Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 694 (15.10.1937)
- Date
- 1937-10-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Kr. 604 vom 15. Oktober 1937 _Jk_ Moscheh Krasznika iüdisdtts fifau und TMatA M*******w*9wr** m^nrmfww1 WWWWWW qwwwl^fU (Ein Bild aus Erez Israel) Die hohen Feiertag verbrachte ich im Kfar Chasßidim. Vom Leben und Wirken der Cha3sidim in diesem Dorfe berichten, hieße so viel, wie ein sehr umfangreiches Buch verfassen. Es mutet wie ein Wunder an Menschen, die seit ihrer Jugend einen einzigen, alles erfüllenden Lebensinhalt — das Lernen der Thora und das Leben im Sinne des Zaddik — hatten, fassen den Entschluß, mit der Galuth zu brechen und in das Land der Väter zu gehen: „Die Mizwah, in Erez Israel zu wohnen, ist so groß wie alle anderen Mizwoh zu sammengenommen!" — und wie sie nun den Kaftan gegen die Arbeitsbluse, den Plüschhut gegen den leichten Strohhut tauschten und die so feinen, durch geistigten Hände durch starken Willen befähigten, den Pflug über den widerspenstigen Boden unseres Landes kunstgerecht zu führen — mit einm Wort, wie aus Chassidim Bauern wurden, echte, jüdische Bauern mit geistigen Bedürfnissen, die sie nach schwerer Tagesarbeit befriedigen, all das ist ein Wunder, zu dessen Erklärung keinerlei logische Argumente hinreichen. Das kann nur erklärt werden durch den großen jüdischen Genius. Wenn die Propheten, die dieses Land der Menschheit gegeben, uns in Bewunderung und Staunen versetzen, so möchte ich sagen, daß jedes Jahrhundert jüdischer Geschichte spezifische Schöpfungen aufweist,' die kraft ihres inneren Gehaltes genial sind. Dies ist eben der tiefe Sinn des Genius, daß er sich zu wandeln vermag, Zeit- und Erdgebundenes mit Ewigem und Ueberirdischem verbindet. Es ist eine lange, historische Reihe, die sich von Moses, dem Lehrer und Befreier des Volkes, über Könige, Richter, Propheten, Heerführer, Märtyrer bis zu den Chaluzim der Renaissance in unseren Tagen hinzieht. Kfar Chassidim ist ein Ring in dieser Kette. Ein Wunder des jüdischen Genius. * Doch heute will ich nicht davon sprechen. Im Kfar Chassidim hatte ich am ersten Tage Rosch Haschanah eine Beobachtung "gemacht, 'dieT 'mir forschenswert schien. Was war es? Nichts anderes als : das Dorf war überfüllt. Lauter Touristen? Nein. Bloß zwei: der eine ich, der andere ein Maler aus Holland. Die anderen — Arbeiter aus den umliegenden Moschawoth. Sie kamen hieher, um mit den Chassidim gemeinsam die Feiertage zu. begehen. Das war für mich und für das Dorf etwas Neues, Revolutionäres. Was war geschehen? Welche innere Wandlung hatte sich vollzogen? Arbeiter, die dem ~ Freidenkertum ihre Seele verschrieben hatten; die bis vor wenigen Jahren demonstrativ am Sabbat in Lastautomobilen an Synagogen vorbeigefahren waren; auf Keren-Kajemeth- Boden am Sabbat arbeiteten; Fleisch für die jüdischen Arbeiterküchen statt beim jüdischen Kazzew beim Araber kauften; jedem, der es hören wollte, erklärten, ihre Kolonien bedürften keiner Gotteshäuser, weil ihr Gott, dem sie huldigten, die Erde sei — und all das weltanschaulichen Charakter trug (oft war es ganz einfach „Lehaches"!) — kamen nun ausgerechnet ins Kfar Chassidim zu Rosch Haschanah, um Tschuwah zu tun?! Hier, im Kfar Chassidim, überwog das Gefühl den Verstand. Hitlawuth, feurige, chassidische Hitlawuth verdrängte Formalität, Gefühl — das war alles . . . Also mußte ich warten, bis Rosch Haschanah vorbei war, um in Ruhe über dieses Bündel Fragen