Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 686 (3.9.1937)
- Date
- 1937-09-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 DIE NEUE WELT Nr. 686 vom 3. September 193? unter seine Tiere. Mit ihnen macht er sich auf den Weg ins Tal. Hier stößt er auf ein Häuflein Juden, die fromm der Teschuwah entgegenleben und sich zu einer neuen Rechenschaft und für die neue Gnade des Allmächtigen bereit halten. Zu ihnen gesellt sich Arnos und erlebt mit ihnen die Tage der Umkehr. Dann nimmt er eine von ihren Schwestern zum Weibe und wird von ihnen, trotz seiner Jugend und ohne daß er etwas dazu tut, als ihr Führer anerkannt. Er gründet mit ihnen die erste jüdische Siedlung in dem zur Wüste gewordenen Land der Väter. ii& fmtkm vm S^Aomms Inf eiskeil Dh Gemeinde zu Prag hatte Rabbi Landau aus Jampola. der wegen seines Eiferns gegen die Chassidim bekannt war, nach langem Zwist zu ihrem Oberhaupt gemacht. Diejenigen, die bei der Wahl gegen ihn gestimmt hatten, pflegten zu erzählen, daß sich Landau bei dem ersten Festmahl, zr. dem er die Vornehmsten der Gemeinde geladen hatte, oftmals von seinem Lehnstuhl aus habe bücken müssen, um den Tisch zu erreichen; denn er war hoch gewachsen. Dabei habe er lächelnd gesagt, der Tisch sei für seine Person zu niedrig. Einer der Gäste aber, der den Hochmut dieses Scherzes erkannte, soll ihm rasch erwidert haben: „Nein, Rabbi, nur der Sitz ist Euch zu hoch!" Jene hingegen, die Rabbi Landau liebten, erzählten die Sage vom Weinhändler und dem Kutscher gerne. Eines Tages saß der Rabbi über seinen Folianten, da traten zwei Männer, die er an ihrer Tracht sogleich als Polen erkannte, ungestüm in die Stube. Er grüßte sie mit dem Worte des Friedens, fragte sie, woher sie kämen, wohin sie wollten und was sie von ihm begehrten. Da hüben die beiden zu schreien und durcheinander zu reden an, so daß der Rabbi erst den Lärm zum Schweigen bringen und sie auffordern mußte, nacheinander zu sprechen. Darauf begann der Aeltere: „Ich bin der Sohn eines Weinhändlers aus Warschau, mein Name ist Josef. Dieser aber, Chaim, hat mir fünf Jahre lang als Kutscher redlich gedient, hat mich auf meinen Reisen begleitet und ist selber nicht übel dabei gefahren. Als wir im vergangenen Monat gerade in der Gegend von Linz Rast gemacht hatten, suchte ich am Morgen vergebens nach meinem Geldbeutel. Er war verschwunden und ist es geblieben. In diesem Beutel aber trug ich meine gesamte Barschaft mit mir. Ich rief nun den Kutscher und fragte ihn, ob er nicht wisse, wo mein Geld hingeraten sei. Da schlug mir Chaim plötzlich auf die Schulter und fragte, wie ich denn auf einmal zu soviel Geld gekommen sei, ob ich denn als sein Kutscher so viel verdiene, oder ob ich noch unter der Hand Geschäfte zu machen pflege, von denen er, der Herr, nichts wisse. Anfangs glaubte ich, daß Chaim spasse, später dann, daß er betrunken sei oder den Verstand verloren habe. Er aber schrie mir meine eigenen Worte frech ins Gesicht zurück, behauptete steif und fest, er sei des Weinhändlers Sohn und ich sein Bediensteter, so daß wir uns nun endlich entschlossen haben, Euch, dessen Weisheit und Strenge von einem Ende der Welt zum anderen berühmt ist, zu bitten, diesen Streit zu schlichten und den Schuldigen zu finden. Gott wird es Euch gewiß lohnen, denn seht, Herr, ich habe Weib und Kind daheim, und der Inhalt des Beutels war unser ganzes Vermögen. Erhalte ich ihn nicht wieder, dann sind wir alle zu Bettlern geworden." Nun ließ der Rabbi den anderen reden, dieser aber beteuerte, er, Chaim, sei der Betrogene, jener aber der Betrüger, der ihn zugrunde richten wolle. Als auch er geendet hatte, blätterte der Rabbi eine Weile in den Büchern, als stünde in ihnen, wer der Herr und wer der Knecht sei. Dann schlug er plötzlich den Deckel des obersten zu und redete den Männern ins Gewissen; der Schuldige möge doch die Wahrheit bekennen, damit er nicht an seiner eigenen Sünde ersticke. Doch beide blieben bei ihrer Aussage. Da bestellte sie der Rabbi zu «dner bestimmten Stunde des nächsten Tages wieder zu sich, gab aber seinem Diener den strengen Auftrag, niemanden, wer immer auch kommen möge, unangemeldet in seine Stube eintreten zu lassen, ihn selbst jedoch gleich zu benachrichtigen, wenn ein