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Die neue Welt · 1937-10-01 · Heft 690 (1.10.1937) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 690 (1.10.1937)
Date
1937-10-01
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seit« i DIE NEUE WELT Nr. 690 vom 1. Oktober 1Ö37 l c Arabischer Mordterror gegen Engländer Die Erwartung, daß die extremistischen Araber endlich die blutigen Exzesse einstellen werden, nachdem dl© Palästina-Administration ihre unzähligen Terrorakte ohne nennenswerten Widerstand hingenommen hatte, hat «ich nicht erfüllt Gerade die Lässigkeit der palä*ttnensischen Behörden hat bei den Arabern den Glauben erweckt, daß sie sich alles erlauben dürfen. In der ersten Zeit galten die Angriffe vornehmlich den Jude n. Jetzt hat sich die Situation geändert. Die blutige Saat ist aufgegangm: Die letzten arabischen Mordtaten wurden fast ausschließlich an Engländern begangen. Auch einige arabische Efendis, die zu den gemäßigten Etementen gehören, waren die Opfer der terroristischen Akte. Die J. T. A. meldet! hierüber aus Jerusalem: Die schwerwiegendste der Mordtaten, die gewiß Auch weittragende Folgen haben wird, ist die Ermordung des britischen Kommissärs des Nazareth-Distrikts, Lewis Andrews, und des ihn begleitenden britischen Polizei- Beamten McEwan. Dieser Doppelmord hat sich wie folgt zugetragen: Der Distriktskommissär von Galiläa. Lewis Yelland Andrews, wohnte am Sonntag Vorabend als offizieller Vertreter des High Commissioner Sir Arthur Wauchope dem Gottesdienst in der anglikanischen Kirche in Naz a r e t h bei. Als er, seinem Range gemäß, als Erster die Kirche verließ, traten drei maskierte Araber aus der wartenden Menge hervor und gaben gegen ihn, den Ihn begleitenden stellvertretenden Distriktskommissär P i r i e- G o r d o n und den Führer der Leibgarde, den Polizeiunteroffizier Peter Robertson McEwan, mehrere Schüsse ab. Andrews starb auf der Stelle. McEwan erlag eine halbe Stunde später seinen Verletzungen. Pirie- Gordon blieb wie durch ein Wunder unverletzt. Sämtliche Schüsse wurden aus nächster Nähe abgegeben. Trotzdem gelang es den drei Terroristen, zu entkommen. Die Ermordung Andrews', eines der populärsten britischen Beamten in Palästina, hat in ganz Palästina tiefe Erregung hervorgerufen. Der Belagerungszustand wurde über das ganze Gebiet verhängt. Unter den arabischen Terroristen und den sie unterstützenden Kreisen wurden zahlreiche Verhaftungen vorgenommen. Insgesamt ist die Zahl der Verhafteten im Zusammenhang mit diesem Doppelmord 150. Man vermutet, daß hinter diesem Doppelmord wieder jene Terroristenorganisation steht, die von der mysteriösen Persönlichkeit „Der Wolf" geführt wird; diese Organisation steht in engster Verbindung mit Fauzi el Kaukadyi, dem Anstifter und Führer der Araberrevolte des vergangenen Jahres. Auch Araber müssen daran glauben Am 26. September wurden zwei reiche Efendis von arabischen Terroristen in Ihren Häusern ermordet. Einer der Ermordeten ist der reiche christliche arabische Gutsbesitzer Said Awad Klioury im Dorfe Mul bei Nazareth, der zweite Ist der Scheich Mohammed Ibrahim im Dorfe Damun bei Akko. Sowohl Khouxy als auch Ibrahim hatten vor kurzem Boden an Juden verkauft, man nimmt an, daß die Morde aus diesem Grunde vollfunrt wurden. Eine bewaffnete arabische Bande versuchte, in der Nacht in die Anlagen der Heißen Quellen von Tiberias einzudringen. Sie wurde von dem jüdischen Wächter vertrieben, wobei mehrere Schusse gewechselt wurden. Die gleichen Terroristen drangen nach diesem miß lungenen Anschlag in da« das Grab des Rabbi Meir Baal H a n e s