Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 684 (27.8.1937)
- Date
- 1937-08-27
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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' Nr, 684 vom 27. August 1937 DIE NEUE WELT Seite ^5 Orthodox!« zur Palästina-Frage Aus Marienbad: Die siebente Plenarsitzung der Kenessio Gedaulo (Kongreß der nichtzionistischen Orthodoxie) war der Palästina-Frage gewidmet. Der Direktor der Palästina-Zentrale der Agudas Jisroel, Dr. Salomon Bhrmann-Prankfurt a. M., führte in seinem Rcfereat aus: Fest steht, daß wir als Heiliges Land den ganzen großen Fleck Erde betrachten, dessen Grenzen Gott selbst gezogen hat. Wir wissen nicht, ob wir die Teilung Palästinas werden verhindern können, aber wir müssen dafür sorgen, daß das jüdische Land, artag es auch klein sein, ein heiliges, und daß Erez Jisroel ein jüdisches Land werde. Die Orthodoxie muß verlangen, daß ihr .Wort bei allen zuständigen Instanzen Gehör findet. Die Arbeit der Palästina-Zentrale, die bis Vor wenigen Jahren das Werk Einzelner innerhalb der Aguda war, konnte die Zahl der agudistischen S chu 1 e n im Heiligen Lande von 5 (mit 474 Schülern) im Jahre 1933 auf 20 (mit 2180 Schülern) im Jahre 1937 erhöhen. Unsere Arbeit war gehemmt durch die Weigerung der Zionistischen Organisation, uns für unsere Mitglieder Zertifikate zur Verfügung zu stellen. Es sind erst wenige Jahre her, seitdem es uns mit Unterstützung der Mandatsregierung gelungen ist, unsere Rechte sionisten anbelangt, so würden sich die agudistischen Arbeiter einem solchen widersetzen. Es sprachen dann noeft Dr. Bucksbaum (Jerusalem), der dagegen protestierte, daß man vom jüdischen Volke verlange, auf sein Heiligstes, die ätadt Jerusalem, zu verzichten; Abel mann (Bessarablbn), der sich für die Errichtung eines jüdischen Staates aussprach, weil die Not der Zelt es erfordere; Dep. Minzberg (Wauschau), der sich ebenfalls für die Schafffungdes Judenstaates aussprach, doch müsse man sich bei der englischen Regierung die Zusage sichern, daß sie eine marxistische Regierung in Palästina nicht zulasse. Jedenfalls dürfe man nicht beiseite stehen und den- Dingen freien Lauf lassen. Im gleichen Sinne' sprach auch der gewesene Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde von Warschau, Mazur. Der politische Sekretär der Aguda, Harry Goodman (London), führte aus, im jüdischen Volk wachse immer mehr die Empörung gegen jene, die es verkauft haben. Man müsse zur Frage der Teilung Palästinas ein klares, un beding tes Nein sagen. Das jüdische Volk habe keine Zukunft in einem jüdischen Staat, wie er uns vorgeschlagen wird. (Gründungsjahr 1931) Matura-Schule „UNIVERSUM IX9 Gdr lliSO ffl gl&SSe 3 / Tel. A-20-4-48 / Beginn neuer Anfängerkurse Mille September vormittags-, Abend- und Nachniittagskurse (9b 5 Uhr} Sämtliche Lehrmittel leihweise! t„ , At u „ „ 0 t u 4 A. „ I lt 1 Mittelschüler mit Vorkenntnissen können bereits am 1. September in die Vorgechrittenen-Kurse eintreten / Mittelschüler aus der 4. Kl. mit ungünstigen Jahreszeugnissen werden für dieMatura vorbereitet auf Zertifikate durchzusetzen; doch muß weiterhin festgestellt werden, daß deren geringfügige Zahl noch immer eine schwere und ungerechtfertigte Benachteiligung der glaübenstreuen