nachzudenken und nach einer vernünftigen Lösung zu suchen. Chawer Jeruchim, an den ich eine einzige Frage richtete, überfiel mich einfach mit Antworten, Er hatte es irgendwie herausbekommen, daß ich so etwas wie ein Journalist bin . . . Ich danke! Ich mußte Um anhören... Aber ich muß gestehen: Dieser kleine, schmächtige Jude mit den feurigen Augen entpuppte sich als ein Gelehrter, und ich hätte gerne meine ganze akademische Bildung gegen ein Zehntel seines Scharfsinns und Wissens eingetauscht. Ich muß ihm innerlich Abbitte tun. Ich hatte ihn unterschätzt. Er war ein Denker. Scharf, logisch, systematisch. Und "doch war er daheim, im russischen Dorf, bloß Hausierer gewesen . . . Mich apostrophierte er unausgesetzt: „Doktor Moscheh!" Er schien sich über mich lustig zu machen oder mir eine Lehre erteilen zu wollen. Einerlei: eine ganze palästinensische Nacht blieb ich wach und schrieb" unser Gespräch aus dem Gedächtnis fast wortgetreu nieder. Hier gebe iph es" wieder, zu meiner Rechtfertigung, zu seiner Rechtfertigung. „Das Geschlecht, das diese Arbeiter repräsentieren, ist das Geschlecht der Probleme. Es mußte mit den meisten und heikelsten Problemen fertigwerden. Ich kenne die jüdische Geschichte: kein Geschlecht hat, wie dieses, so schwerwiegende Lebensprobleme zu lösen gehabt. Bedenken Sie, Doktor Moscheh, in unserer Jugend gab es nur ein Problem, das fast niemals aktuell wurde: Treubleiben oder Abfall. In unseren russischen Dörfern mußte man der Tradition treu bleiben, sein wie der Vater, religiös leben wie alle, Chedarim, Jeschiwoth besuchen, ein , Mädchen heiraten, das die Eltern erwählten, Kinder in gleichem Sinne erziehen. Das war ein ausgetretener Weg, ohne Nebengassen. Es war der Weg. Lehnte sich einmal in zehntausend' Fällen einer dagegen auf — stimmt, es kam vor — dann mußte er alles zerreißen, ausmerzen, alles Jüdische, a b f a 11 e n, ein Meschumad werden., Aus der Tatsache, wie verpönt, wie häßlich die Stellung eines Meschumad war, kann mit Sicherheit auf seine Seltenheit geschlossen werden. Ganz anders war es in der Jugend dieser Chaluzim. Ein Meer von Problemen stürzte über sie herein und forderte gebieterisch von ihren Gehirnen und Seelen eine klare Entscheidung. Das Ende des vergangenen Jahrhunderts war unheilvoll für uns. Es brachte unsere innere Auflockerung. Das jüdische Geistesleben war erschüttert, Pogrome und Not trieben uns aus dem Ghetto in die Großstadt: das bedeutete eine Auflösung unseres Gemeinschaftslebens. Religion wurde eine Privatsache. Der moralische Zwang der Kleinstadt, der Kehilla, war gewichen, eine Jugend wuchs auf, die vom Judentum nur den Namen, nicht mehr den Inhalt bezog. Die Seele der jüdischen Jugend wurde leer, inhaltslos. Aber sie war auch hungrig. Das war ein entscheidender Punkt. Wenn man so sagen kann, hätte in diesem kritischen Punkt der Zionismus einsetzen müssen. Er hätte die gesamte jüdische Jugend gewonnen. Leicht und mühelos. Aber er kam noch nicht. Er kam spät. In viel tausend Fällen zu spät. Ein großer Teil der Jugend war für ihn, als er endlich kam, bereits verloren. Es kamen aber andere Kräfte. Es war damals eine unruhige Welt. Wie eine Hexe aus ihrem Kessel unter Beschwörungen immer wieder neue Gestalten hervorzaubert, so krümmte und wand sich damals das sterbende Jahrhundert bei der Geburt des Neuen und beglückte es mit Geschenken: Ein unheilvoller Berg von Ideen und Idolen marschierte auf. Voran schritt siegesbewußt die Assimilation