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Die neue Welt · 1937-10-29 · Heft 698 (29.10.1937) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 698 (29.10.1937)
Date
1937-10-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 698 vom 29. Oktober 193T ' ...............♦.............>...........IUMMMM»^ SIEGM. KORNMEHL GROSSFLEISCHHAUERII Zentrale: IX., Berggasse 19. T.eL A*17-3-99 o. A«16-9*3l Lieferant für Heilanstalten JWMjjJjjngg^ unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbinata def Ist. Kultusgemeinda Wien Autoxustellung kostenlos IX.. Berggasse IS / XVIII., Währingerstr. 97 RUNDSCHAU Im fernen Uruguay Um dem Staatspräsidenten von Uruguay, Doktor Gabriel Terra, für sein der jüdischen Bevölkerung stets bewiesenes Wohlwollen zu danken, hatten die Juden Montevideos am 30. September eine Kundgebung im „Teatro Sodre" veranstaltet. Das Theater, das 2000 Per sonen faßt, war bis auf den letzten Platz gefüllt. Unzählige fanden keinen Einlaß. Präsident Dr. Terra hatte der Delegation, die ihn von der Veranstaltung in Kenntnis setzte, erklärt, er hoffe, daß „Uruguay ein zweites Palästina für die Juden" werde. In der Versammlung sprach namens des Präsidenten der Innenminister Dr. Bado. Er führte aus: .Präsident Dr. Terra hat mich gebeten, Ihnen für diese Ehrung zu danken. Als ein Land der Freiheit, ein kleines, aber edles Vaterland freier Menschen, als ein Land mit jungen Herzen und offener Stirn haben wir inmitten unserer mühevollen Arbeit Brüder aus aller Welt ankommen sehen, die dieses Asyl mit uns teilen wollen. Unter der Fahne unserer Republik finden Menschen aller Rassen und aller Ideen Platz, wenn es- Menschen guten Willens, gesunden Herzens und reiner Ideale sind. Wir verschmähen nicht den wertvollen, konstruktiven Beitrag der neuen Menschen, die kommen,- weil sie durch das Geschick unter einem anderen Himmel grausam behandelt worden sind und hier ein neues Leben beginnen wollen. Wir f ürch- __»__ San Remo, Pßnslone Feiice Corso dell* Imoero 184. Unter Aufsieht des Hamburger Vereines. Direktion: Pr. med. AI« Sdiwar* ten nicht die neuen Mitbürger und nicht die neuen Ideen. Nur verlangen wir von den Emigranten von gestern und den Brüdern von heute Respekt vor den Gesetzen und Mitarbeit an unserer Demokratie, der Terra wahrhaft ideologische Richtlinien wiedergegeben hat, unter deren Schutz jene beiden großen Tugenden erstrahlten, von denen uns Spinoza spricht: „Die Freiheit, die die Tugend des einzelnen, und die Sicherheit, die die Tugend des Staates ist." Wir wollen weder ausschließlich rechts, nobh Ausschließlich links gerichtet sein. Wir sind im Politischen wie im Rassischen die Synthese vieler erlauchter Erbschaften, unter die wir aber nicht den Haß zählen, möge er kommen, woher er wolle, den Haß der Klasse gegen Klasse, Nation gegen Nation oder Rasse gegen Rasse. [Wir haben den Ehrgeiz, daß alle Personen, alle Klassen und Rassen der Welt, "die in unser Land kommen, dies tun mit der frohen Zuversicht, daß sie hier einem besseren Geschick entgegengehen. Möge unser-Land, meine Freunde, für euch, und für diejenigen, die es in Zukunft aufsuchen, das Land der Verheißung und das Land der Erfüllung sein. Das Land, das die erhabenen Gebote der Brüderlichkeit und die Gesetze menschlicher Solidarität erfüllt, in dem der eine dem anderen hilft. Wir haben den Ehrgeiz und den Traum, meine Freunde, daß unser