Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 689 (24.9.1937)
- Date
- 1937-09-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. vöÄi Ä4. September 1ÖST DIE NEÜfc WELT Seite 7 AUS ALLER WELT Aufruf der ltalienisdien Rabbiner Treue zu Italien ... Treue zum Weltjudentum Im Zusammenhang mit der in letzter Zeit wiederholt von den extremen Faschisten an die Juden Italiens gerichteten Aufforderung, jede Verbindung mit der Weltjudenheit zu lösen, veröffentlichen die Rabbiner Italiens einen Aufruf, der •Ine scharfe Antwort an die extrem-faschistischen Kreise enthält. „Indem wir unserem Glauben Treue halten", heißt es in dem von Oberrabbiner P r a t o und anderen hervorragenden italienischen Rabbinern gezeichneten Aufruf, „verletzen wir nicht andere religiöse Gefühle. Indem wir treu zu unserer Geschichte und zu unserer historischen Sendung stehen, versäumen wir nicht, unsere Pflicht gegenüber dem Staate, in dem wir leben, zu erfüllen. Niemand hat das Recht, unsere Loyalität in Zweifel zu ziehen, und niemand kann uns davon abhalten, uns selbst treu zubleibe n." „Die neuzeitliche Geschichte zeigt, daß die Juden in zahlreichen Ländern einer erbarmungslosen antisemitischen Propaganda ausgesetzt sind. Immer wieder wird der Jude zum Sündenbock gemacht. Lange Jahrhunderte loyaler Staatsbürgerschaft und treuen Dienstes am Staate, die sogar oft bis zur Selbstaufopferung gingen, gelten anscheinend nichts. Der Ruf „Nieder mit den Juden" ist nur allzu oft und nur an allzu vielen Orten ausgestoßen worden. Er zeigt nicht den Wunsch, eine entsprechende Lösung für das jüdische Problem zu finden. Die Notwendigkeit dieser Lösung liegt aber auf der Hand." „Es ist nicht unsere Aufgabe, die guten oder schlechten Seiten des völkerrechtlich garantierten und unter Völkerbundskontrolle gestellten Jüdischen National heims und den neuen Teilungsvorschlag zu prüfen. Wir wünschen nur, daß die italienischen Juden dessen eingedenk sein mögen, daß diese Versuche, die notleidenden Juden zu rehabilitieren, von der göttlichen Vorsehung vorausgeschaut und gebilügt worden sind und daß ihr Erfolg völlig von der Treue abhängt, mit der die Juden an; den Vorschriften der Thora festhalten/' $£täm.ß$r\d ^wird dp nU vor den Gefahren einer Spaltung gewarnt unä'der VersuchT gewisser italienischjüdischer, überfaschistischer, antizionistischer Elemente, das Judentum in eigener Weise zu interpretieren und in Italien eine von der übrigen Judenh e i t 1 o s g e 1 ö s te R e f o r m - S y n a g o g e aufzurichten, verurteilt. Terror in Bi'elitz (Poln. Schlesien) Aus Bielitz wird gemeldet: Die.Unruhen, welche am Freitag, den 17. d. M., in der Stadt BielltZ ausbrachen, nachdem' in der Gastwirtschaft eines Jüdischen "Wirtes angeblich ein Gast von dem Besitzer' erschossen worden war, als er seine Zeche nicht bezahlen wollte, währten ohne Unterbrechung bis Mittag. Vom Freitag an durchzog der Mob plündernd die Straßen, Die Polizei beschränkte sich auf die Verhaftung 'des Gastwirtes — auch Militär wurde nicht angefordert und erst Montag früh wurde aus Kattowitz ein Panzerauto angefordert, das. langsam durch die Straßen fuhr. Seine bloße Anwesenheit genügte, um die Pogrome zu beenden. Der Gastwirt leugnet entschieden, den tödlichen Schuß abgegeben zu haben, und tatsächlich haben sich zahlreiche Zeugen gemeldet, die seine Angaben bestätigen. Ungeachtet dessen hat der von ausländischen Agenten aufgereizte Mob fast alle j ü.d i s c h e n Geschäfte der Stadt verwüstet. Hunderte Auslagen wurden eingeschlagen und ausgeraubt, vielfach drang der Pöbel auch in die Geschäfte selbst ein und zerstörte, was er nicht mitnehmen konnte. Auch die Synagoge wurde von