Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 690 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIB NEtlE WELT O v$ ä; J t % Nr. 690 vom 1. Oktober 193? SIEdM. KORNHEHL GROSSFLEISCHHAUEAEI Zentrale: IX., Bergpasse t9. Tel. A-17-3-99 u. A-16-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen für «^.Fleisch unter Aufsicht des Ehrwürdigen llabbinats der Isr Kultusgemeinde Wien Autozusteilung kostenlos IX. Berggasse 15 ✓ XVIII., Währlngerstr. 97 <■ die Kumt de* Juäeu m Uoien Nach dem Vortrag, den der Kunsthistoriker Dr. Otto Schneid (Wien- Warschau). Leiter der Kunstabteilung des jüd.-wissenschaftlichen Instituts in Wilna, am 26. September für die Jüd. Kulturstelle hielt. Die Juden hatten zu allen Zeiten einen Drang zu künstlerisch-schöpferischem Tun. Ihre diesbezüglichen Leistung in Polen vom 16. bis zum 18. Jahrhundert stehen denen anderer Völker an Kraft und Originalität nicht nach. Die jüdische Kunst in Polen war in hohem Maße Volkskunst; die Künstler blieben meist anonym, und nur aus den Stadt- und Dorfchroniken erfahren wir, daß die Schaffenden Juden waren; das jüdische Kunsthandwerk überwog damals so sehr, daß wir sogar annehmen dürfen, jüdische Kunsthandwerker und Künstler hätten nicht nur jüdische, sondern auch Aufträge von Christen ausgeführt. Den wesentlichsten Forderungen der jüdischen Gemeinden entsprechend, stand der Synagogenbau, die Architektur, in höchster Blüte. Die Bima, das Vorlesepult für die Thora, ist der Mittelpunkt der Versammlung; zum architektonischen Ausdruck ihrer zentralen Bedeutung wird der Zentralbau der polnischen Synagoge. Wir können heute deutlich seiner Entwicklung nachgehen; Schon bei der sonst ganz im Stil der Zeit erbauten Synagoge von Worms aus dem ersten Viertel des 12. Jahrhunderts ist sie ersichtlich, wo, zum Unterschied von den gewöhnlichen damaligen Bauten, Säulen in der Mittelachse erscheinen, zwischen denen die Bima steht. Dasselbe Bild kehrt bei der uns durch eine Zeichnung Albrecht Altdorfers überlieferten, bei einem Pogrom zerstörten Regensburger Synagoge aus dem 13. Jahrhundert und später in Prag wieder. So führt uns die Entwicklung in die Alte Schul nach Krakau, wo, ähnlich wie in Prag, die Bima noch schmiedeeisern ist. Erst 1595, bei der Synagoge von Przemysl, wird von den Juden in Polen der entscheidende Schritt getan, die vier Stützen um die Bima als die eigentlichen Träger des Gewölbes aufgefaßt, der erste Zentralbau geschaffen. Man darf nicht übersehen, daß dies fast zu gleicher Zeit mit den Zentralbauten in Italien geschieht. Es entwickelten sich verschiedene Typen: die vor allem außen verschiedenen Festungssynagogen; der Neunfelderbau mit neun regelmäßigen Gewölbefeldern; die Holzbauten. Bei diesen verlohnt es sich, zu verweilen. Ihre durchaus materialgerechte Behandlung, ihre polyforme Gestaltung, der barocke Aufbau und insbesondere der überzeugende, hohe Stimmungsgehalt des Innenraumes sind hervorzuheben. Sehr beachtenswert ist an ihnen die chinesischen Tempeln so verwandte Wirkung, die sich noch durch den Vergleich von Einzelheiten bestätigt; auch finden sich, abgesehen von den rein baulichen Uebereinstimmungen, vielerlei Hinweise auf_ Zusammenhänge mit der chinesischen Kunst bei der Ausstattung des Innenraumes. Von hundert Vorhängen des Aron-hakodesch, wo die Thora aufbewahrt wird, zeigen neunzig am Mittelfeld chinesische