Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 691 (5.10.1937)
- Date
- 1937-10-05
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 691 vom 5. Öktdber 1937 ME NEUE WEL Seite 3 M-ttf o * ^o/rf wi/n-MA.v«r FESTSPIELE Jm SCHWEDEN KINO (> Lstaäßj VttiTtUUNttN: (M) Ü3 [Ml MJ «M , ... . M , VORVERKAUF AB K>* UNUNTEKSROCMCN /) r UONELIAUTMOCE AAEtVTfi DOUGLAS m MJ&YAKD WPIINC* Seeteufel CEWAUK WIE MS MEER mok'fLBMM Der Teilungsplan wird ad acta gelegt England scheint genug davon zu haben - Vor neuen Vorschlägen! Von Dr. II. B o s e n b 1 u m, Tel-Avlv //Euiwanderang [ nadi Oesterreich" Es gibt hierzulande eine, Presse, die glaubt, ohne gelegentliche Seitenhiebe auf die Juden nicht ankommen zu können, Manchmal kommen Perioden, wo die Tageschröhik keinen Anlaß, zu antijüdischen Betrachtungen Bietet. Da muß man sich zu helfen wissen. Man greift zu „historischen" Begebenheiten; zu dem, Wäft einst war und wieder kommen kann. Man greift zu Erinnerungen. Da nun aber ein auf Antisemitismus geschultes Auge immer etwas erwischt, das sich 'aü agitatorischem Zweck verwenden läßt, kann beispielsweise das „Wiener Montagblatt« nur selten in Verlegenheit kommen. In der Rubrik „Muß das so sein?" finden sich fast allwöchentlich antjjüdische Glossen über Dinge, die angeblich zu der 'angeführten Frage berechtigen. Ueberaus pikant erscheint diese Frage in der 'Ausgabe des „Wiener *<fontagblattes" vom 4. Oktober, wo von einer jüdischen Bande erzählt wird, die polnische Juden gewerbsmäßig von der oder über die Tschechoslowakei ins weitere Ausland schmuggelt, wobei „die Mehrzahl dieser Geschmuggelten es wohl vorgewogen hat, gleich in Oesterreich zu bleiben." Die Zeitung stellt die Sache so dar, als würden die „auswanderungslustigen polnischen Juden" sich dieser Auswanderungsprozedur nur aus dem Grunde unterziehen, um nach — Oesterreich kommen zu können, dem heutigen Eldorado für diejenigen, welche eich eine wirtschaftliche Existenz aufbauen wollen. Die Zeitung will geradzu den Anschein erwecken, daß es in den Augen der emigrationsbedürftigen Juden dolens, Rumäniens usw. keine bessere Möglichkeit gibt äls Oesterreich und daß diese hier eingewanderten Juden dann die Träger aller unerfreulichen Erscheinungen des österreichischen Wirtschaftslebens werden. I, Hoher Markt - LichtenstegNr.4 Die Wirklichkeit sieht bekanntlich anders aus. Die jüdische Emigration aus Polen tendiert in erster Linie nach Palästina und, soweit dieses gesperrt ist, nach jenen Ueberseeländern. wo es Möglichkeiten für Handwerker und Landwirte gibt. Eine Einwanderung nach Oesterreich kommt überhaupt nicht in Frage. Wer nur ein wenig mit den gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnissen Oesterreichs vertraut ist, der weiß, unter welchen Schwierigkeiten die jüdischen Existenzen aufrechterhalten werden können: die kaufmännischen, die gewerblichen, die akademischen; der weiß auch, daß für spekulative Neugründungen im Aufbau Oesterreichs kein Platz ist; der weiß schließlich, daß die ständische Verfassung durch Errichtung der Zünfte irregulären Gewerbeausübungen den Weg verrammelt hat. Aus all dem ist zu ersehen, daß Oesterreich, bzw. Wien, auf keinen Fall'als Attraktion für Erwerbsbedürftige betrachtet werden kann. Im Gegenteil. Ein großer Teil der Wiener Judenschaft ist selbst auswanderungsbedürftig, Ein großer Teil der Wiener Judenschaft ist nicht in der Lage, den niedrigsten Lebensstandard aufrechtzuerhalten. Er ist auf die