Vaterland Ihrer Rasse, der Rasse des Schmerzes und der Stärke, stets beweisen möge, daß nicht vergeblich einer der Ihrigen, der menschlichste der Götter, und das Wesen, das dem Himmel am nächsten steht, den Menschen zurief: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Es hat si'di nichts geändert Ala nach den arabischen Unruhen des Jahres 1929 die britische Regierung nach Palästina eine Kommission schickte, welche die Ursachen dieser Unruhen untersuchen sollte, versprach man sich sehr viel von diesem politischen Akt: Die Welt werde erkennen, auf wessen Seite das Recht sei... Endlich sei der Zionistischen Organisation Gelegenheit gegeben, zu sagen, was sie wolle, und durch Tatsachen zu beweisen, daß nur eine Verwaltung Palästinas im Sinn des Mandats den Frieden und die Prosperität des Landes herbeiführen könne. Aber es kam bekanntlich anders, Auf der Tagung des zionistischen Aktionskomitees, das sich mit der Haltung der zionistischen Zeugen (vor der Unter- W*1*0*^ RosIImh Dil Schul« für Damen ' J, WippHogerstraße 30, Telephon U-28-108 suchungskommlssion) beschäftigte, erklärte M. M. U ssischkin am 20. März 1930: „Wir haben diesen Prozeß verloren! Auf unserer Seite war das Recht, waren die besten und teuersten Advokaten, waren Zeugen mit höchsten menschlichen Qualitäten. Auf Seiten der Araber war das Unrecht, sie hatten schlechte Vertreter, sie waren mit Mord und Raub belastet, ihre Zeugen waren vielfach rohe und ungeschickte Menschen! Und sie haben den Prozeß gewonnen! Die Politik der zionistischen Leitung trägt schwere Schuld an diesem Ausgang. Sie ist ein Unglück ..." Damals nämlich sagten die Araber gerade heraus, ohne Umschweife, was sie wollten. Die Zionisten hingegen bemühten sich, zahm und diskret zu sein, vorsichtig zu lavieren. Die Araber gingen den Weg des Angriffs, die zionistische Exekutive den der Entschuldi gung, daß die Juden auf der Welt und daß die Juden in Palästina sind. Die Politik der zionistischen Exeku tive war am besten durch die Erklärung Dr. Weiz manns charakterisiert, die dieser auf dem deutschen Zionistentag in Jena abgab. Dort erzählte er, er habe dem Zeugen Harry S a c h e r, dem Mitglied der palästi nensischen Exekutive, den Auftrag erteilt, der Frage über das zionistische Endziel auszuweichen. Wir wissen, daß die Aussage Sachers der Untersuchungskommission nicht imponiert, im Gegenteil: der jüdischen Sache geschadet hat. Im Zuge dieser unglückseligen Politik lag es auch, daß die Einver nähme eines der berufensten Vertreter des zionistischen Willens — Ussischkins! — hintertrieben wurde. Und nun 1937! Wieder rückten zionistische Zeugen und Vertreter der jüdischen Sache vor einer britischen Kommission, diesmal der Peel-Kommission, auf und wieder hatte sich die zionistische Leitung auf Eni schuldigung, Verteidigung, Mitleidserweckung fest gelegt, während die arabischen Zeugen unter An leitung des extrem-nationalistischen Arabischen Komitees Maximalforderungen stellten. Und wieder verhinderte man patriotische, kämpferische Zionisten Meir Großmann! —, vor der Kommission auszusagen. „Wir haben diesen Prozeß, verloren...", sagte Ussischkinim Jahre 1930, . und heute, 1937,. fällt es uns zu unserem großen Schmerz sehr schwer, die Entscheidung des Peel-Berichts als nicht verlorenen Prozeß zu bezeichnen. Wahrlich, in der Mentalität der zionistischen Leitung hat sich nichts geändert. Zum Juden§taatler gezwungen Wer in der Berliner „Jüdischen Rundschau" seit ihrem Bestehen das Wort „Judenstaat" in positivem, herzlistischem Sinn zu finden glaubte, war tief enttäuscht. Die Jahre des politischen Zionismus hindurch, die Jahre seit Weltkriegsende, hat dieses Organ des deutschen Zionismus der Politik Dr. Weizmanns gehuldigt, sie verteidigt, ihr die Mauer gemacht. