Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 699 (3.11.1937)
- Date
- 1937-11-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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aertc- 6 DIB NEUE WELT NV. 699 vom £>. November 1937 AUS ALLER WELT Vom Jüdischen Weltkongreß Aus Paris: Am 28. und 29. Oktober fand in Paris eine Sitzung derExekutive des Jüdischen Welt, kongresses statt, an der unter anderen teilnahmen: Dr. Nahum Goldmann, Genf; Prof. Georg Bernhard, Paris; J. Jefroykin, Paris; I. Naiditsch. Paris; Rev. M. L. Perlzweig, London; M. Jarblum, Paris; Dr. L. Kubowitzki, Brüssel; Saly Mayer, St. Gallen. Die Sitzung befaßte sich mit der Situation ii«r Juden in Polen, insbesondere mit der an den polnischen Universitäten durch die Ghettobänke-Verordnung geschaffenen Lage. Die Exekutive des Jüdischen Weltkongresses betrachtet diese Verordnung als eine flagrante Verletzung der den polnischen Juden in der Verfassung und den internationalen Verträgen zugesicherten Rechte. Die Exekutive hat mit Genugtuung Kenntnis genommen von dem mutigen und zähen Kampf, den die polnischen jüdischen Massen, und insbesondere die jüdische Studentenschaft Polens, gegen diese unwürdige Verordnung führen; sie stellt gleichzeitig mit Befriedigung fest, daß der liberale Teil der polnischen öffentlichen Meinung in unzweideutiger Weise Stellung gegen diese Verordnung genommen hat. Die Exekutive beschloß eine Reihe von Aktionen, um die nichtjüdische öffentliche Meinung der Welt, insbesondere die akademischen Kreise, über diese Verordnung zu informieren. Die Sitzung beschäftigte sich ferner mit der in Dan zig geschaffenen Lage und beschloß^ sich durch ein Memorandum an das Völkerbundsekretariat und das. D r e i er k om.it e e des Völkerbund r a t e s zu wenden, damit alle Maßnahmen getroffen werden, um die durch die Verfassung den Danziger Juden gewährten Rechte sicherzustellen. Neben den politischen Fragen wurden auch Fragen des organisatorischen Ausbaues des Jüdischen Weltkongresses in den verschiedenen Ländern besprochen. Aus den Berichten ging hervor, daß in einer Reihe von europäischen und Ueberseeländern der Ausbau der Kongreßorganisation erhebliche Fortschritte gemacht hat. '^bi'i'.ns^ American Jewish Congress an die Juden in Polen Die amerikanische Sektion des Jüdischen .Weltkongresses, der „American Jewish Congress", sandte den Juden in Polen folgende Botschaft: „Wir stehen mit unserer tiefsten Sympathie zur, polnischen Judenheit in ihrem gerechten .und mutigen Kampf gegen die unsagbar herabwürdigenden Ghettopraktiken,, die kürzlich an den polnischen Universitäten eingeführt wurden. Die Ghettobank ist die größtmögliche Verletzung der Verp flicht un gen, di,e Polen seinen Minderheiten gegenüber auf sich genommen hat, ^,ls unsere Regierung und unsere Nation dazu beitrugen, Polen von seinem jahrhundertealten Joch zu befreien und die polnische Nation wiederherzustellen. Wir sind stolz auf Mut und Tapferkeit unserer jüdischen Mitbrüder. Ihr Streik in ganz! Polen ist ein zwangsläufiger Protest gegen die Wiedereinführung des mittelalterlichen Ghettos in einer Republik, die sich verpflichtet hat, die politische Gleichheit aller Rassen und religiösen Gruppen in ihrem Lande zu achten und zu gewährleisten. Die polnische Judenschaft leistet Polen einen großen Dienst durch ihren gewaltlosen Widerstand gegen Maßnahmen, welche das Ansehen Polens bei den zivilisierten und demokratischen Völkern sehr herabsetzen werden. Indem wir der polnischen Judenheit den Ausdruck unserer tiefsten Sympathie übermitteln, sprechen wir gleichzeitig den liberalen und demokratischen Kräften in Polen, die die Führung im Kampf gegen die reaktionären Absichton und Maßnahmen der polnischen Regierung und ihrer Helfer übernommen haben, unseren aufrichtigen Dank aus." Wavburgs Testament Aus New York (J. T. A.): Das vom Februar 1935 datierte Testament Felix M. Warburgs ist zur Eröffnung eingereicht worden. Das größte Legat, das Warburg für eine öffentliche Einrichtung bestimmt hat, beträgt 5 0.0 0 0 