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Die neue Welt · 1937-09-10 · Heft 687 (10.9.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 687 (10.9.1937)
Date
1937-09-10
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WELT Nr. 687 vom 10. September 1937 tfUxcUe Hotz: ICaddiscU yekl w» dU Weil In einer kleinen gekalkten Stube lag sie krank, ihr eingeschrumpftes Gesicht lugte aus dem säubern Bettzeug hervor. Neben ihr weinten leise, kaum hörbar die beiden Töchter. Die Mutter, die alles wahrnahm, lag jetzt erschöpft, reglos; ohne Unterlaß dachte sie an ihre in der Welt zerstreuten Kinder, an die sieben Söhne, von denen keiner zugegen war. Oh, wenn sie jetzt sprechen könnte! Aber ihre schmalen Lippen waren zusammengepreßt, ganz schwach tickte der Schläfenpuls. . . . Vor Ratlosigkeit die Hände ringend, saßen die Schwestern am Bett der schwerkranken Mutter und erwarteten ungeduldig die Ankunft ihres Bruders Dovid, des einzigen ihrer sieben Brüder, der seines krummen Rückens wegen unverheiratet geblieben war und in einem benachbarten Städtel lebte, wo er das Amt eines Behelfers versah. Mitleid mit der Mutter und dem Bruder bedrückte die Seelen der beiden Schwestern, deren eigenes Schicksal nicht gerade freudvoll war. Nechome hatte sechs und Chaje sieben Kinder, und ihre Männer waren Markthändler, von den Bauern verachtet und gemieden. Einst hatte in dieser Stube Freude und Leben geherrscht, hier klang einst an Freitagen ein achtstimmiger Männerchor. In dieser seit mehr als vierzig Jahren von derselben Familie bewohnten Hütte, deren Aeußeres nur einmal durch einen Granateneinschuß verändert wurde, auf demselben ärmlichen Bett, im linken Winkel gegenüber dem engen Fenster — in dieser kleinen Stube schenkte die Mutter neun Menschen das Leben. Das andere Bett am Fenster zertrümmerte die Granate, und ihr Mann, der darin schlief, kam ums Leben. Es war damals eben Krieg. Vier Söhne sagten Kaddisch am Grab des Vaters. Die Feinde öffneten ihnen die Grenzen und im selben Jahr verließen drei von ihnen die Heimat. Es gab noch drei, die Jüngsten, die Kleinsten. Begleitet von seinem Schwager Chaskel, trat Dovid hastig in die Stube. Sein Gesicht war erhitzt, als er es hochhob und über das Kopfende des Bettes schaute. Mit letzter Anstrengung bewegte die sterbende Frau den Kopf, richtete die Augen auf ihren buckligen Sohn, stammelte kaum verständlich die Worte „Mein Kaddisch" und starb. Ein paar Sekunden hatte Dovid seine Mutter noch leben gesehen, einen ganzen Tag hatte sie mit dem Aushauchen der Seele auf ihn gewartet......Boruch dajin emes" kam es von seinen Lippen, er zog die Stiefel aus, ließ sich auf den Fußboden nieder und begrub seinen Kopf in die Hände — ein jammervoller Anblick — und bekam das herzzerreißende Weinen seiner beiden Schwestern und herbeigeeilter Nachbarinnen zu hören. Der Schwager drehte den Wandspiegel um, schloß die Fensterläden, zündete einige Kerzen an. Schluchzen und Stöhnen erfüllte die Stube. „Sie ist gestorben wie eine Heilige", sagte eine Nachbarin weinend und ging, um es der Chewra Kadischa zu melden. „Dovid", sagte Chaskel leise, die Schulter des buckligen Schwagers sanft berührend, „wir müssen es auch den Kindern mitteilen, damit sie rechtzeitig Kaddisch sagen und Schiwe sitzen können".