Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 692 (8.10.1937)
- Date
- 1937-10-08
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 692 vom 8. Oktober 1937 DIE NEUE WELT Seite 5 Ankauf, Tausch zu günstigen Bedingungen ALLE SCHULBUCHER für Volksschulen, Hauptschiffen, Nittelschulen und anderen Lehranstalten, in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, solche tu allerniedrigsten Preisen, liefert ANTIQUARIAT HERNANN TUCHNER II, ECKE TABORSTRASSE 52 / TELEPHON R-41-4-2 Melr Qroßmann Eine verkehrte Welt Einige klobige Fragen eines einfachen Juden Ich gab mich dem Glauben hin, daß mich in einem kleinen, stillen Ort niemand fragen wird: „Was haben Sie eigentlich auf dem Zionistenkongreß in Zürich geleistet?" Dort, zwischen den grünen Bergen und brausenden Wasserfällen, hoffte ich, rasch den Druck der schweren Kongreßluft zu verlieren. Aber wenn der Mensch kein Glück hat. . . Nicht genug an Regen und Kälte, begegnete mir ein sogenannter „Sympathiker", ein Mensch, der in 98 Prozent mit mir übereinstimmt und darum glaubt, mir eine Wohltat zu erweisen, wenn er mich interpelliert — ein Mensch, der, ohne zum Delegierten gewählt worden zu sein, sie dennoch vollends repräsentierte — in ihren Träumen, Einwänden und Zweifeln. * „Es ist schon mehr als ein halbes Jahr her", begann er, „daß ich nicht verstehe, was bei uns und rings um uns vorgeht. Eure Kongresse und Konferenzen und Kenessios Gedaulos haben die erwartete Klarheit nicht gebracht. Im Gegenteil. Je mehr ich die Zeitungen und Berichte lese, desto weniger verstehe ich die Situation. Alles geht in meinem Kopf wirr durcheinander. Sehen Sie hier die „Kongreßzeitung", die „Kongreß-Tribüne" und die Bulletins der. Marienbader „Kenessio Gedaulo", Klüger bin ich aus der Lektüre nicht geworden ... Zunächst einmal erkenne ich keinen wieder. Dieselben Menschen mit denselben Namen reden 'irgendwie anders und sehen aus, als hätten sie andere, fremde Kleider angezogen. Eine wahrhaftige Maskerade! * Auf Ihrem Gesicht steht geschrieben, daß Sie nicht wissen, was ich meine. Darum will ich deutlicher werden. Nehmen wir Sieselbst! Jahrelang haben Sie „Judenstaat, Judenstaat!" gerufen, und jetzt, wenn man Ihnen einen Staat gibt, wenn auch einen kleinen, lehnen Sie ab. Ihre Argumente sind gewiß gut, aber wir Juden eines ganz anderen Jahrganges verstehen nicht die feinen Nuancen und komplizierten Motivierungen. Sie reden so gut, daß Sie uns darin überzeugen, es sei fast einer Katastrophe gleich, wenn man uns den Judenstaat gibt. Weizmann und seine Freunde waren auch nicht besser. Da kennen wir uns schon gar nicht aus. Früher wußte man, daß Weizmann ein Praktiker ist, ein Staatsmann, ein Führer ohne Phantasterei. Man muß Geld sammeln, Juden in Palästina ansiedeln, zur Mandatarmacht freundlich sein. Mehrheit? Judenstaat? Alles gute Sachen, aber nicht gerade jetzt vor der Realisierung des Zionismus notwendig. Eine klare Haltung. Jetzt kommt derselbe Weizmann und sagt plötzlich, daß man ohne Judenstaat keinen Tag mehr existieren kann. Man steht vor dem Abgrund. Rasch, so rasch wie möglich. Ein Staat, ein Staatchen, ein Bröserl von einem Staat, aber man muß einen J u d en- Staat haben — anders geht's nicht weiter. Und wieder spricht Weizmann wie ein Realist, wie ein nüchterner Staatsmann, wie ein praktischer Politiker. Das verstehe ich nicht, verstehen die anderen nicht. Eine verkehrte Welt. Ich will Sie nicht weiter molestieren, aber wenn ich mich umsehe, erkenne ich die Herren an der Macht nicht. Es ist noch nicht lange her, daß Ben Gurion einen jüdischen Staat wollte, nicht kleiner als von Dan bis Aquaba oder bis zur Wüste Sinai — ich erinnere mich nicht mehr genau. Ein Mensch mit nationalem Appetit. Und jetzt gesteht er, daß er noch vor zwei Jahren einen Judenstaat mit 4600 Quadratkilometer angenommen hätte. Und Herr Kaplan! Vor einigen Jahren sah bei ihm alles in Palästina glänzend aus — der Handel, die Landwirtschaft, die