dem Pöbel gestürmt, ihre Fenster eingeschlagen und ein großer Schaden angerichtet. Der jüdischen Bevölkerung hat sich trostlose (Verzweiflung bemächtigt. Alle Hilferufe blieben vergebens, die Behörden vertrösteten die intervenierenden Vertreter der Judenschaft immer wieder, unterließen aber in den entscheidenden Stunden jedes tatkräftige Eingreifen. luden und Präsidentenwahl in Brasilien Die „Jüdische Rundschau" (Berlin) veröffentlicht einen Aufsatz ihres Berichterstatters in Sao Paolo, in welchem sich dieser mit den Vorbereitungen zur Wahl des neuen Staatspräsidenten in Brasilien, die Anfang Jänner 1038 stattfinden wird, befaßt. Die eingewanderten Juden, heißt es in dem Aufsatz u. a., folgen mit Achtung und Interesse den Vorgängen. Das ist um so verständlicher, als es in diesem Wahlkampf auch nicht an antijüdischen Argumenten fehlt. Derartige Angriffe richten sich vor allem gegen den Kandidaten und ehemaligen Gouverneur des Staates Sao Paolo, Armandes Salles de Oliveira. Sie kommen aus dem Lager der sogenannten Integralisten. In einem Teile der Integralistischen Presse wird Salles de Oliveira als der „Kandidat der Synagoge" bezeichnet und behauptet, daß er und seine Frau jüdischer Abkunft seien. Inwieweit diese Behauptung der jüdischen Abkunft zutrifft, läßt sich nicht nachprüfen; richtig ist jedoch, daß der Geburtsname der Frau dieses Staatsmannes — Rachel Mesquita — ein typischer Maranenname ist. Die antisemitischen Angriffe gehen von dem integralistischen Flügel um Gustavo Barroso aus. Aus der Feder dieses Mannes erscheinen neuerdings auch Bücher, die die J u d e n f r a g e zum Gegenstand haben. Nunmehr holt die Sallos de Oliveira nahestehende Presse zum Gegenschlag aus und behauptet, daß Gutavo Barroso ein Jude sei und in Wahrheit Gustav Baruch heiße. Diese Auseinandersetzungen stellen in der brasilianischen Publizistik ein N o v u m dar. Es ist zwar richtig, daß die antijüdische Propaganda Widerstand findet, trotzdem wäre es ein Fehler, diese Erscheinungen zu bagatellisieren. Dde hiesige antijüdische Propa> ganda stellt keine akute Gefahr für den jüdischen Bevölkerungsteil dar und hat wohl auch kaum Auesicht, in absehbarer Zeit zum Bestandteil der brasilianischen Innenpolitik urjd Verwaltungspraxis zu werden. Dagegen ist es keineswegs ausgeschlossen, daß diese Tendenzen ihren Niederschlag in der künftigen Handhabung der Einwanderungsbestimmungen finden werden. Das wird im wesentlichen' davon abhängen, welchen Einfluß diese Wahlpropaganda auf den Wahlausfall haben wird. Sicher ist, daß der Kandidat der Integralisten, Plinio Saigado, keine Aussicht hat, gewählt zu werden; ebenso sicher aber ist, daß die Zählung der Stimmen am 3. Jänner 1938 ein beträchtliches Anwachsen dieser Bewegung erkennen lassen wird. Die Integralisten führen den Wahlkampf mit bemerkenswertem Geschick und erstaunlicher Intensität, veranstalten allerorts gut organisierte Aufmärsche und verfügen überhaupt über Propagandamittel, die ihren Eindruck auf die Wählerschaft. sicher nicht. verfehlen werden. Mehrere Aufmärsche haben mit ..blutigen Zusammenstößen geendet, die eine ganze Anzahl von Todesopfern gefordert haben. Erst vor einigen Wochen kam es in Sao Paolo anläßlich:, efoe^, integralistischen .Parade zu einer größeren " Schießerei,;,bei der ein unbeteiligter Zuschauer — ein litauischer Jude —• durch eine. verirrte Kugel getötet wurde. s-.w: . >>: . , s 7* > ■■:'■<-•-. liddisdi; gegen Hebräisch Aus Czernowitz:' Bei den letzten Wahlen ist es dem jüdisch-sozialistischen „Bund", welcher bis dahin jede Beteiligung am jüdischen Gemeindeleben abgelehnt hatte, gelungen, eine ansehnliche Zahl von Vorstandsmandaten in der Judengemeinde