- „Ja, Chaskel, du hast recht", erwiderte Dovid bitter. „Setz du das Telegramm auf und geh sofort auf die Poststation." „Hast du alle Adressen bei dir?" „Nein, such' in der Schublade nach, die Adressen von Chajim und Schlojme weiß ich auswendig, weil sie mir schreiben. Chajims Adresse ist: Chicago 111, Bondstreet 1561, und Schlojmes Adresse: Haifa, Rechow Hacarmel. An Josef braucht man nicht zu telegraphieren, Chajim wird ihn schon nach New York benachrichtigen." •' „Kannst du die Adresse auf dem Briefumschlag entziffern?" „Ja, das ist Jehuda in Breslau. Hier gegenügt: „Glückstelle Breslau". Und dieser Brief ist von Joine in Bukarest, Eminescustr. 25." „Wer hat Mojsches Adresse?" „Sein Jeschiwo-Freund Jankel Bronstein. Auf dem Weg zur Post kannst du die Adresse holen. Mojsche ist jetzt in einer Siedlung neben Buenos Aires." „Muß ich denn alle Adressen ausschreiben?" „Schreib lieber ein Wort mehr, sie haben ja Geld genug." „Aber wir nicht. Und jedes Wort kostet vielleicht vierzig Groschen." „Ich werde ihnen schreiben, sie sollen uns das Geld zurückschicken." / „Und wie soll der Text sein?" „Nach Deutschland und Amerika schreib: „Mutter gestorben, sage Kaddisch', und zu den andern nur: ,Mutter gestorben'." Schwager Chaskel ging zu Jankel Bronstein und von dort zur Post mit sechs Zetteln, die 78 Worte enthielten — für die er doppelt so viel bezahlen mußte als er dachte. Und zudem war der Telegraphenbeamte *o unfreundlich, und er selbst so nervös. Fjic nichts sa viel Geld ausgegeben, das schöne Geld, mit dem man bei der kranken Mutter so sparten . . . * Die einlaufenden Briefe erst bestätigten ihm die Erledigung der Telegramme. Der erste Brief kam von Breslau. Jehuda beklagte den Verlust der Mutter. „Für mich", schrieb er am Schluß, „lebt die Mutter noch, wie der Vater, bei dessen Begräbnis ich ebenfalls nicht anwesend sein konnte". Außer einem Hundertmarkschein als Beisteuer für eine schöne Mazewe enthielt der Brief noch folgenden Nekrolog „zum ewigen Andenken", dessen Inhalt die polnischen Geschwister kaum entziffern konnten: „Nach kurzer Krankheit entschlief sanft unsere liebe, gute Mutter, Großmutter, Urgroßmutter, Schwester, Tante, Schwägerin, Frau Witwe Bejle Schneidermann im Alter von 82 Jahren. Im Namen der tieftrauernden Hinterbliebenen J. Schneidermann. Breslau, Chicago, Kazimierz, New York, Pulawy, Haifa, Bukarest, Buenos Aires, den 10. Tamus 6585. Der zweite Brief kam aus Bukarest. Jojne schrieb: „Nun bin ich heimatlos geworden. Hat die Mutter nach mir gefragt? Was waren ihre letzten Wünsche? Schreibt mir ausführlich über alles. Ich habe Josef geschrieben, er soll das Kaddischgebet sagen. Was machen die anderen Brüder? Wenn jetzt unsere liebe gute Mutter nicht mehr da ist, wie werde ich in Zukunft erfahren, was meine Brüder in der Welt tun? Bitte, schicket mir alle Adressen." Chajims Tochter schrieb aus Chicago: „Papa befindet sich auf einer Geschäftsreise und kommt erst in einigen Wochen zurück. Herzliche Grüße von meiner Mutter, die sehr beschäftigt ist." Von Josef kam folgender Brief: „Leider habe ich erst heute den Brief von Chajims Tochter aus Chicago erhalten. Ich schwöre euch, daß ich Kaddisch sagen werde. Bei uns in Amerika sind die Sozialisten und Gewerkschafter noch frommer als eure Zionisten. Schreibt mir gleich, was die andern gegeben haben und sendet mir eine schöne Photographie von der Lewa je. Den ersten Schabbes hab ich für die heilige Seele unserer Mutter einen Mischeberach machen lassen und dabei für die Armen meiner Heimat 25 Dollar