Mannheim
Compact Memory

Die neue Welt · 1937-09-14 · Heft 688 (14.9.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 688 (14.9.1937)
Date
1937-09-14
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2711613-2712245-2712313--6726-2720516
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 688 vom 14. September 1Ö37. DIE NEUE WELJ Seite % Urteil im dänischen Antisemiten-Prozeß In der letzten Nummer haben wir über den Verlauf eines Prozesses berichtet, welchen der Staatsanwalt von Kopenhagen gegen eine Reihe nationalsozialistischer Journalisten wegen Schmähung des jüdischenVolkes und Glaubens angestreifgt hat. Nunmehr wird das Urteil bekanntgegeben. Ueber die Angeklagten wurden Gefängnisstrafen im Ausmaß von 80, 60, 40 und 20 Tagen verhängt. Mit Genugtuung ist zu konstatieren, daß es ein Land im Norden gibt, welches die Ehre seiner jüdischen Staatsbürger schützt, die antisemitischen Ver* leumder zwingt, für ihre Behauptungen vor Gericht einzustehen, und sie bestraft, wenn sie nicht den Wahrheitsbeweis für ihre gegen die Judenschaft gerichteten Anklagen erbringen können. Mit Bedauern ist aber festzustellen, daß dieses, eigentlich als Selbstverständlichkeit anzusehende Verfahren anderswo nicht Platz hat. Was riskieren antisemitische Verleumder ariderwo? N i c h t s oder so wenig wie nichts! Was riskieren sie beispielsweise in Oesterreich? Es gibt in Wien, ganz besonders aber in der österreichischen Provinz, eine vom Dritten Reich beeinflußte Presse. Sie bringt Nummer für Nummer Schmähungen und Verleumdungen, ohne daß ihr etwas widerfährt. Wenn jüdische Gemeinden oder Organisationen oder einzelne Juden klagen wollen, dann spricht man von ihnen unter Berufung auf unzulängliche Gesetze das Recht, zuklagen, ab. Es fehlt die Klaglegitimation. In wenigen und ganz krassen Fällen ist eine Beschlagnahme zu erreichen. Nie eine Sühne. Und dann wird lustig weiter gedruckt, weiter Gift verspritzt. Es hat nicht an Bemühungen gefehlt, diesem Zustande entgegenzuwirken. So hat der „Jüdische Volksbund für Oesterreich" wiederholt die Aenderung dieser Verhältnisse und die Schaffung gesetzlicher Möglichkeiten für die jüdischen Organisationen und Staatsbürger gefordert, die Beleidiger des Judentums vor das ordentliche Gericht zu bringen. Diese Bemühungen sind aber bis nun erfolglos geblieben. * Aus Kopenhagen wird berichtet: Das Gericht in Kopenhagen hat am Dienstag, 7. September, das Urteil im Prozeß gegen die sechs wegen Verbreitung von Schmähschriften und Verleumdung der jüdischen Religionsgemeinschaft angeklagten dänischen nazistischen Literaten und Jounälisten gefällt. Der Redakteur der „Nationalsozialistischen Monatshefte" und der Zeitschrift „Bavnen" (Bergfeuer), N. Olsen, wurde wegen des Artikels über „Schändung nichtjüdischer Frauen und Mordgelüste der Juden" zu 80 Tagen Gefängnis, der „Führer einer der drei Gruppen der dänischen NSAP., Aage Andersen, wegen der drei von ihm verfaßten und herausgegebenen Broschüren, in welchen die Juden aufs gröblichste beschimpft und besudelt werden, zu 60 Tagen Gefängnis, und der Angeklagte Lemvig-Müller wegen Herausgabe der von ihm aus dem Deutschen übersetzten Broschüre „Die Moral der Juden" zu 40 Tagen Gefängnis verurteilt. Im Falle des Redakteurs des „Strömen" (Sturm), Vald. Jensen, ist die Strafe bereits in der wegen zu gleicher Zeit