Motive. Der Rand der Wandspiegel, die das Licht reflektieren, ist ganz ähnlich ornamentiert wie die Rückseite chinesischer Spiegel. Heute können wir diese Uebereinstimmungen und Zusammenhänge zwischen der ostjüdischen und der chinesischen Kunst nur registrieren; zu fragen, wie es dazu kam und welche Bedeutung dies für die Entwicklung des Barockstiles in Europa gehabt haben mag, bleibt späteren Untersuchungen vorbehalten. Neben der Architektur, und in erster Linie ihr dienend, entwickelten sich eine vorerst noch sehr prirative, aber ausdrucksstarke Malerei und ein üppiges Kunstgewerbe. Es ist ganz unmöglich, hier im Rahmen eines kurzen Berichtes auf Einzelheiten einzugehen, es mag nur betont werden, welch reiches Gebiet hier noch für die vergleichende Kunst- und Kulturforschung vorliegt. Einige Problemstellungen können dies illustrieren: Geht das der ostjüdischen Kunst und dem Barock gemeinsame Motiv der gewundenen Säulen auf eine gemeinsame Wurzel zurück, hat die ostjüdische Kunst es dem Barock oder das Barock es jener entlehnt? Sind ^Ue stets wiederkehrenden Lappen des Kaporet, des Lambequin am Aron-hakodesch, von den Zelten Zentralasiens übernommen? Nimmt der vegetativ entwickelte Chanukaleuchter die Tradition des Weltbaumes auf und entsprechen die ursprünglich sieben Leuchter den sieben Planeten, wie Rachel Wischnitzer- Bernstein meint? Und birgt die kandelaberartige Fassung des Lebensbaumes, verbunden mit dem Granatapfelmotiv, wie sie häufig auf Grabsteinen vorkommt, eine ander Fassung des Phallusmotivs, Ueberwlndung des Todes und ewiges Ißben verbeißend? Viele. Rätsel tun sich uns auf, deren Lösung au? unsere eigene Geschichte und die Menschheitsgeschichte überhaupt neues Licht werfen kann. Von lebendigster Bedeutung ist für uns die moderne Kunst der Juden in und aus Polen. Ihre Blüte fällt in unsere Tage. Vor zwanzig Jahren noch malte Mauricy G o 111 i e b historisch-romantisch mit theatralischem Zug, auch wenn er schon viel eigenes Erleben hineinlegte. Sein Bruder Leopold aber, der 1934 starb, schuf Bekenntnisse seiner selbst, ausdrucksgeladen. Marek Schwarz formt expressionistische Metallplastik; S u t i n malt eine Kirche wie ein gehetztes Lebewesen, ganz dynamisch; Jacques Lipschitz ist ein Künstler des Abstrakten; Alexander Riemer malt abstrakt mit lyrischem Zug; das Abstrakte mit dem Konkreten verbindend, malt Appelbaum. Das Expressionistische hat seine Wurzeln in den Malereien der jüdischen Holzsynagogen, das Abstrakte war seit 800 Jahren die Stärke der Sephardim. Sehnsucht, die anders als durch Abstraktion jenseits der Wirklichkeit ihr Ziel findet, klassizistisch, malt Georg Merkel; die Sehnsucht nach dem Schönen, mit dämonischer Expression vereint, zeigt M e n k e 1, vielleicht der Stärksten einer. Die Kunst der Juden in Polen, aus alten und starken Quellen gespeist, innerlich und voll Ausdruckskraft — so steht sie heute wieder, ebenbürtig jeder anderen, vor uns. Wir sollten sie besser kennen, sie hätte uns sehr viel zu geben. Dr. Georg Berger. pM mit'* U Ein Mali-Picon-Film Ein wenig befangen sitzt man vor der Leinwand, auf der der „erste jiddische Tonfilm" abrollen soll. Erfahrungen mit „ersten" Dingen auf anderen Gebieten mahnten zu Vorsicht und Zurückhaltung, zumal hier Kräfte wirkten, die bisher nur beim Theater tätig waren, und die Tücken, denen die Branche „Film" untersteht, allbekannt