Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 692 (8.10.1937)
- Date
- 1937-10-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 692 vom S. Oktober 1937 A, Beflln: JUfoto und Siethen* in tw& Isead i. Eines Abends — das dürfte etwa anderthalb Jahre zurückliegen — setzte ich mich nach einem Spaziergang am Strand von Tel-Aviv in einen Kaffeehausgarten und bestellte einen kalten Trunk. Trotz des Abends war es sehr schwül, drückend heiß. Kein Zweig, kein Blatt bewegte sich, eine Stille herrschte, fast mit Händen zu greifen. Auch das sonst lebendige, stürmische Meer lag still da. Die Natur feierte, still, zurückhaltend, andachtsvoll. Aus den nahegelegenen Gaststätten vernahm man Musikklänge. Die Musik schien sich der Natur anpassen zu wollen: leise Töne aus altvergessenen Romanzen, das Herz erquickend, in süße Erinnerungsträume wiegend . . . Die Romantik des Heiligen Landes! . . . Oh, wie konnte man da, vor sich das weite, ruhige Meer, über sich den einzigartigen palästinensischen Sternenhimmel, um sich bezaubernde, von inniger Stimmung getragene Musik, träumen . . . Und vielleicht ist all das um mich herum Traum? Wer weiß? Vielleicht ist dieses so arme, getretene Volk, das man totgesagt hat, aus dem Grab auferstanden und vollführt mit verschwenderischer Pracht einen Geistertanz, um den blinden, stieren Augen eines Sterblichen ein Wunderwerk der Zauberei vorzuführen, das den Schein des Echten besitzt? . . . Nein, Es ist Wirklichkeit. Mein Gegenüber gemahnt mich daran. Ein junger Mensch sitzt da, groß, stark, blondes Haar, kurze Leinenhose, weißes Sporthemd — der Körper eines gesunden, kräftigen Jungen; aber die Haltung eines gebrochenen Menschen. Man sah es ihm an. Er litt. Seufzer um Seufzer entrang sich seiner Brust, er nahm ein Blatt Papier aus der Tasche, entfaltete es, las mit entsetztem Blick darin und heulte los: „0 Gott, mein Gott, grausam!" Ich fühlte, daß dieser junge Mensch die Nähe eines Menschen benötige, instinktiv trieb es mich hin zu ihm. „Nun, nun, junger Mann, die Welt geht nicht unter. Man darf sich nicht so gehen lassen." Er blickte auf, wischte sich die Tränen aus den Augen, die vom Weinen stark gerötet waren, und schob mir das Blatt Papier zu. Eine Depesche aus New York. „Vater letzten Dienstag gestorben." Ich gab ihm die Depesche zurück, setzte mich neben ihn. Ich wollte ihn trösten, doch ich wußte, daß der beste Trost seine gesunde Konstitution sei. Ein Mensch mit solch einem kräftigen Körper verträgt und übertaucht viel. Aber allein lassen konnte ich ihn nicht. Noch ein Kind! Ich blieb, wir kamen ins Gespräch. In gebrochenem Jiddisch mit englischen Brocken erzählte er: Die Eltern landeten nach den Pogromen in Rußland, woher sie stammten, nach langen Wanderungen durch viele Länder in Amerika. Er war der einzige Sohn. Die Brotgeberin war die Mutter. Eine kluge, gute Frau. Sie verehrte ihren Mann, seinen Vater, wie einen Heiligen. Sie rackerte sich den ganzen Tag ab, verdiente, was zum Leben notwendig war, während der Vater im Beth-Midrasch saß und lernte, Tag und Nacht, lernte — ein stiller Mensch, sehr gütig und bescheiden." Ein Stück trockenes Brot, ein Glas Milch — genug für einen ganzen Tag. Seine Gelehrsamkeit war in Rußland weit und breit bekannt. Während des Pogroms