veröffentlichter Hetzartikcl über den Ministerpräsidenten Stauning und andere Regierungsmitglieder erfolgten Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis enthalten. Der Angeklagte N. Möller wurde wegen Anbringung eines Plakats mit schmähenden Bemerkungen über das Alte Testament zu20 TagenGef ä n g n i s verurteilt. Frau H e n n i g wurde, da es sich im Laufe der Verhandlung herausgestellt hatte, daß sie selbst gegen Veröffentlichung ihres Vortrages protestiert hatte, freigesprochen. Sämtliche inkriminierten Aeußerungen wurden als gegen das Gesetz verstoßend erklärt. Die Restauflage der Druckschriften wurde konfisziert. Auf die Frage des Vorsitzenden an Andersen, ob er das Urteü annehme, antwortete dieser mit „Nein" und rief aus, das Urteil sei parteiisch. Die Verteidiger der übrigen Verurteilten behielten sich das Berufungsrecht vor. Falls sie davon Gebrauch machen sollten, ist anzunehmen, daß auch der Staatsanwalt Berufung einlegen und Straferhöhung verlangen wird. Das Urteil, dein nach allgemeiner Ansicht p r ä j udizierend e Bedeutung zukommt, da man nunmehr die Möglichkeit sieht, gegen die zügellose nazistische Propaganda das Gericht erfolgreich anrufen zu können, ist mit Genugtuung aufgenommen worden. iafyra-ScfauSe „UNIVERSUM" Ciaf 11 {SO Sl^aSSe 3 / Tel. A-20-4-48 / Beginn neuer Anfängerkurse NIM« September | Sämtliche Lehrmittel leihweise! I vormittags-,.Abend-und Nachmittl$gskiirse!aä5UhlF) ' ' Mittelschüler mit Vorkenntnissen können bereits am 1. September in die Vorgeschrittehen-Kurse eintreten / Mittelschüler aus der 4. Kl. mit ungünstigen Jahreszeugnissen werden für die Matura vorbereitet IDH mam Zur Tagesordnu Der Nürnberger Trichter Die Vermutung, daß es auf dem heurigen nationalsozialistischen Parteitag in Nürnberg keine Ueberraschungen geben werde, hat sich bestätigt. Die Reden der Parteiführer befaßten sich mit innenpolitischen Fragen des Deutschen Reiches und mit der zum fünftenmal (es gab bisher fünf Parteitage) wiederholten bolschewistischen Weltgefahr, die nur durch die Art. wie Deutschland, mit diesem „Ungeheuer" verfuhr, gebannt werden könne. Auch die Generalabrechnung mit den christlichen Kirchen ist in der erwarteten Schärfe ausgeblieben. Und doch gab es in Nürnberg etwas zu hören, das man als längst schon erledigt annehmen durfte: die Verfemung und Verleumdung des Judentums, des „Jude n". Denn die Welt wird schon seit Jahren immer von derselben Seite, nämlich vom reichsdeutschen Propagandaministerium des Dr. G o e b b e 1 s, mit der Entdeckung bekanntgemacht, daß „alles Uebel vom Juden komme", alles Unglück und alles Leid, sei es die bolschewistische Knechtschaft in Rußland, sei es der Bürgerkrieg in Spanien. Natürlich fällt es dem deutschen Hakenkreuzführertum nicht ein, einen Beweis — auch nur einen einzigen — für seine Behauptung zu bringen. Er verspricht sich von der Erfahrung, daß eine große Lüge leichter geglaubt werde als eine kleine und daß immer etwas hängen bleibt, einen Erfolg, und die Erscheinungen in einzelnen Ländern, wie Polen, Rumänien u. a., vermögen ihm in gewissem Sinne rechtzugeben. Soweit. Dr. Goebbels seine Parolen nur für den innerdeutschen Gebrauch bereitstellte, waren sie nicht von Belang, da sie im neuen Deutschland durch die Praxis des Alltags bereits überholt sind. Diesmal a.ber rief Dr. Goebbels die