Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 696 (22.10.1937)
- Date
- 1937-10-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 696 vom 22. Oktober 1937 Mtot fmkwan^et auf „MUumku luwefen" Einige Fragen an den Verteidiger Stalins Von Dr. H. Rosenblum (Tel-Aviv) Jedes Volk hat seine Glaubensdogmen, Gebräuche und Gewohnheiten. Es hat auch seine besonderen ihm allein eigenen Verirrungen, d. h. irreführenden Anschauungen, die in das Herz der Massen derart eingedrungen sind, daß sie fast den Charakter einer nationalen Eigentümlichkeit bekommen. Wollen wir sie deswegen mit dem Namen „nationale Verirrungen" bezeichnen. Zu den „nationalen Verirrungen" der Juden gehört die etwas eigentümliche Anschauung, wonach jedermann berufen und befähigt sei, in politischen Fragen, mögen sie noch so kompliziert sein, seine An schauung zu äußern und sogar Rechtssprüche zu fällen. Der Jude glaubt aufrichtig daran, daß man tüchtig studieren muß, bis man ein ordentlicher Schneider, Baumeister und Anstrel eher wird, und daß nur ein einziges Handwerk keines Studiums bedürfe — das politische Hand werk: mitzusprechen in politischen Fragen, in Fragen der inneren und äußeren Verhältnisse des Staats- und Volkswesens — das sei jedem gegeben; also z. B Herrn Professor Albert Einstein ganz bestimmt: hat er doch so Großes auf physikalischem Gebiet geleistet! Und wirklich hören wir von Zeit zu Zeit aus dem Munde dieses berühmten Physikers verschiedene Er klärungen über den Zionismus, der Alijah, der Aufnahmsfähigkeit Palästinas und über die Notwendig keit, die jüdisch-arabischen Beziehungen in dieser oder jener Richtung einer Korrektur zu unterziehen. Dabei bringt unsere Presse diese Meinungsäußerungen an leitender Stelle, ohne der traurigen Tatsache Rechnung zu tragen, daß im Grunde genommen diesem großen Mann die nötige Vorbereitung zur Bildung von Ansichten dieser Art fehlt, und daß seine Leistungen auf dem mathematischen Gebiet uns über dieses, Manko kaum hinwegtäuschen können. Und was dem einen, dem anderen und dem Dritten erlaubt ist, kann doch nicht dem Zehnten verwehrt werden. So dachte offenkundig der bekannte Schriftsteller Lion F e u c'h t w a n g e r, als er beschlossen hatte, seine literarische Arbeit beiseite zu legen und eine begeisterte Ode auf die Politik des großen Stalin und dessen gelobtes Land zu verfassen. Schließlich ist auch Feuchtwanger Jude, mit jüdischen „nationalen Verirrungen", die es ihm erlauben, einmal den geraden Weg zu verlassen und sich jenem Gebiete zuzuwenden, das bekanntlich keines Studiums bedarf: dem politischen Gebiet. Gesagt — getan. Feuchtwanger fuhr nach Rußland, besuchte — unter der entgegenkommenden Führung von erfahrenen Geheimpolizisten, die ihm als Dolmetscher dienten — einige Regierungsanstalten, Gerichtshöfe und ähnliche Institutionen und ließ ein Buch über das Wesen Sowjetrußlands und dessen Politik unter dem Titel „Moskau 1937" erscheinen. In diesem Buch, das heiligen Enthusiasmus für das Werk Stalins bezeugt, führt der Verfasser u. a. aus, daß in Rußland tatsächlich ein Volksregime und volle bürgerliche Freiheit herrschen; tatsächlich verboten sei nur, an der Nationalisierung und am Ausgang des kommenden Krieges Zweifel zu gehen. Alles