Dollar für den „Verband der jüdischen Wohlfahrtsgesellschaften in New York". Außerdem sind neun weitere Institutionen mit insgesamt 57.000 Dollar bedacht. Im einleitenden Absatz des Testaments schreibt der Erblasser: „Ich habe das Glüfek gehabt, lange genug zu leben, um zu sehen, daß diese Institutionen (die nicht testamentarisch bedacht wurden) sich entwickelt haben und ihre Pläne mehr oder minder verwirklichen konnten." Hiezu gibt der Testaraentsverwahrer bekannt, daß Warburg in den letzten fünfzehn Jahren etwa 13 Millionen Dollar Institutionen und Gesellschaften in den verschiedenen Ländern zugeführt hat. Die Witwe erhält den Grundbesitz, die Gegenstände eehiea persönlichen Gebrauches und seine graphische Sammlung. Für jedes Kind sind 250.000, für jedes der acht Enkelkinder 100.000 Dollar bestimmt. Der Schwiegersohn, Walter Rothschild, erhält 50.000 Dollar, Testamentsvollstrecker sind die Witwe und die beiden Söhne FrederiQ und Paul. Andere Mitglieder der Familie Warburg erhalten 150.000 Dollar. Die Beamten des Bankhauses Kuhn, Löb & Co. bekommen, je nach der Länge der Dienstzeit, Beträge bis zu 2000 Dollar. Mercedes« Automobile „Hitlers langer Arm" Der von Walter Tschuppik herausgegebene „Prager Montag" meldet: „Entlassungen von jüdischen Beamten unter reichsdeutschem Druck. — Bei den Vertretungen der Mercedes-Benz-Automobilwerke in der Tschechoslowakei werden mit 1. Jänner 1938 alle jüdischen Beam t e nent- 1 a 9 s e n. Wie wir hiezu erfahren, handelt es sich vor allem um die Filialleiter Löwy (Teplitz), Perl (Brünn) und Kerschbaum (Reichenberg). Gleichzeitig wird, wie andere Stellen berichteten, dieselbe Aktion nicht nur in reichsdeutschen Gesellschaften in der Tschechoslowakei, sondern auch in tschechi sehen Unternehmungen, die auf ihre Beziehungen zu reichsdeutschen Firmen Wert legen, durchgeführt werden. Es wird wichtig sein, darauf aufzupassen wer sich nun einen neuen Mercedes Wagen anschaffen wird!" * Im Leitartikel des gleichen Blattes schreibt der Herausgeber unter dem Titel „Hitlers langer Arm" u, a.: „In der letzten eit mehren sich die Nachrichten daß, unter reichsdeutschem Drucke, in Unternehmungen auf tschechoslowakischem Boden jüdische Ange stellte entlassen werden. Gestern konnte' man im „Präger Tagblatt" lesen, daß die jüdischen Auslands Vertreter der Mercedes-Benz-Automobilfabrik durch Arier ersetzt werden. Es wäre falsch, zu glauben, das sei nichts weiter als eine Marotte des kon sequente.n Antisemitismus. Es verbergen sich dahinter vielmehr ganzandere Absichten. Nach der Auffassung des Leiters der reichsdeutschen Außenpropaganda, B o h l e, hat nicht nur jeder Reichsdeutsche im Ausland, sondern auch jeder andere Staatsangehörige, wenn er für eine reichsdeutsche Gesellschaft arbeitet, den p o 1 i t i sehen Interessen des Dritten' Reiches zu dienen. Den Juden traut man nicht, und deshalb werden sie überall durch „verläßliche Elemente" ersetzt. Es ist erstaunlich, wie Hitlers Arm wächst Es wird nicht nur auf reichsdeutsche Unternehmungen und Vertretungen ein Druck ausgeübt, sondern auch tschechoslowakische Anwälte, Kaufleute, Ingenieure u. dgl., die mit Deutschland in irgendwelcher Geschäftsverbindung stehen, werden kon trolliert und häufig gezwungen, ihr „jüdisches" Personal zu entlassen; an dessen Stelle kommen dann „politisch einwandfreie" Angestellte. Unter dem Mantel des „Antisemitismus" wird hier ganz systematisch vorgegangen." Julius Streicher wird in Rom gefeiert . . Aus Rom: Der Herausgeber des „Stürmer", Gauleiter Julius Streicher, wird in Rom, wo er sich gegenwärtig als Ehrengast anläßlich der Feier des 15.. Jahrestages der faschistischen Revolution aufhält, sehr gefeiert. Streicher war zur Zeit des Nürnberger Parteitages von einer italienischen Delegation nach Rom eingeladen worden. Gelegentlich der Vorsprache der Delegation bei ihm hatte Streicher erklärt, er würde es gerne sehen, wenn die Faschisten mehr "Verständnis für seine antisemitische Kampagne aufbringen würden. In einem Begrüßungsartikel, den „Lavqre Pasc ista" Streicher