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Die neue Welt · 1937-09-03 · Heft 686 (3.9.1937) · page 7

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 686 (3.9.1937)
Date
1937-09-03
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Nr. 686 vom 3. September 1937 DfcB NfetE WELT Seite 7 * ■—~-*-—________________,_ - -—* Tpied<^3tuH<Uh. lUstU UazcUoHoL 569& iiiiiiiiiiiiiinniiiiiiiiiiiiiiiiiii 0 iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiih Hermann Sinsheimer Legend® vom Scholar Ueber die Höhen von Judäa schleicht ein Knabe mit einem seltsamen kleinen Troß. Dieser nämlich besteht aus einem Widder, einem Rind und einem Hund. Wie vier einträchtige Wandergenossen sehen sie aus, wenn sie an einer verborgenen Stelle im Gebirge lagern, zumal zur Abend- und Nachtzeit, wenn der Knabe zwischen den Tieren liegt, um durch ihre Wärme gegen die kühlen Lüfte geschützt zu sein. Wandern sie, dann hat es den Anschein, als ob jeder von ihnen für sich allein ginge. Der Hund streicht voraus und meldet, aufgeregt bellend, Gefahr von Tier und Mensch. Hinter ihm her steigt der Knabe, um gegebenenfalls die beiden anderen Tiere noch in Sicherheit bringen zu können. Von diesen aber sucht und findet der mächtige Widder jede kleine Gras- und Futterstclle, und das etwas träge Rind braucht seinem glänzenden weißen Vließ nur zu folgen, um nicht Hunger zu leiden. In der Nähe von Hebron macht der kleine Zug halt. Hier findet der Knabe auf dem Scheitel des Gebirges eine Höhle mit einer jäh abfallenden Wiese davor — Unterschlupf und Nahrung für Mensch und Tier, ein Bergwinkel, zu dem kein Pfad führt. Hier beschließt der Knabe zu verweilen. Hier richtet er sieh wohnlich ein. Hier ist der Himmel nah, hier ist Licht, Wärme und Schatten, und vor allem auch, verborgen im Gestein, eine Quelle, - die hell hervorrieselt wie Milch aus der Brust der Mutter Erde und nach einem kurzen Sturz durch das Licht wiederum vom Gestein eingetrunken wird und verschwindet. Der Knabe heißt Arnos. Er ist des Landes wenig kundig, aber da er früh in der Lehre und den Geschichten der Väter unterwiesen worden ist, weiß er von ungefähr, daß von hier in der Nähe einst der Mann gen Norden gezogen sein muß, nach dem er selbst genannt ist, der Hirte Arnos, der dann ein großer Prophet geworden ist. Mit Hund, Widder und Rind also gründet er in dem Bergland, um wie jener Große den Ruf des Herrn abzuwarten. Den Ruf des Herrn? Ist er nicht auf ewig verstummt für dieses Land? Ist es nicht ein Land der Toten geworden, trunken vom Blut der Myriaden von Gefallenen, die unter Bar Kochbas Fahne sich aus allen Windrichtungen gesammelt hatten, um gegen das heidnische Rom zu kämpfen? Wo ist nun ihr aufwallendes Blut, die Kraft ihrer Arme, der kühne Schlag ihrer Herzen? Der Knabe, zwischen den drei abendlich müden Tieren vor der Höhle sitzend, sieht das Tageslicht untergehen und die Nachtgestirne aus dem Firmament hervorblühen. Er senkt den Kopf und spricht einen Psalm, der von Gottes Unerforschlichkeit handelt. Der fromme Text richtet ihn wieder auf, und in seine Augen dringt Licht aus dem werdenden Dunkel. Arnos war das Kind des ehemaligen Gerbers Juda auf der Insel Rhodos. Dieser war, als der Ruf Ben Akibas, des Weisen, und Bar Kochbas, des Helden, an die Juden