hatte man ihm seine Bibliothek, die aus vielen hunderten seltenen Werken bestand, verbrannt. Dieser Unglücksfall'traf ihn so sehr, daß er krank wurde. Er trauerte um die heiligen Bücher, wie man um Kinder trauert.' Er, der Sohn, entfremdete sich dem Milieu der Eltern, ging seine eigenen Wege, hatte .andere Lebensauffassungen. Er mied das Elternhaus, zog weg und zerriß alle Bande. Das Judentum war ihm inhaltslose Form geworden, Fessel, die er abstreifen wollte. Da starb die Mutter. Vor etwa vier Jahren. Der Vater blieb elend und hilflos zurück. Das wühlte den Sohn auf. Er hatte Schuldgefühle gegenüber dem. armen Vater. Er zog zu ihm, und jetzt, wo er mit ihm zusammenlebte, für ihn sorgte, erfaßte er erst die Größe und Erhabenheit seines Vaters; er. bekam Ehrfurcht vor dessen Haltung und Ruhe, weit überragend all die tönenden Phrasen, denen er in jugendlicher Verblendung nachgeeilt war. Er hatte den Schatz, der in den eigenen vier Wänden zu finden war, weit in der Ferne gesucht... Nun war er daheim auf ihn gestoßen, und seit dem Tage, da er das erkannte, schwor er sich zu, nur für diesen Menschen zu leben, für ihn zu arbeiten, ihn zu pflegen. Eines Winterabends unterbrach der Vater sich beim Lernen, mit dem Sohne und erklärte ihm, sein größter Wunsch und sein einziger Trost wäre, im Heiligen Land zu sterben. Er, der Sohn, habe sich nun entschlossen, nach Erez Israel aufzubrechen, um hier für die Uebersiedlung des Vaters die nötigen Vorkehrungen zu treffen. Vor drei Monaten sei er hergekommen, habe sich ein Lastauto gekauft: er wurde Chauffeur. Vom frühen Morgen bis in die späte Nacht hinein arbeitete er, schickte wöchentlich dem Vater, was dieser zum Leben benötigte, sparte an sich, wo es nur ging, legte Piaster zu Piaster, um in möglichst kurzer Zeit den Vater zu sich herüberzunehmen, 1 Nun ist die Hoffnung begraben. Entsetzlich! Der Vater gestorben, ohne ihn, fern im fremden Amerika, arm und verlassen. Und er hier. Weshalb war er eigentlich noch da? Was hatte das nun für einen Sinn? Ueberhaupt das Leben? Wahnwitz — ohne Vater, sinnlos — ohne eine Aufgabe — abscheulich — ohne Ziel, verwerflich — ohne eine Hoffnung! Er ist nun elend — die Sprache des Landes beherrscht er nicht — ohne Freunde, ohne Bekannte, verwaist, fremd. — Das Auto steht in der Garage, er hat alle Lebenslust verloren. Ueberhaupt ist alles dumm, zwecklos, überflüssig. Auch er. Was soll er nun mit sich anfangen? Ich riß ihn aus seiner Verzweiflung, redete ihm zu, das einsame Leben aufzugeben und aufs Land zu gehen: dort gebe es gewiß eine Gemeinschaft, die ihm zusagen werde, dort finde er belebende, schöpferische Aufbauarbeit, an der er sich beteiligen sollte. Dort sei ein Ideal, eine Hoffnung, ein Lebenssinn! Dem möge er nun sein Leben widmen . . . Unser Land heilt die Wunden eines ganzen gemarterten Volkes, es belebt die Verzweifelten einer ganzen Galuth, es vollbringt Wunder an Gebrochenen. Er soll dem Schicksal dankbar sein, daß es ihn in dieses Land, in seine wahre Heimat, versetzt habe, die wie eine Mutter die Kinder tröste. Die Erde dieses Landes gebe immer wieder neue Lebenskraft und Lebenslust. „Retten Sie sich in einen gesunden Kibbuz!" II. Während der Unruhen besuchte ich einmal den Emek. Das Reisen war noch immer