Fürsorge der jüdischen Gemeinde angewiesen, die ihrerseits bei Verringerung der Einnahmen und Steigerung der Ausgaben die größten Budgetschwierigkeiten zu überwinden hat. Die österreichischen Juden würden erstaunt sein, zu hören, daß einzelne ihrer ausländischen Stammesgenossen hierherkommen wollen, um sich eine Existenz zu errichten. „Die Mehrzahl der Juden hat es vorgezogen, gleich in Oesterreich zu bleiben . . .", erzählt das „Wiener Montagblatt". Es kann selbst schwerlich an diese Legende glauben. In ein Land zu ziehen, wo es .keine Wirtschaftslücken auszufüllen gibt, wo vielmehr die Sorge um die Installierung der eigenen Arbeitslosen besteht und wo alle Stellen, die öffentlichen und nichtöffentlichen, auf die Besetzung durch „Bodenständige" warten, in solch ein Land sich begeben, um sich eine Existenz zu errichten, heißt Selbstmord begehen wollen. Das wird doch das „Wiener Montagblatt" den angeblich hierher geschmuggelten Juden nicht unterschieben wollen. Nein. Das Blatt will irreführen, hetzen, seinen „artgemäßen" Lesern schmeicheln, sich für Oesterreichs Wohl besorgt zeigen. Hiefür ist eine böswillige Glosse in der Rubrik „Muß das so sein?" gut genug. Ich bin sonst kein Freund politischer Prophezeiungen. Man muß auf diesem Gebiete sehr vorsichtig sein. Es gibt aber Situationen, in denen weder Vorsicht noch Zurückhaltung geboten ist: man muß. Die Tatsachen sind so klar und die Folgerungen der „reinen Vernunft" so imperativ, daß man genötigt ist, „unvernünftig" zu werden und ein Wort der Voraussage zu sprechen. Zuletzt war ich — zwei Monate vor der Veröffentlichung des Peel-Berichtes — „unvernünftig". Es war zur Zeit, da die Enthusiasten für eine Teilung Palästinas zum erstenmal auftraten und Richard Lichtheim seine erste Rede zugunsten der Teilung im Aktionskomitee gehalten hatte. Lichtheims Hauptargument bestand darin, daß der Judenstaat seine gesamten Finanzressourcen in den ausschließlichen Dienst der jüdischen Sache stellen und uns davon befreien würde, die Araber direkt und indirekt zu finanzieren> .Dazu habe ich in einem Artikel in der palästinensischen Tageszeitung „Haboker" vom 10. Mai. d. J. (der Artikel ist seinerzeit auch in der „Neuen Welt" erschienen) Stellung genommen und u. a. folgendes ausgeführt: „Es ist zu bezweifeln, ob England es zulassen wird, daß in der Nachbarschaft des Judenstaates ein armer und hungriger Araberstaat seine elende Existenz fristet. Es wird zweifelsohne fordern, daß aus der Kasse des Judenstaates Mittel zur Entwicklung des Araberstaates flüssig gemacht werden, damit das berühmte Gleichgewicht zwischen beiden Staaten nicht verletzt werde. Auf diese Weise wird der Araberstaat durch jüdische Mittel aufgebaut werden." Diese Ausführungen haben mir damals seitens des Herrn Lichtheim ein sehr zweifelhaftes Komplirichtige Auflagen, für antiquarische allerbüligste Preise! Größte Auawahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst — Zeit spart, wer kauft im Schulbücher-Antiquariat Hermann Tuehner, Wien II« Ecke Tatoorstraße 32, Telephon B-41-4-20 ment eingetragen. Er erklärte, daß kein Mensch der Welt es je begreifen würde, daß die Kasse des Judenstaates mit dem Aufbau eines Araberstaates belastet werden könnte, und fügte hinzu, daß solche unvernünftige Vermutungen (im Original lautete der Ausdruck etwas schärfer...) nur dazu da seien, um die jüdische öffentliche Meinung zugunsten der Anti- Teilungskampagne zu beeinflussen. Und nach zwei Monaten, am 