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Die neue Welt · 1937-09-24 · Heft 689 (24.9.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 689 (24.9.1937)
Date
1937-09-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 689 vom 24. September 1937 Emil Hutter m JSiUees Humid „Vater, darf man lügen?" ,,Gott bewahre, mein Sohn. Wer lügt, entweiht den Namen des Ewigen. Wie kannst du so etwas .ragen?" „Ich meinte ja, ob man zu einem guten Zweck lügen darf." „Auch das nicht. Jede Lüge ist eine Sünde. Sage mir aber jetzt, an welchen guten Zweck du gedacht hast." „Wenn mich die Mutter fragt, was ich mit den Kreuzern mache, die ich von ihr oder von dir oder vom Großvater manchmal bekomme, dann sage ich ihr, daß ich mir Zuckerwerk oder Aehnliches dafür kaufe. In Wirklichkeit aber lege ich die Kreuzer zusammen, um sie zu ihrem Geburtstag mit einem Geschenk zu überraschen." Reb Leiser lächelt und streicht mit zärtlicher Hand über die Wange seines Sohnes. „Nun, diese Sünde ist nicht zu arg. Meide sie dennoch, die Wahrheit ist immer das Beste." — In einem kleinen Städtel, wo einer dem anderen in die Fenster guckt, wo man genau weiß, was der Nachbar verdient, was er zu Mittag gegessen hat, wie er mit seiner Frau lebt, wann er sich ein Paar neue Stiefel machen läßt, da ist es nicht leicht, die Leute zu täuschen. Darum muß man auch das Ansehen, das Reb Leiser genoß, richtig einschätzen, und verstehen, was es bedeutet, wenn es von ihm hieß: „Sein einfaches Wort gilt mehr als eines anderen Eid; er hat in seinem ganzen Leben noch nie gelogen." * . Einmal ist aber auch Reb Leiser von seinem Grundsatz der strengen Wahrheitsliebe abgewichen; freilich tat er damit nichts Arges, sondern diente „einem guten Zweck". Vielleicht hätte er im Laufe der Zeit auch das Ganze vergessen, würde nicht der goldene Armreif, den sein Weib Rachel mit ihren anderen Schmuckstücken an Sabbat- und Festtagen oder sonstigen feierlichen Gelegenheiten anlegt, ihn ständig daran erinnern. Denn diesem Armreif gilt die folgende Geschichte: Eines Tages beschloß Reb Leiser, in die Nachbarstadt zu fahren, um einen säumigen Schuldner aufzusuchen, der schon lange nichts von sich hatte hören lassen. Im fahlen Dämmerlicht eines kalten Wintermorgens stand der gemietete Schlitten vor der Tür; Reb Leiser, fest eingehüllt in den dicken Pelz, die Fellmütze tief über die Ohren gezogen, nahm neben dem Kutscher Platz, Stroh und warme Decken schützten die Beine und so konnte man ohne Sorge die Fahrt wagen. Nach wenigen Stunden war das Ziel erreicht, der Wagen im Einkehrgasthof eingestellt und Reb Leiser stapfte durch den tiefen Schnee zur Wohnung seines Schuldners. Dort entspann sich erst eine lange Auseinandersetzung, denn wenn einer nicht zahlen will, so weiß er trotz aller klaren Abmachungen Hunderterlei vorzubringen. Manch hitziges Wort fiel, manch Gläschen Branntwein wurde geleert — denn schließlich ist auch der Gläubiger ein Gast, den man ehren muß — bis endlich Reb Leiser sich als der Stärkere erwies: Seufzend ging der Schuldner über den Wandschrank und stapelte ein paar Rollen Silbergulden vor Reb Leiser auf, die dieser nach sorgfältigem Nachzählen und gültiger Quittung zu sich steckte. Gutgelaunt begab sich Reb Leiser zum Einkehrgasthof. Wer freut sich nicht, wenn er statt der erwarteten Abschlagszahlung die ganze Forderung beglichen erhält? Da klopft ihm jemand auf die Schulter; er dreht sich um und erkennt Mendel, den Schneider. Man begrüßt sich, man erkundigt sich nach Befinden und Geschäftsgang und schließlich lädt Mendel den Bekannten ein, auf einen Sprung in seinen Laden zu kommen, — er müsse ihm dort etwas Schönes zeigen. Es ist dies ein Pelzmantel, wie es weit und breit keinen zweiten gibt. Den Umhang bildet feinste« Brünner Tuch, das bekanntlich ewig hält; als Pelzfutter dient das weichste, zarteste Astrachan, das warmhält, ohne auf die