sind. Mali P i c o n, die jüdische New-Yorker Soubrette, der man als Bühnenstar soviel Wohlwollen entgegenbringt, wirbt im Tonfilm um die Gunst ihrer Freunde. Wie wird das werden? fr- Warschau, als das europäische Zentrum des jüdischen Theaters, hat das Experiment gewagt. Die paar Schauspieler, die man braucht, waren bald gefunden: Bozik, Lonek Liebgold, Simon Fostel, Simche Natan, D. Faklel. . . . Die Musik schrieb Picons amerikanischer Leibkomponist A. EHsteln. Man machte nicht viel Umstände, ging los. Und gerade so war's gut. Wozu all die Technik, die Tricks, die Kulissenbauerei! Man wollte ja nichts anderes als ein Stück ostjüdischen Lebens einfangen, das an sich so viel Tränen und Lächeln, soviel — Melodie enthält. Und da die polnische Landschaft vorhanden war und das jüdische Städtel und die Poesie der Landstraße, wie wir sie aus den stummen Filmen Charlie Chaplins kennen, bedurfte es nur mehr eines solch relzen- Ein Beispiel von vielen 29 ModeaiSlippe&> «aut mu» aus engl, gemusterten Stoffen, ganz K.-Seide gefüttert und watteliert ............S nur ll,Taborsiraße48 den Geschöpfs wie der Mall PIcon, Ihrer runden schwarzen Augen und Ihrer anderen Rundungen, um etwas zustande zu bringen, das Herz und Hirn in gleicher Welse erfaßt. Ein lieber, angenehmer, unterhaltender FHm. * Lieb, angenehm, unterhaltend, weil die Produzenten auf den Kitsch des Milieus verzichteten, uns nicht mit folkloristischen Detuils ermüdeten, das Spaßige der Situationen vor allem Derben bewahrten Jidl mit'n Fidl, das ist der kleine jüdische Musikant, der in Begleitung des „Naturorchesters" Klarinette und Cello auf der Landstraße, In Dörfern und Höfen und bei Hochzeiten spielt, besonders hier bei der Chassenc im Stadt 1. Wir begleiten unsere Musikanten dahin und dorthin, fUhlon ihre kleinen Freuden und großen Plagen mit, folgen der Poesie der Landstraße. „Jidl mit'n Fidl" ist die Ballade vom fahrenden jüdischen Musikanten, ebenso einfach wie rührend, ebenso wahr wie gedichtet. Freuen wir uns, daß es im schweren Leid des ostjüdischen Lebens so etwas wie ein Bohcmientum gibt; Juden, die — den Himmel über sich und die Strohschicht unter sich — lachen und singen und musizieren können, Gottes unschuldige Kinder . . . Ich muß sagen: Wenn der Film nicht mehr gezeigt hätte als die Wirklichkeit dieses Zigeunerlebens, wäre sein Zweck erfüllt. Alle kritischen Einwände treten vor diesem Vorzug zurück. * Mall Picon hat vom ersten Augenblick an die Sympathien auf Ihrer Seite. Sie singt, hüpft, schmachtet, zeigt sich in einer großen Bühnenszene als bravouröse Schauspielerin, erinnernd an Sevilla Pastor, die sie abzulösen bereit ist. Nochmals: Freuen wir uns, daß es beim jüdischen Menschen des Ostens in all dem Jammer noch Sorglosigkeit gibt und In-den-Tag-Hineinwandcrn — und das Loben von Gottes schöner Welt. o. r. 121^ Vortrag Nahum Goldmann. Dem Ring der A.-H.