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Die neue Welt · 1937-09-10 · Heft 687 (10.9.1937) · page 4

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 687 (10.9.1937)
Date
1937-09-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Der Wagen hat sich nicht von der Stelle gerührt. Status quo. Dieselbe Exekutive, dieselbe Politik, dieselben Methoden. * Würde nicht die Hoffnung auf den nächsten Kongreß bestanden haben, der alles zu beschließen haben werde, wirklich zu beschließen und nicht aufzuschieben, hätte man vor Enttäuschung und Aussichtslosigkeit in den Boden sinken können; besonders wenn rings um uns Sirenen lauern und verführerisch vom Zusammenbruch der alten Zionistischen Organisation singen (als hätte die „Neue" wer weiß was geleistet ) und von der Zwecklosigkeit, mit den mächtigen Faktoren des Status quo auf allen Gebieten weiterzukämpfen. Darum müssen jene, die ein wenig weiter blicken und nicht von ihrer eigenen „Macht" berauscht sind, rechtzeitig dafür sorgen, daß der nächste Kongreß wirklich ein neuer Kongreß sei, mit Schwung, Horizont und dem Streben, etwas Großes zu schaffen. Daher muß man sofort einiges klarstellen. X Werden Wahlen und natürlich ehrliche Wahlen sein? 2. Wird der Schekel ein Volksschekel sein? Mehr Symbol als Steuer? 3. Werden die Wahlen durch ein unparteiisches Hauptwahlkomitee kontrolliert werden oder durch ein Departement der Exekutive? 4. Werden Fälschungen und Wahlschwindel scharf bekämpft werden? Der zionistische Bürger soll fühlen, daß man .wenigstens auf einem Gebiete den Zauberkreis des „Status quo" zu verlassen gewillt ist, der die merkwürdige Eigenschaft hat, sich immer zugunsten der regierenden Mehrheit auszuwirken. •jf. M. M. Ussischkin hat den 20. Kongreß einen tragischen oder dramatischen genannt. Es ist nicht übertrieben, es ist einfach nicht richtig. Das Tief- Tragische und Spontan-Dramatische hat sowohl bei den Debatten als auch bei der Abstimmung gefehlt. Es gab keine Szene, die in der Erinnerung verbleiben wird; keine einzige Erklärung, die eine tiefe Erregung der Seele hervorzurufen vermochte. Weshalb? Weil im Grunde genommen alle fühlten, daß die wirkliche Entscheidung erst kommen wird. Vielleicht wird sie ein Drama, eine Tragödie mit sich bringen. Der 20. Kongreß hat bloß ein banales Resultat gebracht — den Status quo. Eine polnosdie Stimme Der Chefredakteur der großen Tageszeitung „Kurier Warszawski", Senator Boleslaw Koskowski, einer der führenden polnischen Politiker und Publizisten gemäßigt nationalistischer Richtung, hat sich in sehr bemerkenswerter Weise über die Rückwirkungen geäußert, die von der Entstehung eints Judenstaates auf die Beziehungen zwischen jüdischer und polnischer Bevölkerung zu erwarten sind. Ich muß sagen, erklärte Senator Koskowski, daß ich die Entstehung des jüdischen Staates für eines der interessantesten Ereignisse der letzten Epoche halte. Es ist vom politischen wie vom kulturellethischen Standpunkt aus gleich bedeutend. Das jüdische Volk, das eine so lange Zeit der Zerstreuung durchgemacht und sich vom souveränen eigenstaatlichen Leben so weit entfernt hat, daß es Augenblicke gab, in denen es mit dem Gedanken Frieden schloß, ein ewiges Golusvolk zu bleiben, beginnt plötzlich ein iiigenes staatliches Leben. Dabei vollzieht sich dieser Vorgang ohne Blutvergießen und nicht durch Verknechtung anderer, sondern durch eigenen Heroismus, Opfergeist und mühevolle