s einschließende Gebäude In Merom bei Tiberias ein, schlugen Türen und Fenster ein, zerstörten die Innen einrichtung und vernichteten dabei die reichhaltige religiöse Bibliothek. In Tel-Äviv wurden acht jüdische Kommunisten verhaftet und summarisch zu je einem Jahr Gefängnis auf Grund des Gesetzes zur Hintanhaltung von Verbrechen verurteilt. Prämie für Ermittlung der Mörder Für die Ermittlung der Mörder Andrew»' hat die Palästina-Regierung die bisher in solchen Fällen höchste Summe von 10.000 Pfund ausgesetzt. Die im Zusammenhang mit dem Mord verhafteten etwa 150 Araber wurden in das Konzentrationslager bei Akko eingeliefert. Die arabischen Zeitungen protestieren gegen die Verhaftungen. Der Oberste Arabische Ausschuß beschloß, bei der Mandatsregierung In London Protest einzulegen. Gibt es noch Hawlaga? Von Meir Groß mann Im Verlauf des wiederaufgeflammten arabischen Terrors wurden einige Juden von Arabern erschossen. Da unmittelbar nach diesen Morden mehrere erschossene Araber aufgefunden wurden, wurde da und dort der Verdacht laut, daß es sich um Revancheakte jüdischer Hände handele. Die palästinensiche Polizeibehörde hat bisher in keinem der beiden Fälle des Mordes verdächtige jüdische Personen festnehmen können. Zu den Fragen, über die man sehr schwer eine Debatte in der Oeffentlichkeit führen kann, gehört auch, die H a w 1 a g a (Zurückhaltung) gegenüber dem arabischen Terror oder, wie man seit kurzem in Palästina sagt: Kibusch hajezer — Selbstbeherrschung; zumal es viel leichter ist, für die Hawlaga als gegen sie zu sprechen. Allerdings: Wer kann leugnen, daß, an einem unschuldigen Menschen für die Sünden anderer Rache zu nehmen, eine schwere moralische Schuld ist? Aber eine einseitige Diskussion über solch ein Problem ist gewiß nicht dankbar und gewiß nicht zulässig. Wenn jemand sich offen für Hawlaga unter allen Umständen ausspricht, kann man von Andersdenkenden, und insbesondere von jenen, die ihr Leben in Gefahr setzen, nicht verlangen, daß sie schweigen. Wenn ich sage ,,aussprechen", so meine ich nicht jene formellen und offiziellen Erklärungen, welche von führenden Instanzen in Zeiten schwerer Zusammenstöße abgegeben werden. Aber ein Teil der zionistischen Führer und einige Rabbiner haben letztens in dieser Angelegenheit ein gänzlich überflüssiges Tun und Reden an den Tag gelegt. Sie haben das Gebot des Schweigens gebrochen und überdies noch einen schweren Verstoß gegen die nationale Solidarität damit allein schon begangen, daß sie durch ihre Worte indirekt eine jüdische Verantwortung für die Morde an den Arabern in die Welt gesetzt haben. Sie halten der jüdischen Jugend Erez Israel Strafpredigten, als hätte diese gegen die Ehre und die Interessen des jüdischen Volkes gehandelt, Glaubt man ernstlich, daß man auf jemand wirken oder jemanden beeinflussen wird, anders zu handeln? Oder glauben vielleicht die Strafprediger, daß die nichtjüdische Welt uns Anerkennung zollen wird für unsere noble Geste? Nicht genug daran, daß die Tel-Aviver Rabbiner Amiel und Usiel — wer hat sie zur Einmischung genötigt? — verlangt haben, man möge auf diie Jugend einwirken, daß sie die Racheakte einstelle, hat auch noch das Mitglied der Zionistischen Exekutive, Mosehe Shertok, eine „große Rede" gehalten, zürnend der unverantwortlichen Jugend und drohend vor schweren „Konsequenzen". Ein bißchen zuviel Noblesse und Uebereifer in einer Zeit, wo jüdischerseits Opfer um Opfer fallen! Maß und Takt kann man von verantwortlichen Politikern verlangen. Ein Volk kann nicht immer so utilitaristisch und rationalistisch sein, so «ewekbedacht und