituale und profane Zwecke anzufertigen; man mußte eine andere Zahl als sieben nehmen. Da nun der jüdische Triumph über die Syrer acht Tage lang währte, wählte man die Zahl acht. * Verschiedene Sagen werden an die Geschichte der Menorah geknüpft. Aber diese Sagen haben einen historischen Hintergrund und einen tiefen schicksalhaften Sinn. Das Licht der Menorah, mit dem die Schöpfung der Welt begann, leuchtet durch alle Zeit, in denen die Erde wieder in das Chaos der Finsternis zu verfallen drohte. Die Menorah gleicht — um einen Satz Sokolows zu variieren — einem Baume, dessen Wurzeln tief in der jüdischen Vergangenheit stecken, dessen Zweige und Blüten waclisen und dessen Früchte in der nahen Zukunft reif sein iverden. Die Menorah als jüdisches Symbol: Das Licht Gottes. In Palästina finden wir Blumen, Pflanzen und Gewächse, die an die Form der Menorah erinnern. Es ist möglich, daß die Menorah eine Nachahmung jener Gewächse ist. Die Menorah kann als das älteste jüdische Symbol bezeichnet werden, und ,nicht das Mögen David. Das Mögen David befindet sich auch auf Monumenten der Araber und auf arabischen Münzen. Erst später wurde es zu einem jüdischen Symbol, wie wir es als Schmuck und Verzierung an den Säulen der galiläischen Synagogen des vierten und fünften Jahrhunderts antreffen. Die Menorah hingegen fand sich bereits im ersten Jahrhundert auf Grabsteinen, in Katakomben und auf Kiddusch- Bechern eingraviert vor, ebenso auch auf den hebräischen Münzen des Antigonos, des letzten Königs aus dem Hause der Hasmonäer, der gegen Herodes kämpfte. Nach dem Fall des Tempels ist die Menorah endgültig zum jüdischen Symbol geworden. Trendel uoh Btei Von Schmarja Lewin Das erste Makkabäerfest, dessen ich mich entsinne, fiel mitten in einen bitterkalten, grausamen Winter, der die Flüsse in stummer Wut in Fesseln legte und seine unsichtbare Hand schwer auf die Stadt fallen ließ. Die Kälte brannte unbarmherzig und die Eiszapfen an den Häusern kamen den ganzen Winter über nicht zum Schmelzen. Die Hauptvorbereitung zum Chanukkafest bestand — wenigstens soweit das die kleinen Jungen anging — in der Herstellung kleiner Bleitrendel, mit einem Griffe oben, die das traditionelle Spielzeug dieses Festes bildeten. Die Anfertigung solcher Trendel war kein leichtes Unternehmen, und diese Aufgabe fiel den älteren Knaben zu. Mein Bruder Meyer war einer der Hauptmechaniker. Zunächst mußte die Form hergestellt werden, die aus vier Holzstücken — eines für jede der vier Seiten — bestand. Innerhalb der Form waren — umgekehrt natürlich — vier hebräische Buchstaben einzukerben, die bei der Drehung des Kreisels an den Seiten erscheinen sollten: Sch, N, G, H — Schorn Neß gadol haja, „ein großes Wunder ist dort geschehen". Gemeint war das Wunder mit dem „ewigen Lichte" im Tempel, das während der siegreichen Kämpfe der * Makkabäer acht Tage lang brannte, obgleich der Leuchter nur wenige Tropfen Oel enthalten hatte. Oben und unten verjüngte sich die Form zur Bildung von Griff und Spitze des Kreisels. Danach wurden die einzelnen Teile der Form mit einer Schnur zusammengebunden und von oben wurde geschmolzenes Blei in die;Form gegossen. Das mußte sehr flink geschehen, da der Löffel aus einer Legierung bestand, die leicht schmolz. Es mußte auch sehr geschickt' gemacht werden, da sich sonst das heiße Blei über die Finger, die die Form hielten, ergießen konnte. Man sah denn auch um Chanukka herum mehr als einen Jungen, der mit verbundener Hand — dem sichtbaren Zeichen seiner Ungeschicklichkeit —f herumlief. Mit diesen Kreiseln vergnügten wir uns. während der ganzen Festwoche. In der Regel spielten wir zum bloßen Zeitvertreib, zuweilen aber auch um Geld. Und das war unsere Einführung in das Gebiet der Glücksspiele, die später im Kartenspiel ihre Fortsetzung fanden. Die ergreifendste Feierlichkeit des Chanukkafestes ist das Anzünden der Lichtchen. Am ersten Abend wird ein Licht angezündet, am zweiten zwei, am dritten drei und so fort bis zum Ende der acht Tage, die der Erinnerung an die Zeitspanne gewidmet sind, während welcher die ungespeiste Flamme durch ein Wunder fortbrannte. Die Lichter waren kurz, gerippt und hübsch bunt. Die Zeremonie machte aber zunächst keinen besonderen Eindruck auf mich. Damals wurde Chanukka nämlich noch nicht als ein wichtiger Feiertag im jüdischen Kalender betrachtet. Das Wunder des unversieglichen Oelkruges schien die Phantasie der Juden, die an Mirakel erhabener und imposanter Natur gewöhnt waren, nicht sonderlich zu packen. Jedenfalls erzählte man uns wenig von den heroischen Kriegen der Makkabäer -1wenig oder gar nichts. Die Rabbis interessierten sich nicht für Kriege und die frommen Juden teilten ihren Geschmack. Erst viele Jahre später, erst mit dem Auftauchen des Vorläufers der zionistischen Bewegung — Chibbath Zion, Liebe zu Zion — trat hierin ein radikaler Umschwung ein: Chanukka wurde eines der größten und wichtigsten Nationalfeste des jüdischen Volkes, erst da wurde das Anzünden der Lichter zu einer bedeutsamen und ergreifenden Zeremonie. .(Aus dem Buch „Kindheit im Exil".)] j