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Die neue Welt · 1937-11-19 · Heft 702 (19.11.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 702 (19.11.1937)
Date
1937-11-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DDE NEUE WELT. Nr. 702 vom 19. November 103t Wie im Blufjahr 1936 Von Dr. H. Kosenblum, Tel-Aviv Ein englisches Sprichwort sagt: „Beginne nicht, was du nicht vollenden kannst!" Palästina hat in diesen Tagen die Weisheit dieses Sprichwortes am eigenen Leibe erfahren. Die am 1. Oktober mit Fanfaren angekündigte „politische Kursänderung" (hierzulande scherzhaft „Oktoberrevolution" genannt) ist im Sande verlaufen. Sie endete damit, daß man ein paar Leute in einer guten indischen Inselpension unterbrachte und einige nach Syrien abschob. Im übrigen keine sichtliche Aenderung der politischen Methode in der Behandlung des Terrorismus. Die Terrorbanden, welche in der ersten Woche des Oktober ihre Tätigkeit einstellten, um sich vom Ernst der Regierungsabsichten zu überzeugen, schlugen mit erneuter Kraft los, als sie gewahr wurden, daß sie nichts Schlimmes zu befürchten hätten. Und heute haben wir wiederum den Verlust von fünf jungen jüdischen Leben in Kiriat Anavlm bei Jerusalem zu beklagen, nachdem vorgestern zwei britische Soldaten in der Altstadt ermordet worden waren. Das größte Unglück des Vorjahres bestand darin daß trotz organisierter Mordtätigkeit in- und ausländi scher Banden, keine außerordentlichen G erichtsraaßnahmeii zur Wiederherstellung der Ordnung ergriffen wurden. Mordtaten, die sich täglich ja, stündlich wiederholten, waren derselben schleppen den Gerichtsprozedur wie gewöhnliche Kriminalfälle unterworfen. Sofern Schuldige erfaßt wurden, dauerten ihre Prozesse Monate, manchmal ein Jahr, um schließlich wegen dieses oder jenes Prozeßordnungsparagraphen (für normale Zeiten bestimmt) mit einem Freispruch oder leichter Haft zu enden. Man merke, daß ab 19. Aprü 1936, das sind insgesamt 19. Monate, keine einzige Hinrichtung in diesem unglücklichen Land vollstreckt wurde. Es er übrigt sich hinzuzufügen, welche Auswirkungen das im Gemüte der Pogromwüstlinge zeitigen mußte. Erst dachten die Araber, und nicht nur sie allein, daß das Land ab 1. Oktober neuen und effektiveren Verwaltungsgesetzen unterzogen werden würde. Bald aber wurden sie anders belehrt. Die Regierung begann damit, daß sie jüdische Rechte weiteren B esschränkungen unterzog. Sie erklärte, daß die ökonomische Aufnahmefähigkeit des Landes kein Grundpostulat des Mandats bilde, und daß die Regierung beabsichtige, ein politisches Höchstmaß für die jüdische Einwanderung einzuführen. Nach der Ermordung der beiden englischen Soldaten in der Altstadt von Jerusalem traf die Regie rung keine bessere Verfügung, als den britischen Soldaten der Hauptstadt den Zugang zu bestimmten Stadtbezirken zuuntersagen... Auch das mußte natürlich als Rückzug der Behörden vor den arabischen Terroristen gedeutet und verstanden werden. Wenn die Dinge so weit gediehen sind, daß Soldaten, welche im Dienste Seiner Majestät stehen, gewisse Bezirke aus Angst, oder nennen wir es „Selbsterhaltungstrieb", nicht betreten dürfen, so kann das Prestige der Armee und der Zivilbehörden von den Mördern nicht allzu hoch eingeschätzt werden. Es ist für die hiesigen Verhältnisse geradezu charakteristisch, daß die gemäßigte Na shashibi-Partei, welche die Teilung Palästinas gerne akzeptieren möchte und den Emir Abdallah unterstützt, ihr wahres Antlitz nicht zu enthüllen wagt, weil sie fürchtet, daß die Regierung eines schönen Tages wiederum ihre Gunst . . . dem Mufti zuwenden könnte. Mit Rücksicht auf diese Eventualität, veröffentlicht die Nashashibi-Partei fortwährend