Industrie. Jetzt spricht er so, als stünden wir vor einer Katastrophe. Die zwei „Berl" vom linken Block, Berl Locker und Berl Katzenelson, haben sich noch nicht gänzlich umgekleidet: ein Teil des Körpers trägt „Ja-Sagerei", und der zweite „Nein-Sagerei". Sie sind nicht auseinanderzuhalten. , Auch Ussischkin macht mir Sorgen. Ich erkenne ihn nicht. In Prag hat er nicht für die Judenstaatsresolution gestimmt. Und in Zürich ist er als Großzionist hervorgetreten, als extremistischer Judenstaatler. Trotzdem dachte ich mir, daß endlich ein Mann mit klarer Stellungnahme vorhanden ist. Da läßt er sich in die Exekutive wählen, wenn auch ohne Stimmrecht, geht in den Council der erweiterten Jewish Ägency und enthält sich bei der Abstimmung der Stimme . . . Für unseren einfachen Menschen von der Gasse ist es schwer, sich in diesem komplizierten Spiel auszukennen. Ihnen gefällt das Wort „'Maskerade" nicht? Nehmt es mir nicht übel, ich will bei Gott1* niemand beleidigen. Aber es gibt kein anderes Wort als „Maskerade", wenn man in der „Kongreßzeitung" die Liste der „Nichtzionisten" liest, die sich an den Sitzungen des Councils beteiligt haben. Da sind einige der be- BANKGESCHÄFT Dr. OFFENBERGER Wien I, Freyung 1 Telephon: U - 27 - 2 - 11, U - 28 - 2 - 55 Durchführung sämtlicher Bank* und Börsetransaktionen rühmtesten „Nichtzionisten": Bernard Janner (London), Lord Melchett, Marquise Reading, Dr. Eliash (Jerusalem), Mosche Smilansky, Dr. S m o i r a, Dr. J. T h o n, Lazar M a r g u 1 i e s usw. Es klingt wie ein Witz,, aber man meint es ernst. Gestern saßen Janner und Melchett als Delegierte auf dem Zionistenkongreß — eine Drehung des Rades! Husch! Und sie sind „Nichtzionisten". Dr. Thon — ein Nichtzionist. Dr. Smoira, der Vorsitzende des zionistischen Ehrengerichtes — plötzlich ein Nichtzionist! Nun frage ich Sie, was soll ein Mensch wie ich;sich denken^ wenn' er einen Bericht über die Sitzungen der Agency liest? Zuerst wird er verwirrt; dann ärgert \er sich.;; Schließlich ..macht er eine Handbewegung: Genug! *.- Und die neue „gemischte Exekutive", in welche als Nichtzionisten Frau Jacobs, die Präsidentin der Hadassah, und Dr. Ruppin hereingenommen wurden, das ist doch eine Komödie, die für Purim paßt. Frau Jacobs als Nichtzionistin! Ich kenne sie, die $ettehätodi%e& &0ßUc. HauffnanH 170 cm groß, gut aussehend, nachweisbar schuldlos gesch., sucht zwecks Ehe Bekanntschaft einer hübschen jungen Jüdin bis 30 Jahre alt, mit entsprechender Mitgift aus gut jüd. Hause. Zuschrift mit Photo, welches ehrenwört-. lieh retourniert wird erbeten unter „Guter Zionist" an die Adm. dieses BI. Führerin der Hadassah. Sie würde in Ihrer Partei gewiß zum radikalen Flügel gehören. Oder Dr. Ruppin? Seinerzeit wählte man ihn auf dem zionistischen Kongreß in die Exekutive. Jetzt kommen die Nichtzionisten und wählen ihn in die Exekutive als ihren Vertreter und Vertrauensmann. Wie soll man das verstehen? * Nun, und Ihre Freunde von gestern, die R e v isionisten! Noch vor kurzem kämpften sie gegen die Trennungsorthodoxie, und jetzt plötzlich, ein rascher Sprung — und man geht daran, mit den Agudisten einen Bund zu schließen, um die eigene Mutter, die Zionistische Organisation, zu bekämpfen. Mit wem? Mit Feinden des politischen Zionismus, mt Reaktionären, mit zum Teil denunziatorischen Elementen! Und sonderbar! Alles geht glatt vonstatten. Die Lippen, die sich gestern über gewisse Traditionen und religiöse Gesetze hinwegsetzten, formen heute fromme Deklarationen, als kämen sie aus der Tiefe der Seele. Wahrlich, eine Maskerade! Ich blicke in die bekannten Gesichter, erkenne sie aber nicht. Alles ist verdreht, vermischt, verwickelt. Eine großartige Komödie. Oder verstehen wir die ganze Sache nicht? Vielleicht steckt hinter diesem Spiel eine tiefere Absicht, ein Zweck, worüber das einfache Publikum nichts wissen darf. Darum bitte ich Sie, um Gottes Himmels willen, klären Sie mich auf!" * Meine Antwort war kürz: „Lieber