Arbeit. Es steht außer Zweifel, daß es nur den wunderbaren Erfolgen des jüdischen Aufbauwerkes, durch das eineWüste ineinblühendes, reiches Land verwandelt wurde, zu verdanken ist, daß heute über die Errichtung eines jüdischen Staates gesprochen wird. Ich bekenne, sagte Senator Koskowski weiter, daß ich selbst vor Jahren den zionistischen Bestrebungen und Unternehmungen ungläubig gegenübergestanden bin. Aber die Wirklichkeit der letzten Jahre hat meinen Skeptizismus erschüttert. Man kann heute schon rückhaltlos erklären: das Palästina- Experiment ist gelungen. Es hat sich gezeigt, daß die Juden außer den Talenten, die wir bisher an ihnen gekannt haben, noch andere verborgene Fähigkeiten besitzen, die zum Ausdruck kommen, Sobald der passende Boden dazu gegeben ist. Die Juden haben in Palästina ' hervorragende Verwaltungs- und Kolonisationsfähigkeiten bewiesen, um die sie so manche beneiden konnten. .t Wir Polen sind von einem rein sachlichen Standpunkt aus an der Entstehung des jüdischen Staates interessiert. Die Frage der Uebervölkerung gehört bei uns zu den brennendsten und schwersten Problemen. Palästina hat gezeigt, daß es imstande ist, in gewissem Umfang bei der Lösung des Problems der einzigen Ueberproduktion unseres Landes, der Ueberproduktion an Menschen, zu helfen. Wir haben somit außer den rein ethisch-kulturellen Gründen auch sachliche Gründe, die Entstehung eines jüdischen Staates mit Genugtuung zur Kenntnis zu nehmen. Wenn man fragt, ob Polen mithelfen soll, für den geplanten jüdischen Staat weitere Grenzen zu erkämpfen, so steht dies für mich außer Zweifel. Schon aus den angeführten sachlichen Gründen geht hervor, daß Polen den Kampf des jüdischen Volkes um ein möglichst großes Staatsterritorium unterstützen muß. Ich glaube, daß Polen bei der Behandlung dieser Frage in Genf eine starke Aktivität zeigen muß. Die polnische Außenpolitik hat jetzt Gelegenheit, im internationalen politischen Leben eine wichtige Rolle zu spielen, die ihr Ansehen erhöhen und dabei auch wenigstens auf einem Gebiet im Lande selbst zu einer Entspannung führen wird. Ich glaube, daß die polnische Außenpolitik dies verstehen und daraus die einzig logische Folgerung ziehen wird. Senator Koskowski erklärt weiter, es sei seine feste Ueberzeugung, daß es durch die Gründung des jüdischen Staates zu einer Entspannung der Hausu. Kü Glas- und Porzellanwaren. Edelkeramlk, Bleikristalle. Komplette Ausstattungen in bester Qualität Samuel Zuckermann llt Im Werd 1, Telephon A-41-6-45 heute so sehr verschärften Beziehungen zwischen jüdischer und polnischer Bevölkerung kommen werde. Man müsse heute mit der Stimmung in der. Straße rechnen, ohne Rücksicht darauf, ob diese Stimmung begründet ist oder nicht. Wenn das Volk sehen wird, daß ein Abströmen des jüdischen Bevölkerungselementes stattfindet, werde die Behauptung von der Gefahr einer Ueberflutung durch die Juden keinen Glauben mehr finden. Andererseits werde der jüdische Staat auch kulturell und moralisch eine starke Wirkung auf die nichtjüdische Bevölkerung ausüben. Senator Koskowski schließt, er sei überzeugt, daß der jüdische Staat zu einem großen und wichtigen Faktor in dem Leben des ganzenNahen Ostens werden wird. Ein Zwischenruf Bei jedem Kongreß gibt es den einen oder den anderen Delegierten, der, obwohl er nichts zu sagen hat, doch von sich reden machen will. Er befriedigt diese Neigung dadurch, daß er während der Rede eines