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß alle Aeußerungen und Aktionen, die dem sogenannten „Kleinzionismus" galten, von der „Jüdischen Rundschau", bzw. ihrem Hauptschriftleiter Dr. Robert Weltsch, mit Beifall begleitet, mit lauter Genugtuung aufgenommen und kommentiert wurden..; Daher sind wir überrascht, zu lesen, daß eben dieser Dr. Robert Weltsch im Berliner Jüdischen Lehrhaus einen Vortrag über das Thema „Der Judenstaat und die Juden der Welt" gehalten hat. Nach einer Meldung der J. T. A. schüderte Weltsch die Verknüpfung der Entwicklung des Judenstaatsgedankens mit den Verhältnissen und Ideen der Umwelt und stellte fest, daß der Begriff des Judenstaates in seiner aktuellen Prägung — von außen stamine. Nun, wie immer dem sei — wir wollen in diesem Zusammenhang die These Weltsch nicht untersuchen heute akzeptiert der Verneiner des Judenstaates, der treue Vasall Dr. Weizmanns, den Judenstaatsgedanken „in seiner aktuellen Prägung", wie er sagt, nur deshalb, weil er von außen kommt. Dr. Weltsch schmerzt es allerdings, daß die Mandatsmacht England, die Mandatskommission und schließlich auch der; Völkerbundrat den Begriff „Judenstaat" populär gemacht, ihn uns sozusagen aufoktroyiert hat. Und dazu noch in einer aktuellen Prägung! Aktuelle Prägung heißt: kein Traum-mehr, kein geistiges Zentrum mehr, sondern ein Staat mit allen Attributen solch eines sozialen Gebildes, ein Organismus aus Fleisch und Blut. Den Herzl-Zionisten stand stets nur ein Judenstaat „in aktueller Prägung" vor Augen. Einen anderen Judenstaat als einen lebendigen, wirklichen, substantiellen stellten sie sich gar nicht vor... Und nun kommt Dr. Robert Weltsch daher und muß sich mit dem Judenstaat „in seiner aktuellen Prägung" beschäftigen. Allerdings versteht Dr. Weltsch auch diesem realen Judenstaat noch etwas Problematik und Ethik, und wie die Begriffe der „Realpolitiker"1 (so nennen sich die Weltschisten!) sonst noch heißen, anzuhängen: Im Mittelpunkt dieser Staatshoffnung soll nämlich die „Vision der Erneuerung der ethischen Kräfte des Judentums" stehen. Also wiederum kein j Judenstaat in seiner aktuellen Prägung! Man kennt sich nicht recht aus. Oder tut es Dr. Weltsch leid, daß jener Begriff „Judenstaat" Form bekommt, den er und seine .jj ge.tr.euen, Leser fast. zwei Jahrzehnte hindurch be kä»g£t kafeei*? Demnächst erscheint: Standardwerk der jüdischen Literatur Dr. B. Murmelstein Geschichte der Juden Lexikonformat mit zahlreichen Bildern und Farbtafeln. Das Buch führt durch vier Jahrtausende jüdischen Schicksals. Die fließend ge* schriebene Schilderung läßt den Leser alles miterleben. Prachtleinenband S 15.80 JOSEF BELF, Verlag, Wien I. „Die Protokolle der Weisen von Zion" Vor dem Berner Obergericht Am 27. Oktober 1937 begann vor dem Obergericht in Bern die Berufungsverhandlung gegen das Urteil, das im Mai 1935 in Bern vom erstinstanzlichen Gericht in der Frage um die Echtheit der sogenannten Protokolle der Weisen von Zion gefällt worden ist. Der Prozeß, der über vierzehn Tage dauerte und in allen Ländern mit besonderer Aufmerksamkeit verfolgt wurde, ist dadurch entstanden, .daß Angehörige des „Bundes Nationalsozialistischer Eidgenossen" und der „Nationalen Front", die in Deutschland gedruckten „Protokolle der Weisen von Zion" in der Ausgabe von Theodor Fritsch — auch von dem führenden Nationalsozialisten Alfred Rodenberg existiert eine Ausgabe — öffentlich verbreitet haben. