Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 682 (20.8.1937)
- Date
- 1937-08-20
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 682 vom 20. August 193T DIE NEUE WELT Seite- 7 Letzte Nachrichten Die „mditzioni§tfi§die" Agency tum Palästina-Problem Aus Zürich wird gemeldet: Gleichsam als Auftakt zu der am Mittwoch, den 18. August, begonnenen Tagung des Councils der Jewish Agency, auf der der zionistische und der nichtzionistische Teil des Councils gemeinsam zu den Beschlüssen des XX. Zionistenkongresses Stellung zu nehmen, bzw. diese zu sanktionieren haben werden, versammelten sich am Dienstag, den 17. August, 100 Mitglieder des nichtzionistischen Teiles zu einer Vorberatung, in deren Mittelpunkt der Peel-Bericht und das Problem der Schaffung eines Judenstaates in einem Teile Palästinas standen. Hauptredner des Abends war der Führer der amerikanischen Nichtzionisten und Ehrenpräsident des Joint. Distribution Committee, Felix M. Warburg. Er übernahm den Vorsitz, und skizzierte in einer längeren Rede die Haltung der der Zionistischen Organisation nicht angehörenden Juden zum Judenstaatsproblem. „Mir macht das Schicksal der 400.000 Juden in Paläfitina Sorge", sagte Warburg. „Der eingeschlagene Weg zum Judenstaat ist nicht der richtige. Vor allen Verhandlungen über Errichtung eines Judenstaates in einem Teile Palästinas müßte eine arabischjüdische Verständigung herbeigeführt werden. Es ist von erster Wichtigkeit, zuerst eine Versöhnung mit den Arabern zu erreichen, bevor man versucht, die Mandatarmacht und den Völkerbund davon zu überzeugen, daß die Errichtung eines Judenstaates der Fortführung des Mandats vorzuziehen sei. Ich beklage es, daß der Peel-Bericht die Meinung äußert, daß zwischen Juden und Arabern eine Verständigung nicht möglich sei. Nach alldem, was die Juden in Palästina vollbracht haben — wirtschaftliche Entwicklung des Landes, Besserung der Gesundheitsverhältnisse, nahezu völlige Ausrottung der Malaria; Fortschritte, die den Arabern ebenso wie den Juden zugute kommen —, bedeutet es eine schwere Enttäuschung, wenn die Kgl. Kommisison eine solche Meinung vertritt. Ich appelliere an die Führer der Nichtzionisten In der Jewish Agency, ihr Bestes zu tun^lim die Hitzköpfe in den zionistischen Reihen, die so schnell wie möglich den Judenstaat in einem Teil Palästinas wollen, zu dämpfen. Der Völkerbund wird, schließlich mit der Jewish Agency über das Schicksal Palästinas verhandeln; wir, der nichtzionistische Teil, müssen eine klar ausgeprägt« Ansicht haben über das, was für die Juden in betreff Palästinas das beste ist." . . Nach der Rede Warburgs setzte eine lebhafte Diskussion über das Problem einer Verständigung mit den Arabern ein. Während die Nichtzionisten aus den westlichen Ländern Warburgs These stützten, daß der Schaffung des Judenstaates eine Versöhnung mit den Arabern vorangehen müsse, äußerten die Sprecher aus den osteuropäischen Ländern die Ansicht, daß Verhandlungen mit den Arabern erst nach Errichtung des Judenstaates Aussicht auf Erfolg haben. Der Vertreter des Waad Leumi, Dr. A. Kazenelson erklärte, man müsse das ganze Problem nicht nur vom Standpunkt der 400.000 in Palästina lebenden Juden, sondern auch vom Standpunkt aller Juden, die in Palästina eine Zufluchtsstätte suchen, betrachten. Es handle sich darum, falls ein Judenstaat errichtet wird, in den nächsten 20 Jahren zw eiMillioneu Juden (!) nach Palästina zu bringen. Die Delegierten aus Osteuropa pflichteten Kazenelson bei, daß ein Judenstaat in einem Teil Palästinas dem Mandat, wie es jetzt verwaltet wird, vorzuziehen sei. Die Amerikaner Strock, Maurice B. Hexter und George Backer, die Engländer Neville Laski und Norman Bentwich sprachen sich im Namen ihrer Länder für die These