Aufrufe und Kundgebungen gegen die Teüung Palästinas, um im Falle der Rückkehr des Mufti nicht als „Verräter an der arabischen Sache" zu gelten. Dieser allgemeine Unglaube an die Standhaftigkeit und den Ernst der „Oktoberrevolution" ist es, der die Terroristen zu neuen und immer frecheren Ueberfällen ermutigt. Unter diesen Umständen mehrt sich stündlich die Zahl derjenigen, die es vorgezogen hätten, daß die Ereignisse des 1. Oktober ganz ausgeblieben wären, als daß sie in der gegenwärtigen Form ihren Verlauf nahmen. Denn von jetzt ab wird kein Schreckschuß die arabischen Terroristen abhalten. Sie wissen, daß nichts dahinter ist. Und nun sind wir in das blutige Jahr 1936 zurückgeschleudert worden. # Es wird oft behauptet, daß Tatsachen nicht nur politische Freunde, sondern auch Gegner verpflichten. Für naive Leute, die noch daran glauben, möchte ich meinerseits folgende Tatsachen in Erinnerung bringen: 1. Sowohl Dr. Weizmann als seine politischen Freunde haben auf der Kongreßtribüne in Zürich mehreremal unterstrichen, daß der Teilungsplan, wie er in dem Bericht der Königlichen Kommission zum Ausdruck kam, für den Zionismus „absolut unakzeptabel" sei, und daß nur ein „bedeutend verbesserter" Vorschlag als Basis für Verhandlungen in Betracht käme. 2. Die 60 Nein-Sager der Arbeiterfraktion, mit Berl Katznelson an der Spitze, erklärten in ZUrich, daß sie nur deshalb der Majoritätsresolution zustimmen, weil diese in einer Form redigiert wurde, die ihnen die volle Sicherheit biete, daß nur ein bedeutend verbesserter Teilungsplan als Grundlage für Verhandlungen akzeptiert werden würde, und daß die Exekutive nichts unternehmen würde, was der Entscheidung des nächsten Kongresses präjudizieren könnte. 3. Nachdem die offizielle Kongreßzeitung in Zürich den Bericht über das Abstimmungsergebnis unter dem Titel gebracht hat: „300 Ja-Sager gegen 158 Nein-Sager" protestierte eine größere Anzahl von Delegierten, die mit „Ja" gestimmt hatten, gegen diesen Titel mit der Begründung, sie hätten nur für Verhandlungen, nicht aber für die Teilung des Landes gestimmt. 4. Die Herren Dr. Weizmann, Dr. Goldmann, Shertok, die am 14. August nach Genf abreisten, ■■ um dort den Vertretern der Mandatskommission und Herrn Ormsby-Gore den Beschluß des Kongresses zu 'verdolmetschen, wandten die Aufmerksamkeit der Herren darauf, daß man den Kohgreßbeschluß keineswegs „als Zustimmung zur Teüung des Landes" auffassen dürfe. Darüber würde der nächste Kongreß entscheiden, nachdem er den neuen, verbesserten Antrag der englischen Regierung auf Gründung des Judenstaates angehört haben wird. So erklärten die drei Herren in der politischen Kommission des Züricher Kongresses und niemand von ihnen hat dies bisher zu leugnen versucht. Gegenüber diesen Tatsachen wird jetzt offiziell und halboffiziell mitgeteilt, 1. daß der englische Antrag auf Bildung des Judenstaates nicht nur nicht verbessert, sondern viel mehr verschlechtert. Es ist bekanntge worden, daß inzwischen H a i fa für ewige Zeiten dem Judenstaate entzogen werden soll. Auch ist es bekannt daß mit Rücksicht auf die „große arabische Bevölkerung" in Galiläa die Städte AkkoundSafed samt Umgebung an den Araberstaat abgetreten wer den sollen. 2. Der Vorsitzende der Zionistischen Exekutive Herr Ben Gurion, erklärte vorige Woche in. Tel-Aviv, daß die Teüung trotz der vorerwähnten Verkleinerung des jüdischen Territoriums bereits beschlossen worden sei, und daß wir nunmehr unsere Aufmerksam; keit einzig und allein der Ver'f assungsf orm des künftigen Jüdenstaates zuzuwenden hätten. Diese Erklärung steht in krassem Widerspruch zu der Ueber zeugung des Arbeiterführers Berl Katznelsön und seiner Freunde, wonach der „nächste Kongreß'bei sei ner Beschlußfassung freie Hand haben würde". 