Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 686 (3.9.1937)
- Date
- 1937-09-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 686 vom 3. September 1ÖS7 DIE NEUE WELT Seite 5 (Gründungsjahr 1931) Matura-Schule „UNIVERSUM" IX, Gafflj$OTi)gl&$$e 3 / Tel. A-20-4-48 / Beginn neuer Anfängerkurse Mitte September I sämtliche Lehrmittel leihweise! I vormittags., Abend, und Machmitfag$kurse(ab5Uhr) 111........in——— ii .Linn i I Mittelschüler mit Vorkenntnissen können bereits am 1. September in die Vorgesohrittenen-Kurse eintreten/Mittelschüler aus der 4. Kl. mit ungünstigen Jahreszeugnissen werden für die Matura vorbereitet MBUJlBHiaUMWUBUHM rückzuhalren. Schon im Vorjahre hatte er drohend angekündigt; „So sitzen wir zunächst schweigend in Oberschlesien. Aber wir warten auf den Tag, an dem zusammen mit der „Genfer Konvention" die „jüdische Minderheit" aus unserem deutschen Lande verschwindet." Im Juli dieses Jahre3 stimmte nun das Blatt einen Triumphgesang an." „Und nach dieser Einleitung folgten nun in Nummer auf Nummer des „Stürmer" heftigste Angriffe, mit den üblichen Denunziationen und dem dazugehörigen Bilderschmuck, gegen jüdische Bürger und Geschäfte. Die „Stürmer"-Kästen prangen an allen Orten. Transparente und Aufschriften an Wänden und Geschäften tun das ihre, Boykottposten, Banden halbwüchsiger Burschen, Bedrohungen von „Ariern", die zu Juden gehen, kurz, all die aus dem Reiche bekannten Methoden sorgen dafür, daß Oberschlesien in kürzester Frist gleichgeschaltet ist. Schon wird gemeldet, daß in Gutenberg eine unter j Soeben erschienen* 1 SAUL RAPHAEL LANDAU I Sturm lind Dräns im Zionismus s Vor,, mit und um. — Theodor Herzl §f 35 Bilder — 356 Seiten stark (Großoktav) U Besonders interessant: Testamente Herzls, un- §§ bekannte Briefe von Herzl, Bernard Lazare, §f Hirsch Hildesheimer u. a. an den Verfasser (fakg similiert). Unbekannte Dokumente des Reichs- §§ kanzlers Fürst Bülow und des Finanzministers H Dr. v. Bilinski über „Judenstaat" und Zionismus ff Preis gebunden S 12.—, broschiert S 10.— Denkmalschutz stehende Synagoge im Innern völlig verwüstet wurde... Elend und Verz w ei f Inn g ' beherrschen zahlreiche Menschen. In das nqch vor wenigen Wochen unter dem Schutz des Völkerbundes und des internationalen Rechtes stehende Land ist das Dritte Reich eingezogen." Das Begrabjjss Lord RoilasdhiSds Aus Lpndon: Am 29. August fand auf dem Jüdischen Friedhofzu Willesden die Beisetzung des am 27i August verstorbenen Lord Lionel Walter Rothschild, des Empfängers der Balf our- Deklaration, in der Familiengruft der Rothschilds statt. Zu dem Begräbnis hatten sich sehr viele Trauergäste,' unter ihnen die Angehörigen und Freunde des Verstorbenen, Lord Nathaniel Meyer Victor Rothschild, Lionel und Anthony de Rothschild, der Präsident des Board of Deputies of British Jews, Neville Laski, der Direktor des Naturhistorischen Museums, Dr. C. Täte Regan, sowie die Vertreter zahlreicher jüdischer und nichtjüdischer philanthropischer und wissenschaftlicher Gesellschaften eingefunden. * Der Lordtitel des Lord Lionel Walter Rothschild geht nunmehr, da er unverheiratet starb, auf seinen Gegründet 1910 ankgeschäfte aiier Art Wien F, Wipplingerstraße 25 Telephon U-22-4-63 BHflflH9MRRKIjflKB8flHHS81S90OBMEKDRSflBHBBHSHBMI Neffen, Nathaniel Meyer Victor Rothschild, über. Der neue Lord ist 26 Jahre alt; er ist, ebfenso wie sein