Judenheit bedeutet. Die Aguda hat bis heute 2341 Zertifikate an ihre Mitglieder verteilt. Auf Grund dieser Zertifikate sind rund 5000 Seelen nach Erez Jisroel gezogen. Als nächster Redner sprach Dr. Isaac Breuer. Die Weltöffentlichkeit wartet seit Wochen mit Spannung auf die Stellung, die die Agudas Jisroel zur Frage des jüdischen Staates einnehmen wird. Die nächste Forderung, die an die Knessk? Gedaulo zu stellen ist, ist die nach einer klaren ideologischen Einstellung zu den Ereignissen unserer Zeit, insbesondere zu den Problemen des Heiligen Landes. Den jüdischen Massen muß gesagt werden» was es zu bedeuten hat, wenn uns nach zweitausend Golusjahren heute ein jüdischer Staat angeboten wird. Dr. Maximilian Landau-Berlin hielt ein Referatüber die Notwendigkeiten einer Ueberseewanderung und Ansiedlung jüdischer Menschen. Nach einem Ueberblick über die sich stetig vergrößernde Not der jüdischen Massen und der Feststellung, daß Palästina in absehbarer Zeit diese Not nicht werde lindern können, forderte der Referent die Aufstellung eines großen Wirtschaftsplanes. Er fordert die Errichtung kompakter jüdischer Massensiedlungen auf geeigneten Territorien in Uebersee. Insbesondere verwies der Referent auf leere Räume innerhalb des britischen I m p e r 1 u m s, die anerkannte Notwendigkeit' einer Einwanderung in die Dominien und meinte, daß das Kolonisationswerk aus den mannigfaltigsten Gründen gerade auf Gebiete innerhalb des Empire konzentriert werden müßte. Er wies den Einwand zurück, daß die Juden für die Besiedlung von Ländern außerhalb Erez Jisroels nicht die heroische Lebenskraft und unerschütterliche Zähigkeit aufbringen würden, die sie im Heimatland haben. Ueberhaupt sei die Argumentation, daß durch ein großzügiges Hilfswerk in der Diaspora der Aufbau Erez Israels vernachlässigt und „g e s c h ä d i g t" würde, durchaus unzutreffend und kurzsichtig. Palästina werde durch eine Sanierung des Golus nicht nur nicht geschädigt, es könne dadurch nur gewinnen. Rabbiner Blau (Jerusalem) sagte zur Lage in ^Palästina, daß es den „Chofschlm" (Freisinnigen), die 90 Prozent des Jischuw ausmachen, in den letzten dreißig Jahren gelungen sei, im Judentum eine Spaltung herbeizuführen. Gegen die zionistischen Organe richtete der Redner heftige Angriffe und sagte, man dürfe nicht vergessen, daß alles, was die Aguda in Palästina erreichen konnte,* sei es nun Bewilligung von Zertifikaten oder Verhinderung der Sabbat-Entweihung, nur mit HilfederPalästin a-R egierung erreicht werden konnte. Es sei b e i n a h e zu begrüßen, daß im Falle einer Teilung Palästinas und Schaffung eines jüdischen Staates die heilige Stadt Jerusalem aus dem Judenstaat ausgenommen sein würde; nur so werde sie der Verwaltung durch die „Chofschlm" entzogen sein. Rabbiner Sankiewicz richtete ebenfalls scharfe Angriffe gegen, die Zionistische Organisation. Sie habe, sagte er, das Volk und seine Seele geteilt, nun wolle sie auch sein Land teilen. * Der Führer der agudistischen Arbeiter in Palästina, M i n z, führte aua, es sei kein .Wunder, daß die Kgl. Korn« misslon nur in der Zionistischen Organisation eine Verhandlungspartnern gesehen habe, denn die Aguda habe fast nichts geleistet. Was einen Pakt mitdenRevl- Die Teilung Palä§tinas