anderen Staaten und Völker zu Taten auf, indem er das „Deutschland erwache" zu einem „Europa erwache!" erweiterte. Er maßte sich für Deutschland die Führung im Kampf gegen das Weltjudentum an, umgab das Dritte Reich mit der Glorie des Retters Europas. In einem Zeitpunkt, der so kraß wie noch nie das grambeladene Gesicht des jüdischen Volkes enthüllt, in einem Zeitpunkt, wo die überwiegende Mehrheit der: Juden um ihre nackte Existenz kämpft, in einem Zeitpunkt,-wo jede jüdische Familie für irgendein Mitglied eine Zufluchtsstätte sucht und das Schicksal dieses Mitgliedes mit dem kleinen, europafernen Palästina verknüpfen will, wagt Dr. Goebbels, zu erzählen, daß das Judentum sich im Bolschewismus „die bequemste Basis für eine politische und moralische Kriminalität" geschaffen habe . . ruft er die Welt zum Kampf gegen die Juden auf, schmettert er seine alten Lügen über die Grenzen Deutschlands hinaus: „Unerschrocken wollen wir mit Fingern auf den Juden zeigen als den Inspirator, Urheber und Nutznießer dieser furchtbaren Katastrophe (wenn durch die spanische Affäre ein Weltbrand entstehen sollte: Anm. der Red.). Seht, das ist der Feind der Welt. Noch ist nichts verloren, noch ist alles zu gewinnen." Dem mit normalen Sinnen ausgestatteten rechtschaffenen und rechtlich denkenden Leser ist. es unrasiert besser, rasien üfter, rasiert glatter, Swing ist die Klinge für Sie! Daher kauft, jedermann, der Vorteile schätzen kann: nur noch die Swin? erfindlich, wo Dr. Goebbels mit diesen hysterischen Phantastereien hinauswill. Er kann doch nicht annehmen, daß die Vertreter der auswärtigen Mächte und die sonstigen Gäste in Nürnberg auch nur einen Augenblick an die Echheit seiner Worte und seines Pathos* glauben. Wäre dies der Fall, hätten doch die Engländer, Italiener, Franzosen, Amerikaner bei sich zu Hause die Bestätigung seiner Anschuldigungen finden müssen. Davon kann natürlich keine Rede aein. Goebbels Rede ist nichts anderes als der Versuch, den deutschen Nationalsozialismus als das kulturrettende Element und das nationalsozialistische Deutschland als den legitimen Führer im Kampf gegen die „bolschewistische Weltgefahr" hinzustellen. Aber nicht die Juden allein mächt der deutsche Propagandaminister für die verderbliche geistige Haltung gewisser Länder und für das Mißverstehen der deutschen Mission verantwortlich, Auch andere R»K»Q * Santa Hontprogramm Im Krcui«Klno I« ab Freitag, den 10. September: ENTGLEIST (The Man WhoFound Hitnself) Sensationen aus dem Leben eines Arztes Ferner die Weltüberraschung: Boxkampf JOE LUIS gegen TOMMY FAHR Uber 15 Runden Faktoren sind schuld daran. So wird der große indische Dichter Rabindranath Tagore angegriffen, weil er angesichts der spanischen Vorgänge geschrieben habe: „Helft der Demokratie, helft der Zivilisation und der Kultur", und auch derErzbischof von Canterbury, der einen ähnlichen Appell veröffentlichte, wird nicht geschont. Wir sind also in guter Gesellschaft. Wir müssen nicht das Gefühl haben, daß Dr. Goebbels nur uns allein zu den gefährlichen Bannerträgern des Bolschewismus, des Liberalismus, der Demokratie auserwählt hat. Ob Jude «der n 'itht * * * Nun hat auch — nach Südamerika, Südafrika, Polen, Rumänien, Nordamerika — das nichtarische Ungarn seinen nationalsozialistischen Propagandaspritzer abbekommen. Die Anhänger des pangermanischen