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Die neue Welt · 1937-09-10 · Heft 687 (10.9.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 687 (10.9.1937)
Date
1937-09-10
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 687 vom 10. September 1937 DIE NEUE WELT Seite 7 ' " •«* Besuch in Turin Bio Stadt der Galerien und der Arbeit — Hochburg „Mole Antonellianft" — / Gleich beim ersten Spaziergang durch die Straßen Turins merkt man die starke Dynamik dieser Industriestadt. In der Tat wird neben Mailand in keiner italienischen Stadt soviel geschaffen wie hier. Es sind vor allem die Fiat- und die Lancia-Werke (Auto, Flugzeug und Schiff), die viele Tausende von Arbeitshänden beschäftigen, dann die Modeartikel; ist doch Turin für die Mode des ganzen Landes tonangebend. Deswegen vielleicht wird es oft auch als „italienisches Paris" bezeichnet. Um das noch nachdrücklicher zu betonen, sprechen die Turiner ihr „Piemontes(e)", das dem Französischen fast so nahe ist wie dem Italienischen. Charakteristisch für Turin sind die vielen Galerien und die „portici", die Bogengänge, die sich durch die Hauptstraßen in einer Länge von 14 Kilometer ziehen und dem Stadtbild ein pittoreskes Aussehen verleihen. Die Turiner zeichnen sich durch Eleganz und verfeinerten Geschmack aus. Haftet dem Süden Italiens das Orientalische an, so zeigt der Norden nach dem europäischen Westen. Am deutlichsten gewahrt man dies in Turin. * öle jüdische Gemeinde Turins zählt gegen 5000 Seelen und ist verhältnismäßig jungen Datums; vor 250 Jahren hat es hier noch keine Juden gegeben. Meinem Begleiter, einem aus Polen stammenden orthodoxen Juden, geht es hier ganz gut, aber er ist keinesfalls zufrieden: es fehlt ihm jüdisches Leben, jüdisches Milieu. Er beklagt sich bei mir darüber, was man alles machen könnte und wie wenig für „Jüdischkeit" geleistet wird. Und, als ob ich für diesen Zustand verantwortlich wäre, beweist er mir mit. Bibel- und Talmudstellen, daß es nicht so weiter geht und daß nur ein Zustrom guter jüdischer Elemente aus dem Osten diese Leere ausfüllen und auch die italienischen Juden, die ein sehr gutes ,,Rohmaterial" bilden, zur Mitarbeit heranziehen könnten. Die Juden in Turin sind alle wohlhabend, manche sogar reich, und besitzen auch einen nicht unerheblichen Einfluß. Aber man darf nicht vergessen, daß Turin die Metropole der jüdischen Assimilation darstellt. Hier erscheint auch ihr Organ, die „Nostra Bandiera" (wird von einem getauften Juden redigiert. ..), der Gegenpol der zionistischen Zeitschrift „Israel". Einst hatte Turin sein jüdisches Ghetto genau wie die anderen italienischen Städte. Heute sind nur noch wenige Spuren des einstigen Zuständes vorhanden. Mein Begleiter, unzufrieden, wie er nun schon einmal ist, erzählt mir, daß es hier zur Zeit des Ghettos drei Synagogen gegeben habe, und er will wetten, daß jede von ihnen am Wochentag besser besucht war als die heutige am Sabbat... In der Nähe des gewesenen Ghettos werde ich auf ein Gebäude aufmerksam gemacht, das zu den schönsten Bauwerken dieser Stadt gehört und einen ganz eigenartigen Werdegang durchmachte. Die sogenannte „Mole Antonelliana" sollte ursprünglich ein Tempel sein, was auch die äußere Bauart, besonders aber die Inneneinrichtung deutlich beweisen, hat sich aber „umgestellt" und heute ist hier der Sitz des „Museo del Risorgimento'... Wie und wann ist diese Umwandlung vor sieh gegangen? Es geschah dies in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Nachdem die Juden in der Piemonte ihre bürgerliche Emanzipation erhalten hatten, beschlossen sie, aus Dankbarkeit dem neuen Italien gegenüber in Turin, der piemontesischen Hauptstadt, einen Tempel zu erbauen, der eine würdige Gottesstätte, aber auch eine Zierde der Stadt sein sollte. Sie brachten große Geldopfer und scheuten keine Mühe, auch die benachbarten jüdischen Gemeinden zur Beteiligung heranzuziehen. Der Tempel stand knapp vor seiner Vollendung, aber zu Ende gebaut wurde er nicht. Der Platz samt dem unfertigen Gebäude wurde den Juden von der Stadtgemeinde abgekauft. Die Juden stellten bloß die Bedingung, daß dieses Haus eine allen Bürgern der Stadt