andere stehe frei zur Diskussion, erklärt Feuchtwanger. Stalin sei nicht nur ein großer Mann, sondern auch ein Mann voll Güte, Bescheidenheit und bar aller Ehrengelüste. Das Gegenteü dessen treffe auf seinen Antipoden Leo Trotzki zu; dieser wäre bereit, Rußland der Konterrevolution auszuliefern,, wenn ihm; nur dadurch etwas Macht in die Hände fiele. Die Selbstbeschuldigungen von Sinowjew, Kamenew u. a. stimmten mit der Wirklichkeit vollkommen überein, weil die Leute tatsächlich für Hitler gearbeitet hätten, in der Hoffnung, sich dadurch zu erhöhtem Einfluß durchzukämpfen. Die wirtschaftlichen Pläne der staatlichen Leiter verblüfften durch ihre Qualität und Durchdachtheit. Sowjetrußland stehe vor einer sehr großen Zukunft (auch auf die „Zukunft" lenkten also die Geheimpolizisten sein Augenmerk); deshalb lebten die Sowjetbürger in Zufriedenheit und in erhobener Stimmung. Es gäbe kein Land in der Welt, das seinen Künstlern solche Arbeits- und Entwicklungsmöglichkeiten gewähre wie die U. d. S. S. R. Birobidschan sei ein großer Erfolg: dieses Gebiet sei voll von Schulen, Regierungsgebäuden, Krankenhäusern und Theatern und ziehe das Herz der russisqhen Juden an... Vergleicht man diese Berichterstattung mit derjenigen anderer Rußland-Reisender, wie Gide, Citrin (Führer der amerikanischen Arbeiterpartei, der letztens Rußland aufgesucht hat) und anderer, die sich aufrichtig bemüht haben, das Land soweit wie möglich mit ihren eigenen Augen und nicht durch die rosige Brille der offiziellen „Cicerone" anzusohauen, so fällt dieser Vergleich keineswegs zugunsten des neuen Touristen Lion Feuchtwanger aus. Die amerikanische Presse, die das Buch Feuchtwangers besprach, stellt dem Verfasser eine Reihe delikater Fragen. Auch wir möchten an dieser Stelle einige Fragen an Herrn Feuchtwanger richten: Aus wessen Händen erhielt der verehrte Verfasser das Material für sein Buch? Warum hat der Verfasser nicht dafür gesorgt, ergänzendes Material außer dem offiziellen Material der Geheimpolizei zu sammeln? Kann man denn dem Bericht eines Mannes Wert beimessen, der Russisch weder reden noch lesen kann und daher an die Ammenmärchen der G.-P.-U.-Agenten gebunden ist? Da der Verfasser wegen der Unkenntnis der Ländessprache außerstande war, in einem unmittelbaren Kontakt mit den Bauern und Arbeitern des Landes zu treten, fragt es sich, wer durch den Mund des Verfassers über die „Zufriedenheit der Sowjet bürger" spricht? Falls die Arbeits- und Entwicklung^ möglichkeiten der Sowjetkünstler wirklich so glänzend sind, warum ist im Laufe der Revolutions epoche kein einziger Künstler von Format in der U. d. S. S. R. erstanden? Falls die wirtschaftlichen Pläne der Staats beamten so ausgezeichnet sind, warum hat die Sowjetregierung wenige Monate nach dem Erscheinen des Feuchtwanger-Buches hunderte ihrer Beamten, die diese Pläne hergestellt hatten, ins Jenseits befördert? Falls in Sowjetrußland tatsächlich ein Volksregime herrscht, warum fand sich denn im ganzen Land kein einziger Mann, der sich der Segnungen dieses Freiheitsregimes bedient hätte? Falls Birobidschan die Herzen der Juden so sehr anzieht, warum ist die Zahl derjenigen so klein, die dorthin fahren wollen? Falls Sinowjew und Kamenew durch