der Welt erging, zum Kampf gegen Rom mit seinen fünf Söhnen aus der Heimat und Werkstatt aufgebrochen, um seinem Volk mit der Waffe zu dienen. Er war schon seit Jahren Witwer. Seine Töchter waren verheiratet. Also verkaufte er Werkstatt und Felle und Handwerkszeug, um für 3ich und seine Söhne aus dem Erlös Waffen und Wegzehrung zu erstehen. Den Jüngsten, den Arnos, wollte er nicht' allein zurücklassen, obwohl er noch nicht waffenfähig war, sondern eben erst Barmizwah und überdies von zarten Gliedern, vom Vater zum Studium der Lehre bestimmt. Auch Arnos also zog mit auf das Schiff.% Er wollte, wie er schon zu Hause getan hatte, dem Vater und den Brüdern auch im Feld und Lager zur Hand gehen und überdies, wenn sie in die Schlacht zogen, für sie und den Sieg der jüdischen Waffen beten. Aber seine und die aber Tausende von anderen Gebeten wurden nicht erhört. Zwar reihte sich zuerst Sieg an Sieg gegen Rom. Bar Kochba wurde ihrer furchtbaren Legionen und Kriegsmaschinen Herr, auch Herr des Landes der Väter wurde er. Aber Rom schickte immer neue und immer mehr Menschen und Geräte des Krieges, auch seinen besten Feldherrn, so daß die Juden sich solcher Uebermacht schließlich nicht mehr erwehren konnten und alles Blut nutzlos geflossen war. Auch der Gerber Juda mit seinen vier Söhnen fiel im Kampf, einer nach dem anderen, bis Arnos, das Kind im Lager, allein übrig blieb. Aber sogar in das Lager, unter die Greise, Frauen und Kinder, brachen die Römer ein und vergossen alles jüdische Blut, dessen sie habhaft werden konnten. Des Mordens war kein Ende. Und so fand sich Arnos eines Nachts droben im galiläischen Norden allein mit einem jüdischen Greis, der schon aus vielen Wunden blutete und sich zum Sterben hinlegte. Um sie waren die drei Tiere: Rind, Widder und Hund, gleichsam die letzten Tiere des Landes, die letzte Milch und Wolle und das letzte wachsame Auge. Bevor der Greis sich bereitete, die Sterbegebete zu Sprechen, nahm er dem Knaben Arnos in die Arme, segnete ihn und hieß ihn mit den Tieren gen Süden 2iehen, wo noch der letzte Rest von jüdischem Atem sei, Und dort auf den Ruf des Allmächtigen warten. Arnos nahm die Worte des Alten, der ihn so manchen Tag im Lager in der Lehre unterwiesen hatte, mit all seinen jungen Sinnen auf. Der Alte starb. Und als er ihn begraben hatte, machte er sich mit den Tieren nach Judäa auf. Er wußte ja, daß in Galiläa die Häscher und Spione der Römer, besonders die Samaritaner, allem jüdischen Leben auf der Spur waren, um es dem Heidentum oder dem Tod zu überliefern. »♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ]&&e4ni&& (Worte an Jerusalem) Hört ilir denn nicht im Trubel dieser Feste, Im kalten Schein der gleißnerischen Geste. Das Wort der Toten aus vc.rgeßner Gruft, Das euch Lebendige zum Leben ruft? Hat euch der Wein des Worts das Licht geraubt. Daß ihr allein dem Augenblicke glaubt? Die Freudenfeuer, die ihr nächtens angesteckt, Sind das Fanal, das tagend euch erschreckt! Scliaut diesen Tod, der sich mit Blumen ziert In eures Tempels festlichem Geviert. Und treibt ihn aus! Gedenkt des Lebens, Eh dieser Morgen tagt! — Vergebens Sie hören nicht: Musik ist um sie her, Sie hörten nicht und riefe selbst das Meer Und schrien Berge, warnten Fehenfinger — Sie lieben ihren Untergang