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund und die Israelitsihce Kultusgemeinde Bern erhoben dagegen Klage, mit dem Erfolg, daß die Hauptangeschuldigten wegen Widern handlung gegen das bernische Schund«» literaturgesetz mit Geldstrafen belegt wurden* Für die Urteilsfindung schien es dem Richter unerläßlich, die Frage gründlich zu klären, ob die sogenannten Protokolle der Weisen von Ziori der Schundliteratur zuzuzählen seien, und ob sie gefälscht oder, echt sind. Er stellte fest, daß die „Pröto^ kolle der Weisen von Zion eine Fälschung, ein Plagiat und lächerlicher! Unsinn sind." Zu dieser Feststellung kam der Richter nach Untersuchung sämtlicher Materialien^ auf Grund der Zeugenaussagen sowie der Gutachten von Sachverständigen. Als Zeugen, deren Aussage entscheidende Momente für eine Fälschung ergaben, traten unter anderem auf: Prof. Dr. Chaim Weizmann, Präsident der Zionistischen Weltorganisation, der bekannte russische Historiker Prof. Paul Miljukoff, früherer russischer Außenminister, der Oberrabbiner: von Stockholm, Prof. Dr. Markus Ehrenpreis. Die Ausage von Dr. Ehrenpreis war um so bemerkenswerter, weil Ehrenpreis, der auf dem ersten Zionistenkongreß in Basel 1897 eine erhebliche Rolle gespielt hat, und auch andere Teilnehmer des Kongresses, darunter nichtjüdische, entscheidend darlegten, daß die Behauptung, die „Protokolle" seien damals entstanden!, Unsinn seien. Als Experten fungierten für die Klägerschaft Dr. A. Baumgarten, ordentlicher Professor an der juristischen Fakultät Basel, für die Angeschuldigten Oberstleutnant a. D. U. Fleischhauer, Erfurt, Herausgeber des bis jetzt in sieben Sprachen erscheinenden antisemitischen „Welt-Dienstes", der \ii der von Deutschland aus/gehenden und geförderten antisemitischen Bearbeitung des Auslandes (Pan-* Arische Union usw.) die entscheidende Rolle spielt. Der Richter bestellte als richterlichen Experten den bekannten Schriftsteller C. A. Loosli in Bern. Die Experten, Prof. Baumgarten und Loosli, kamen zu der. einmütigen Feststellung, die „Protokolle" seien u nzweifelhaft eine Fälschung. Die Schlußfolgerungen des Gutachtens Fleischhauers, der in tage-» langen Ausführungen die Tatsache der Fälschung zu widerlegen versuchte, wurden vom Richter in v o 11 e m Umfange abgelehnt. ' - Inzwischen sind (siehe „Neue Zürcher Zeitung" vom 5. Oktober 1937) eine Reihe geheimer Dokumente aufgetaucht, die aus Material stammen, das die Bundesanwaltschaft in Bern in einem Spionagefall beschlagnahmt hat. Schon heute ergibt sich daraus, daß die Kosten der angeschuldigten Partei — wie oben genannt, Angehörige des „Bundes Nationalsozialistischer Eidgenossen" und der „Nationalen Front" *- von Deutschland getragen wprden aind. In dem beschlagnahmten Schriftwechsel kommen übrigens auch Namen bekannter deutscher nationalsozialistischer Würdenträger vor. Diese Dokumente dürften auch in dem jetzigen Rrgzeß größtesInter.esee erwecken« « m

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