Freund, anstatt einer Antwort werde ich Sie beim Kongreßgericht wegen Plagiats verklagen. Sie haben hier eine Menge meiner eigenen Einwände, Zweifel und Bedenken wiederholt. Der Unterschied zwischen mir und Ihnen besteht nur darin, daß Sie jünger und naiver sind. Sie glauben noch an die Heiligkeit des Frage- und Antwortsystems . . . Und dann: Sie ziehen nicht die Konsequenzen. Zum Trost kann ich Ihnen sagen, daß jede Mas« kerade einmal aufhört. Oft werden die Teilnehmet müde, oft die Zuschauer. Oft kommen die Kostüme aus der Mode. Hoffen wir das Beste. Pale§tfne Potash Co* Sie soll arabisch werden! Jüdischer Unternehmungsgeist hat in Palästina ein Unternehmen geschaffen, welches jahrzehntelang die Phantasie der Chemiker bschäftigte. Das „Tote Meer" wurde lebend gemacht. Die „Palestine Potash Co." hat das schier unerschöpfliche Chemikalienlager des „Toten Meeres" erschlossen. Jetzt, da der unselige Plan der Teilung Palästinas aufgetaucht ist, wendet sich diesem großen Unternehmen mit unabsehbaren Möglichkeiten die allgemeine Aufmerksamkeit zu, denn die „Palestine Potash Co." würde bei der geplanten Teilung den Arabern zufallen. * Aus London wird berichtet: Bei der hier abgehaltenen VII. Jahresversammlung der Aktionäre der „Palestine Potash Co." erörterte der Vorsitzende der Gesellschaft, Lord Lytton, die Auswirkungen einer etwaigen Teilung Palästinas auf die Lage der „Palestine Potash Co.". Der Redner wies darauf hin, daß die Konzession der Gesellschaft vollständigen dem geplanten Araberstaat liegen würde, wenn die Vorschläge der Kgl. Kommission verwirklicht werden. Die Kommission schlage vor, daß alle Verpflichtungen und Privilegien, die die Regierungen Palästinaa und Trans Jordaniens auf Grund des Konzessionsvertrages haben, an den Araberstaat übergehen und daß alle Rechte, Privilegien und Verantwortlichkeiten der Gesellschaft von dem neuen Staat vertraglich bestätigt werden sollen. Selbstverständlich, fuhr Lord Lytton fort, werde die Gesellschaft durch die aufgeworfenen. Fragen stark berührt. Man müsse sich aber Augen halten, daß der Teilungsplan nur durch Verträge zwischen den drei beteiligten Parteien — Engländer, Araber und Juden — zustande gekommen kann und durch den Völkerbund bestätigt werden muß. Das Direktorium der „Palestine Potas Co." halte in dieser Sache Fühlung mit der britischen Regierung und werde alles tun, um die Interessen der Gesellschaft zu wahren. * Dann erstattete Lord Lytton den Geschäftsbericht. Er stellte fest, daß es gelungen ist, die vorjährige Unterbilanz in eine aktive Bilanz umzuwandeln, die mit einem Ueberschuß von 917 Pfund abschließt. Der Absatz der Produkte hätte keinen Schwierigkeiten begegnet. Die Ausdehnung der Arbeit auf das Südende des Sees habe befriedigende Fortschritte gemacht. Es wurden dort 100.000 to Rohpottasche, sogenannter Karnalit, von besonders guter Qualität gewonnen. Die Pottaschefabrik am Nordende des Sees, die zwei Jahre lang ununterbrochen in drei Schichten gearbeitet hat, wurde im Frühjahr 1937 vollständig erneuert. Die 1936 verkaufte Menge von Bromsalzen war um etwa 12 Prozent höher als 1935. Das Direktorium ist mit den Ergebnissen des letzten Jahres zufrieden und sieht der Zukunft vertrauensvoll entgegen. v• " Vom tiefsten Schmerze gebeugt, geben wir Nachricht vom Ableben unserer innigstgellebten Mutter, Großmutter, Schwiegermutter usw., der Frau Chane Gltel Brainin welche am Dienstag, den 5. Oktober, nach langem schweren Leiden aus dem Leben geschieden ist. Die Beerdigung unserer teuren Dahingeschiedenen fand Donnerstag, den 7. Oktober, um 11.15 Uhr vormittags auf dem Zentralfriedhof (4. Tor) statt. Solomon, Max und Leo Brainin als Söhne Sofie Brainin geb. Hecker Sofie Brainin geb. Guttenberg als Schwiegertöchter Dora Fleischmann als Tochter Wilhelm Fleischmann als Schwiegersohn Sämtliche Enkelkinder, Schwägerinnen, Schwäger und alle anderen Angehörigen Es wird gebeten, von Kondolenzbesuchen Abstand zu nehmen