und seine Bringer. Ich kann nicht mehr. Die Stimme ist zu schwach Für Ohren, die mit Erz verschlossen. Blutiger Tag Steig aus den Nachten! Eherner Beschluß! Und küsse sie mit des Verderbens Kuß Und küß auch mich, verdunkle meinen Sinn, Daß ich — wie alle — blind im Untergang verrinn. (Aus Fritz Rosenth als G e d i c h t e b a n d „Die Lieder des ewigen Brunnens". Verlag R. Löwit, Wien.) ♦ ♦ ♦ ♦ «fr-O^»-■♦•«»"'» Auf dem Weg nach Judäa gelang es Arnos, den Nachstellungen zu entgehen. Es entstand zwischen ihm und seinen Tieren ein stilles, tiefes Einvernehmen gegenüber den drohenden Gefahren. Wie oft Arnos sie davor rettete, daß sie in die Hände der Feinde fielen, so oft sah auch er sich vor ihnen gewarnt. Und so waren sie dann angekommen auf der Höhe bei Hebron, wo Arnos beschloß, auf den Ruf des Allmächtigen zu warten, wie ihm der Sterbende anbefohlen hatte. Der Sommer gleitet nun schon in die nahende Regenzeit. Aber noch glüht am Tag die Sonne. Wie mit den Händen zu greifen, so nahe steht sie über der Wiese, auf der Arnos sitzt. Er denkt an die letzten Worte des Alten und fühlt, daß er hier, auf der Bergeshöhe, dem Ruf nahe sei, so wie einst Arnos, der Hirte und Prophet. Wenn er betet, meint er, Gottes Ohr 3ei ganz nahe bei seinen Lippen, und keines der heiligen Worte gehe ihm verloren. In Trauer gedenkt er der Toten, des Vaters und der Brüder, aber auch der Tausende und wieder Tausende jüdischer Herzen, die der Kampf mit dem heidnischen Rom gebrochen hat. Ist er vielleicht als einziger übrig geblieben? Schwer atmend, legt er einen Arm um den Widder, der sich selten von ihm trennt. Aber da er den Sonnenball dahinrollen sieht auf seiner Himmelsbahn und die Soeben erschienen! Jehiida Ehrenkranz Verteidigung der alltäglichen Worte Erhältlich in allen Buchhandlungen! Wärme und Kraft des Tierleibes in sich überströmen fühlt, verzagt er nicht, sondern weiß sich mit der Sonne und dem Tier vom Allmächtigen behütet und aufbewahrt. Jäh sinkt der Abend. Die Kälte zieht heran und stellt sich wie in Säulen um Arnos herum, den Tempel der Nacht bereitend. Das Rind hat schon unter dem Felsendach der Höhle die Ruhe gesucht. Der Hund ist noch fort, um dem kleinen Getier nachzustellen, das jetzt erst seine Verstecke zu verlassen pflegt. Nur der Widder bleibt bei Arnos. Sein weißer, wolliger Körper leuchtet wie ein irdisches Gestirn. Hochbeinig ist das Tier, mit kräftigem Hals und fast seidig weichem Kopf, aus dem sich die zwei starken Horner v/ölben wie heilige Stäbe. Da kommt der Hund angehetzt, leckt Arnos das Gesicht und die Hände, bellt klagend, umkreist den Knaben und versucht, ihm ev/as begreiflich zu machen. Er fühlt, daß das Tier ihn wohinführen will, und folgt ihm. Ueber Steine und Sträucher springt der Hund, immer wieder seinen Herrn umkreisend, bis zu einem Gestrüpp, bei dem er in klagendes Geheul ausbricht. Arnos eilt herzu und findet einen alten Mann mit brechenden Augen. Rasch nimmt er das armselige Bündel Mensch auf und trägt es zur Hütte. So leicht scheint ihm die Last, daß er sie kaum spürt. Er bettet den Alten in der Höhle auf ein Lager von Gras und W,olle, flößt ihm Milch ein und sinkt vor ihm nieder, um zu beten. So schleicht die Nacht vorüber. Manchmal. kommen der Hund und auch der Widder herangeschlichen; sie