Onkel, Wissenschaftler und Absolvent des Trinity College in Cambridge. Jüdische FreawiEisge m Shanghai und Tientsin Aus Schanghai (J. T. A.): Bei der Verteidigung der jüdischen Bevölkerung von Schanghai spielt jetzt das jüdische Freiwilligenregiment von Shanghai eine hervorragende Rolle, das der aus Bewohnern der verschiedenen ausländischen Konzessionen zusamengesetzten Freiwilligen-Truppe angegliedert ist. Das Regiment besteht aus 250 jungen Juden, Mitgliedern zionistischer und anderer jüdisch-nationaler Organisationen der Stadt. Es bewacht die jüdischen Vierteln der internationalen Konzession und leistet insbesondere tätige Hilfe jenen Juden, die in den von den Bombardements am meisten heimgesuchten Stadtteilen leben,, indem es sie vorübergehend in die weniger gefährdeten englischen und französischen Konzessionen schafft. Auch in Tientsin hat sich eine jüdische Freiwüligen-Gruppe gebildet, die für den Schutz desLebeus Me> SckMütUe» für Volksschulen, Hauptschulen, Mittelschulen und and. Lehranstalten in den richtigen Auflagen, auch antiquarisch, solche zu allerniedrigsten Preisen liefert Awticfuadai Ucmt. JaacUwx II, Ecke TaborstraOe 52/ Telephon R-41-4-20 iflKSUfy T 3 II S € h zu günstigen Bedingungen und Eigentums der jüdischen Einwohner sorgt. Dies war besonders nötig nach der Niederlage der chinesischen Truppen yor wenigen Tagen, da die den siegreichen Manchukuo-Truppen angegliederten Abteilungen der russischen Weißgardisten den Juden mit Pogromen gedroht hatten. Zahlreiche Juden hatten fluchtartig die Stadt verlassen und sich in die britischen und französischen Konzessionen zurückgezogen. Die Lage der Juden in Tientsin ist sehr schwer. Viele jüdische Familien sind völlig verarmt. Besonders tragisch ist die Lage jener Juden, die erst kurz vor dem japanischen Angriff auf Tientsin in die Stadt gezogen waren; sie sind zum größten Teil auf die Unterstützung durch die jüdische Gemeinde und jüdische Wohlfahrtsgesellschaften angewiesen. Prozeß gegen zwei Leiter des jüdischen Rayons Aus Moskau: Das Dastriktskomitee der Kommunistischen Partei in Odessa hat die beiden Leiter des jüdischen autonomen Rayons Kalinindorf, Avram und R a b i t s c h e w, aus der Partei ausgeschlossen. Sie werden beschuldigt, „willkürlich eine falsche Nationalitätenpolitik in ihrem Rayon geführt zu haben, indem sie ukrainische Einwohner des Rayons aus den jüdischen Kollektivsiedlungen ausgeschlossen haben; ferner sollen sie sich für die Aufnahme eines „Volksfeindes" in die Partei eingesetzt haben. Insbesondere aber stehen sie unter dem Verdacht trotzkistischer Betätigung. Das Distriktskomitee hat die Behörden ersucht, die beiden Gemaßregelten vor Gericht zu stellen und sie einer strengen Bestrafung zuzuführen. €>tmOii$brot noch immer unerreicht al§ ©efünbfjeits» unb Straft» brot. 9tetd) an ben \o wichtigen Släljrjaläen. 6ef)t bequem: ©imon§brot*@chuittenuäd;c&en in Stanniol. §riid)tenbrot: Stufbau» unb 2)arm»3iegulator. 3U haben in geinfofttjanblungen unb in üielen SSäcfereten. ^(SimoiÄotrabvif S03ien=®aa.ron55. ^ägl.^Jofiöer».^ Der Patriarch segnet den Mörder Aus Bukarest (J. T.