und zog hinter sich her die schönklingenden Zauberideen: Freiheit aller Menschen, Gleichheit aller Erdenkinder, Sozialismus und so fort. Es war kein gutes Omen. Die Welt war aus den Fugen geraten. Das geltende Gesetz wurde mit Füßen getreten, Autoritäten von ihren Thronen gestürzt, alles, was heilig und hehr war, besudelt und in den Kot gezerrt. Aufruhr, Umbruch, Neuordnung. In diese Jugend,, die, erfüllt von allgemeinen Idealen, das religiöse4 Problem mit Freid^nkertum, däs" nationale mit Assimilation, das soziale mit Sozialismüs, das rechtliche mit dem Recht der Wirtsvölker gelöst hatte — fiel der Ruf des Zionismus! Doktor Moscheh, waren die Argumente, die man dieser Jugend entgegenstellte, gefühlsmäßige? O nein! Diese Jugend hatte kein Gefühl mehr für jüdische Belange. Wir argumentierten kalt, logisch. Assimilation löst nicht die Jüdenfrage, muß zusammenbrechen — alles saß, Schlag auf Schlag, fest und sicher, bis wir sie, die Jugend, gewonnen hatten —; in nationaler, sozialer und rechtlicher Hinsicht . . . Endlich wieder eine jüdische Jugend, die wußte, was sie wollte! In das Chaos der jüdischen Seele drang das Licht des Zionismus und ordnete es. Alles bekam einen Sinn, ein Ziel. Aber, Doktor Moscheh, Sie müssen bemerkt haben: der Zionismus, der in so vielen Hinsichten unnachgiebig war, blieb in einer Hinsicht schwach, in religiöser! Dem Freidenkertum der assimilierten Jugend setzte er nichts entgegen. Im Gegenteil. Er gab ihr einen Freibrief. Eine Magna Charta. Die. Jugend wuchs auf, getragen von der Ueberzeugung, daß religiöses Freidenkertum der Ausdruck höchster menschlicher Intelligenz sei. Es war damals Mode in Europa, Freidenker zu sein. Und man war modern .; . Sehen Sie, so kamen diese Chaluzim ins Land. Radikal brachen sie mit der Galuth, lehnten die Kleider der Galuth ab, alles, alles, was gahithbeladen war, sogar das Jiddische, denn es war die Sprache der Ghetti — ebenso radikal traten sie hier für das Hebräische als Sprache und für den Sozialismus als Gesellschaftsordnung ein. Diese Jugend hatte Hochflug: sie patentierte diese beiden „Erfindungen", sie monopolisierte sie . . . Aber leider, leider: zwei Gebäude, auf Sand gebaut. Hebräisch, lediglich als Sprache, ohne Pflege der Thora, der NewUm* kurz der jüdischen Ewigkeitswerte, ' die in diesem „laschon hakodesch" abgefaßt sind, Sozialismus ohne in erster Linie die sozialen Ideen unserer Thora als Inhalt, sind Kartenhäuser. Hier, Doktor Moscheh, hier im Kfar Chassidim, an diesem Rosch Haschanah, haben Sie mit eigenen Augen den Zusammenbruch gesehen!" „Wann ist, Chawer Jeruchim, Ihrer Ansicht nach dieses Debakel gekommen- und welches sind seine Merkmale?" „Vor ganz kurzer Zeit hat sich in Europa Verschiedenes ereignet, das auch in unserem Lande Wirkungen auslöst. Der Sozialismus hier in Erez Israel ist nicht jaläatinensisch, nicht jüdisch, nicht aus dem fMMMMMOMM......t..................<...........<^ SIEGN. KORNMEHL OROSSFLEISCHHAUEREI Zentrale; IX., Berggasse 19. Tel. Ä-17-5-99 u. 