Schultern zu drücken. Der Kragen? Russischer Biber von unverwüstlicher Schönheit und Dauerhaftigkeit, das Beste vom Besten. Kein „Puritz" brauchte sich eines solchen Mantels zu schämen. Da nun aber der Besteller plötzlich abgereist ist, ohne sich weiter um den Pelzmantel zu kümmern, kann Reb Leiser ihn um einen lächerlichen Betrag, um einen wahren Spottpreis bekommen, ein Gelegenheitskauf, der nicht wiederkehrt. Er möge wenigstens probieren, ob ihm das Stück paßt. Und es paßt wie angegossen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Reb Leiser war ein stattlicher, hochgewachsener Mann; seines vorteilhaften Aeußereri wohl bewußt, man kann schon ruhig* sagen, ein wenig eitel auf seine Erscheinung. Wohlgebürstet wallte sein pechschwarzer Bart auf die Brust hernieder, sorgfältig gedreht umrahmten die Schläfenlocken das Gesicht, kein Fleck oder Stäubchen fand sich auf seinem Gewand, sauber gewichst glänzten die Stiefel. Und als er sich nun, angetan mit dem trächtigen Mantel, vor den Spiegel stellte und ihm ^brin das Bild eines Vornehmen, eines Adeligen in Israel, entgegentrat, konnte er der Versuchung nicht widerstehen: Er kaufte den Mantel! * Reb Leiser freute sich schon im Gedanken, vor sein Weib hinzutreten und den Mantel bewundern zu lassen. Aber je mehr er sich seinem Städtel näherte, desto unruhiger wurde er. Die Eitelkeit begann zu verfliegen und dem Ernst eines braven Familienvaters Platz zu machen. Selbstvorwürfe meldeten sich. Durfte er, der das Glück hatte, eine zweifelhafte Schuld einzutreiben, nur an sich denken, seiner Eitelkeit frönen? Durfte ein ehrsamer Jude, wenn er schon leicht mit seinem Geld umging, sein Weib vergessen, das brav und treu die Kinder betreute, Haus und Geschäft in Ordnung hielt, wenn er über Land fuhr? Hatte sie, Rachel, keine Bedürfnisse? Brauchte sie nicht ein Feiertagskleid vielleicht dringender als er einen Pelzmantel? Oder war sie vielleicht nicht würdig, ein schönes Schmuckstück, eine Brosche etwa oder ein Armband zu tragen? Reb Leiser schämt sich vor sich selbst, all das nicht früher erwogen zu haben. Aber als kluger Kopf weiß er sofort, wie er seine Unüberlegtheit wieder gutmachen kann. Und als der Schlitten vor dem Hause vorfährt und Frau und Kinder ihm freudig entgegeneilen, nimmt er das Paket, in welchem wohlverschnürt der Pelzmantel liegt, gibt es seinem Weib und sagt dazu die „Lüge mit dem guten Zweck": „Da bringe ich dir etwas. Ich habe diesen Mantel an Zahlungsstatt genommen, um nicht mit leeren Händen zurückzukommen. Wir werden ihn ganz gewiß zu einem guten Preis anbringen und für den Erlös kaufst du dir ein Armband, ein schönes Armband. . . ." Smtkat TJkata Von Saul Tsdievmdiowski Im Beth-hamidrasch, welch Gewühl, Wie brennt die Hitze, strahlt das Licht! Und voll ist es, wie nie zuvor, Bis zu dem Frauenraume dicht. Der Lärm wächst immer stärker an, Am Knaben drängt sich Greis und Mann, Bis vorne hin zum „Misrach", Und Ströme Lichts ergießen sich In jede Ecke, noch so blind, Papierlaternen, Licht in Blei, : In Scherben, die durchlöchert sind. Und einer ruft: Chasan, lang' an!... Jetzt tritt die Knabenschar« heran, Die kleinen netten Juden, Sie gehen langsam, schreiten sacht, Die ersten Wegbereiter, In Händen Banner, Fahn' um Fahn', Mit Aepfeln, fröhlich heiter. Die Kerze obendrauf erstrahlt, Sie flackert hin und her und malt Den Glanz auf die Gesichter. Der Chasan kommt, der Chasan singt, Die „Helfer" bei ihm singen, Der Gabbe singt, der Farnes singt, i p Im „Aulom" Sang und Klingen: "Jf*v Tara, bumbum, so weiter fort, Der Schuster, Schneider, wer noch dort, Selbst der Rabbiner Doktor. Und mit den Thorarollen kommt Die Trägerschar geschritten, Das strahlt und funkelt, Seid' und Samt, Und Farbenglanz inmitten. Und auf den Kronen Silbers, Gold Erklingen fröhlich, klingen hold Die vielen kleinen Glöcklein. Die Träger schreiten langsam, sacht, Umtobt