Hitlerismus heißen im Lande der Magyaren Pfeilkreuzler, aber sie unterscheiden sich nur dem Namen nach von ihrem reichsdeutschen Vorbild. Die Wirkungen der nationalsozialistischen Propaganda müssen schon sehr weit gediehen sein, wenn sich der Bruder des ungarischen Reichsverwesers, General Stephan von H o r t h y, zu einem scharfen Angriff gegen diese Propaganda (in der Zeitschrift „Alkotmany") entschlossen hat. General von Horthy schreibt u. a.: ,,Die pfeil- und hakenkreuzlerische Propaganda muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Wir können nicht dulden, daß unsere arbeitenden und ihrer Heimat treuen Bürger durch fremde Ideen aufgewiegelt werden. Jeder, der durch ehrliche, ernste Arbeit ein Vermögen erworben hat, mag er Jude sein oder nicht, liefert dem anderen ein Beispiel und spornt zu ehrbarer Arbeit an." Und zur Situation an den Hochschulen: „Es ist nicht ein Numerus clausus nötig, sondern die Denkweise muß geändert, werden. Gegen die Ueberproduktion gibt es ein einziges Mittel: Vom Standpunkt der Pädagogik müssen diejenigen auserwählt werden, die im Studium Fortschritte machen. Nur solche Studenten soll man durchlassen, die, ob sie J u d e n sind oder nicht, Talent haben." Dem ungarischen Patrioten General Horthy geht es, wie man sieht, nicht um eine mechanische Auslese, nicht um eine Auswahl der Akademiker nach Blut und Rasse, nach Religion und Abstammung, sondern nach Leistung. Eine vernünftige Methode. Eine Methode, die Erfolg verspricht, die der aufbauenden Arbeit im Wirtschaftsleben dient. Wenn diese Methode in der Praxis Verwirklichung fände, wäre damit allen Teilen des Landes geholfen. General Horthys Auffassung steht in klarem Gegensatz zur Argumentation des deutschen Hakenkreuzes und des ungarischen Pfeilkreuzes. Es ist wichtig, die Entwicklung in Ungarn zu verfolgen. o. r. CafiAukedu^ I. Hoher Markt- LichtenstegNr.4 Von links und redifls In Rußland Aus Moskau: Anläßlich der jüdischen Neujahrsfeier in der Ukraine, in Weißrußland und in Biro-Bidschan wurden große Demonstrationen gegen den jüdischen Kultus veranstaltet. In Charkow erzwang die kommunistische Jugend die Schließung der Synagogen über die Festtage; Jugendpatrouillen kontrollierten die ganze Stadt, um zu verhindern, daß in Privathäusern Gottesdienst abgehalten werde. In Kiew wurden neun Rabbiner festgenommen; jener von Gitomir, ein weitläufiger Verwandter Litwinows, wurde zur Verbannung verurteilt. In Borisowo (Weißrußland) wurde der Rabbiner Wolfsohn zu fünf Jahren Zuchthaus verurteilt. 21 Kultusgemeinden in Weißrußland wurden aufgelöst und die Synagogen beschlagnahmt. Danziger Polizei dringt am Bosch Haschana in die Synagoge ein Aus Warschau: Erst jetzt wird aus Danzig bekannt, daß während der Andacht am judischen Neujahrsfest (Rosch Haschana) Polizei in Danzig in die Synagoge eindrang, die Unterbrechung der Gebete erzwang und Rabbiner Chaimowitsch für verhaftet erklärte und auch sofort wegführte. Ein Grund für diese Maßnahme wurde nicht bekanntgegeben. Die Stimmung unter den Danziger Juden ist außerordentlich gedrückt. Wir verweisen unsere Leser auf das Inserat der Maturaschule „U n i v e r s u m", IX., Garnisongasse 3, in unserer heutigen Nummer und empfehlen dieses bekannte Institut unseren Lesern auf das wärmste,.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.