Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 699 (3.11.1937)
- Date
- 1937-11-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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f Seite 4 DIB NEUE WELT Nr. 699 vom SL November 1937 gegenüber. Im Vordergrund unserer Forderungen muß all das stehen, was das Mandat uns verbürgt:. Einwanderung und. Bodenkauf nach Maßgabe des Bedarfs. Mit Entschiedenheit müssen Vorschläge abgelehnt werden, die uns im Falle der Nichtannahme des Teilungsplanes seinerzeit angekündigt wurden. England muß seine Machtmittel gegenüber dem arabischen Widerstand in der Weise einsetzen, daß auch der psychische Widerstand der arabischen Extremisten zusammenbricht und der Weg zu Verhandlungen frei wird. Dies ist auch aus Gründen der wirtschaftlichen Situation notwendig, da Palästina sonst einer Krise entgegengeht, über dessen Umfang wir uns heute noch keine Vorstellung machen können. Es güt jetzt, das Versäumte rasch nachzuholen: den Frieden herzustellen, für die Sicherheit zu sorgen, ein ökonomisches Debakel zu vermeiden, und dies alles — ohne daß der jüdische Jischuw die Rechnung bezahlt. Das ist jetzt die Aufgabe der zionistischen Leitung. o. r. töGtkeHSfdfyei Die jüdische Flugbewegung Wie vorsichtig man auch die Entwicklung eines innerpalästinensischen Flugwesens burteilen mag, so kann doch nicht geleugnet werden, daß eine palästinensische Fluggesellschaft sowohl das Recht wie die Möglichkeit hat, sich in den internationalen Verkehr mit ihrem Lande einzuschalten ■ Ein nationales Flugwesen kann nur da wirklich gedeihen, wo es eine vom Volk und insbesondere von seiner Jugend getragene Flugbewegung gibt. Alle Länder mit hochentwickelter Fliegerei bauen auf einer starken, volkstümlichen Bewegung, die überall ihre spezifischen nationalen Züge hat. C. Z. Kloetzel (Jerusalem). .Kein Zufall" Die gespannte Lage in Palästina ist fvjr Rom ein willkommener Anlaß, gegen die „neuherodischen Scheußlichkeiten" in Palästina zu protestieren, um die Aufmerksamkeit der Welt von den eigenen Schwierigkeiten ♦ ♦ ♦ und der Völkerbund4f ommi§§ar t Der dritte Pogrom in Ddtizi'g Cüfö Buchstaum »sa Bürgerliches Familiencafö. In- und ausländische Zeitungen. Separierter Raum fUr geschlossene Gesellschaften. Herab* gesetzte Preise, aufmerksame Bedienung. und Methoden in Abessinien abzulenken. Gelingt es aber Mussolini, sich der arabischen Sache anzunehmen, so ist damit viel gewonnen. Und es ist kein Zufall, daß gerade in Abessinien Protestkundgebungen gegen Englands Verhalten in Palästina inszeniert werden. „Prager Tagblatt", Oktober 1937. Die politische Basis Es ist die große Lehre aller Kriege der Vergangenheit, der erfolgreichen und noch mehr der mit Niederlagen beendeten, daß man Kriege politisah führen muß. Zioni (Berlin). Die Ausnahme Auch unser Nationalstolz ist wie der anderer Völker auf die Verherrlichung der Werte unserer Vergangenheit gegründet, nur in der Einschätzung unserer religiösen Tradition machen wir eine Ausnahme. Und so gibt es Zionisten, die unsere heiligen Schriften verachten, die Thora zertrümmern wollen und die Verfasser unserer heiligen Bücher für Fälscher halten. Unser Kampf muß in erster Linie nicht der Bewahrung des Landes in seinen unbeschränkten Grenzen, sondern der uneingeschränkten Bewahrung des Gesetzes gelten. Orthodoxe Zeitschrift .„Hahed" (Palästina). Zur Entwicklung des Panarabismus Der Panarabismus ist, wenigstens äußerlich, jetzt im Aufstieg und hat eine negative Haltung gegenüber dem Zionismus eingenommen. Seit dem gelungenen „Aufstaut* in der Wüste" lebt der Traum der geeinten arabischen Welt fort. Die Araber betrachten die Juden, die sich nicht arbisieren lassen wollen, als. ein Hindernis für diese Einheit und die vorgeschlagene Teilung Palästinas als Diebstahl an dem Großarabien der Zukunft. Andererseits gibt es jedoch noch keine Zeichen für eine positivere Entwicklung des Panarabismus, Die Beziehungen zwischen einigen der arabischen Länder sind weniger freundlich als früher, und auch ein Plan für einen arabischen Staatenbund, der Aussicht auf Annahme hätte, ist noch nicht ausgearbeitet. „Times" (London, Oktober 1937). Der verachtete Hitlerismus jyDie verabscheuenswerten antisemitischen Maßnahmen in Deutschland haben den Namen Nationalsozialismus in der ganzen Welt zu einem Gegenstand der Verachtung gemacht. Wohl keine andere These des Hitlerismus hat eine so weltumfassende