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Die neue Welt · 1937-10-29 · Heft 698 (29.10.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 698 (29.10.1937)
Date
1937-10-29
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 698 vom 29. Oktober 1937 Machowers „Judenstaat oder Ghetto" In der zionistischen Literatur nimmt Machowers Buch „Judenstaat oder Ghetto", das soeben in deutscher Uebersetzung im Dr.-Heinrich-Glanz-Verlag (Wien) erschienen ist, einen besonderen Platz ein. Es ist ein aktuell-polemisches und ein historischpolitisches Werk und ist darum sowohl für den zionistischen Parteigänger als auch für den Publizisten und Historiker unentbehrlich. Der Autor hat mit seiner Schrift eine neue Art der Behandlung politischer Dokumente geschaffen. Machower geht von der Tatsache aus, daß die Köngl. Kommission die Funktion, die ihr zur Erstattung eines Berichts über die Ursachen der Unruhen von 1936 zustand, weit überschritten hat. Sie bekam die Aufgabe, nachzuforschen, ob das Mandat richtig ausgeübt würde, es stand ihr aber nicht frei, zum Mandat selbst Stellung zu nehmen. In ihrem Bericht aber verwirft die Kommission das Mandat und gibt die Balfour- Deklaration auf. Von hier geht der Weg zur Empfehlung der Teilung Palästinas, eine Empfehlung, die sich die britische Reigerung zu eigen gemacht und als Richtlinie ihrer weiteren Politik akzeptiert hat. Alles, was seit dem Frühjahr 1937 in Dingen der Palästina- Politik und Palästina-Diskussion geschah, ist auf den Bericht der Königl. Kommission, d. i. auf den Teilungsplan, zurückzuführen. Die Tagung der Mandatskommission, des Zionistenkongresses, des Völkerbundrates, der neue arabische Aufstand und die zu ernennende neue Palästina-Prüfungskommission haben den von der Peel-Kommission in die Welt gesetzten Teilungsplan zur Voraussetzung: die weltpolitische Auffassung des jüdisch-arabischen Problems im Vorderen Orient ist vorläufig mit dem TeÜungsplan verknüpft. Die Argumente, die für und gegen den Teilungsplan vorgebracht wurden, sind bekannt. Der Züricher Zionistenkongreß stand, wie man weiß, ungiückseligerweise im Zeichen der Teilungsplan-Diskussion. Es würde daher die Lektüre der Kongreßprotokolle zur Information genügen. I. M. Machowers' Schrift reicht tiefer und weiter. Sie umreißt den ganzen Fragenkomplex des Aufbaues, der staatsrechtlichen und völkerrechtlichen Beziehungen, die ökonomischen und sozialen Grundlagen der zionistischen Politik und die Möglichkeiten konstruktiver jüdischer Arbeit auf einer rechtlich gesicherten und psychologisch vernünftigen Basis. Von hohem informativem Wert sind die Partien des Buches, die sich mit den arabischen Plänen, Aspirationen und Hoffnungen beschäftigen. Machover stellt sie jenem Material entgegen, das unwiderlegbar die zionistischen Rechte, sowohl die vom Völkerbund verbrieften als auch die durch die Geschichte gegebenen, erweist. All das aber erscheint im gegebenen Augenblick unrichtig neben der großartig durchgeführten Analyse des Teilungsplanes. Schrittweise widerlegt Machover die Argumente der Befürworter dieses Planes, um zu dem entscheidenden Punkt zu gelangen, nämlich zur Widerlegung des Schlußpassus des Peel-Berichts: daß nach vollzogener Teilung und Gründung der beiden Staaten beide Völker der „unschätzbaren Wohltaten des Friedens" teilhaftig