-A.): Das Oberhaupt der orthodoxen Kirche in Rumänien, Patriarch Miron Ch r i s t e a, hat an den Führer der gewaltantisemitischen „Eisernen Garde", Corneliu Codreanu, ein Schreiben gerichtet, in welchem er diesem seinen Segen erteilt und ihn ermutigt, seine Tätigkeit ungeschwächt fortzusetzen. Gleichzeitig setzen die nationalistischen rumänischen Zeitungen, gestützt auf die antisemitische Erklärung des Patriarchen im „Curentul", ihre intensiv« antisemitische Hetzagitation fort. Die einflußreiche Tageszeitung „Universul", die wegen ihrer scharfen antisemitischen Einstellung bekannt ist, warnt die Regierung davor, sich im Zusammenhang mit der Erklärung des Patriarchen im „Curentul" mit diesem in einen Konflikt einzulassen, da es sonst zu religiösen Unruhen Ein Kapitel Weltgesdhidtiej Jüdi§die Abteilung! (Eine englische Humoreske) ■;- Die Geschichte trug sich im sechzehnten Jahrhundert zu.. In Florenz lebten zu jener Zeit viele Juden und bildeten eine angesehene Gemeinde, Eines Tages befiel die Gemeinde Bestürzung. Ein Gerücht durchzog die Stadt, der' Fürst, der in Florenz an der Macht war, bereite ein Gesetz vor, wonach alle Juden die Stadt in Kürze mit Kind und Kegel verlassen müßten. Sofort würde eine Delegation, zusammengesetzt aus den Rabbinern, den reichen Kaufleuten und öffentlichen Funktionären, an den fürstlichen Hof entsandt. Sie brachten das Gesuch ein, das Gesetz möge nicht erlassen werden, baten um Erbarmen, beschworen den Fürsten, nicht solch ein Unglück über die jüdische Gemeinde zu bringen, denn — sie hoben stolz ihre Häupter ■— dies werde sich auch katastrophal für Florenz auswirken. Florenz, beraubt der klugen, vorsichtigen und erfahrenen jüdischen Kaufleute und Bankiers, die alle Fäden der Finanz und Wirtschaft in ihren Händen hielten, werde unbarmherzig zugrunde gehen! So wahr es einen gerechten Herrn im Himmel gebe ...! Die fürstliche Hoheit dachte eine Weile nach, dann erwiderte sie: „Wenn ihr wirklich so viele kluge und weise vjuden unter euch habt, sendet mir einen — den Klügsten, mit dem ich einen Disput abhalten möchte. Eine Bedingung stelle ich: Ich will meine Worte nicht verschwenden. Unser Disput muß ohne Worte abgeführt werden. yVir müssen uns durch Winke verständigen! Wenn euer Gesandter meine Gedanken wird erraten können, gut, dann werde ich Gnade walten lassen, das Gesetz nicht publizieren und eure, Gemeinde wird weiter geachtet, wie seit Jahrhunderten in meinem Reich, dem schönen Florenz, leben können." Damit war die Delegation entlassen. Die Juden versammelten sich zu einer Beratung. Viel Zeit verstrich im Austausch der Meinungen. Man überdachte alle Möglichkeiten und Aussichten, bis man schließlich zur Einsicht kam, daß man den Vorschlag äes Herrschers akzeptieren müsse. Wen entsenden? Einen Mann, der Gedanken lesen kann! Bisher benötigte die Gemeinde kluge Wortführer — jetzt: stumme Gedankenleser. Da die Verantwortung einer solchen Mission groß war — ging es doch um die Existenz der ganzen Gemeinde — einigte man sich auf Rabbi Chaim aus Toskana. Er galt als überaus weiser und gelehrter Mann, insbesondere Menschenkenntnis rühmte man ihm nach. Er vermochte Menschen ganz zu durchschauen, förmlich in den Seelen zu lesen. Der Toskaner Gelehrte kam an den fürstlichen Hof, wurde in die Bibliothek geführt, wo Seine Hoheit intime Gespräche mit seinen Räten zu führen pflegte. Nach einiger Zeit kam der Fürst, sie begrüßten einander stumm. Die wortlose Unterhaltung begann ... Am nächsten Morgen durcheüte eine Freudenbotschaft das jüdische Viertel Florenz': Der Fürst habe erklärt, die jüdische Gemeinde bleibe unversehrt! Ein neuer Haman vernichtet, Purim in