7. Juli 1937, stellte die Königliche Kommission in ihrem Bericht fest, daß der Judenstaat dem Araberstaat eine Kontribution (von der nicht einmal feststeht, ob sie e i n- oder mehr malig geleistet werden soll) zu entrichten hätte. Heute will ich wiederum eine Meinung aussprechen, von der ich glaube, daß sie wieder anfangs als eine unvernünftige Vermutung bewertet werden wird, um sich dann als Realität zu erweisen. Diese lautet: Der Teilungsplan wurde in Genf ad actagelegt. Ich schreibe das, nachdem ich sowohl die Genfer Beschlüsse als auch die Kommentare der führenden jüdischen Zeitungen gelesen habe, darunter auch den des Tel-Aviver „Haaretz", der in feierlichster Weise über die „historische Genfer Jom-Kippur-Nacht" und über die „künftigen jüdischen Generationen, die sie entsprechend einschätzen werden", schreibt. Ich glaube, daß es gescheiter wäre, die „künftigen Generationen" in Ruhe zu lassen, denn die Genfer Jom-Kippur-Nacht wird ihnen kaum in Erinnerung bleiben. In Genf ist, wenn nicht alle Zeichen trügen, der erste Schritt zur Liquidierung einer gewissen politischen Episode gemacht worden, deren Name „Teilung Palästinas" ist. Die jüdische Presse hat der Tatsache nicht genügend Bedeutung beigemessen, daß der Völkerbund es abgelehnt hat, die Teilungsthese prinzipiell anzuerkennen, wie es Eden in seiner Rede forderte. Gerade diesem Punkt widmete Eden einen wichtigen Teil seiner Rede. Wie das Britische Radio meldet, führte Eden aus, daß nicht nur England allein, sondern auch der Völkerbund verpflichtet sei, eine Lösung der Palästina-Frage zu finden und daß die britische Regierung nichts tun werde, solange sie der Zustimmung des Völkerbundes zum Teilungsvorschlag nicht sicher sei. Der Genfer Vertreter des ägyptischen „Ahram" fügt dem hinzu, daß Eden in seiner Rede die Grundforderung aufgestellt habe, der Völkerbund möge im vorhinein seine Zustimmung zum Prinzip der Palästina-Teilung geben, die allein imstande sei, England zur Ausarbeitung der weiteren Details des Teilungsplanes zu veranlassen. Er führte ferner aus, daß, nachdem die prinzipielle Zustimmung des Völker» bundes zur Teilungsthese vorliegen werde, England eine Kömmisaiön nach Palästina entsenden werde, deren Aufgabe es sein wird, mit den Juden und Arabern in Fühlung zu treten. Ungeachtet dessen wollte der Völkerbund seine Zustimmung zur Teilungsthese nicht erteilen. Er zog es vor, eine gewisse Zeit zu warten, bis alle politischen und wirtschaftlichen Perspektiven des Planes klarer in Erscheinung treten. Diese außerordentliche Vorsichtsmaßregel ist darauf zurückzuführen, daß Genf keineswegs an rosige Aussichten des Teilungsplanes glaubt, ohne Rücksicht darauf, wie die Details des Planes ausfallen werden. Der Völkerbund teilt hier vollkommen den Skeptizismus der Mitglieder der Mandatskommission, die, wie Van Asbeck, der Ansicht sind, daß „die Teilungsthese niemanden überzeugen könne, da sie auf einer ungesunden Grundlage fuße". Der Völkerbundrat ist von den Teilungsmöglichkeiten ebensowenig überzeugt, will infolgedessen nicht daß man ihn mit einer wenig überzeugenden politischen These identifiziert, deren Resultat ungewiß ist. Es sei seines Erachtens besser, daß England selbst die alleinige moralische Verantwortung für seinen zweifelhaften und widerspruchsvollen Plan übernimmt. Falls England den Wunsch hege, „weitere Forschungen über das Peel-Projekt anzustellen", so habe der Völkerbund nichts dagegen einzuwenden, die