widmet, vermeidest es die Zeitung, des Strelcherschen Antisemitismus Erwähnung zu tun, sondern begnügt sich damit, ihn als einen der hervorragendsten Vertreter der nationalsozial istischen Weltanschauung zu würdigen. Zehn Jahre Zuchthaus für „Bassenschande" Aus Hamburg: Das Hamburger Gericht verurteilte den 56jährigen früheren Rechtsanwalt Dr. Theodor Wohlfahrt zu zehn Jahren Zuchthaus wegen Rassenschande in fünf Fällen. Die vom Staatsanwalt beantragte Sicherheitsverwahrung wurde vom Gericht abgelehnt. Antisemitische Rede im belgischen Senat Aus Antwerpen: Die Affäre des Zusammenbruchs der Bank Goldzieher-Penso, der durch Julius Barmat herbeigeführt worden sein soll, hat auch im belgischen Senat ein Echo gefunden. Senator van D i e r e n, einer der Führer der vereinigten antisemitischen Front, der die Rexisten und der Flämisch- Nationale Bund angehören, erklärte in einer Rede im Senat: „Barmat ist Jude. Die Juden sind ein Volk, auf dem ein Fluch ruht und das deshalb alles tut, unx sich hinaufzuarbeiten. Dadurch aber werden sie zu einer europäischen Plage und den Völkern Europas gefährlich. Nehmen Sie sich, meine Herren Senatoren, vor den Juden in acht; begegnen wir rechtzeitig dieser Gefahr in unserem Lande." Die berüchtigte Antisemitengruppe „Dinase" entfaltet in der letzten Zeit wieder erhöhte Tätigkeit. In der: vergangenen Wpche fuhren Trupps in Automobi-, len, die die Aufschrift „J u d a verrecke" trugen, durch das von zahlreichen Juden bewohnte Bahnhofsviertel Antwerpens. Unter der jüdischen Bevölkerung Antwerpens herrscht große Empörung über die nach deutschem Muster inszenierte Hetzpropaganda. Büro für Statistik der Juden Aus Prag: Das im Jahre 190i von Dr. Arthur Ruppin in Berlin begründete und von Dr. Bruno Blau geleitete „Büro für Statistik der Juden", welches seine Tätigkeit vorübergehend eingestellt hatte, ist jetzt in Prag wieder eröffnet worden. Es wird wie früher von Dr. Blau geleitet. Das Büro erteilt Interessenten Auskünfte über alle einschlägigen Fragen. Es befindet sich in Prag, I., Dlouha Nr. 41. Allen Anfragen ist mit Rücksicht auf die dem Büro zur Zeit nur sehr beschränkt zur Verfügung stehenden Mittel Rückporto oder ein internationaler Antwortschein beizufügen. Wie das Büro bekanntgibt, ist die Zahl der jüdischen Geburten in der Tschechoslowakei im Jahre 1935 gegenüber dem Vorjahr um 4,8 Prozent gesunken; im Vergleich zum Durchschnitt der Jahre 1928/30 ergibt sich sogar eine Abnahme der Geburtenziffer um 15,3 Prozent. Präsident Lebrun im Palästina-Pavillon Aus Paris: Der Präsident der Französischen Republik, AI ber t Lebrun, hat am 26. Oktober den Palästina-Pavillon auf der Pariser Weltausstellung besucht. Der Präsident, der sein Erscheinen vorher nicht angekündigt hatte, wurde von dem Vorsitzenden des Ausstellungskomitees, Louis Asscher, und Herrn Guy Rothschild empfangen. Präsident Lebrun bekundete lebhaftes Interesse für die in dem Pavillon dargestellte Entwicklung des jüdischen Aufbauwerkes. Besonders eingehend erkundigte er sich nach dem Ausbau des Hafen von Tel-Aviv und nach den Leistungen des Ruthenberg-Elek« t r i zi t'ä t s w e r k e s. Mit sichtlicher Genugtuung nahm der Präsident zur Kenntnis, daß französische Juden — abgesehen von dem gewaltigen Kolonisationswerk Baron Edmond de Rothschilds — an der Schaffung wichtiger Einrichtungen in Palästina beteiligt waren und daß insbesondere^Iäief; Landwirtschaftsschule Mikwe Israel ihre Gründung dem französischen Juden Charles N e 11 e r verdankt. Eine Maranen-Synagoge Aus Lissabon (J. T. A.): Zu Chanukka wird in Oporto die von Sir Elie Kadoorie gestiftete Synagoge der dortigen zum Judentum zurückgekehrten Maranen-Gemeinde eingeweiht. Die Synagoge ist vollständig aus Granit in gotischem Stil erbaut. Empfehlenswerte Firmen RESTAURANTS, CAFES etc. Caf6 Augartenhof, II'., Untere Augartenstraße 46, Telephon A-44-0-75. Cafe Beethoven, I., Universitätsstraße 11, Tel. B-43-508. Erstrangiges Rendezvous gutbürgerlicher Kreise. 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