Delegierten, koste es, was es wolle, einen Zwischenruf macht, der vermerkt wird, in den offiziellen Kongreßbericht kommt. Solche Käuze sind im allgemeinen harmlos. Widerlich werden sie erst, wenn sie geistreich sein wollen. Zufälligerweise hatte diesmal der Delegierte der Judenstaatspartei Robert Stricker mit solch einem „geistreichen" Zwischenrufer zu tun. Vor der Abstimmung über die Mehrheitsresolution hielt Robert Stricker eine Rede, worin er mit der Kaufet Schulbücher neu und antiquarisch in der Bücherstube Rath&Co. Wien II, Taborstr. 20 a / Telephon R-45-305 Ankauf und Umtausch antiquarischer Bücher zu hüchaton Preisen ' Moderne Leihbibliothek / Alle Neuerscheinungen MoiiutsRfbUhr S 3.10, ke'ne BandgebUhr, täglich Umtausch, od. Monatsgebühr S 1.60 u. 10 Grosohen Randgehühr Modernes Sortiment und Antiquariat Judaica und Hebralca schwankenden, unheilvollen Politik Weizmanns abrechnete und erklärte, daß die Judenstaatspartei dem Präsidenten die Vollmacht zu Verhandlungen mit England verweigere. „Wir Neinsager", rief er aus, „glauben, daß unsere Kinder und Enkel (hier der geistreiche Zwischenruf: ,,— auch weiter in Wien bleiben werden — unsere Namen mit Stolz nennen werden." Die Prager „Selbstwehr" fand diesen Zwischenruf derart entzückend, daß sie ihn in ihre Rubrik „Stimmen" aufnahm. — Die Kongreßzeitung bemerkt, daß dem Zwischenruf „Heiterkeit" gefolgt sei. Heiter war der Zwischenruf kaum. Wenn nämlich „unsere Kinder und Enkel", wie der Zwischenrufer fortsetzte, „auch weiter in Wien bleiben werden", dann aus mehreren Gründen. Zunächst deshalb, weil die Zertifikate, welche Dr. Weizmann als Präsident der Zionistischen Organisation bekommt, zu allererst an. seine nächsten Parteiangehörigen und deren Mitläufer gegeben werden, so daß den patriotischen Zionisten, die ohne „Protekzya" (das beliebteste Wort in Palästina) der Histadruth dastehen, der Weg nach Erez Israel verwehrt ist. Und was die zionistischen Posten in Palästina anlangt, sind sie bereits, ebenfalls von den nächsten Parteiangehörigen Dr. Weiz« manns, den Linken und ihren Mitläufern, besetzt. Wie da die Kinder und Enkel der Neinsager nach Palästina kommen sollen, ist rätselhaft. Der Zwischenrufer hat also danebengerufen, als er einem Repräsentanten der Neinsager die Bereitwilligkeit, seine Kinder und Enkel naeh Palästina zu schicken, absprechen wollte. Der Zwischenruf war daher', wie man sieht, weder geistreich noch danach angetan, Heiterkeit zu erwecken. Es war bloß die Heiterkeit der satten Gagen- und Postenempfänger, welche vergessen haben, wie es in den Herzen derjenigen aussieht, denen die „Jüdische Heimstätte" versperrt ist. o. r. Heizpropaganda und Wakrheil Es gehört zu den beliebtesten Parolen der antisemitischen Propaganda, daß alles „verjudet" sei. Man operiert mit Namen und Zahlen, erfindet eine Statistik, die ihr Material aus dem Schoß des Hasses, des Neides und der Mißgunst bezieht, um schließlich mit der Forderung herauszurücken: der Jude muß ausgeschaltet werden! Besonders die österreichische Provinzpresse hat es auf diese Pointe abgesehen, obwohl hauptsächlich Wien als das Zentrum der Verjudung angesehen wird. Erst kürzlich berichtete ein kleines Provinzblättchen, daß der jüdische Einfluß in Wirtschaft, Kultur, Theater, Presse noch immer dominiere, indem es sich auf Ziffern bezog, die aus der — „Essener Nationalzeitung" stammten. Eine Widerlegung dieser böswilligen Erfindungen durch