würden. Politisch stellt die Schrift Machowers, ohne daß dies darin besonders ausgeführt wird, eine schwere Anklage gegen die offizielle zionistische Führung dar. Mit Staunen und Erschütterung können wir beobachten, wie diese Führung sich immer mehr von den politischen Voraussetzungen der Errichtung des „Jüdischen Nationalheims" entfernt; wie Balfour-Deklaration und Mandat bagatellisiert werden; und wie schließlich um die mechanische Formel der Teilung gebuhlt wird, nur um einem — ehrenhaften, gerechten, erfolgversprechenden — Kampf auszuweichen. Der Anhang des Buches bringt einen Auszug aus dem Bericht der Königl. Kommission über die Teilung Palästinas, den politischen Bericht der englischen Regierung betreffs der Vorschläge der Peel-Kommission und schließlich die „Balfour-Deklaration" vom 2. November 1917. So ist das Buch Machowers gleichzeitig auch ein Stück Geschichte der englischen und der zionistischen,' Politik rd. Möschen Erasznika: Jüdisches ließet* und Vum (Ein Bild aus Erez Israel) II. Teil „Lieber Chawer Jeruchim, ich bin Ihnen zu großem Dank verpflichtet und ich will Ihre Hoffnung teüen, daß ein jüdischer Staat bald komme, der seine sozialen Ideen der Thora entlehne. Sie kennen doch die Schlagworte in Europa: Vernichtet die Juden, sie sind Bolschewiken! Damit verhetzt man naive Völker gegen uns. Ich möchte nicht in Abrede stelle^ daß Not und Verzweiflung einen Menschen in jenen krankhaften Zustand versetzen können, wo er, erfüllt von Haß und Rache, alles vernichten will, in dem Irrglauben, er mache es dem Bauern gleich, der zuerst den Boden zerpflügt, ehe er den neuen Samen der Erde anvertraut, oder dem Baumeister, der das alte Haus bis auf die Grundmauern niederreißt, ehe er das neue Gebäude errichtet; ich möchte nicht in Abrede stellen, daß auch oft von der anderen Seite ebenso blind und verständnislos gegen jene vorgegangen wird, die oft ehrlich soziale Fragen einvernehmlich lösen woleln, und daß deren Verfolgung diese so toll macht, vor nichts zurückzuschrecken, vor Menschenleben und heiligen Stätten jede Achtung zu verlieren; und schließlich möchte ich auch nicht in Abrede stellen, daß all das auch bei Menschen jüdischer Abstammung vorkommen kann, genau so wie bei Menschen jeder anderer Abstammung. Aber — wollte man ein anderes Volk pauschaliter für die Gesinnung einzelner verdächtigen, es würde nicht böse werden, sondern — lachen! Hier sind unsere Verfassung, unser Rechtsleben, unser Bekenntnis — und damit Schluß, aus, basta. Was jedes Volk kann, vermögen mir noch nicht. Ich betrachte es daher als eine wichtige historische Aufgabe unserer Chaluzim hier im Lande, der Welt ein für allemal klar und deutlich vor Augen zu führen, daß wahres Judesein unvereinbar ist mit bolschewikischen Grundsätzen. Nicht durch Bücher und Journale — durch Taten, Nicht, indem alle Rabbiner und Schochtim werden, nein — durch unsere Verfassung! Diese muß in sozialer und rechtlicher Hinsicht auf unsere Thora aufgebaut sein. Sie muß jüdisch wahr sein. Wir haben durch eisernen Wülen unsere tote Sprache einer Renaissance zugeführt, sie lebt und wirkt —es würde für uns ein noch größeres Glück sein, nun den Inhalt der Geisteswerte, die in dieser Sprache abgefaßt sind, gleichfalls einer Renaissance zuzuführen. Wer sollte das tun, wenn nicht jene, die diese heilige Erde mit