Verurteilung erfahren. Es ist ein Vernichtungsfeldzug, ein Pogrom der rohesten Form, unterstützt durch alle staatlichen Instrumente." Prof. St. Roberts („Das Haus, das Hitler baute", Sydney)., Aus Warschau (J. T. A.): Die pogromartigen Ausschreitungen gegen die Juden in dem unter Kontrolle des Völkerbundes stehenden Freistaat Danzig, die sich am 23. und 24. Oktober ereigneten, haben sich in der Nacht auf Montag in größerem Ausmaße und in weit drastischerer Form wiederholt. Die Auslagenscheiben zahlreicher jüdischer Warenhäuser und Geschäftsläden wurden von Gruppen von Exzedenten, geführt von SA-Leuten, zertrümmert, die Waren in den Geschäften wurden geraubt, zum Teil auch auf die Straße geworfen. Trupps von SA-Leuten und Hitler-Jugend in Uniform und in Zivil drangen auch in jüdische Wohnungen ein und zerstörten alles, was ihnen unter die Hände kam. Der Schaden, der allein durch eingeschlagene Fensterscheiben angerichtet wurde, wird auf etwa 100.000 Zloty geschätzt. Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht Panik. Bei Einbruch der Dunkelheit wagen Juden nicht, ihre Wohnungen zu verlassen, die Eingangstüren zu den Wohnungen werden verbarrikadiert. Zu den neuerlichen pogromartigen Ausschreitungen kam es trotz einer Kundmachung der nationalsozialistischen Gauleitung in" Danzig, in der die Bevölkerung aufgefordert wurde, keine Gewalttaten zu verüben, da „es andere wirksame Mittel der Bekämpfung der Juden gibt". Die Ausschreitungen machten in Danzig nicht halt, sondern griffen auch auf das Seebad Z o p p o t über, wo ein einem Juden gehörender Porzellanladen Vollkommen demoliert wurde. Die Nationalsozialisten verteilten in den Straßen Zoppots Flugzettel, in denen sie ankündigen, daß sie demnächst nach Zopott und nach Oliva, einem anderen Kurort bei Danzig, kommen werden, um diese Orte „von den Juden zu s ä u b e r n". Die wohlhabenden jüdischen Einwohner Zoppots und Olivas verlassen fluchtartig die beiden Orte. Auch aus Danzig flüchten zahlreiche Juden unter Zurücklassung von Hab und Gut. Dabei wagen es die Danziger Juden, aus Furcht vor Vergeltungsakten, nicht, mit den jüdischen Organisationen außerhalb Danzigs in Verbindung zu treten und ihren Beistand anzurufen. Einige große jüdische Handels- und Speditionsfirmen haben nach den Meldungen der polnischen Presse infolge der schweren judenfeindlichen Exzesse bereits ihren Sitz von Danzig nach Hafenstädten anderer Länder verlegt. Es verlautet, daß der diplomatische Ver« treterPolensin Danzig bei den dortigen Behörden energische Vorstellungen zum Schutz der polnischen Bürger erhoben hat. Bekanntlich sind unter den Opfern der jüngsten Progrome zahlreiche Juden polnischer Staatsangehörigkeit gewesen. Der nationalsozialistische Senat soll daraufhin Maßnahmen zugesagt haben, welche der Wiederholung solcher Vor- Cafe A*iketke$ I, Hoher Markt- LichtenstegNr.4 kommnisse' vorbeugen sollen. Wie wenig ernst gemeint diese Zusagen jedoch waren, geht daraus hervor, daß der dritte Pogrom stattgefunden hat, nachdem der Senat die Erklärung abgegeben hat. Vertreter jüdischer Hilfsorganisationen haben sich nach Danzig begeben, um die Situation an Ort und Stelle zu prüfen. Der jüdische Parlamentsklub in Polen, der gleich nach dem Eintreffen der ersten Nachrichten über die antijüdischen Ausschreitungen in Danzig zu einer Sondersitzung zusammengetreten war, hat bei Außenminister Beck zugunsten der Juden polnischer Staatsangehörigkeit, die unter den hauptsächlich Betroffenen der Pogrome sind, Vorstellungen erhoben. Polnischer Bilderbogen In Lemberg wurde der polnische Richter; Strzelecki blutig geschlagen, weil er irrtümlich für einen Juden gehalten wurde. * ■ Der Bürgermeister von Posen, Wiekowski, versandte ein Rundschreiben an alle städtischen Angestellten, in ,-dem er allen städtischen Beamten/ die bei Juden kaufen, jüdische Aerzte' aufsuchen oder sonstigen .Verkehr mit Juden haben, mitteilt, daß"sie keine Aussicht auf Beförderung haben.' * Da sich das Ausschlagen von Fensterscheiben In den Städten In Polen immer wiederholt, ist die jüdische Bevölkerung in zahlreichen Orten dazu übergegangen, Scheiben aus Zelluloid und anderen durchsichtigen Stoffen einzusetzten. * Das Lodzer Kreisgericht verhandelte über die Berufung der Nationaldemokratin Helena Slodow i c z, die wegen eines beleidigenden Zwischenrufes gegen Marschall Pilsudski bei einer Versammlung' in der Lodzer Philharmonie