Warburgs aus. Eine Abstimmung fand nicht statt. Die' Versammlung brachte keine Klarheit. Die Gefahr einer Spaltung zwischen dem zionistischen und dem nichtzionistischen Teil im Council der Jewish Agency bei der Behandlung der Frage der Errichtung ©Ines Judenstaates in einem Teil Palästinas besteht weiter. //Paläsfi'nasOrdiester boykottiert jüdische Komponisten" Wir erhalten folgende Zuschrift aus Tel-Aviv: „Als Besucher sämtlicher Symphoniekonzerte des neuen „Palästina-Orchesters" bereitete mir Ihr "Artikel „Palästina-Orchester "boykottiert jüdische Komponisten" große Genugtuung. Ich selbst habe diesbezüglich des öftern mit den, Leitern dieses Orchesters gesprochen, jedoch bisher ohne Erfolg. Und es wäre ja die Pflicht dieses hervorragenden Orchesters, in jedem Konzert ein größeres Werk eines jüdischen Komponisten zu bringen, die in der Diaspora ohnehin kaum zu Worte kommen. Was das Orchester im ersten Jahr versäumte, könnte jetzt im zweiten Jahr seines Bestehens nachgeholt werden. — Hochachtungsvoll Dr. B—n. Sektion XIII—XV des Verbandes der Judenstaatszioniston gratuliert Herrn und Frau Max Ruda zur Geburt cinca Sohnes, Sdiredcenstage in Obersdilesien — Streicher regiert! die „Kulturwelt*' schwelgt Der Vertrag mit Polen, welcher die 10.000 Juden Deutsch-Oberschlesiens vor dem mörderischen Zugriff des Nationalsozialismus schützte, ist am 15. Juli 1937 abgelaufen und schon jetzt hat ein Schreckensregiment eingesetzt. Die „Nürnberger Rassengesetze" sind proklamiert und der „Stürmer" des Julius Streicher überflutet das Land und fordert mit vollem Erfolg zur Hetze gegen die wehrlosen Juden auf. Die Jüdische Telegraphen-Agentur übermittelt folgenden Situationsbericht: Der gewalttätige Boykott — Geplünderte Läden — Christliche Käuferinnen bespuckt — Synagogenschändungen in Beuthen und Guttentag Die Jüdische Telegraphen-Agentur hat in der letzten Zeit wiederholt Berichte über die antijüdische Terrorwelle, die nach Aufhebung der Oberschlesien- Konvention in einer Reihe von Städten und kleineren Orten Oberschlesiens eingesetzt hatte, gebracht. Heute sind wir in der Lage, aus zuverlässigster Quelle einen Bericht über die schweren pogromartigen Angriff e auf die jüdische Minderheit, vor allem in der Geschäftswelt, zu bringen, der an Ort und Stelle aufgenommen worden ist. Unser Gewährsmann erzählt": Die schweren Unruhen, die in Oberschlesien ausbrachen, sind zweifellos durch eine Reihe von Aufsätzen des Nürnberger „Stürmer" vorbereitet worden, die die gröbsten Beschimpfungen und Verleumdungen gegen oberschlesische Juden, insbesondere Geschäftsinhaber, enthielten. Ein „Sonderberichterstatter" des „Stürmer" hat alle Städte in Oberschlesien bereist und in den letzten Nummern des „Stürmer" seitenlange Artikel und Photographien jüdischer Geschäfte veröffentlicht. Sämtliche Juden, die in den Städten einigermaßen Bedeutung haben, wurden bei voller Namensnennung größter Verbrechen beschuldigt. Wir geben aus der Nr. 30 des „Stürmer" vom Juli 1937 eine kurze Probe des Inhalts, wie er sich mehr oder minder ähnlich über viele Seiten, begleitet von Photographien der jüdischen Geschäfte, erstreckt. Im „Stürmer" sind alle Juden mit vollem Namen genannt; wir geben hier jedoch nur die Anfangsbuchstaben wieder: „In Oberglog au hat im Jahre 1934 der Judenarzt Dr. A. B. eine Praxis eröffnet. Nachdem dieser Jude selbst von Angehörigen der Gliederungen der . Bewegung Zulauf hatte, wies Kreisleiter C. in einer Parteiversammlung auf diese unhaltbaren Zustände mit scharfen Worten hin. Und was tat der Jude? E r b es aß dre Frechhe i.t,. sich über das, was in der Parteiversammlung gesprochen, wurde, beim Oberpräsidenten zu beschweren. Ein ähnlicher Fall hat sich in Klein-Strehlitz zugetragen. Dort führte bis vor kurzem die Jüdin D. E. eine Schankwirtschaft. Durch ihre üblen talmudischen Mache n s chaf ten haben die in dieser Neppkneipe verkehrenden deutschen Arbeiter oft ihren ganzen Wochenlohn verloren. Die von aufrechten deutschen Männern durchgeführte Aufklärung des Volkes bewirkte, daß die Arbeiter später das Lokal mieden. Und was tat die Jüdin? Sie strengte SCHLAGER dieser WOCHE Iiuprimä-Sommerstoffe, waschecht, für —WJ* Dirndl und Kleider .... per Meter S f O Mattseiden-Marocaine, knitterfrei, Streif en und Karo ...... per Meter S U K.