3. Wie die palästinensischen Zeitungen melden, führte der politische Referent der Exekutive, Herr Shertok, kürzlich in seiner Rede aus, die Teüung sei eine Tatsache, die im Laufe der nächsten paar Monate vor aller Augen treten würde. Nun fragt' sich: Wo sind jene Kongreßdelegierten, die trotz ihrer Zu; gehörigkeit zum Regierungslager dagegen protestiert haben, daß sie von der Kongreßzeitung als Anhänger der Teüung bezeichnet wurden? 4. Die Zionistische Exekutive hat zwei Herren nach Griechenland entsandt, wo sie die Einzelheiten der griechischen Kolonisation studieren sollen. Ihr Studium steht in engem Zusammenhang mit dem Plan des Bevölkerungsaustausches nach Teilung Palästinas. Nun fragt es sich: in welchem Ver hältnis steht dieses Studium zur seinerzeitigen Erklärung von Weizmann, Goldmann und Shertok, der zufolge der Kongreßbeschluß „keine Zustimmung zur Teilung des Landes" bedeuten solle? Trotz der Beschneidungen des Peel-Antrages und der Anspielung des „Great Britain and the East" auf die Notwendigkeit weiterer Konzessionen an die Araber, traten im Laufe der letzten zwei Wochen die Führer der zionistischen Politik mit definitiven Erklärungen bezüglich der . Unabweisbarkeit der Teüung auf. Harry S a c h e r sagte das letztens in einer sehr klaren Form und Dr. Weizmann hat sogar in seinem Keren-Hajessod-Aufruf einen Passus über den kommenden Judenstaat aufgenommen. Ist die Zionistische Leitung bereits Verpflichtungen eingegangen? Wird der nächste Kongreß noch einen Sinn haben? ... So frägt.man im Lande. Der neue Führer der arabischen Terroristen Aus Kairo (J. T. A.): Die arabischen Zeitungen in Aegypten nennen als neuen Anführer der arabischen Terrorbanden in Palästina einen gewissen Dr. Amin R o weihe, „einen Abenteurer und Don Juan, der in einem College erzogen wurde, das Medizinstudium absolvierte und in. Deutschland sechs Jahre . lang die. Aerztepraxis ausübte". Roweihe, der ein persönlicher Freund des berüchtigten Bandenführers F a u z i B e y el Kaukadyi ist, war während der Unruhen 1936 dessen „Stabschef". Roweihe ist 38 Jahre alt, er entstammt einer reichen Familie in dem Dorfe Latakya (Syrien) und ist mit einer griechischen Armenierin aus Istanbul verheiratet. Seite an Seite mit Fauzi Bey el Kaukadyi nahm er seinerzeit an dem Aufstand der Drusen teil und wurde zu einer längeren Zuchthausstrafe verurteilt. Er floh nach Bagdad, wo er bald darauf als Arzt an den Hof des Königs Ghaad berufen wurde. Er organisierte den Sanitätsdienst in der irakischen Armee und wurde dafür wiederholt ausgezeichnet. Er wurde jedoch der Arbelt am Hofe des Königs überdrüssig und verließ den Hof. Aus reiner Abenteurerlust wandte er sich, wie die arabischen Zeitungen sehreiben, P a 1 ä s t i n a zu, das schon vielen Abenteurern vor ihm ein reiches Jagdgebiet abgegeben hat. Entschädigung für Opfer der Unruhen im Jahre 1936 An Bewohner von Tel-Aviv und Umgebung, die während der Unruhen 1936 verwundet wurden oder Angehörige verloren haben, sind jetzt seitens der Regierung rund 10.000 Pfund als Entschädigung ausgezahlt worden. Der Höchstbetrag von 250 Pfund wurde in Fällen bezahlt, da das Familienoberhaupt getötet worden ist. Denselben Betrag erhielten ausnahmsweise auch die Angehörigen der ermordeten Krankenschwestern Martha Fink und Necham* Zedek. In Fällen, da andere Familienangehörige getötet wurden, sind Beträge von 80 bis 100 Pfund bezahlt worden. Für. Verwundungen wurden Entschädigungen bis zu 25 Pfund geleistet. Deutschland liefert den arabischen Terroristen Waffen Aus Paris: Die Pariser Zeitschrift „Mari an n e" meldet Einzelheiten über Waffenlieferungen