zu erlangen. Das Schulreferat fiel dem „Bund" zu. Das Bestreben des „Bund" geht nun dahin, die hebräische Sprache aus dem Schulwerk der Gemeinde auszumerzen und Jiddisch an Stelle des Hebräischen 'einzuführen. Trotzdem eine solche Aenderung auch über Beschluß der Gemeindeverwaltung nicht durchgeführt werden kann, sondern erst durch das Unterrichtsministerium bewilligt werden muß, hat der Schülreferent der Judengemeinde die Durchführung seiner Pläne eingeleitet. Die Lehrer wurden angewiesen, mit den Kindern jiddisch zu sprechen, der hebi'äische Unterricht wurde auf drei Stunden in der Woche eingeschränkt und der hebräische Kindergarten aufgelassen. Die dem Rat der Jüdischen Gemeinde angehörenden Mitglieder der Reichspartei (Jüdischnationaie) intervenierten deswegen beim Präsideriten der Gemeinde. Es wurde vom Präsidium der Gemeinde verlangt, die Beschlüsse der Schulsektion insolange nicht in Vollzug zu setzen, bis nicht zuvor das Plenum des Gemeinderates zu dieser lebenswichtigen Frage der jüdischen Gemeinschaft Stellung genommen habe. Der Präsident versprach der Delegation, keine Aenderungen in der Schulsäche zuzulassen und die Frage in einer Plenarsitzung des Kultusrates im September zu behandeln. Tribüne Aus Czernowitz: Die Sitzung des Vorstandes der Jüdischen Gemeinde, in welcher über die vom sozialistischen Schulreferenten verfügte Einschränkung des Hebräischunterrichtes und Einführung des Jiddischen an den Gemeindeschulen beraten wurde, nahm einen stürmischen Verlauf. Die Vertreter der Allgemeinen Zionisten, der Judenstaatszionisten und der Revisionisten protestierten gegen die Verdrängung des Hebräischen. Die Vertreter des sozialistischen „B u n d" und der trennungsorthodoxen „Agudah" traten gemeinsam für Jiddisch und gegen Hebräisch ein. Ihre Argumentation trug antinationalen Charakter. Sie bildeten in dieser Frage mit einigen Splittergruppen die Majorität, und der Antrag, in der jüdischen Volksschule und im Kindergarten fortab Jiddisch auf Kosten dos Hebräisohunterrlchtos zu lehren, wurde mit 39gegen0 Stirn men angenommen! Ein Leser aus zahnärztlichen Kreisen schreibt unst „Werte Redaktion! Am 12. und 13. September fand in Innsbruck der vom In- und Ausland stark besuchte Kongreß der Zahnärzte statt. In der Berichterstattung über diesen Kongreß bemühte sich ein großer Teil der Presse, den Umstand zu verschleiern, daß heute die Juden in der Zahnheilkunde eine ehrenvolle Rolle spielen. Genannt wurden in dieser Presse nur einige „arische" Namen. In Wirklichkeit lautet das Verzeichnis der Vorträge und Demonstrationen: P. Adler (Wurzelbehandlung); P. Atzeri, Rom (Karies); W. Bauer, Innsbruck (Histologie); A. Biro (Orthodontie); A. Bleichsteiner (Wurzelbehandlung); B. Bonyhard (Zahnersatz); F. Clementschitsch, Innsbruck (Orthodontie); F. Driak (Materialkunde); F. Engel (Zahnersatz); 8. Fridrichovsky, Bratislava (Zahnersatz); L. Göllner, Szegcd (Wurzelbehandlung); R. Grohs (Zahnersatz); O. Hofer (Chirurgie); E. Kellner (Wurzelbehandlung); L. Lenkei (Zahnersatz); St. Loos (Zahnersatz); W. Maier (Zahnersatz); H. Mathis (Chirurgie); B. Müller (Zahnersatz); A. Oppenheim (Orthodontie); L. Pohl (Chirurgie); O. Preißecker (Materialkunde); F. Riha, Innsbruck (Röntgen); O. Scheuer (Wurzelbehandlung); F. Schönbr-uer (Chirurgie); F. Schiller (Chirurgie); S. Seidner (Wurzelbehandlung); M. Spreng (Zahnersatz); G. Stein (Zahnersatz); F. Ticho (Zahnersatz); M. Tischler (Orthodontie); R. Ullik (Materialloj.ndß>; Runde); H. Wolf (Wurzelbehandlung). Aus dem Verzeichnis ist zu ersehen, daß viele und nicht unwichtige Referate von Juden erstattet wurden. Angesichts der Absicht der .national-betonten' Presse, den