gefährlich. Die Revolte war im Abflauen, dennoch kam da und dort noch ein Ueberfall vor, aus dem Hinterhalt ein Schuß, meist heimtückisch, feige. Auch Opfer fielen noch. Die Chawerim und Chaweroth der Kolonien, in der ich mich gerade aufhielt, hatten die Feldarbeit mit dem v Einbruch der Dunkelheit eingestellt und saßen in angeregter Unterhaltung in einer Hütte, einer Art „Sukkäh", beisammen. Jonathan, der älteste Chawer und Rosch des Kibbuz, las „heitere" Geschichten vor . . . Erzählungen von Scholem Alechem, bei denen man mit einem Auge weinen, mit dem anderen lachen konnte. Er las gut. Er spielte fast die Rollen. Und er verstand gut, die Charaktere durch Mienen, durch Modulation der Stimme darzustellen. Alle hörten gespännt zu. Plötzlich Motorradgeknatter im Hof der Siedlung. Schon steht das Rad. Ein starker Bursche springt ab, kommt zu uns gelaufen und berichtet, kaum Atem schöpfend, sehr erregt: Ein Ueberfall auf den Milchwagen der Kolonie drei Kilometer von hier . . . Man schoß den Wagen an. Auch auf ihm schoß man. Wie durch ein Wunder kam er heil davon. „Wer führt den Milchwagen heute?" fragt Iturz Jonathan. „Schmuel und Chajim", ancwortet ein Chawer. „Chawerim, satteln!" befiehlt streng und ernst Jonathan. Es vergehen ein paar Sekunden, und schon sitzen mehrere Schomrim auf ihren Pferden, mit Gewehren bewaffnet. Das Motorrad fährt voraus, sie nach mit Blitzesschnelle. . <i Im Kibbuz wurde die Stimmung gedrückt. Ungeduldig, mit zusammengebissenen Zähnen, wortlos ging man auf und ab. Die Zeit kroch. Mitten im Hof erhebt sich ein Wasserturm. Oben auf dem Plateau steht eine Chawerah Posten. Durch einen Feldstecher sucht sie die Straße ab. Zur linken Seite des Hofes befindet sich das Kinderheim. Eine junge Frau, blond, stark, kommt eben von dort, ein kleines Kind auf den Armen. Sie hat den Lärm des Motorrades und das Traben der Pferde gehört, erschrocken packt sie den Chawer, der ihr am nächsten ist, beim Rock: „Was ist geschehen?" „Ueberfall auf den Milchwagen?" „Schmuel führt ihn?" Der Chawer spricht nicht. Er nickt bloß. Und sie versteht. Sie fährt mit der Rechten durchs Haar: „Schrecklich, schrecklich." Da bekommt der Chawer wieder die Sprache. Er wird fast zornig: „Brachah, wir dürfen nicht verzweifeln, hörst du? Das darf nicht sein. Wir müssen eiserne Nerven ha"ben. Stark sein." Sie sieht ihn roxi großen Augen an. Er ist ledig, er begreift nichts von dem, was ihr weh tut. Da, das Kind bei ihr, dort aer Vater des Kindes, der überfallen wird von Mördern . ., Stark sein, eiserne Nerven haben . . . Aber er versteht doch alles, er bereut, so hart gewesen zu sein: „Brachah, sorg' nicht, Schmuel wird's schaffen! Es ist doch Schmuel! Du wirst sehen, er wird bald wieder da sein." Und um sie aufzuheitern, führt er sie zu mir und beginnt Heldentaten Schmuels zu erzählen. Während der ersten Monate der Unruhen hat Schmuel täglich allein den Milchwagen nach Haifa geführt, unzählige Male wurde er überfallen, angeschossen, aber stets brachte er den Milchwagen unbeschädigt durch und kam gesund heim, lustig, frisch, als ob es ihm Spaß bereitet hätte. Außerdem meldete er sich fast täglich zum Wachtdienst bei Nacht. Auch dieser Dienst war gefährlich, aber er überstand alles. D fe berühmte Sängerin SacaU fyMüem gibt ihren einzigen internationalen \/&U<#Ueduß&&td Samstag, den 9. Oktober, halb 8 Uhr im Kleinen Musikvereinssaal Rumänische, hebräische, judeo-spaniolische, russische, französische Lieder, Negro Spirituals g Karten: Konzertdirektion Kugel (Musikverein) und K.