von harter Vernunft regiert, daß es auf dem Altar „realer Interessen" alles opfert — sogar seine Ehre und den natürlichen Instinkt für Selbstschutz. * Die ersten sechs Monate der palästinensischen Unruhen vom Jahre 1936 war ich für die Hawlaga. Jeder vernünftige Mensch hat in der außerordentlichen Selbstbeherrschung des Jischuws, in seiner Disziplin, in seiner einheitlichen Stellung gegenüber dem Feind den Eindruck größten Heldentums gefunden. Der arabische Aufstand hatte die Hauptaufgabe, den jü d is c h e n ökonomischen Organismus zu zerstören, die Juden auszuhungern, sie von der Welt abzuschneiden. .Die Araber, wären unter allen Umständen an den Unruhen interessiert. Die jüdischen nationalen. Interessen lagen aber anderswo. Es war wichtig, unbedingt das jüdische gesellschaftr liehe und ökonomische Leben zu erhalten; auf keinen Fall eine Panik oder einen wirtschaftlichen Zusammenbruch zuzulassen. Mehr noch: Es war notwendig, das Boykottmoment auszunützen, um tausende jüdischer Arbeiter ins Dorf und aufs Land zu verpflanzen. Die Araber streben nach dem Chaos — wir nach Ordnung, nach einem freien Verkehr zwischen unseren Wirtschaftspositionen, nach Licht in den Straßen, sogar nach Musik in den Cafes — so dachte der Jischuw und setzte seine Arbeit fort. Zwei Kampfmethoden stießen aufeinander — und als Siegerin ging die jüdische hervor. Anstatt Auswanderung, wurde der Strom der Einwanderung erhalten, anstatt wirtschaftlichen Zusammenbruches —fast eine Prosperity auf dem Lande; anstatt in Jaffa — ein Hafen in Tel-Aviv! Es hat sich gelohnt, wenn es überhaupt gestattet ist, menschliche Opfer und wirtschaftliche Erfolge mit gleichem Maß zu wägen . . Der gesunde Sinn des Volkes, desganzen Volkes, hat die Richtung des Handelns vorgeschrieben. Und man soll uns heute nicht erzählen, daß irgend jemand anders auf den Terror reagieren wollte, und man es nicht zugelassen hat. Unleugbar hat auch das moralische Moment eine wichtige Rolle gespielt. Es ist nicht so leicht, eine jüdische Hand zum Blutvergießen zu bewegen, besonders das Blut unbekannter, unschuldiger Menschen. Der Jischuw hat im Jahre 1936 vor d^r Welt nicht seine Schwäche demonstriert, sondern «eine geistige und organisatorische Stärke. Und die Welt hat diese Haltung richtig einzuschätzen verstanden. Man hat Respektkommen vor der moralischen Kraft des Jischuws. Und dieser Faktor wurde zweifellos dem jüdischen Aktivum in der Rechnung mit England und der Welt gutgeschrieben. * Aber das, was im April bis Juli 1936 gut und richtig war, hatte August und September keine Be< Kaufet Schulbücher neu und antiquarisch in der BücherstubeRath&Co. Wien II, Tabofftf. 20 a / Telephon R-45-J05 Ankauf und Umtausch antiquarischer Bucher tu höchsten Prefsfln! Modern* l«lhblbllotti«k / All« Neuerscheinungen Monatsgebtthr S 1.10, kein« BaitdflttbOHl», »glich Umtau«ch, od. Monatagehuhr % 1,«0 u. 10 Groschen Randgebflhr Modernes Sortiment und Antiquarlot Judaica und Hebraica rechtigung mehr. Der arabische Angriff hatte sein© ökonomische Spitze verloren. Er wurde faktisch gebrochen. Der Terror wurde ein Spiel in den Händen von Räubern und Banditen. Die Araber begannen, sich einzureden, daß sie alles tun könnten, was ihnen paßt. Die Juden würden ohnehin schweigen — entweder aus taktischen Momenten, oder aus Angst. Die jüdische Geduld ist inzwischen zu Ende gegangen. Die Hawlaga hat ihren Sinn verloren. Mehr noch: Sie hat begonnen, direkt demoralisierend zu wirken, indem sie den stolzen Geist der Jugend untergrub. Man sagte: Gut, Hawlaga, aber wie lange? Gut, Selbstbeherrschung, aber um wessentwülen? Mit