wird abgelehnt Aus Marienbad: Der Rabbinische Rat der Agudas Jisroel ist in seinen vom 10. bis 16. Elul (18. bis 23. August) anläßlich der Kenessio Gedaulo in Marienbad stattgehabten Sitzungen nach Beratung des zur Zeit für die jüdische Gesamtheit aktuellen Ereg- Jisroel-Problems zu folgenden Entschließungen gelangt: Der Rabbinische Rat erklärt: a) Unser Heiliges Land ist uns vom Herrn der Welt in ewigem Eid- und Bundesschwur geschenkt worden, auf daß wir darin die Gesetze der Thora und ihre Gebote verwirklichen und dort ein Leben der Thora führen. Pas jüdische Volk ist daher ALLE SCHULBÜCHER richtige Auflagen, für antiquarische allorbllHgste Preise 1 Größte Auswahl! Spesenfreie Zusendung. Verzeichnisse umsonst — Zelt spart, wer kauft im Schulbücher-Antiquariat Hermann Tuchner, Wien II. Ecke Taborstraa« 53, Telephon R-41-4-20 seinem Lande mit allen Fasern seines Herzens und seiner. Seele für' alle Ewigkeit unlösbar verknüpft, b) Nachdem wir ob unserer Sünden aus unserem Lande ins Exil wandern mußten, hat Gott uns durch seine heiligen Propheten verheißen,1 daß er uns dereinst durch seinen Gesalbten erlösen wird. Der Glaube an diese Verheißung ist eine der Grundlagen der jüdischen Religion, verbindlich für jeden Juden, c) Der Anspruch des jüdischen Volkes auf das Heilige Land wurzelt daher in der Thora und den- Propheten, den Boten Gottes, d) Der Bestand eines jüdischen Staates ist nur möglich, wenn dieser Staat das Thoragesetz als Grundgesetz des Staates und die StaatsfUhrung die Herrschaft der Thora anerkennt. Ein jüdischer Staat, der diese Anerkennung nicht gewährt, bedeutet eine Verleugnung1 der jüdischen Geschichte, eine Negation des wahren Wesens der jüdischen Nation und eine Untergrabung ihrer Existenz. Ein derartiges Gemeinwesen verdient nicht den Namen eines jüdischen Staates. Der Rabbinische Rat erklärt, daß die Grenzen unseres Keiligen Landes durch Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, in seiner heiligen Thora für alle Zeiten festgesetzt worden sind. Es ist daher unmöglich, daß das jüdische Volk seinerseits in irgendeiner Weise auf diese Grenzen einen Verzicht ausspreche. Jeder derartige Verzicht wäre null und nichtig. ■\- Die auf dieser Proklamation basierenden Entschließung des Kongresses (Kenessio Gedaulo) lautet: Die Kenessio Gedaulo kann — bei aller Würdigung des Strebens der Peel-Kommission nach einer objektiven Lösung — dem von ihr vorgeschlagenen jüdischen Staat nicht zustimmen, Die Kenessio Gedaulo hält die tatkräftige Durchführung des Mandates, verbunden mit einer zielbewußten Politik der Versöhnung zwischen den Juden und den Arabern für möglich. Angesichts der ungeheuren Notlage von großen Teilen des jüdischen Volkes erachtet die Kenessio Gedaulo die vpn dem Command Paper vorgesehene einstweilige Einschränkung der Alijah und des Bodenerwßrbs fllr untragbar. Die Kenessio Gedaulo ermächtigt und beauftragt £dw. G.Robinson Bette Davis in um "^H ffAMAHAß nOTBhTURM KINO ABH0R6BH SCHOWENKINO die politische Exekutive, Verhandlungen mit der englischen Regierung und dem Völkerbund aufzunehmen, um eine Lösung durchzusetzen, die den religiösen und materiellen Bedürfnissen des jüdischen Volkes sowie seinen auf der Thora begründeten historischen Ansprüchen an das Heilige