Ziffern wäre nutzlos, da die in Rede stehende Presse und Propaganda sie nicht zur Kenntnis nehmen würde, abgesehen davon, daß es uns gar nicht einfällt, von dieser Seite uns unseren Anteil an den verschiedenen Existenzzweigen vorschreiben zu lassen. Aber ein Zufall erweist sich hier schlagkräftiger als das Spiel mit Ziffern und statistischen Betrachtungen. Die Zeitung des österreichischen Hotelgewerbes „D a s moderne Hotel" stellt nämlich das Gegenteil dessen fest, womit die antijüdischen Hetzer hier operieren, indem es in der Augustnummer schreibt: ' „Die Folgen der Zurückdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, insbesondere aus Banken, und Versicherungen und in Wien aus dem Aerzteberuf und aus dem kommunalen Lieferungswesen, sind interessant: die wirtschaftliche Schwächung dieser Kreise tritt auf den von Juden bevor-« zugten Plätzen, wie Baden, Semmering und Ischl, in Erscheinung." Mit anderen Worten: Die Juden Oesterreichs dominieren nicht im Wirtschaftsleben, sondern werden; allmählich ausgeschaltet, und ihre Verarmung bringt; es mit sich, daß sie sich den Besuch von Kurorten nicht mehr leisten können. Das ist die traurige Wahrheit, die nackte Wirklichkeit. Die antisemitische Propaganda arbeitet aber immer noch mit einem „Judentum, das vorherrscht.. ." Verlogener Stumpfeinn Das „national-betonte" Wiener „Deutsche Volksblatt", seiner Aufmachung nach ein Ableger des „Stürmer" von Julius Streicher, hetzt in jeder Nummer seine Leser gegen die jüdischen Bürger auf. Keine Lüge ist zu giftig und zu stumpfsinnig, als daß sie nicht Verwendung fände. In seiner letzten Nummer schreibt das Blatt: „Blums Vater, ein deutscher Jude, ging 1781 nach Vidin in Bulgarien und ließ sich dort als israelitischer Lehrer nieder. Er hat dort ein Fräulein! Ari, Tochter eines bulgarischen Juden, geheiratet. Dies waren die Eltern des gegenwärtigen französi* sehen Ministers Blum, sage Kerf unkelstein* Dieser Kerf unkelstein kam 1874 mit seinen Eltern nach Frankreich. Obgenannte Auskünfte wurden durch die bulgarische Zeitung .Zora' bestätigt, die am 7. Juni 1936 schrieb: .Vidin hat absolut das Recht, stolz zu sein auf seinen berühmten Bürger und wir hoffen, daß er, sobald er dazu berufen sein wird, gewisse Fragen zu lösen, von denen die Zukunft Bulgariens abhängt, sich wenigstens erinnern wird, daß er auf bulgarischem Boden geboren, wurde und er sein möglichstes tun wird für Bulgarien* das noch, immer auf die internationale Gerechtigkeit wartet.' Dieser Artikel wurde übernommen in die Zeitung .Liaison' von der .Parti social franqais' (1. Juni 1037), Dieses Blatt sagt weiter: ,Mit solcher Herkunft — Vater: Deutscher Jude, Mutter: Bulgarische Jüdin — braucht man sich nicht darüber zu wundern, daß L6on Kerfunkolstein, genannt Blum, Im März 1937 in St. Nazairc ins Frankreich gesagt hat: .Ich kenne nur eine einzige Fahne, die der Internationale.'" Man beachte die stumpfsinnige Lüge bereits am Beginn der Notiz: Im Jahre 1781 hat sich Blums Vaten als Lehrer in Vidin niedergelassen. Er muß daher spätestens 1761 geboren sein. Bei Geburt seines Sohnes L6on, der Jetzt 65 Jahre alt ist, zählte er also an die 105 Jahreli So meldet das „Deutsche Volksblatt", und die Presse In, der österreichischen Provinz hat diesen giftigen Blödsinn getreulich nachgedruckt. Fast Überflüssig au ^me$fl daß alle» andere natürlich mmH trlofl* In* n w

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