deutscher Waffenfabriken an die arabischen Terroristen in Palästina. Hauptlieferanten sind die Gewehrfabriken in Suhl und Erfurt. Die Araber haben auch 98-mm-Geschütze und andere Feldgeschütze geliefert erhalten. Französische Grenzwachen haben wiederholt Karawanen angehalten, die Waffen aus Syrien nach Palästina schmuggelten. Am lebhaftesten sei der Waffenschmuggel aber an der transjordanischen Grenze. „Die aus Transjordanien nach Palästina geschmuggelten Waffen", schreibt „Marianne", „sind immer deutscher Provenienz. Die transjordanische Regierung hat mit den Essener Krupp-Werken einen Vertrag geschlossen, der bis' Frühling 1938 in Kraft ist." Als den aktivsten Zwischenhändler nennt das Blatt den deutschen Staatsbürger Gustav Schmoll er aus Münster in Westfalen, der seit 1920 in Palästina lebt. Dieser Mann, schreibt;,Marianne", hat im Jahre 1920 als Mitglied einer wissenschaftlichen Expedition Asien durchkreuzt und spielt eine ähnliche Rolle wie Oberst Lawrence. Zahl der Arbeitslosen Aus Tel-Aviv: Auf der Konferenz der „Histadruth" gab der Leiter , der statistischen .Abteilung folgende Ziffern: In den drei Hauptstädten des Landes gibt es zusammen 3000 Arbeitslose, davon 1650 in Te 1- Aviv, 950 in Haifa und 400 in Jerusalem^ Für 2500 von ihnen hofft man bereits in nächster Zelt Beschäftigung zu finden. Schwerer ist die Lage in den Kolonien, wo die Arbeitslosigkeit allerdings nicht zuletzt darauf zurückzuführen ist, daß die .Orangensaison noch nicht begonnen hat. Im Hafen von Tel-Aviv sind gegenwärtig etwa 1000, im Hafen von Haifa 500 jüdische Arbeiter beschäftigt. Geburten, Trauungen, Scheidungen Aus Tel-Aviv: In den ersten neun Monaten 1937 Wurden in Tel-Aviv 1383 Kinder geboren (gegenüber 1665 im gleichen Zeitraum 1936). Im Jahre 5697' (September 1936 bis September 1937) gab es in Tel-Aviv 1206 Eheschließungen und 907 Scheidungen (gegenüber 1937, bzw. 774 im selben Zeitraum des Vorjahres). - -• ■ Naharia Aus Naharia, der von Dr. Soskln gegründetem Mittelstandssiedlung, wird uns berichtet: Zum erstenmal wird auf jüdischem Boden, auf dem' Strandgebiete Naharias, Slf-Slf (Betonmauersahd) gewonnen. Dieser Sand findet heute schon in ganz Nord-; Palästina Verwendung. Die Erschließung dieses neuen. jüdischen Erwerbszweiges lat darum besonders bedeutsam, well bisher dieses wichtige Material fast auaschließ-. lieh von arabischen Unternehmern gewonnen und auf den Markt gebracht wurde. * Trotz der In Palästina durch die Krise bedingten Unlust auf dem Baumarkt wurden In den letzten Monaten acht neue Stelnhäuser in Naharia fertiggestellt. ' Außerdem wurden sieben weitere. Steinhäuser In der Siedlung und vier Steinhäuser im Strandgebiet Naharias in' Arbelt gegeben. Auch mit dem Bau eines neuen großen Kooperatlvgejjäudes wurde begonnen, Da Naharia heute schon als wichtigster Badestrand für den Haifa- und Emek-Israel-Bezlrk gilt, ist für die Zukunft mit einer noch größeren Strandbautätigkeit zu rechnen. ■ * ■ Ein neuer Landwirtschaftszweig des jUdischen Palästina, die Ziegenzucht, entwickelt sich in Naharia ausgezeichnet. Es wurden bisher außerordentlich gute Resultate erzielt. Die Ziegen, die In der Hauptsache aus dem Damaszener 'Gebiet stammen, geben pro Ziege und Jahr bis zu 600 Liter Milch. Da Ihr Futter fast ausschließlich aus Gemüseabfällen besteht, so bedeutet ihre' Zucht' keine wesentliche Belastung für den Siedleretat. Die Produkte (Frischmilch und Käse) haben In Naharia selbst und In Haifa bereits guten Absatz gefunden. * Um der schulentwachsenen Jugend Naharia» die Möglichkeit zu geben, sich weiter fortbilden zu können« ist eine Fortbildungsschule eröffnet worden.

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