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Bitte, setzen Sie fort." „Der Sozialismus hatte zwei Ziele: erstens jeder Religion den Krieg erklären, zweitens jedes andere Regime vernichten. Das waren die negativen. Die positiven: erstens den Sozialismus als Weltanschauung statt Gott einsetzen, zweitens durch schrittweise soziale Fortschritte den sozialistischen Staat aufbauen. Das war eine sehr riskante Konstellation. Wehe den Lehrern, wenn der Schachzug nicht gelang! Das getäuschte Volk würde die falschen Propheten an die Wand stellen, die Götzen zerschmettern und umkehren! In der ersten Zeit war Erfolg vorhanden. Die sozialen Fortschritte, die in das tägliche Leben des arbeitenden Menschen eingriffen, bestärkten diesen in seinem Glauben an das Ideal. Beides wurde immer inniger verbunden, bis es eine Einheit bildete. Da traten die Gegner auf den Plan und zerbrachen diese Einheit. Nehmen Sie^'dä's, bitte, wörtlich. Sie zerrissen den Sozialismus in jenen Teil, der den Glauben an das Ideal beinhaltete, und in jenen, der die Summe der sozialen Fortschritte bildete. Und ich muß zugeben, der Gegner war sehr klug: mit seiner ganzen Macht warf er sich auf den Götzen, der Gott ersetzen wollte, und machte ihn dem Erdboden gleich. Er zertrümmerte die sozialistische Religion! — aber rührte nicht an den sozialen Errungenschaften. Die beließ er ganz. Denn sie waren und bleiben lebenswichtig für die große Masse. Damit aber hatte der Gegner den Kampf gewönnen. Beim Menschen, von dem man gemeiniglich annimmt, daß er Kleines, Unbedeutendes opfert, wenn es die Rettung einer Idee gilt, ist's gerade umgekehrt: wegen einer an sich ganz unbedeutenden Bequemlichkeit wird er alle seine Ideale opfern. So gewann der Widerpart die Masse und bewirkte eine historisch bedeutsame Erkenntnis: Sozialer Fortschritt ist unabhängig vom Regime! Der Mensch, der unter sozialistischer Flagge Opfer im Namen eines fernen Ideals bringen mußte, kämpft heute in Europa unter jedem Regime für sozialen Fortschritt, das die Lage verbessert. Aber vielleicht historisch noch gewichtiger ist die Tatsache, daß die große Masse der Menschheit, der man im Namen eines von Menschen-« gehirn erdachten Götzendienstes den Glauben an den einzigen Unendlichen geraubt hat, nunmehr, da der Götze begraben ist, in der Seele hungert und zurückkehrt. Zum Ideal der gerechten Gottesstaates. Der Wandel, der sich in Europa allerorts vollzogen, vollzieht sich auch hier. Unsere Chaluzim, die sich durch praktische Nüchternheit auszeichnen, scheinen jetzt dem Sozialismus als Religion abhold geworden zu sein. Jene jüdischen Seelen, die der Assimilation und der Galuth entflohen, weil sie sich nicht ganz und ehrlich ausleben konnten, lernen verstehen, daß sie Inhalt nur in unseren Ewigkeitswerten finden können. Jüdische Arbeiter kommen ins Kfar Chassidim, weil sie echtes, traditionstreues, jüdisches, ureigenes Leben leben wollen. Und, Doktor Moscheh, betrachten Sie den kleinen Jeruchim nicht als Phantasten, wenn er Ihnen zum Schluß sagt, daß der Zeitpunkt näher ist, als mancher wähnt, an dem der sozialste jüdische Arbeiter hier in unserem Erez Israel nach gründlichem Studium unserer Ewigkeitswerte erkennen wird, daß der sicherste CSarant für soziale und humnne Zustände nur ein Staat sein könne, der unsere Thora zur Grundlage hat." (Aus dem Hebräischen übertragen von M. S. Brafmanu.) „Der letzte Zug aus Madrid." Der letzte Zug soll die Hölle des belagerten Madrid verlassen. Ein Passierschein für diesen Zug bedeutet Leben und Freiheit; der Kaufpreis Ist nicht selten eine Revolverkugel. In dieser spannungageladenen Atmosphäre verstricken sich unerwartet die Schicksale, die Liebe wird auf die härteste Probe gestellt.. Die Wirklichkeit hat dieses Sensationsdrama gedichtet. Premiere dieses sensationellen Paramount-Films, in dem, auch Originalaufnahmen aus dem belagerten Madrid Ve** Wendung finden, demnächet *» Kreuz-Kino.