gleich nützliche Bestimmung erhalte (also keine Kirche werde). Was veranlaßte die Juden Turins, dieses mit so großer Pracht und noch größerer Begeisterung erbaute Gotteshaus gewissermaßen zu säkularisieren? Es gibt zwei Versionen. Die eine, die offizielle, besagt: der Architekt A n t o n e 11 i, der Erbauer des Tempels, hätte sich in sein Werk so sehr verliebt, daß er die Grenzen des Möglichen überschritt und, der Direktiven seiner Auftraggeber nicht achtend, einen dreifachen Kostenaufwand als den ursprünglich angenommenen verursachte. Dem waren die Juden, die schön ohnehin die äußerste Grenze der Opferfähigkeit erreicht hatten, nicht gewachsen. Der Rückzug sollte also angetreten werden.. Um aber die Demolierung dieses schon so weit fortgeschrittenen Prachtwerkes zu verhindern, unternahmen einige nichtjüdische Persönlichkeiten den Schritt bei der . Stadtgemeinde, dieses Haus den Juden abzukaufen, es zu vollenden und der Oeffentlichkeit zu übergeben. Es wurde für dieses.Projekt sogar-«ine:.erfojgder jüdischen Assimilation. — Die Geschichte der Begegnung mit PlttgrilH reiche Unterschriftensammlung unter der Bevölkerung veranstaltet. Die Juden retteten einen Teil ihres verausgabten Geldes und das Gebäude ging in den Besitz der Stadtverwaltung über. Nach einer zweiten Version, die unter den Juden verbreitet ist, soll die Transaktion viel einfacher gewesen sein. Man begann die Juden um dieses grandiose Bauwerk, welches das schönste in der Stadt werden sollte, zu beneiden und gäb Ihnen zu verstehen, die Gemeinde wolle es lieber abkaufen ... Notgedrungen willigten die Juden ein. Ich besuchte den Tempel, der nach dem durchgefallenen Bau des heutigen „Mole Antonelliana" entstand. Vom architektonischen Standpunkt gesehen, gehört er zu den schönsten Italiens. Aber solch ein Freitagabend-Gottesdienst, wie erhebend er auch ist, bedrückt das Herz, wenn die Zähl der Besucher gering ist und Modergeruch den Raum erfüllt. Man möchte rufen: „Verbannet die Schatten des Todes! Wir sind Kinder des lebendigen Gottes! Mehr Leben!" Mein Begleiter zeigt mir einen älteren Mann, der sagt: „Sehen Sie, der da ist eine ,Säule' unseres Minjan. Besonders am Sabbat fehlt er niemals. Wenn Sie ihn selbst nicht kennen, so haben Sie bestimmt von seinem Sohne gehört. Es ist der Dr. Dino Segre, der Bücher für die Weiber verfaßt, ein moderner ,Zeenu-Ureenu- Schreiber'. In der Welt kennt man ihn unter dem Namen P i t i g r il 1 i." # Es interessierte mich, mit Pitigrilli zusammenzukommen, um zu hören, was er, der Halbjude (seine Mutter ist christliche Italienerin), vom Judentum hält. Ich gestehe, kein Wort von ihm gelesen zu haben; ich weiß aber, daß er besonders bei der Jugend populär ist. Man versichert mir, daß seine Werke in sämtliche Sprachen, europäische Und außereuropäische, übersetzt wurden. In Südamerika beispielsweise soll er eine Popularität genießen, wie kein zweiter europäischer Schriftsteller. Wie denkt ein solcher Mensch über Dinge, die nicht zu seinem engeren Gesichtskreis gehören? In seiner Wohnung empfängt mich Pitigrilli mit sichtlicher Zufriedenheit Seine klugen Augen haben etwas Faszinierendes an sich. Seine Bewegungen sind graziös, geistreich sein Plauderm - Offenherzig und freundlich wie die meisten Italiener, erzählt er mir alles, was; ihm gerade durch den Kopf geht. Ueber seinen zehnjährigen Aufenthalt in Paris und über sein Verhältnis zu seihen Eltern.'i;Sie sind nicht mehr jung und ich will ihren Lebensabend verschönern." Er erzählt mir ferner von einer interessanten Liebesaffäre, die mit politischen Intrigen verknüpft ist, um schließlich zu bekennen: „Ich war Und bin ein Bewunderer unseres Duce und habe große Achtung für das von ihm vollbrachte Werk; ich weiß auch, daß er von mir eine gute Meinung hat." Ich habe allerdings nicht an den Zweck meines Besuches vergessen. „Haben Sie eine positive Einstellung zum Judentum und in welcher Form? Welche Gefühle hat bei Ihnen die Erklärung Englands, betreffend den zukünftigen Staat, erweckt?" Pitigrilli, ein wenig verlegen, erklärt aber doch entschieden: „Ich bin nicht religiös und habe für kultisches Zeremoniell kein Interesse. Gefühlsmäßig gehöre