Besuch erschienen sei. Zur festgesetzten Stunde traten die beiden Polen in Rabbi Landaus Haus, der Diener ließ sie im Flur warten, meldete sie an und brachte ihnen vom Rabbi den Bescheid, er hätte einstweilen wichtige Arbeit, sie müßten sich noch eine Weile gedulden. Während die beiden aber im Vorraum aufs neue zu streiten begannen, freilich mit gedämpften Stimmen, denn die Nähe des Rabbi schüchterte sie ein, rumorte Landau in seiner Stube, rückte mit den Stühlen und stieß ein Tischchen um; dann riß er jäh und unvermutet die Türe auf und schrie, als sei er in höchster Not: „Der Kutscher, zu mir!" Chaim aber lief sogleich ins Zimmer, wo ihn eine Predigt empfing, wie sie der Verdutzte noch nie vernommen hatte. Da gestand er seine Schuld ein und stattete seinem Herrn die entwendeten Dukaten zurück, worauf ihn Josef unverzüglich davonjagte. Die Leute aber, die diese Geschichte zum Ruhme Rabbi Landaus berichteten, pflegten sie mit den Worten zu beschließen: Dieser Fromme war ein Funken Tön Salomons Weisheit. H>as umstrittene Tiberias Wir bringen die letzte Aufnahme der Stadt, welche nach dem Plan der Teilung Palästinas vom jüdischen Gebiet losgetrennt werden soll. Die Majorität der Bevölkerung ist jüdisch. Bemuke m Mmk Uastk&hak Von Bath Hillel Küchenbräuche Auf dem Tische des Hauses sieht's nicht ganz so bunt und abwechslungsreich aus wie etwa am Peßachfest — wo die Hausfrauen sich verschworen haben, zu zeigen, was man alles aus Mazzoth herstellen könne. Heute herrschen bei den Juden der verschiedenen Länder verschiedene Speisegewohnheiten; aber eins haben sie alle miteinander gemeinsam: sie sollen Glück bringen! Diesen glückbringenden Zauber sucht man entweder im Namen der Speise oder in ihrer Art. So ißt man am ersten Abend des Festes in Deutschland einen mit Honig bestrichenen Apfel und spricht dazu die Berachah: „Möge es Dein Wille sein, daß dies neue Jahr ein gutes und süßes werde!" In Nordfrankreich wählt man dazu eine besondere Sorte von roten Aepfeln — auch mancherorts in Süddeutschland kennt man diese „Süßäpfel" —, in Südfrankreich aber nimmt man dazu helle Weintrauben. Dem Gedanken des Anfangs, der Erneuerung hängt man nach, wenn man an diesem Abfend Früchte genießt, die man in diesem Jahre noch niemals gegessen hat und dazu die alte Danksagung spricht: „Dank Dir, Gott unser Herr, daß Du uns diesen Tag erleben ließest!" Anderswo ißt man am Neujahrsfest den Kopf eines Fisches, um an das Bibelwort zu erinnern: „Zum Kopf will ich dich machen, nicht zum Schweif!" — vielleicht auch, weil die Fische von dem segnenden Patriarchen als Sinnbüd der Fruchtbarkeit bezeichnet werden. Aus der Welt des.jüdisch-deutschen Ghettos aber stammen wohl die seltsamen Volks-Etymologien in den Küchen-, gebrauchen: daß man „Möhren" ißt, weil es heißt „Mehret euch!" und „Rüben", weil ihr Name an das hebräische Wort für „Viel" (Rab, Rabba) anklingt. Die Jischuwniks In seinen kulturell außerordentlich reichen Jugenderinnerungen erzählt Schmarja Levin von einer merkwürdigen Sitte. Zu Rosch Haschanah kamen die Jischuwniks in die Stadt. Es gibt im Deutschen kein Wort für diese Juden: sie wohnen — oder wohnten — draußen im Dorfe, manchmal in einem einsamen Gehöft, als Fremdlinge in einer fremden Welt. Manchmal vergehen Monate, ohne daß sie einen anderen Juden zu Gesicht bekommen. Aber an den Herbstfeiertagen schließen sie ihre Häuser, lassen ihre Arbeit ruhen und begeben sich in die nächste jüdische Gemeinde, um im Gebet mit der Gemeinschaft vereint zu sein. Die „Hinterwäldler", wie Schmarja Levin sie nennt, werden überall aufs beste aufgenommen; man gibt ihnen die Ehrenplätze an der Misrachwand in der Synagoge und nimmt sie gastfreundlich im Hause auf. Besonders der Tag vor Jörn Kippur war ihnen geweiht; da fanden sie im freundlichen Beisammensein ein wenig Trost für die einsamen Jahre, die sie draußen in der Fremde, fern von ihren Stammesgenossen, verleben mußten. Es waren grobe, bäuerische Menschen, diese Jischuwniks; halb Juden, halb Bauern, lebten sie während des ganzen Jahres mit den Bauern und nahmen ihre Gewohnheiten mehr oder weniger an, wenn man auch, sobald man es sich leisten konnte, einen Rebben ins Haus nahm, der mit den Kindern lernte. Nur am Rosch Haschanah