Kongreß .arisch' zu frisieren, scheint mir die Wiedergabe des Verzeichnisses der Referenten angebracht. Mit Dank e—. n—." Metro.Goldwyn-Mayer-Festspiele Clark Gable, Jean Harlow u. ihr Double A - 49 - 0 - 60 Der Film, den Jean Harlow nicht mehr sah q Vorverkauf ab 10 Uhr vormittags ununterbrochen II, Untere Augartenstraße 28 Telephon A-40-5-98 Beginn: 3/44, '„6, ' fi, 7«10 Uhr Ur- und AllelnauffUhrung in Wien! Der erste Tonfilm in jidd. Sprache päi wt% fiäi mit deutschen Fußtiteln Mit MALY PICON Neue Filme Die große Sensation: der erste jiddische Tonfilm „Jidl mit'n Fidl" Nur die wenigsten Juden wußten, daß es seit einiger, Zeit auch bereits eine Filmproduktion in jiddischer Sprache gibt. Ab heute kann sich jeder davon überzeugen, denn der erste Tonfilm in jiddischer Sprache „Jidl mit'n Fidl" mit Mali Picon in der Titelrolle läuft ab heüte in der jiddischen Originalfassung (mit deutschen Fußtiteln) in Ur- und Alleinaufführung im Augarten-Kino in der Unteren Augartenstraße 28. Wie wir hören, hat sofort, nachdem die Nachricht von dem Erscheinen des ersten jiddischen Tonfilms durchgesickert ist, ein Sturm des jüdischen Publikums auf das Augarten-Kino eingesetzt, das sich infolgedessen veranlaßt gesehen hat, den Vorverkauf für jeweils acht Tage im voraus zu eröffnen. Damit wiederholt sich die gleiche Erscheinung, die man zuerst in Polen, dann in Amerika, später in Berlin, wo der Film in nur dem jüdischen Publikum zugänglichen Vorstellungen lief, und jetzt gerade in London abspielt, wo der Film „Jidl mit'n Fidl" zuerst in einem kleinen Kino herausgebracht wurde, bald aber in ein großes Kino übersiedeln mußte, da das kleine Kino dem Ansturm des Publikums nicht gewachsen war. Ueber den Film selbst werden wir noch ausführlich berichten; heute wollen wir nur aus der Entstehungsgeschichte dieses ersten jiddischen Tonfilms berichten, daß der Film seine Entstehung in erster Linie Joseph Green verdankt. Green stammt aus Polen, war Schauspieler und Regisseur an jiddischen Bühnen und hat sich in letzter Zeit im amerikanischen Film betätigt. Er hat den Film, „Jidl mit'n Fidl" in Warschau hergestellt, wobei die künstlerische Oberleitung Jakob Kaiich hatte, dessen Frau Mali Picon die Haupt- und Titelrolle spielt. Alle anderen Rollen sind mit bekannten jiddischen Schauspielern besetzt, wie Fostel, Bozig, Liebgold, Fackel, Landau, Breen, Lewin, Nathan, Kurz etc. Die Musik stammt von Abraham Ellstein; sie hat einen ausgesprochen volksliedhaften Charakter, die Liedertexte sind von Laak Manger. Das Mädchen unter Null. Da ein großer Teil der Aufnahmen zu dem ersten Sonja-Henie-Film „Die Eisprinzessin" auf einer riesigen Eisfläche gemacht werden mußte, die in den Fox-Ateliers mit Hilfe von Gefrierröhren angelegt worden war, gab es in den Fox-Studioa Bilder von unfreiwilliger Komik. Der Film: „Die Eisprinzessin" läuft ab Donnerstag im Elite-, Opern- und Votiv* park-Kino. Bad Glelchenberg zu Rosch Haschana. Man schreibt uns: „Das schöne Herbstwetter brachte es mit sich, daß noch in der ersten Septemberwoche zahlreiche Kurgäste nach Bad Gleichenberg, dem Kurort mit Weltruf, kamen. Den jüdischen Besuchern wurde ermöglicht, Rosch Haschana in feierlicher Weise zu begehen. In der bekannten, streng orthodoxen Pension .Theresiienhof wurde ein Gottesdienst abgehalten, dessen Zustandekommen den Leitern dieses Hauses, J. Imbermann und A. Horn, zu verdanken ist. Alle zum Gebet versammelten Besucher waren erstaunt, in welch würdiger Form der Gottesdienst trotz seines improvisierten Charakters vor sich ging. — Da auch für feiertägliche Kost gesorgt war, fühlte sich das jüdische Publikum in der Pen«» sion .Theresienhof' wie zu Hause."