Land entspricht. Die Proklamation des Rabbinischen Rates und die Entschließung der Politischen Kommission wurden vom Plenum der Kenessio Gedaulo ohne Diskussion durch Erheben von den Sitzen angenommen. Die Aguda-Jugend stimmte religiöse Lieder an und vollführte einen Tanz. Zum Schlüsse der Sitzung kam es zu einem scharfen Tumult, als Senator Trokenheim (Warschau) sich gegen die allzu scharfe Beurteilun g des Peel-Berichtes in der Rede des Präsidenten Rosenheim wandte und eine Gegenerklärung verlesen wollte. Ein S0hr großer Teil der Delegierten schlug Lärm und ließ Trokenheim nicht zu Worte kommen. Die polnische Landsmannschaft trat zu einer Sitzung zusammen und; nahm Stellung für Trokenheim. Je nadi der Konjunktur Der Weltkongreß der Agudas Jisroel, die Kenessio Gedaulo in Marienbnd, hat, nach den dynamisch-wuchtigen Erklärungen der einzelnen Führer zu schließen, den Eindruck gemacht, daß die Orthodoxie in der jüdischen Welt eine nicht zu unterschätzende Macht darstellt. Nicht allein die Zahl der Delegierten und Gäste konnte eine Vorstellung vom Wirkungsbereich der Aguda geben, sondern auch ihr festes Auftreten und vor allem der Umfang des Verhandlungsstoffes. Die Aguda hat sich in Marienbad als eine Macht gefühlt, der man Reverenz erweisen müsse, und sie hsft in ihren Beschlüssen Entschlossenheit gezeigt, von ihrem traditionellen Programm nichts nachzulassen. In einem Punkte sogar gab sie ihre Absicht kund, ihren Aktionsradius zu erweitern: in Sachen Palästinas, in der Frage des „Jüdischen Nationalheims". Nachdem der Zionismus, der H e r z 1 - Zionismus, den Juden den Weg bereitet hatte, konnten die Nachzügler mit wenig Gepäck und noch weniger politischem Rüstzeug sich breitmachen. Auch die Aguda gehört bezüglich ihrer palästinensischen Träume und Hoffnungen zu den Nutznießern der Herzischen großen und erhabenen zionistischen Konzeption. Unter dem Motto, daß auch i h r das „Jüdische Nationalhelm" ein Herzensbedürfnis (als ein Gebot Gottes) sei, tritt die Aguda heute mit einem großen Anspruch an die jüdische Welt, an das jüdische Volk. Sie hat nämlich in Marlenbad die Feststellung gemacht, daß sie Anspruchdarauf erheben müsse, von der ganzen Weltöffentlichkeit als der "eigentliche Kern des jüdischen Volkes angesehen zu werden. Kein vernünftiger' Jude wird die Bedeutung dessen verkennen, was das religiöse Judentum für die Erhaltung des jüdischen Volkes' vom Urbeginn an geleistet hat, Aber die in Marienbad so kräftig betonte Forderung des Vorrechtes der Orthodoxie ist nur dadurch möglich geworden, daß der Zionismus der zionistischen Führung das hohe Herzische Ideal, die Erneuerung des jüdischen Volkstums auf seinem historischen Boden, zu einem Objekt gemacht hat, mit dem man je nach der Konjunktur — groß oder klein — schachern kann. Ein hingebungsvoller, begeisterter Mitarbeiter ist von uns gegangen: Vizepräsident des Keren Haj essod für Österreich ist am 23. August 1937 ganz unerwartet gestorben. Mit schmerzlicher Trauer erfüllt uns der Verlust dieses immer selbstlosen und hilfsbereiten Freundes, dessen vorbildliches Wirken und Streben wir stets in treuem und dankbarem Gedächtnis behalten werden. Das Präsidium 4er KerenHajessod Kommission für Oesterreich Dir, S. Altmann Dr. N. Goldschmidt