gespendet. Anbei Scheck über 50 Dollar. Rest von 25 gehört euch." „In Anbetracht meiner schlechten Lage erwarte ich eine genaue Aufstellung der erblichen Sachen. Ich habe an Chajim und Josef nach Amerika geschrieben; sie werden ihr Erbteil an mich abtreten. Solltet ihr mir jetzt nicht helfen, so werde ich gezwungen sein, Palästina wieder zu verlassen. Das wäre aber sehr schade, nachdem die Kinder mein ganzes Vermögen für ihre Gesundheit ausgegeben haben und jetzt endlich dem Klima gewachsen sind und ins Verdienen ».kommen sollen. Schreibt gleich Antwort. Euer Bruder und Schwager Schalojme." * Nach zwei Monaten kam ein Brief von Mojsche aus Buenos Aires. „Mein Plan", schreibt er, „muß endlich in Erfüllung gehen. Josef hat zugestimmt, und er steuert 100 Dollar bei. Chajim überweist 250, Jehuda 200 Mark und ich 50 Dollar. Von Jojne hab ich noch keine Nachricht, ihr müßt in spätestens zwei Monaten fertig sein. Das Palästina-Amt in Warschau wird schon alles für Euch in die Wege leiten. Schreibt gleich einen Brief an Schlojme nach Haifa, er soll alles für euch vorbereiten. Das war der letzte Wille unserer lieben Mutter in ihrem letzten Brief an mich, mit ihrer eigenhändigen treuen Schrift. Hiebei eine Abschrift, die ich an alle Geschwister geschickt habe: „Mein lieber Sohn, bester Kaddisch meiner! Ich fühle, meine Tage sind gezählt. Wenn Du auch nicht mein ältester Sohn bist, so bist Du doch der frommste und gelehrteste. An Dich, mein lieber Sohn, der ein Recht hat, Row zu werden und doch seiner Hände Arbeit vorzieht, wie es in der heiligen Tojre steht: ,Jagia kapechu ki sauchel aschrechu we'tauw loch', an Dich, mein teurer Mojsche, richte ich meinen letzten Wunsch: Setz Dich nach meinem Tod mit allen Brüdern in Verbindung und teile ihnen diesen meinen letzten Wunsch mit, Jeder soll nach seinen Kräften und seinen Verhältnissen dazu beisteuern, daß die in Polen noch verbliebenen drei Kinder, David, Nechoma und Chaje, im selben Jahr noch nach Erezisroel auswandern sollen. — Gott helfe allen Kindern Israels und euch, meine lieben Kinder." (Bearbeitet von o. r.) Wir verweisen unsere Leser auf das Inserat der Maturaschule „Universum", IX., Garnisongasse 3, in unserer heutigen Nummer und empfehlen dieses bekannte Institut unseren Lesern auf da» yv&xm&, _......._________ Pensionat für jüdische Mädchen in Wien Für das Schuljahr 1937/38 werden Jüdische Mädchen aufgenommen. Nachhilfe In allen Fächern, Sprachen- und Musikunterricht wird gewährleistet. Liebevolle Behandlung, Familienanschluß, erstklassige, rituelle Kost, mäßige Preise, beste Referenzen. — Jüdisches Mädchenpensionat, Wien, IL, Lassinglcithnerplatz 2/12 (R.Feder). Referenzen: Rechtsanwalt Dr. Feder. Eine Unverfrorenheit In der Zeitung „Der Jude", Organ des „Binjan Haarez" (Arbeitendes Palästina), fallen Mitglieder dieser Organisation mit unflätigen Beschimpfungen über den ehrenamtlichen Generalsekretär des Verbandes der Judenstaatszionisten, Herrn Theodor Grubner, her. Anlaß bietet ihnen ein in unserem Blatte bereits besprochenes und ent-. sprechend gewürdigtes Urteil des Kongreßgerichtes, welches über Gg. Grubner als dem verantwortlichen Redakteur der „Kongreßtribüne" wegen Vernachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge gefällt wurde. Es handelte sich um eine Notiz, in welcher der Gerichtsbarkeit des Kongresses Schwäche gegenüber Verfehlungen der Mehrheitsparteien und Härte