ihrem Schweiße tränken und fruchtbar machen! Es ist auch zu bedenken, daß unsere Position in der Galuth verbessert würde durch diesen Wandel. Ich möchte sogar sagen: unsere weltpolitische Stellung würde gefestigt werden..." „Ich muß Sie unterbrechen, Doktor Möschen. Ich will keine Propaganda für unsere Thora. Dafl ißt Bluff. Nicht von außen, durch Zwang, soll es kommen, nicht von heute auf morgen, als momentane Begeisternug, nicht mit Pauken und Trompeten, nicht stürmisch und geräuschvoll: nein, nein, nein. Ein innerer Umbruch braucht Zeit, braucht Geduld. Die Seele, die sich verirrt, muß zurückfinden und festen Boden fühlen. Dem innersten Gefühl der Seele muß es entspringen, vereinigt mit den erhabensten Gedanken des menschlichen Gewissens. Langsam zu Kristall werden, geläutert, rein. Ich kann Ihnen sagen, Doktor Moscheh, der Jude hat sich im letzten Jahrzehnt geändert. In unserem russischen Dorf galt immer nur der Inhalt, nichts die Form. Wir hatten einen Grundsatz, ein Wort: Gründlichkeit! Leider bemerke ich hier in Erez statt dessen oft unverantwortliche Oberflächlichkeit. Und das bei wichtigen Dingen. Wir haben früher vom Hebräischen gesprochen und ich habe gesagt, es sei ein Gebäude auf Sand. Leider richtig. Immer wieder nur Form, nicht Inhalt." „Wie meinen Sie das, Chawer Jeruchim?" „Eine Sprache ist mehr als ein bloßes Verständigungsmittel. Sie hat Wörter. Wörter sind körperlose Lebewesen. Wesen, die Seelen haben, denen unser Gefühl und Gehirn Leben schenkt. Die wir heiligen oder schänden, adeln oder erniedrigen. Denen wir Ewigkeit verleihen oder die wir verdammen. Und wir alle in unserem russischen Dorf haben uns gehütet vor Wörtern. Ganz einfach — Angst gehabt. Wir hatten Ehrfurcht vor dem Wort, vor der Sprache! Und sprechen — das war eine Offenbarung. Unsere Seelen kehrten sich nach außen, in jedes Wort, das wir zum Leben beriefen, legten wir den ganzen Gehalt unserer Seele, unsere Freuden und Schmerzen, unser Jauchzen und Wehklagen. Nicht leblose Form, sondern lebendiger Inhalt. Daher unsere Ehrfurcht vor der Sprache. Doktor Moscheh! Was hat man daraus gemacht? — Einen Chorban! Profanisiert, roh und brutal, verständnislos und ohne Distanz. Man hat diesen Schatz Händen anvertraut, die ihn nicht zu schätzen wissen. In der Galuth zog man von Dorf zu Dorf und machte Propaganda für diese Sprache. Propaganda! — genau wie andere Menschen (Reisebürobeamte) für die Sprachen anderer Auswanderungsländer Propaganda betrieben. Jenem großen Teil des alten Geschlechts, der hier im Lande noch lebt, blutet das Herz bei diesem Anblick. Es kostet uns ein Stück Leben, wie die offiziellen Stellen unsere Warnungen überhören, uns mundtot machen. Was sich hier als neuhebräische Kultur präsentiert, ist, bis auf wenige Ausnahmen, armselig und traurig. Da und dort kommt schon die Reaktion. Es mehren sich die Stimmen, die diese Verflaohung erkennen, und Mittel zur. Verinner- Jehuda Ehrenkratiz liest Samstag, den 30. Oktober, %9 Uhr, bei der Gedenkfeier Jftir Lord Balfour im Festsaal des Hotel Continental Botschaft aus dem Heiligen Land* Es spricht der Prophet (Jesaja). Es spricht der Erez-Israel-Jude (D. Schimonowitsch). lichung sudhen. Wird das helfen? Wer weiß. Vielleicht ist all das überall. Ein Zeichen unserer Zeit, die so verrückt ist, daß sie vor lauter Tempo, Tempo