Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 692 (8.10.1937)
- Date
- 1937-10-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 DIE NEUE WELT Nr. 692 vom 8. Oktober 193T RUNDSCHAU Griechenland und der Judenstaat Heute noch, nach vierzig Jahren politischen Zionismus, nach Gründung von Pro-Palästina-Komitees, denen bekanntlich führende Staatsmänner angehören, operieren gewisse assimilantische Kreise mit der These, daß ein wahrer Patriotismus mit dem Streben nach einem Judenstaat, nach einer „unabhängigen jüdischen Heimstätte" unvereinbar sei. Mit dieser These zu polemisieren, die oft genug zu denunziatorischen Zwecken in die Welt gesetzt wurde, ist im heutigen Stadium überholt. Die Völker haben das jüdische Recht auf Palästina anerkannt, und es handelt sich nur um temporäre Schwierigkeiten, die der Realisierung der zionistischen Idee im Wege stehen, sie aber auf die Dauer nicht verhindern können. Wie geistig freie und politisch fernblickende Männer das Verhältnis ihres Staates zu ihren, den Judenstaat anstrebenden jüdischen Mitbürgern sehen, erhellt aus einer schriftlichen Erklärung, die der griechische Gouverneur von Epirus, K. A. Philosophopoulos, der jüdischen Gemeinde in Janina (Griechenland) gegeben hat. Hier findet sich keine Einschränkung, kein Bedenken, keine Verdächtigung. Der griechische Politiker anerkennt in vollem Umfang die Berechtigung der griechischen Juden, am Aufbau des Judenstaates mitzuwirken. „Der griechische Staat", erklärt der Gouverneur, „ist stolz auf seine Haltung gegenüber den Juden. Die Juden haben sich stets als den Gesetzen gehorsame, dem Fortschritt und dem Frieden huldigende Bürger erwiesen. An den Freuden und Leiden der Nation nehmen sie vollen Anteil; sie haben gezeigt, daß sie Fleisch von ihrem Fleische sind. Darum hat jeder Hellene mit aufrichtiger Freude die Kunde von der Verwirklichung des jüdischen Wunsches nach Gründung einer unabhängigen jüdischen Heimstätte in dem Zentrum der Religionen vernommen. Durch die Gründung eines unabhängigen Staates in Palästina werden die seelischen Bande gefestigt, die die Juden in der Diaspora verknüpfen. Der Jude der Diaspora erblickt in dem neuen kleinen Staat nicht 'nur ein Kolonisationszentrum, sondern auch das Symbol der sittlichen Ideale, die das maschine versucht. Der Anschlag mißglückte, die Explosion konnte verhütet werden. Aber daß im Land der Demokratie, im Land der weitestgehenden Bürgerrechte, im Land des freiesten Parlamentarismus Terrorakte möglich geworden sind, das ist ein betrübendes Zeichen moralischer Verwirrung, mißachteter Humanität. Wir haben in Oesterreich derlei barbarische Versuche zur Genüge kennengelernt; grauenhafte Attacken politischer Desperados, die schließlich auch 'vor Meuchelmord und Fememord nicht zurückschreckten. Hoffen wir, daß in England der Respekt vor der Menschenwürde nicht durch politischen Chauvinismus zuschanden gemacht wird. lüdisdie Einwanderung nadi Südamerika Aus Paris: Laut der Statistik des Pariser Hauptbüros der HICEM (Hiäs-Ica Emigration Association) sind im ersten Halbjahr 1937 2027 Juden nach Argentinien eingewandert. 