lecken dem Alten die Hände und die wunden Füße. Sogar das schlaftrunkene Rind hebt seinen schweren Kopf und streckt seine Zunge nach den Füßen des Alten aus. Es wird aber in dieser Nacht nicht völlig dunkel in der Höhle, und Arnos sieht mit. heißen Augen, wie über der Stirne und den zugetanen Lidern des Greises ein sanfter Schimmer liegt. Er hält dies für den Vorboten des sich nahenden Todes und beginnt die Sterbegebete zu sprechen. Mit dem ersten Lichtstrahl der Sonne aber, der draußen aufglänzt, öffnet der Alte die Augen und sagt: „Es ist der erste Tag im Elul, Sohn Judas, reich mir den Schofar!" Arnos zeigt seine leeren Hände, er hat ja keinen Schofar. Der Alte wiederholt seine Worte immer dringender, immer stärker, schließlich in einem Ton, als ob ernicht alt und krank sei, sondern bei besten Manneskräften und mehr noch: eine gewaltige Stimme bricht aus ihm, wie Befehl und Ruf aus der Höhe. Arnos reckt und streckt sich. Er fühlt, wie die Kindheit von ihm abfällt, einem abgetragenen Gewände gleich, und wie Kraft und Entschluß des Mannes von ihm Besitz ergreifen. So sieht er auf den Alten. Da drängt sich zwischen diesen und ihn der weißschimmernde Widder, beugt den Kopf seinen Händen entgegen, so daß die starken Hörner sie berühren. Wieder tönt die mächtige Stimme des Alten: „Es ist der erste Tag im Elul. Sohn Judas, reich mir den Schofar!" Da ermannt sich Arnos, greift ein Horn des Widders und bricht es gleich einem dünnen Reis oder dem Stengel einer Blume. Mit festen Händen reicht er das Horn dem Alten. Der setzt es an den Mund und entlockt ihm einen Ton, wie ihn Arnos noch nie in seinem Leben gehört hat. Dieser Ton stößt die Tiere aus der Höhle. Ein Sturmwind scheint sie zu heben und auf die Wiese zu setzen. Auch Arnos kann kaum noch stehen oder gehen, auch er fühlt sich durch die Macht des Schofartones vom Boden der Höhle emporgehoben — hinaus auf die grasige Erde. Hier zieht jetzt die Sonne herauf in glühender Pracht. Der Schofarton aber ist noch nicht verstummt — er schwillt über die Berge und Abgründe hin. Das Sonnenlicht scheint in ihm zu schwingen und zu klingen. Da weiß Arnos, daß dies der Ruf an ihn sei, der Ruf zur Teschuwah, nun und diesmal der Ruf zur Umkehr und zum Abstieg ins Land und ins tätige Leben. Er steht mitten unter den drei Tieren, zum mannbaren Jüngling geworden, und streckt seine Arme der Sonne entgegen. Der Greis tritt aus der Höhle, legt zuerst Arnos und dann dem Widder die Hände auf und verschwindet. Hoch aufgerichtet geht er dahin, von Krankheit und Schwäche befreit. Arnos meint, der Fremde schreite auf den Strahlen der Sonne wie auf einem Pfad von Licht dahin. Lange steht der Jüngling, bis das letzte Zittern des gewaltigen Schofartones in ihm verklungen ist. Dann wendet er sich dem Widder zu, den er eines Hornes beraubt hat. Aber das Tier trägt seine beiden Hörner wie eh und je. Nun weiß Arnos daß der Prophet Elijahu zu ihm gekommen war, um ihn in die Verantwortung zu rufen. Er kehrt in die Höhle zurück. Dort liegt noch! ein letzter Schimmer über dem Lager, auf dem der heilige Mann geruht hat. Arnos spricht ein Dankgebet. Dann packt er das Geringe an Habe zusammen und tritt wieder hinaus in den strahlenden Morgen und

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