Mandatarmacht müsse aber dessen eingedenk sein, daß das Mandat in Kraft verbleibe „solange nichts anderes beschlossen worden sei". Bis zu jenem Augenblick sei der Völkerbund nicht in der Lage, seinen Namen mit den Gedanken des Lord Peel zu identifizieren. Die einzige Schlußfolgerung, die man daraus ziehen kann, ist, daß die englische Regierung diesmal in Genf eigentlich nichts erreicht hat. Auch ohne besondere Genehmigung des Völkerbundes steht der Mandatarmacht das volle Recht zu, soviele Forschungen anzustellen, als ihr genehm ist, ebenso wie dem Völkerbund zusteht, die Forschungsresultate zu bestätigen oder zurückzuweisen. Mit anderen Worten: Herr Eden kehrt nach London mit leeren Händen zurück. Es scheint aber, daß nicht nur der Völkerbund allein Skeptizismus in der Teilungsfrage hegt. Der Beschluß der M a n d a t a r m a c h t auf Entsendung einer zweiten Kommission nach Palästina zeigt, daß England selbst den aufrichtigen Wunsch hegt, die Angelegenheit ad calendas graecas hinauszuschieben, um sich aus dem Wirrwarr, in den es hineingeriet, herauszukommen . . . Anfangs wollte die englische Regierung offenkundig den Teilungsplan sozusagen „unter der moralischen Deckung des Völkerbundes" fallen lassen, um ihm die Verantwortung für das Scheitern desselben in die Schuhe zu schieben. Als sie aber gewahr wurde, daß eine derartige „Kooperation" nicht zu erreichen war, ergriff sie selbst die Initiative und beschloß, die Sache auf unbestimmte Zeit hinauszuschieben. Und das beste Mittel zur Hinausschiebung von Dingen ist bekanntlich „die Einberufung einer neuen Versammlung" (bei den Juden) und die „Entsendung einer neuen, Kommission" (seitens der Engländer). Auf diese Weise sind wir mit einer neuen Kommission gesegnet worden, deren Aufgabe es sein wird, mit den Juden und Arabern und ausgerechnet in Palästina zu verhandeln. Im Peel- Bericht findet sich kein Hinweis darauf, daß Kommissionen dieser Art ins Leben gerufen werden sollen, denn die Königliche Kommission selbst hatte bereits Gelegenheit, mit den Parteien in Fühlung z utreten, und warn die D e t a i 11 i s i e r u n g des Planes anbetrifft, so könnte dieselbe von der Regierung in London unter Hinzuziehung der entsprechenden Vertreter der interessierten Parteien sehr gut besorgt werden. Diese Prozedur wäre viel einfacher und hätte folgende Vorzüge: Die Diskus» sionen um den Teilungsplan würden gedrängter, die Straßenpropaganda in Palästina geräuschloser und die Realisierung des Planes rascher ausfallen können. Strebt man aber das Gegenteil dessen an, so entsendet man eben eine neue Kommission, und ausgerechnet in das von Leidenschaften erfüllte Palästina. Die Folge kann nur die sein, daß die Diskussion um den Plan und die Straßenpropaganda verschärft werden. Auch die in Erscheinung getretene Feindschaft von Aegypten undlrak gegenüber dem Teilungsplan wird durch eine derartige Kommission nur eine Ermuti-- g u n g erfahren. Und um die Sache noch mehr zu verwirren, beschließt man, die Entsendung der britischen Kommission zur Bestimmung der Grenzen beider Staaten b i s zum März 1939 zu verschieben. Warum? Die Ar\U wort ist einfach: Weil der Termin März 1939 zur Hoffnung berechtigt, daß bis dahin der Teilungsplan' von der zweiten Kommission unaktuell gemacht sein wird. Und falls der Plan trotz der: Tätigkeit der zweiton, dritten und aller ihnen nachfolgenden Kommissionen fortbestehen sollte, so wird seine Realisierung dadurch bis in das Jahr 1943