1452 von ihnen besaßen die polnische, ,404 die deutsche und 171 die Staatsangehörigkeit verschiedener Länder. Die jüdische Einwanderung hat sich demnach im Vergleich zum ersten Halbjahr 1936 ungefähr auf gleicher Höhe gehalten. Nach Brasilien sind im ersten Halbjahr 1333 (erstes Halbjahr 1936: 1709) Juden eingewandert. Von ihnen besaßen 898 die deutsche, 300 die polnische und 165 eine andere Staatsangehörigkeit. $ Aus Bombay: Der Chef des bekannten Hauses E. D. S a s s o o n & C o., Mitglied der Familie Sassoon, die als die „Rothschilds des Ostens" bezeichnet werden, Sir Victor Sassoon, hat Vertretern der Presse in Bombay erklärt, er befasse sich mit einem Plan, die Einwanderung yon Juden aus Deutschland In Brasilien und anderen südamerikanischen Ländern zu erleichtern. Entsprechende Untersuchungen seien im Gange. Er würde es begrüßen, wenn die Juden geschlossen in einer Siedlung zusammenleben und dort alle Berufe „vom Straßenkehrer bis zum Präsidenten" ausüben würden. Sir Victor fügte hinzu, er werde sich demnächst nach Brasilien begeben, da er beauftragt sei, die Möglichkeiten für die Errichtung einer Siedlung von Juden aus Deutschland in diesem Lande zu studieren. Die brasilianische Regierung aber habe die Bedingung gestellt, daß nur gut ausgebildete Kolonisten zur Auswanderung gebracht werden. lionistßnK,ifxeStelHBERMÄm"8 I, Hoher Markt 9 Reparaturen und Umarbeitungen billigst zerstreute Volk einigen und den jüdischen Gedanken trotz widriger Schicksale durch Jahrtausende in seiner Reinheit erhalten haben. Unser neuer griechischer Staat, der religiös unparteiisch und gerecht ist, ruft die Juden in der tiefen Ueberzeugung von ihrem aufrichtigen Patriotismus, der sich stets in verschiedener Weise bekundet hat, auf, ihm nicht nur ihren' Unternehmungsgeist, sondern, wie sie es in anderen Ländern getan haben, auch ihre bemerkenswerten geistigen Fähigkeiten zur Verfügung zu stellen, durch die sie ein in Wissenschaft, Kunst und Ethik hervorragendes historisches Volk geworden sind." Wenn man beispielsweise die Stellung des heutigen Deutschland zum Judentum als Parallele danebenhält, erkennt man, innerhalb welcher Stimmungs-, Gefühls- und Gesetzesspanne sich das Leben des Juden in der Welt abspielt. HakenkreuzsIMethoden in England Die Presse berichtet in den letzten Tagen von lärmenden Demonstrationen der englischen Faschisten, der Schwarzhemden-Partei des Herrn Mosley. Obwohl beim ersten stürmischen Auftreten der Mosley-Partei die englischen Behörden erklärten, keinerlei Störung der öffentlichen Ordnung und Ruhe dulden zu wollen, und obwohl Mosley bei seinem Wahlkampf um ein Abgeordnetenmandat durchfiel, haben die Schwarzhemden und ihre dunklen Nachläufer dennoch versucht, in der Londoner Oeffentlichkeit von sich reden zu machen. Ihre Attacken richteten sich immer wieder gegen das judenreiche Whitechapel, wo es bisweilen zu Auseinandersetzungen, bzw. Angriffen kam, die an die Formen des reichsdeutschen Nazismus oder des polnischen Huliganismus erinnerten. Viel sprach dafür, daß das Hakenkreuz zum Lehrmeister des Mosley-Faschismus wurde. Die Termini, die Aufzüge, die Losungsworte und das ganze politische Vokabular weist nachdrücklich auf das nationalsozialistische Beispiel hin, vor allem aber die antijüdischen Phrasen, die unverändert den Propagandaschriften der deutschen Antisemitenführer Fritsch, Streicher, Rosenberg und Goebbels entnommen wurden. Dem Wort folgt die Tat. Wie aus London gemeldet wird, wurde am 2. Oktober gegen das Gebäude des Jewish College am JVoburn-Platz ein Anschlag mittels einer Höllen- Ein rumänischer Bischof hetfxf Aus Bukarest: In einem der Zeitung „Porunca Vremii" gewährten Interview äußert sich der