vom frohen Singen, Man drängt sich vor, man hebt die Hand, Sie hin zum Kuß zu bringen, „Mög' dieses Jahr euch gut vergeh'n, Auch Ihr mögt Freud und Glück nur seh'n", Man hört heut' selbst die Mädchen. Die stehen, Seit' an Seit' gedrängt, Die Starken und die Zarten, Auf kleiner Bank, auf schwankendem Pult, Es scheint ein Wundergarten f * Die Augen schwarz, die Augen blau, Das leuchtet schwarz und blau und grau, Die Wangen frische Aepfel. Das Haus ist voll von Hltz' und Licht, ,Von Lachen, Jubeln heute; Der spricht, der singt, der klopft: seid still! Es strahlen alle Leute. Der Chasan kommt, nun ist er da: „Der Armen Helfer, sei uns nah'!" Das Volk gibt fröhlich Antwort. (Aua dem Hebräischen von M. Elk.) Premiere in den Jüdischen Künstlerspielen Eni Liton als „Esterke". Nun ist nach langer Zeit wieder ein echter Gordin in Wien zu sehen, u. zw. „Esterke", ein starkes, dramatisch bewegtes Volksstück, worin Eni Liton ihre Gestaltungskunst zeigen kann. In ernsten und heiteren Szenen gleich lebenswahr, wußte der jugendliche Warschauer Gast vom ersten Augenblick an zu fesseln. Neben ihr bewährten sich die bekannten Künstler M. und N. Lipmann, sowie Grudberg, so daß man auf Grund des Eindruckes der Generalprobe mit einem Dauererfolg rechnen kann. M. Loubetzkys musikalische Untermalung weist alle Vorzüge dieses originellen Komponisten auf. Lieder und Tänze erfreuen Ohr und Auge — ein fesselnder Abend. Konzert Nathan Millstein. Der berühmte jüdische Geiger Nathan Millstein trifft in den nächsten Tagen in Wien ein, um sein diesjähriges einziges Konzert am Samstag, den 2. Oktober, im Großen Konzerthaussaal zu absolvieren, per Vorverkauf für diesen sensationellen Abend an der Konzertkassc Dr. Hohenberg hat bereits begonnen. Erstklassiger__ lll<wie*u>HtewUUt bei staatlich geprüfter Klavierpädagogin Spezialistin für Kinderunterricht Schülerkonzert. Zeitgemäßes Honorar Gerda Mühl stock, Wien VIII, Buchfeldgasse 19 I. Stiege, II. Stock, Tür 5 Telephon B-47-8-43 Kammerspielc: „Rovina." Ein neuer englischer Autor, John Braines, führt uns in die Schweiz, in ein kleines Lungensanatorium. Durch alle Fenster und Ritzen lugt Thomas Manns berühmter ..Zauberberg" herein. Hier wie dort die morbide, zynische Gesellschaft der Lungenkranken in ihrer rücksichtslosen Selbstsucht. In dieses Milieu kommt plötzlich die Tochter des Arztes, ein junges, gesundes Geschöpf, auf Besuch. Und alle diese kranken, dem Tod geweihten Männer jagen dem lebensfrischen Mädel wie einer Fata Morgana nach. Sie will nur vier Wochen bleiben, zu Hause, in England, wartet ein junger Golfmeister auf sie. Aus diesen vier Wochen werden vier Monate, weil sie sich inzwischen in den jungen Komponisten Axel Sorensen verliebt. Sie Will bei ihm bleiben, ihn gesundpflegen, bis ihr Vater ihr in einer dramatischgeführten Szene beweist, daß ihr Opfer ein vergeblicheswäre. Da findet sie in ihr früheres Leben zurück. Das Stück, oft peinlich eindringlich in der Milieu- und Charakterzeichnung, wird von der blendenden Darstellungzu einem großen Erfolg getragen. Kitty Stengel, Ernst Deutsch, Rosa Valetti, Adrienne Gessner, Viktor van Buren, Erik Frey, Fritz Delius '.md Hans Thimig sind das vorbildlichste Ensemble, das man sich vorstellen kann. e. kr. Millionen Juden, können nicht nach Palästina einwandern, aber in ihrem Heim können sie die palästinensischen Lieder, Horras und hebräischen' Gesänge. auf Schallplatten.. ertönen lassen. Auch die Liederdes östlichen Galuth, hervorragend wiedergegeben, sowie die. neuen Radiomodelle der Saison 1937 sind sofort lieferbar und zu beziehen durch das Musikhaus Excelsior, Wien, I., Adlergasse 7, und Franz-Josefs-Kai 15, Tel. R-21-4-46< Kataloge gratis! E f -r Mode^SlippeVdautand) aus engl, gemusterten Stoffen, ganz K.-Seide gemJß^M füttert und watteliert . . ..........S nur H,Taborstraße48

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