gegenüber den Minderheitsgruppen zum Vorwurf gemacht und auf das unzulässige Abhängigkeitsverhältnis gewisser Richter hingewiesen wurde. Das ist der Tatbestand. Wer sind nun die Leute, welche es unternehmen, aus diesem Anlaß über einen Gesinnungsgenossen, dessen Opferwilligkeit und Selbstlosigkeit beispielgebend sind, mit unqualifizierbaren Beschimpfungen herzufallen? Die Mitglieder des „Binjan Haarez", jener Organisation, welche vom Kongreßgericht des Wahlschwindels und der Wahlfälschung für schuldig erachtet wurde. Bereits in Wien hat die Wahlkommission zirka 300 von Leuten de» „Binjan Haarez" in die Wahllisten hineingeschwindelte Namen streichen müssen, und das Kongreßgericht in Zürich, in welchem der Mehrzahl nach engere Parteigenossen und politische Freunde des „Binjan Haarez" sitzen, konnte nicht umhin, weitere 300 Stimmen des „Binjan Haarez" als erschwindelte zu streichen. Also als Strafgrund: Im Falle Grubner mangelnde redaktionelle Obsorge gegenüber einer unzulässigen Kritik an Richtern. Im Falle „Binjan Haarez" — gemeiner Wahlschwindel, Fälschung von Wahldokumenten usw. Und diese letzteren wagen es, den Mund mit niedrigsten Schmähungen vollzunehmen! Wir haben bisher alle Angriffe im Organ des „Binjan Haarez" unerwidert gelassen und sind über Pöbeleien schweigend hinweggegangen. Die Zeit schien uns zu ernst und die jüdische Lage zu schwierig. Aber jede Zurückhaltung kann nur bis zu einer bestimmten Grenze gehen. Diese Grenze ist erreicht. Wir können nicht länger schweigend dulden, daß unsere Besten schmählich besudelt und durch gewissenlose Menschen in ihrer persönlichen Ehre tief gekränkt werden. Wir werden jedem unzulässigen, schimpflichen Angriff entsprechend begegnen. Die Konsequenzen werden die Angreifer zu tragen haben. Das sei den für den „Binjan Haarez" verantwortlichen Herren mit aller Deutlichkeit gesagt. Flame der Woche (Nachdruck nur mit Genehmigung des Blattes.) Frankreich: Roman eines Schwindlers — Die Perlen der Krone — Der geliebte Vagabund — La belle Equipe — Menschen unter Menschen — Liebe macht blind — Die rote Robe — Pepe le Moko — „Lo Mioche". Amerika: Hokuspokus — Liebe nicht genügend — Susy — Held von Texas — Die gute Erde — Drei süße Mädels — Der Jazz-Kadett — Mord im Opernhaus — Adam und Venus — Lachkatastrophe — Die Gangsterbraut — Sie ist gefährlich. — Das grüne Licht — Auf den Dächern von New York — Nachschlüssel — Sensation um Galahad — Die kleine Ching-Ching — Eskapade — Quality Street — Schrecken der Meere — Bulldog Drummond — Maienizeit — Geschichte wird bei Nacht gemacht — Entgleist. Filme unter Arierparagraph Zurück in die Heimat — Die ganz großen Torheiten — Amtsschimmel — Entführung an der Rivlera — Schwindeln ist keine Sünd'... — Etapponhase — Ich bleib' nicht Junggeselle — Die Göttliche — Das Mädel vom Ballett — Abenteuer in Lissabon — Heiratsinstitut Ida Wüst Si Co. — Wie der Hose läuft — Die un-erhörte Frau — Der lustige Witwenball — Stärker als Paragraphen — Die graue Dame — Das große und das kleine Glück — Millionäre — Mein Sohn, der Minister — Mein Verhängnis sind die Frauen — 7 Ohrfeigen — Liebe geht seltsame Wege — Puszta-Komtesse — Madame Bovary — Versprich mir nichts — Wenn du eine Schwiegermutter hast — Austernlllli — Die milde Helene — Batorloten — Unternehmen Michael — Mysterium des Lebei» Liebe kann lügen ~ I A in Oberbayern. 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