und Jörn Kippur fühlten sie sich wieder eins mit ihrer Welt und ihrem Gott. — Es will mir scheinen, als ob gerade diese Jischuwniks und ihr Schicksal zur Quelle vieler ostjüdischen Erzählungen — von Perez und anderen — geworden wären: so etwa, wenn wir von dem jüdischen Jungen hören, der die Schafe hüten mußte und nichts lernen konnte — nur pfeifen konnte er, und am Jörn Hakippurim, dem feierlichsten Tage des Jahres, wußte er sich nicht anders zu helfen als durch einen langgezogenen Flötenton, der die Kehillah entsetzte, aber vor den Ohren des Herrn wohlgefällig war wie das andächtigste Gebet. Auch die schöne Perez-Novelle von dem Fischer gehört hierher: Der Fischer und sein Weib leben das ganze Jahr hindurch entfernt von aller jüdischen Gemeinschaft, nur am Rosch Haschanah und am Jörn Kippur gehen sie zur nächsten jüdischen Gemeinde und bringen alljährlich einen Fisch mit, um den Gastfreunden zu lohnen. Aber ein Sturm bricht aus und der Fischer gerät beim Fang des Fisches in Lebensgefahr. Da entsinnt er sich des einen Satzes aus dem Neujahrsgebet: „Du bestimmst, wer in Ruhe leben soll und wer in Gefahr", und nun singt er diesen Satz mit seiner Melodie, die wir alle kennen, immer vor sich hin— und Gott tut ein Wunder zum Rosch Haschanah: das Meer wird wieder ruhig und der Fischer kann in Ruhe sein Fest mit den anderen Juden feiern. <t Chassidisches Kosch Haschanah Gemeinschaft der Beter am Rosch Haschanah und am Jörn Kippur: das ist. auch eine der Grundforderungen im Leben der Chassidim. An diesen heiligen Tagen kann kein Chassid' daheim bleiben; mit Weib und Kind, mit seinem ganzen Hausstand siedelt er, wenn es ihm irgend möglich ist, zum Zaddik über. Und auch der Zaddik selbst ist von der Bedeutung dieses .Zusammenschlusses der Genossen" überzeugt. „Alles, was dir der Zaddik gebietet, mußt du tun", sagt Rabbi Nachman aus Brazlaw, „nur wenn er dir verbietet, am Rosch Haschanah zu ihm zu kommen, mußt du nicht gehorchen." Denn an diesen Tagen wohnt dem Zaddik, dem Führer der Frommen, eine ganz besondere Gewalt inne. Als Fürsprecher für seine Gemeinde darf er vor Gottes Thron treten; und seine Seele, wenn sie sich ganz und gar mit dem Herrn vereinigt, hat die übermenschliche Kraft' andere Seelen mit sich emporzutragen, die an ihr hängen wie Trauben am Weinstock. Zahlreich sind die Geschichten, die davon erzählen, wie etwa der Berdyczewer an diesem furchtgebietenden Tage nicht ruhte, bis er Gottes Verzeihung für sein Volk erkämpft hatte — wie er etwa mit der Hilfe des Höchsten selbst die schon verfallenen Seelen wieder „loskauft". Darum ward auch bei den Chassidim aus dem strengen und furchtbaren Tage des Rosch Ha3chanah ein Freudenfest. „Durch die Freude vereint man sich mit Gott." Noch eine Steigerung dieser heiligen Freude kennen die Chassidim: die Wanderung nach Erez Israel. Denn dort ersteht ja dem Menschen die zweite Seele, die sündenfreie, die keine Strafe verdient. Am Vorabend des Ro3ch Haschanah im. Jahre 5559 kam Rabbi Nachman aus Brazlaw in Erez Israel an; und seitdem, pflegte er zu sagen, stamme alles Leben, das in ihm sei, aus der Zeit seines Aufenthaltes in Erez Israel. „Wer in Wahrheit ein Jude sein will, der gehe nach Erez Israel", lehrte er die Seinen. Und doch kehrte er selbst ins Galuth zurück, weil er seine Schüler nicht verlassen wollte. So schlingen sich Volksglaube und Volksbrauch um diese weltweiten Tage im Leben des Juden... und der Gedanke an Erez Israel ist auch hier nicht fern. Aber wer sich seiner Vergangenheit und ihrer Schätze in diesen Tagen bewußt geworden ist, den führt durch alle Er-* schütterungen am Tage des Gerichts und alle Kastelungeh am Tage der Versöhnung ein guter Geist — bis hin zu jenem glückselig befreiten Augenblick des Aufatmens am Ausgang des Versöhnungstages, da der Engel des Gerichts, den Gott zur Erde sandte, keinen Sünder mehr fand in Israel, nur Heimgekehrte ... Dann aber geht der Jude, noch bevor er den ersten Bissen hinuntergeschluckt hat, hinaus vor die Tür, um den Mond zu grüßen und einzusegnen. Und gleich hinterher muß Nagel und Hammer herbeigeholt werden — der erste Nagel für das kommende Fest muß noch heute eingeschlagen werden. Das aber Ist ein Fest der Freude t~ das Fest der Laubhütten.,