zu zwei Wochen Gefängnis verurteilt worden war. Auf die Beteuerung hin, daß sie lediglich gerufen hat: „Warum schlachtet man nicht alle Juden ab?" sprach das Berufungsgericht die Angeklagte frei. * Im Kraszynski-Garten in Warschau begossen zwei Huligans das in seinem Wagen schlafende 41/2 jährige jüdische Mädchen Mirjam Menake mit Petroleum, zündeten es an und flüchteten. Das Kind erwachte unter gräßlichem Geschrei. Das Feuer konnte rechtzeitig gelöscht werden. Das Kind hat Wunden davongetragen: * An der Kinderklinik des Professors Michalowicz. Der Assistent Dr. Altermann hatte eine Operation durchzuführen. Das Kind lag bereits auf dem Operationstisch, der Operateur wollte in Gummihandschuhen und Maske eben mit der Operation beginnen, als die Türen des Operationssaals aufgerissen wurden und eine Bande von Nationalradikalen sich auf den Operateur stürzte. Dr. Altermann wurde die Maske abgerissen und er wurde mit Stöcken blutig mißhandelt. Die Exzedenten riefen: „Ein schmutziger Jude darf in Polen nicht operieren." Unter den Patienten und dem Pflegepersonal der Abteilung brach eine Panik aus, mehrere Schwestern fielen in Ohnmacht. * „Kurler PowBzechny" in Wilna meldet, daß der Chemieprofessor an der dortigen Universität Michals k i den jüdischen Studenten, die mit ihren nichtjüdischen Kollegen zusammensaßen, zu Beginn seiner Vorlesung zurief: „Juden, hinweg von den christlichen Bänken." * Der Rektor der Universität Lemberg, Prof. Kulszyinski, hat sein Amt niedergelegt. Er hatte den engeren Senat einberufen, um über Strafmaßnahmen gegen die nationaldemokratischa StudentenlchafV zu beraten. Als es sich zeigte, daß ein Teil der Mitglieder des Senats gegen derartige Maßnahmen war, erklärte der Rektor seinen Rücktritt. Prof, Kulszynski hatte sich g e g-e n die Einführung des Hochachuighet10 s ausgesprochen und wurde deswegen von den nationalistischen Studenten in Flugblätternil bekämpft. * In der Vorlesung des Professors Suchardt auÜ der. chemischen Fakultät wurden jüdische Studenten von Nationaldemakraten überfallen und mit Eisen-« Stangen mißhandelt. Drei jüdische Studenten wurden so schwer verletzt, daß sie ins Krankenhaus gebracht werden mußten. An einem von ihnen, Abraham Brunn« wasser, mußte sofort eine Operation vorgenommen werden. Sein Zustand ist lebensgefährlich. Der Rektor, Prof. Jost, der Zeuge der Ausschreitungen war, schrittnichtein. Gegen die Ghetto*IBän1ce Aus Warschau: In Kreisen fortschrittlich ge-> sinnter polnischer Professoren wächst der Widerstand gegen die Ghettositzordnung an den Hochschulen. Dieser Tage fand eine Beratung der Professoren der h u m a n istischen Fakultät statt, in der sich die Teilnehmer gegen die ungerechte Verordnung des Rektors der Warschauer Universität wandten. Diese Verordnung muß übrigens noch durch den Universitätssenat bestätigt werden. Wird sie vom Senat abgelehnt, dann muß der Rektor die entsprechenden Konsequenzen ziehen. Der hervorragende Philosoph Prof. Tadeusz KotaN binski hat, als nationaldemokratische Studenten in seiner Vorlesung die Juden zwingen wollten, die Bänke auf der linken Saalseite einzunehmen, erklärt, er appelliere an diejenigen, die noch ein Gewissen haben. Wäre er ein junger Mann, dann würde er sich jetzt aktiv an die Seite der jüdischen Studenten stellen, um die polnische Kultur von der Schande zu befreien, die die Ghettositzordnung über sie gebracht habe. Als auf der humanistischen Fakultät während einer Vorlesung des Soziologen Prof. Czarnowski Rufe laut wurden, daß die Juden auf den linken Bänken Platz nehmen sollten,, erhob sich der Professor und erklärte in starker Erregung» er werde die Einführung eines Ghettos in seinen Vor« lesungen nicht dulden, solange er Universitätsprofessor sei* Die jüdischen Studenten forderte er auf, alle freien Plätze, ohne Rücksicht auf die Nummern, einzunehmen. * In der nationalradikalen Zeitung „A B C" wird die Einführung von Ghettobänken auch in den höheren Schulen verlangt. Das Blatt beruft sich dabei auf eine soeben vom Warschauer Schulkuratorium ver-* öffentlichte Erklärung, daß die Sitzordnung in den Klassen dem pädagogischen Ermessen der Lehrer über«! lassen bleibe. Im Hinblick darauf, daß die jüdischen Mittelschulen während des Proteststreiks geschossen waren, hat das Schulministerium die Schulleitungen aufgefordert, die Namen der Lehrer anzugeben, die während des Streik« nicht zum Unterricht gekommen sind.