Florenz... Die Mitglieder des fürstlichen Hofes bestürmten den Herrscher: „Was hat Eüre fürstliche Hoheit bewogen, dieses Judenpack zu begnadigen?" Der Fürst warf sich in Positur: „Ich habe mich überzeugt, daß diese Juden wirklich klug und durchtrieben sind. Spitzbuben — stimmt, aber respektgebietende. Es wäre Unrecht und Narretei, diese Kerle aus meinen Grenzen zu treiben." Die Hofleute erstarrten. Einer wagte sich vor und fragte: „Worin besteht diese jüdische' Klugheit?" „Gern will ich es euch sagen. Stellt euch vor, ich habe mir einen herschicken lassen, mit dem ich mich ohne Worte unterhielt. Nur auf den Wink. Und -— er hat jeden meiner Gedanken erraten. Er wußte auf den Wink, was mein Gehirn dachte! Ich werde es euch sogleich erklären. Ich hob einen Finger meiner Rechten in die . Höhe, als Zeichen, daß es bloß einen wahren Glauben, den christlichen, gebe. Was tat der Jude? Er hob zwei Finger seiner Rechten — mir damit erklärend, es gäbe zwei: meinen, den christlichen, seinen, den mosaischen! Dann hob ich meine rechte Hand und deutete nach allen Himmelsrichtungen, ihm damit kündend, daß ich die Juden vertreiben werde und sie zerstreut wUrden in alle Ecken dieser Erde. Der Jude tat ercos ra; iifr, zum Tisch und schlug wuchtig^ mit der Faust darauf — niemals, niemals! Die Juden — dassollte es bedeuten — werden in Florenz, bleiben, keine Macht vremag sie zu verjagen. Hier wohnen sie seit Jahrhunderten, hier wollen sie leben, wirken und bei ihren Ahnen begraben werden! Sodann nahm ich aus einer Lade eine Orange, ihm damit andeutend, daß die Erde kugelrund sei. Der Jude wurde nicht verlegen, griff in die Tasche und brachte ein Gebäck zutage, so eine Art Semmel, die wohl rund, oben und unten aber eingedrückt, also flach war. Ihr begreift? Dieser Jude korrigierte meine astronomischen Kenntnisse. Jawohl, rund ist die Erde — sagte er mir stumm — am Nord- und Südpol aber nicht, dort ist sie flach!..." Die Hofleute verließen mit gesenkten Häuptern das Gemach des Fürsten. Zur selben Zeit feierten die Juden ihren Sieg im Hause des Toskaners. Welcher Triumph! Die furchtbare „Geserah" abgewandt. Doch ehe sie die Speisen berührten, waren sie begierig, zu erfahren, was sich zwischen Rabbi Chaim und dem. Fürsten abgespielt hatte. Der Toskaner erhob sich und erzählte schmunzelnd: „Glaubt mir, teure Brüder, es ist gar nicht so schwierig, sich ohne Worte mit einem Goj zu vertändigen. Ich habe bald ergründet, was der Fürst sich jeweils dachte. So hob er einen Finger in die Höhe — drohend, er werde mir ein Auge ausbrennen, mich blenden. Da wies ich zwei Finger: warte nur, Bösewicht, ich werde dir zuvorkommen und dir beide aushacken! Darauf hob er die ganze Hand und warf sie hin und her — andeutend, er werde mir den Kopf abschlagen lassen. Ich aber schlug mit der Faust auf den Tisch: Du hast dich verrechnet, ehe du mich köpfen wirst, werde ich dich nicht lebend aus diesen vier Wänden entkommen lassen! Da ließ er von mir ab; es ist ihm einfach übel geworden. Er nahm eine Orange und wies sie mir — Halt, dachte ich, du gehst essen und verspottest mich, weil du glaubst, ich hätte nichts zu essen! Fürstlicher Narr, da schau her! Ich zog eine Semmel aus der Tasche — gottlob, ich werde auch nicht verhungern! Auf diese Weise unterhielten sie sich ohne Worte, der Fürst und der Jude. Und sie verstanden einander ganz wunderbar... M. S. Brafmann. i