nur noch Formen, nicht mehr Inhalte erhaschen kann. Vielleicht, wenn unsere Jugend ein wenig von dem Rausch des überstürzten Akkordschaffens ernüchtert sein und mehr Ruhe finden wird — vielleicht wird man dann Inhalt und Tiefe suchen. Wenn erst das Bedürfnis vorhanden sein wird, ist das andere nur mehr eine Frage der Zeit: ich meine das Wiedererwachen der Ehrfurcht vor dem Wort, der Ehrfurcht vor der Sprache!" „Verzeihen Sie, Chawer Jeruchim, die Frage: Sie erwähnen immer, ,in meinem russischen Dorf* oder ,bei uns im Dorfe' — haben Sie soviel Freude dort in Rußland erlebt, daß Sie so daran hängen?" „Kommen Sie, bitte, mit ins Haus, Doktor Moscheh, ich werde Ihnen etwas zeigen." „Bitte." „Sehen Sie, Doktor, in dieser Mappe sammle ich russische Journale. Aus Leidenschaft. Spalten Sie das Wort und Sie verstehen mich: es schafft Leiden... Aber mein halbes Herz ist noch in Rußland. Ich kann mich davon nicht befreien. Rußland! Dort hat durch Jahrhunderte der jüdische Genius in seinen Wandlungsformen seine wunderbare Bahn begonnen. Haskalah, Chowewe Zion, Chassidismus, Zionismus usw. Dieses Land mit, seinen drei Millionen Juden war so reich an Kraft und Geist, daß es dem ganzen Volke die geistigen und politischen Führer von Format gab. Es war unsere Quelle. Ein russischer Jude — das war ein Begriff. Dann kam der Zusammenbruch. Aus dem Licht, das von dort ausstrahlte, wurde ein grauenhafter Schatten. Aus dem Zentrum schöpferischen Wirkens wurde eine Stätte des Verfalls. Ein Fünftel unserer Zahl nahm man mit einem Hieb unserem Volke, über die Hälfte und vielleicht mehr in geistigqualitativer Hinsicht. Die Folgen? Wir sind arm und schwach geworden. Das jüdische Volk in der Galuth hat seine Kraft, seinen Glauben, seine Hoffnung von Rußland geschöpft. Beraubt dieser Stütze, krampft sich das Herz zusammen, wie sie in aller Welt über uns herfallen und uns treten. Ich sage Ihnen, Doktor Moscheh, oft bin ich so verzweifelt, wenn ich mich frage: Wer wird uns helfen? Vielleicht sind unsere Quellen schon versiegt und, unsere Reservoire erschöpft?Wäre nicht dieses kleine, trotz allem gesunde' Erez Israel und wären nicht unsere Newiim in unseren Händen, die uns künftige Größe wie einstens künden, man müßte innerlich zusammenbrechen. Was uns aufrechterhält, sind diese zwei Lebensinhalte: Erez Israel und unsere Ewigkeitswerte. Wehe unserem Volke, wenn wir diese zwei Quellen der Kraft übersehen oder verunreinigen!... Richtig, die Mappe. Wenn ihre Geduld nicht erschöpft ist, werde ich Ihnen einige bezeichnende Stellen vorlesen." „Ich bitte Sie darum, es interessiert mich sehr." „Wir haben früher von Propaganda mit Religion gesprochen. Auch die Kommunisten — jawohl, staunen Sie nicht—bedienen sich der Religion, wo es ihnen nützt. Im Ausland, wo sie abseitsstehende Massen bluffen wollen. Anders natürlich im eigenen Lande. Hören Sie! Hier habe ich einen Aufruf der Kommunistischen Partei Deutschlands, gerichtet an die Katholiken Deutschlands zwecks Bildung einer Einheitsfront mit dem Ziel: Freiheit des Gewissens und der Religion als kardinale Forderung zu erheben. Da habe ich das offizielle Organ der K. P. Frankreichs, „Avantgarde", 31. Juli 1937. Programm des Internationalen Jugendtreffens zur Verteidigung" des Friedens. Programm*

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