- Verbände der zionistischen Verbindungen ist es gelungen, den Vertreter der Jewish Agency beim Völkerbund, Herrn Dr. Nahum Goldmann, für einen einmaligen Vortrag zu gewinnen. Dem Vortrag, der die Palästina-Frage unter dem Titel „Palästina — ein Weltproblem" behandeln wird, wird größtes Interesse entgegengebracht. Dr. Goldmann hat soeben an den Verhandlungen de3 Völkerbundes in der Frage der weiteren politischen Gestaltung Palästinas teilgenommen. Er wird daher in der Lage sein, das außerordentlich aktuelle Thema in informiertester Weise zu behandeln. Der Vortrag findet Dienstag, den 12. Oktober 1937, 8 Uhr abends, im Großen Musik-» vereinssaal statt. ^^^A^-^B^-^B^^^^^^^^^^Q^^^^^-^^^^-^^-^gV^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^^K Ein Gordin* Volksstück in den Jüdischen Künstler spielen Gastspiel des Morris-Schwartz-Ensembles Das jUdische Theaterpublikum, dem der Name des jtidl« Sehen Bühnenschriftstellers Jakob Gordin aus zahlreichen Auf* fUhrungen („Gott, Mensch und Teufel", Mirele Efros", Kreuzen sonate") bekannt ist, war zweifellos erstaunt über „E s t e r k e", das zurzeit vom Morrls-Schwartz-Ensemble in den Jüdischen; Künstlerspielen aufgeführt wird. Dieses "Volksstück widerlegt die! Vorstellung von Gordins nüchterner Stuckkonstruktion: hier Ist mehr Farbe, mehr Stimmung, mehr Poesie als sonst bei Gordin — allerdings Infolge der Regle M. Llpmane, der mit großem Geschick die musikalische Untermalung von M. Xubetzky verwon* det. Dadurch bekommt das Stück etwas Balladeskes und gibt diel Möglichkeit reicher theatralischer Entfaltung. Eny Liton als" Esterka, als die zur Heirat mit einem ungeliebten Mann ge~< zwungene und schließlich in trüber Umnachtung zum Schacht« messer greifende jüdische Frau, zeigt diesmal ihr Talent In seinem! ganzen Umfang. Heiterkeit, Trauer, Tragik — alle Zwischen- und Mitteltöne stehen Ihr zu Gebote. Der Gatte M. L I p m a n was ein prächtig brutaler, dabei nicht unsympathischer Gatte, wälH rend die anderen Gäste J. Grudberg und Natalja IlpmaQ die Aufgabe hatten, dem Zauber des Milieus zu dienen. In dem bravourös gespielten Stück wirken vom Haus-< ensemble CIUI Bell und Erika Schön sowie B. Sigal und A. Bell verdienstvoll mit. Die sehenswerte Aufführung verdient die An-« erkennung des Publikums und der — Kritik. —Id. Erstklassiger -„-. Klavierunterricht bei staatlich geprüfter Klavierpädagogin, Spezialistin für Kinderunterricht Schülerkonzert. Zeitgemäßes Honorar Gerda Mühl stock, Wien VIII, Buchfeldgasse 19 I. Stiege, II. Stock, Tür 5 Telephon B-47-8-43 Zirkus Busch int RenzaGehäude Eroffnungsprograram des Zirkus-Busch-Varietes. Heute Freitag eröffnet der Zirkus Busch im R e n z - G ebäude seine diesjährige Varietespielzeit mit einem großen internationalen Repertoire. Da finden wir zunächst die Brüder R a s s o, die sich auf Hochrädern produzieren. Die C a w a 11 i n i s zeigen unter dem Titel: „Kleine Hunde — große Künstler" einen reizenden Dressurakt. Emil Klings bringt radfahrende Schimpansen. Natal ... ein großes Fragezeichen. Es soll daher das Geheimnis, das sich hier zunächst verbirgt, nicht verraten werden. Don Del Monte gilt als Amerikas bester Drahtseilkünstler. Die Aicardies bringen einen humoristischen Jongleurakt. Sieben aus Tokai, ungarische Artisten, bringen ihren Wirbelwindakt, und /lie Sieben Lucky-Girls kommen aus China und zeigen Equilibristik. Die weltberühmten spanischen Clowns Barracetas sind „die" Clowns und mit ihnen ist natürlich auch ihre bekannte musikalische Ente. Die Fünf Colorados werden ©inen stilechten Cowboyakt zeigen. M a n e 11 i bringt exzentrische Akrobatik. Und die zwei Aldons bringen einen nervenaufpeitschenden Balanceakt in schwindelnder Höhe . . . Sechsunddreißig Artisten aus zehn verschiedenen Ländern, dazu zwei Dutzend Tiere, werden um die Gunst der Wiener Freunde der Artistik werbeaA