Metropolit der Moldau, Nicodem, Uber die jüdische Religion wie folgt: „Die Welt kennt nicht die jüdische Religion. Ihre Philosophen diskutieren sie nicht, ihre Gelehrten machen sie der Menschheit nicht bekannt. Alles, was man weiß, sind nichts als Mystifikationen. Die Juden leben in einer Atmosphäre des Komplott 8. Ihre Bethäuser, In welche Kinder urid Frauen keinen Zutritt haben — wahrscheinlich, weil sie als schwache Wesen angesehen werden und nicht alles lernen dürfen —, sind mehr Zusammenkünfte, bei denen etwas ganz anderes propagiert wird. Außer einigen religiösen Zeremonien mit barbarischem Aberglauben haben sie noch verschiedene Lehren religiöser, sanitärer und Insbesondere ökonomisch-politischer Art. Und das nennen sie Religion... Was sollen wir von diesen Rabbinern mit dem verkehrten Lesen und Schreiben glauben? Ich frage mich daher, ob dort, wo die Gelehrten und Philosophen nicht eindringen konnten, die Siguranta (Geheimpolizei) nicht eindringen müßte? Sie sind ein Volk ohne ein hohes Ideal, ein Volk, das keinen Tropfen Sonne in seiner , Seele hat..." Erstklassiger---- Klavierunterricht bei staatlich geprüfter Klavierpädagogin Spezialistin für Kinderunterricht Schülerkonzert. Zeitgemäßes Honorar Gerda Mtthlstock, Wien VIII, Buchfeldgasse 19 I. Stiege, II. Stock, Tür 5 Telephon B-47-8-43 Von Hitler ausgezeichnet Aus Bukarest: Der deutsche Gesandte in Bukarest, Pabriclus, hat dem Patriarchen Miron Christea im Auftrag des Reichskanzlers den Orden de« Deutschen Roten Kreuzes überreicht. Man mißt dem Umstand, daß diese Auszeichnung unmittelbar nach der gewaltantisemitischen Erklärung des Patriarchen im „Curentul" erfolgt ist, Bedeutung bei; Der Verband der rumänischen Geistlichen hat in einer außerordentlichen Generalversammlung eine Resolution gefaßt, in der die Im „Curentul" erschienene Erklärung des Patriarchen Mlron Christes, gegen das Judentum voll und ganz gutgeheißen wird. Wie man arbeiten soll Von Dr. Erwin H u 11 e r (Brünn) Der Lehrer einer Nation In einem versteckten Winkel des Böhmisch-Mährischen Gebirges gerieten mir in der Dorfbibliothek die Vorlesungen Masaryks aus dem Jahre 1898 über das Thema: „Wie soll man arbeiten?" — gemeint ist die politische Arbelt — in die Hand. Vieles paßt auf unsere heutigen Verhältnisse. Nehmen wir ein späteres Werk Masaryks zur Hand, etwa die „Weitrevolution", welche er als Präsident der Tschechoslowakischen Republik verfaßte, so ergibt sich eine absolute Ueberelnstimmung der Grundsätze in den Werken, die ein Zeitraum von fast 40 Jahren trennt. Am interessantesten und aktuellsten sind die Gedanken über demokratische Arbeit, über das Führerproblem und über das Kompromiß. Nachstehend ein kurzer Auszug. Demokratische Arbeit. Demokratische Partelen kümmern sich um die Bildung und Organisierung ihrer Partelangehörigen auch außerhalb der Wahlperiode. Da ist sogar die Arbelt am wichtigsten. Demokratie bedeutet ständige Arbeit, Kleinarbeit, positive Arbeit. Es besteht kein Zweifel darüber, daß gar mancher Mensch sein Leben für eine Idee zu opfern bereit ist. Aber zu lang andauernder Arbeit für sein Volk, zum Heroismus der Kleinarbelt, der „langwelligen" Arbeit, gibt er sich nicht her. San Remo, Pensione Fellce Cors« cfell* Impere 184. Unter Aufsicht lies Hamburger Vereinos. Direktion: Dr. med. Alex Schwarz Jeder soll an der Stelle arbeiten, an die ihn das Schicksal gestellt hat. In seinem Verein, in seinem