ich der jüdischen Rasse an, was mich aber nicht hindert, ein guter Italiener und Faschist zu sein. In Paris und Konstantinopel habe ich Juden in kompakten Massen gesehen. Vor einigen Jahreh habe ich auch das Ostjudentum kennengelernt. Ich habe damals Vorträge über .Liebe'' in Wärschau, Lodz und Krakau gehalten. Man sprach viel über Palästina. Es muß ein wunderbares Land sein. Haben Sie heute den Aufsatz über Tel-Aviv im Pariser .Journal' gelesen? Jugend, Jugend, ewige Jugend! Das ist meine Definition für diese Stadt. Ich muß sie mir mal anschauen. Die Wege der englischen Politik in Palästina sind mir unbekannt." Ich begnüge mich mit dieser ausweichenden Antwort und frage weiter: „Was halten Sie vom Antisemitismus im allgemeinen und in Italien im besonderen?" „Diese Seuche der Menschheit wird der Vernunft endlich Platz machen. Sie ist den Antisemiten genau so schädlich wie den Juden, nur haben die Judenfeinde oft das Schamgefühl verloren und der Sinn für die, Verantwortung vor der Geschichte hat sie verlassen. In Italien, gibt es keinen Antisemitismus. Wer Ihnen etwas anderes erzählt, hat gelogen. Die hie und da auftauchenden antisemitischen Zeitungsartikel sind Eintagsfliegen und haben keine Bedeutung, keine Wirkung." 1 „Kennen Sie die neuhebräische und jiddische Literatur?" „Leider, leider beinahe gar nicht. Das einzige Buch in Jiddisch, das ich kenne, ist dieses..." Er zieht aus seinem Bücherschrank einen seiner Romane in jiddischer Uebersetzung heraus: Pitigrilli: „Ein Mann sucht Liebe." P* N. Groß :CRom'>. Erstklassiger -—--—---- lä<mccuHiecciM bei staatlich geprüfter Klavierpädagogin Spezialistin für Kinderunterricht Schülerkonzert. Zeitgemäßes Honorar Gerda Mühlstock, Wien VIII, Buchfeldgasso in I. Stiege, II. Stock, Tür 5 Telephon B-47-8-43 Aktion gegen Anafedlung deutscher Flüchtlinge in Kostarika Aus New York (J. T. A.): „New York Times" melden aus San . Jose, daß die einflußreiche Zeitung „D i a r i o de Costa R i c a" in einem Leitartikel in scharfer Weise gegen den Plan der Refugee Economic Corporation in Tenorio, wo die Corporation ein Gebiet von 50.000 Acker Boden erworben hat, eine g r o ßzügige Ansiedlung jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland durchzuführen, Stellung nimmt. Der bloße Besitz von Boden in Tenorio, schreibt die Kostarikaer Zeitung, darf kein Hindernis dafür sein, daß die im Lande geltenden Einwanderungsgesetze in ihrer ganzen Strenge angewendet werden; die strikte Anwendung derselben sei vielmehr zum Schutze der inländischen Arbeiter vor ausländischer Konkurrenz dringend geboten. In offiziellen Kreisen, schreibt das Blatt, ist man der Ansicht, daß die Ansiedlung von Juden mit der Zeit eine Gefahr für das Land darstellen könnte, weil die Juden im Leben des Landes nie völlig aufgehen würden; das Kapital der Corporation, etwa 12,000.000 Dollar, würde einen wirtschaftlichen Organismus abseits des Staatswesens schaffen. * Anm, der Red.: Die mittelamerikanische Republik Kostarika hat einen Flächeninhalt von 50.000 Quadratkilometer und zählt 550.000 Einwohner. Ein an Naturschätzen reiches, dünn besiedeltes Land. Die litauische Regierung subventioniert das jüdische Schuhverk Aus Kaunas: Das litauische Bildungsministerium hat für das laufende Schuljahr zur Erhaltung der jüdischen Schulen 148.000 Lit (5000 englische Pfund) bewilligt. Hiervon entfällt auf die Fachschule des Ort ein Betrag von 1000 Pfund. Am 29. September 1937 beginnt das zweite Schuljahr an der Jüdischen Handelsschule. — Der Lehrplan dieser Anstalt umfaßt alle Gegenstände, die auch an den anderen kaufmännischen Wirtschaftsschulen ' gelehrt werden. — Der wesentliche Unterschied gegenüber den allgemeinen Handelsschulen liegt aber in der betont jüdischen Erziehung. Selbstverständlich findet Samstag und an den jüdischen Feiertagen kein Unterricht statt. Als zweite Fremdsprache wird Hebräisch gelehrt. Ein eigener" Gegenstand, Palästina-Kunde, vermittelt den Schülern die Kenntnis .des Landes und das Verständnis für den Aufbau. Im Deutschunterricht werden vorwiegend jüdische Themata behandelt. nur H, TABORSTRASSE 48 i

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