-Z., Graben 28 Schmuel, ein wahres Wunder: die Kugeln w o 11 e n ihn nicht treffen! Vom Wasserturm plötzlich ein Ruf: „Sie kommen!" „Auch der Wagen?" „Ja!" Einige Minuten später. Der Wagen fährt in den Hof ein. Schmuel und Chajim springen vom Wagen. Hinter ihnen die Schomrim, springen von ihren Pferden. Man schüttelt einander ernst die Hände, viel» umarmen und küssen einander, Brachah mit ihrem Kinde eilt auf Schmuel zu. Gottlob, alles gesund, unverletzt. Bloß die Fenster des Wagens haben ein paar unangenehme „Luftlöcher" bekommen:. Dem Ernst folgen Fröhlichkeit und Lebenslust der jungen, gesunden Menschen. Eine Horrah, erst gemächlich, dann wild, bringt Frohmut in die „Bude" . .«. - III. Es ist fast Mitternacht. Ich gehe mit Schmuel spazieren. In schlechtem Iwrith mit englischen Brocken erzählt er mir: Am Tage nach unserer ersten Begenung in Tei- Aviv ging er daran, meinen JRat zu befolgen. Er verkaufte das Lastauto und wanderte durch den Emek. Besuchte fast alle Kolonien, blieb überall mehrere Wochen, lernte das Leben in den Siedlungen und die Menschen kennen und lieben, verrichtete während dieser „Wander- und Wandlungszeit" jede nötige Arbeit, bis er hieherkam. Die plötzlich hereingebrochenen Unruhen banden ihm fester an den Menschen. Er trat seinen Dienst an. Je gefährlicher die Aufgabe, desto mehr drängte es ihn, sie zu übernehmen und durchzuführen. Da lernte er auch Brachah kennen, eine junge Russin, und lieben. Sie verstanden einander, sie heirateten. Das Kind, ein Knabe, ist zwei Monate alt. Seine größte Freude, daß er den Sohn nach dem verstorbenen Vat er benannt hat. (Dem Hebräischen nacherzählt von M. S. Brafmann.) Filme der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes.) Frankreich: Roman eines Schwindlers -— Die Perlen der Krone — Der geliebte Vagabund — La belle Equipe — Menschen unter Menschen — Liebe macht blind — Die rote Robe — P<5pd le Moko — „Le Mioche" — „Le Roi". Amerika: Die gute Erde — Sensation um Galahad — Die kleine Ching-Ching — Eskapade — Quality Street — Schrecken der Meere — Bulldog Drummond — Maienzeit — Geschichte wird bei Nacht gemacht — Entgleist — Schwarzes Gold — Flucht aus San Quentin — Saratoga — Eine Dame der Gesellschaft —- Darf ich bitten? — pie Eisprinzessin — Die Frau des G-Man — Meuterei in Sing-Sing — Man trifft sich in Paris — Leidenschaft — Wir in der Todeszelle — Das Leben Emile Zolas — Der Seeteufel. Filme unter Arierparaaraph Karussel — Stärker als Paragraphen — Die graue Dame — Das große und das kleine «Mck — Millionäre — Mein Sohn, der Minister — Mein Verhängnis sind <lle Frauen — 7 Ohrfeigen — Liebe geht seltsame Wege — Pusasta-Komtesso — Madame Bovary — Versprich mir nichts — Wenn du eine Schwiegermutter hast — AusternlMi — Die milde Helene — Patrioten — Unternehmen Michael — Mysterium des Lebens — Liebe kann lügen — IA in Oberbayern — Caprlolen — Unentschuldigte Stunde — Land der Liebe — Liebesregiment — Zauber der Boheme — Das Schwelgen im Walde — DM Stimme des Herzens —• Zu neuen Ufern.