Spionage zur Macht gelangen wollten, zu welchem Zweck spionierten denn Tuchatschewski, Jakir, Gamarnik und die anderen, von Stalin Hingerichteten? Diese befanden sich doch selbst am Ruder? Und falls Stalin der geniale Führer ist, der sein Land zu den goldenen Ufern des Morgen lenkt, womit ist die Tatsache zu erklären, daß in den freien Ländern (ohne Anführungszeichen!), wie Amerika, England usw., 95 Prozent der alten kommunistischen Führerschaft, welche die Verhältnisse in Rußland sehr gut kennen, die Reihen der Kommunistischen Partei verlassen haben? Ist Herrn Feuchtwanger'die Tatsache unbekannt, daß von den fünfzehn Mitgliedern des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Amerikas einer bei der Arbeit geblieben, der Rest zu anderen Parteien übergegangen ist? Es fragt sich also, warum ein Fernstehender, wie Feuchtwanger, so begeistert ist, wo alte kommunistische Führer enttäuscht sind? Und noch eine Frage: Wie konnte es geschehen, daß ein vernünftiger und begabter Schriftsteller wie Feuchtwanger, der in die Seelen der Menschen zu blicken und ihre Gefühle zu erforschen versteht, plötzlich sämtliche „Forschungsinstrumente" in den Korb wirft, wenn es gilt, die Ammenmärchen der G.-P.-U.-A g e n t e n dem Leser zu vermitteln? Bedient sich denn der Schriftsteller seiner „Forschungsinstrumente" nur zu literarischen und „belletristischen" Zwecken? Eigentlich sollte man diese Frage jedem Schriftsteller vorlegen, der sich politisch betätigen will, weü diese Frage alle Schriftsteller angeht: der fleißigste Schriftsteller, der gewöhnt ist, dem Problem der „Motive" und der „Psychologie" soviel Raum zu gewähren, ändert gewöhnlich seine Einstellung, sobald es sich nicht um Literatur und Phantasie, sondern um Staat und Politik handelt. Bernard Shaw, der voll Vernunft und Esprit ist, solange es um literarische Fragen sich handelt, verwandelt sich plötzlich in einen Toren, sobald er zur Politik übergeht. Seines Erachtens sind Stalin und Hitler positive und angenehme politische Erscheinungen ... Seine politischen Aeußerungen sind manchmal wirklich ganz belustigend, nicht etwa deshalb, weil Bernard Shaw in diesem Fall einen Witz machen wollte... Auch der politische Weg Maxim G o r k i s gehört keineswegs zu den hervorragendsten politischen Karrieren: die letzten Jahre des Verfassers des „Abgrund", „Nachtasyl", vergingen im allertiefsten Abgrund — zu Füßen Stalins. Auch wir Juden können ganz interessante Beispiele dieser Art aufweisen: es genügt, sich den Irrweg des begabten Schriftstellers Schalom Asch vor Augen zu führen, der vor zwei Monaten zum Züricher Agency-Kongreß gekommen ist, um zu verkünden, daß es ihm unklar wäre, ob das jüdische Volk die Teilung Palästinas akzeptieren sollte oder nicht... Feuchtwanger nahm für sich nur d a s in Anspruch, was vor ihm Shaw, Gorki und Asch für sich in Anspruch nahmen: schließlich ist auch Feuchtwanger ein Schriftsteller und ein begabter dazu, auch er darf also von Zeit zu Zeit das Gebiet der Politik betreten und seinen Leichtsinn zur Schau tragen. Dies um so mehr, als er ein jüdischer Schriftsteller, ist, welcher gleich anderen Juden von manchen „nationalen Verirrungen" nicht frei ist. Ich fürchte aber, daß ich mich allmählich zu einem