bloß verstandesmäßigen und politischen Motiven kann man bei einer Jugend, welche wir selbst im Geist stolzer Wehr erzogen haben, den Tatendrang nicht ersticken, wie groß dabei auch die Gefahr für die Gesamtheit sein mag. Gerade in diesem Moment ist die Hawlaga gestorben — sowohl als politische Taktik als auch als moralische Haltung. Und als ich vor einem Jahr auf der Sitzung des Aktionskomitees in Zürich ausrief: „Die Hawlaga ist gestorben!", hat keiner der ewigen Moralprediger gegen diese unfromme Erklärung seine Stimme erhoben. Vielleicht deshalb, weil im Herzen eines jeden wiederum das Feuer der Selbstwürde und der Zorn der Rache aufgeflackert ist. Denn wie lange kann man Leid ertragen? * Ich wiederhole: Wir wissen nicht, von wem die Araber erschossen worden sind. Es ist nicht unsere Aufgabe, jemanden zu verdächtigen. Die englische Administration wird schon das ihrige tun. In den Fällen, wo man Juden in Kriminalaffären hineinziehen kann, beweist sie viel Eifer und Energie! Es ist gewi$ nicht die Aufgabe der jüdischen Politiker oder Rabbiner, mit Winken dem Verdacht der palästinensischen Behörde zu dienen. Sind die Juden verpflichtet, immer in weißen Unschuldskleidern einherzugehen? Darf es bei uns keine jungen Menschen geben, deren Blut heißer ist als das der Führer? Oft ist Schweigen das oberste Gebot der Stunde. Schade, daß Männer, die mit diesem Rat zu anderen kommen, nicht einmal ihren eigenen guten Ratschlägen folgen. Pensionat für jüdische Mädchen in Wien Für das Schuljahr 1937/38 werden jüdische Mädchen aufgenommen. Nachhilfe In allen Fächern, Sprachen- und Musikunterricht wird gewährleistet. Liebevolle Behand* hing, Familienanschluß, erstklassige, rituelle Kopt, mäßige Preise, beste Referenzen. — Jüdisches Mädchenpensionat, Wien, Tl., Lasslngleithnerplatz2/12 (R. Feder). Referenzen: Rechtsanwalt Dr. T. Feder. Eine Antwort auf Terror ist schließlich nicht mehr als eine Form der Abwehr. Von neuen Ueberfällen abschrecken oder für die alten bestrafen — ist auch ein Mittel des Selbstschutzes. Das wird kaum jemand bestreiten. Darum ist es unbedingt erforderlich, daß beim Jischuw in Fragen des Schutzes, der Hagana, Einigkeit und Einmütigkeit herrschen. Für mich ist eines klar: Die Hawlaga ist gestorben und wird nicht wieder auferstehen. Sie hat abgedient, ist nicht mehr aktuell. Sie ist nicht mehr wirksam. Möglich, daß die leitenden Instanzen sie für gut halten oder sich an sie halten müssen. Das ist ihre Sache. Niemand wird ihnen einen Vorwurf machen. Sie verteidigen eine Front, die von innen und außen angegriffen wird. Aber deswegen braucht niemand seinen Mund zum Tadel oder zur Verteidigung jener jüdischen Hände (wenn es wirklich jüdische Hände waren) zu öffnen, die unter Lebensgefahr eine Antwort auf die mörderischen Ueberfälle gegeben haben. Bruch der nationalen Disziplin oder deren Einhaltung — das steht nicht auf der Tagesordnung. Darüber wird man noch reden. Schafft nicht Bedingungen, unter denen man die Disziplin brechen muß. Im gegenwärtigen Moment handelt es sich um eine andere Frage: Sollen wir uns schämen, oder es bedauern, oder uns beschuldigen wegen der Handlungen der Rächer, wenn es wirklich Juden waren? Ich glaube nicht, daß irgend ein Jude, gar ei« stolzer, nationaler Jude, in seinem Herzen die Antwort niederdrücken wird: Wir haben uns unserer Jugend nicht zu schämen. Und die Welt? Die Moral? Die Reinheit unseres Kolonisationswerkes? Es genügt, Umschau zu halten, um sich statt einer Antwort mit einem bitteren ironischen Lächeln su begnügen. i

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