Kreis, an sich selbst. Sich selbst hat man immer bei der Hand. Es liegt im Interesse der gesamten Menschheit, wenn man an seinem eigenen Volke und für sein eigenes Volk arbeitet. Das ist Nationalismus der Liebe zum eigenen Volk, gegen den niemand etwas einwenden kann. (Hier begegnen Masaryks Gedanken jenen Theodor Herzls.) Führerproblem und Kritik. Führer gibt es und wird es Immer geben. Die Frage ist nur, wie wir ihre Tätigkeit beurteileni sollen? Auch der Demokrat kann sie anerkennen, aber er darf im Führer nichts Erhabenes, Uebernatürliches erblicken. Man muß auch den Führer kritisieren und die Gesamtheit gewinnt dabei. Demokratie kennt nur jene Autorität an, die der Qualität entspringt. Wir müssen von unseren Führern Bildung und Moral verlangen und es darf kein Unterschied zwischen dem privaten und politischen Leben des Führers gemacht werden. Anhängerschaft soll einzig und allein in der Klarheit unseres Denkens gegründet sein. Ohne klares Denken und ohne Kritik gibt es keine Begeisterung, sondern nur blinde Leidenschaft. Demokratie beruht auf der Oeffentlichkeit und die Oeffentlichkeit beseitigt die Lüg;e. Darum ist die journalistische Kritik ein wichtiger Bestandteil der Demokratie. Kritisieren dürfen wir aber nur dann, wenn wir sagen können, wie man es besser macht, oder wenn wir bereit sind, es selbst besser zu machen. Der Nur-Kritikcr wird nio viel erreichen. Das Kompromiß. Jedes Kompromiß ist schlecht. Wenn die Grundsätze in Gefahr sind, ist das Kompromiß sittlich überhaupt nicht zulässig. „Lassen wir uns nicht von der goldenen Mittelstraße bestechen." Die goldene Mittelstraße ist meistens nur ein zielloses Taumeln von einem Hindernis zum anderen, von einer Wand zur anderen. Nicht die Mittelstraße, sondern ein klares Ziel müssen wir verfolgen. Schlußfolgerungen. Wir Judenstaatler können daraus für unsere junge Partei In der ö. S. R. nützliche Schlüsse ziehen. Vor allem heißt es, die Zelt zwischen den Kongressen durch Kleinarbelt auszunützen. Jeder von uns arbeite in seinem Verein und seinem Kreis. Es ist dabei immer wieder das nationale Moment im Zionismus zu betonen. Unsere Kritik muß eine ehrliche und sachliche sein. Wir müssen uns bemühen, klar zu denken. Kompromisse sind schädlich. Man will uns heute weißmachen, daß „da3 Wagnis der Mitte" erstrebenswert sei. Es ist nicht erstrebenswert, sondern absurd und lächerlich. Nicht Mitte, sondern klares Ziel. Das Wichtigste aber ist die Journalistik, die immer sachlich und aufrichtig sein soll. Wir stehen erst am Anfang. Was von uns verlangt wird, ist, um es mit Masaryk zu sagen: Der Heroismus der Kleinarbelt, der langweiligen Arbeit. Sechs Jahre Zuchthaus für Rassenschande Aus Breslau: Die Strafkammer in Gl atz verurteilte den aus der Tschechoslowakei nach Deutschland gekommenen 30jährigen jüdischen Hausierer Paul Heimann wegen „Rassenschande" zu der bisher höchsten Zuchthausstrafe, die nach den Nürnberger Gesetzen verhängt wurde, nämlich zu sechs Jahren Zuchthaus. Fünf Jahre Zuchthaus für Bassenschaude Aus Nürnberg: Das Nürnberger Landgericht hat den 52jährigen Arthur Strauß wegen „Rassenschande" »zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt und die Höhe der Strafe damit begründet, Rassenschande sei ein „Angriff schwerster Art auf die Lebenagrund!- lagen des deutschen Volkes"; daher müßten alle Milcterungsgründe menschlicher Art bei der Strafberncssung außer acht bleiben,