Verteidiger Feuchtwangers entwickle. Da es durchaus nicht meine Absicht war, werde ich lieber an dieser Stelle meine Betrachtungen abschließen und einen Schlußpunkt setzen... SevsUa Üastet D,\ Soubrette Weltruf kommt nach Wien te von Nun wird Sevilla Pastor, der man wohl ohne Uebertreibung den Beinamen „Liebling des Wiener jüdischen Publikums" geben kann, nach fast zweijähriger Abwesenheit wieder an der Stätte ihres bisherigen Wirkens, in den „Jüdischen Künstlerspielen" auftreten. „DiePastor" — das ist bereits ein Begriff geworden, der sich ins Gedächtnis jedes Theaterinteressenten eingeprägt hat, und der — sagen wir es offen — das Theater füllt. Sevilla Pastor kommt mit völlig neuem Repertoire nach Wien. Man wird sie Dienstag, den 26. Oktober, in den „Jüdischen Künstlerspielen" begrüßen können. Jla&sUcket und Klassisches Die neue Kevue von Bobby Weiser und Vicki Schlesinger Die beiden Autoren, die vom Kultuswahlkabarett in bester Erinnerung sind, haben eine neue Revue fertige gestellt, deren Premiere am 6. November im Offenbachsaal stattfindet. Die Revue beginnt mit dem Streite Esaus und Jakobs und führt bis zum Plane der Palästina-Teilung. Die Musik der Revue, die 12 Bilder umfaßt, stammt von Leopold Dickstein. Interessante neue Filme Heute Kreuz-Kino „Der letzte Zug aus Madrid" Im Kreuz-iKino läuft ab heute der Sensationsfilm der Paramount „Der letzte Zug aus Madrid" (The Last Train from Madrid), der auf Grund der Erlebnisse eines amerikanischen Kriegsberichterstatters unter Verwendung von Originalaufnahmen aus dem spanischen Bürgerkrieg die von Leidenschaften erfüllte Atmosphäre des belagerten Madrid und die Schicksale von Männern und Frauen schüdert, die aus dieser Hölle entfliehen wollen. In den Hauptrollen des von James Hogan inszenierten Films dio „Dschungelprinzessin" Dorothy Lamour, Lew Ayres, Gilbert Roland, Karen Morley, Lionel Atwill, Helen Mack, Olympe Bradna und Anthony Quinn. New Yorks größte Revuestars in einem Film Der Lustspielfilm „Für Sie, Madame!" („Vogue 1938"), welcher ab heute im Burg- und Imperial-Kino erscheint, zeigt die bedeutendsten Stars der Revueibühnen des Broadway mit ihren Darbietungen. Wir sehen das berühmte „Olympic Trio", die Wiere Bros. Rocco und Saulter, das weltberühmte akrobatische Tanzpaar „Tho four Hot ehots" und viele andere Hauptdarsteller: Joan Bennett, Warner Baxter und Misoha Auer. Sacha-Guitry-Premiero im Kruger-Kino Der neue Sacha-Guitry-Film „Mein Vater hat recht gehabt" („Mon pere avait raison"), dessen Alleinaufführung im Kruger-tfCino stattfindet, hat sensationellen Erfolg. Nach dem „Roman eines Schwindlers" und den „Perlen der Krone" erscheint nun die Verfilmung von Guitrys Lieblingskomödie. KINO'PROGRAMME ® Der sensationelle Film KreilZ-KinO Der letzte Zug . aus Madrid I, Wollzeile 17 Telephon R-24-2-16 Vorstcllungan: k, %d, '/»«,%10 t CHWEDEN Beginn: 3, 5, 'A8 und y*1QUhr.Tcl.A<49<0<60 Vorverkauf ab Die MARX BROTNERS in dem musikalischen Lustspiel SKANDAL AUF DER RENNBAHN 10 Uhr vormittags ununterbrochen ugarten- Kino II, Untere Augarten« straOe 28 Telephon A-40-S-98 ""flnn: VA VA VA V41O Uhr Ur- und AlleinauffUhrung In Wien Der erste Tonfilm in jidd. Sprache pätoU'kfiM mit deutschen Fußtiteln Mit MALY PICON