-Seiden-Taft-Blusen, entzückende q-90 Schottenmuster *........£ O Schöne Blumen-Dirndln in moderner Q-90 Knopffasson..........S 0 Herren-Charmeuse-Hemden, gute Quali- 9'90 tät, solange Vorrat ....... 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Juli 1937) des Genfer Vertrages zwischen Deutschland und Polen zum Schutze der oberschleslschen Minoritäten wurde ein starker Druck auf die jüdischen Geschäfte ausgeübt, mit dem Erfolg, daß eine erhebliche Anzahl in arische Hände überging. Der Tag des Vertragsablaufes verlief in den größeren Städtan von Oberschlesien ruhig; ebenso die darauffolgende Woche. In den kleinen Orten längs der polnischen Grenze jedoch wurden die jüdischen Händler auf den Märkten stark behindert, so z. B. in Klausberg und Hindenburg. Auf dem Jahrmarkt in Kreuzburg am 20. Juli konnten jüdische Händler nicht mehr verkaufen. Agitatoren forderten die Leute auf, nichts bei Juden zu kaufen, Kauflustige wurden mit Gewalt von den Marktständen weggedrängt. Gleichzeitig erschienen in den Schaufenstern sämtlicher Städte des Industriegebietes die Schilder „Arisch". In einer Anzahl von Städten, wie Kreuzburg, Pitschen, Landsberg, Konstadt, lauten die Schilder: „Deutsches arisches Geschäft — Juden unerwünscht". Dadurch wurde in diesen Städten der Verkauf von Lebensmitteln an die Juden unterbunden. Juden konnten daher nur durch christliche Mittelsmänner Lebensmittel erhalten. Neben diesen Schildern sind in einer Reihe von Orten, so z. B. in Kreuzburg, Langendorf, Gleiwitz, Transparente über die Straßen gespannt: „Wer bei Juden kauft, haßt das deutsche Vol k." Am Rathaus in Gleiwitz befindet sich ein Plakat: „Deutsche Volksgenossen,, geht nur zum deutschen Arzt, Rechtsanwalt und Käufmann", während an dem größten Hotel von Gleiwitz' „Haus Oberschlesien" zu lesen ist: „Der Jude lebt mit. der Lüge und stirbt mit der Wahrheit". In einem kleinen Dörfchen, Altbandendorf, ist das Plakat „Kauft nicht bei Juden" unmittelbar vqr_ dem Geschäft des einzigen jüdischen Kaufmannes mit einem Pfeil auf seinen Laden angebracht. Von Tag zu Tag wurde der Boykott intensiver. Besonders an den Markttagen wurden die jüdischen Geschäfte durch po.stenste.he.nde „Stürme r"- Verkäufer belästigt und die Kundschaft an dem Betreten von jüdischen Geschäften verhindert. Es wurde photographiert, teilweise wurde gedroht, die Kunden zu filmen. Der Umsatz in allen jüdischen Geschäften fiel um 70 Prozent. Inzwischen kam der Montag, 26. Juli, an welchem Tage die Sommerschlußverkäufe der Textilwarengeschäfte beginnen. Diese. Gelegenheit wurde insbesondere in Beuthen zu großen Ausschreitungen gegen einzelne jüdische größere Textilgeschäfte benutzt. Unterstützt von Hunderten von halbwüchsigen Burschen, provozierten offensichtlich dazu bestimmte Personen der N.-S.-Verbände die Kundinnen beim Betreten oder Verlassen dieser Geschäfte. In den Abend- und Nachtstunden ließen die Tumulte keineswegs nach. Die Agitatoren und die aufgestachelte Menge warfen in drei verschiedenen Angriffswellen sämtliche Fenst-er der Synagoge ein. Schokolade- und Obstgeschäfte wurden geplündert und die Scheiberrund Auslagekästen zerbrochen. In den nächsten drei bis vier Tagen wurden die jüdischen Geschäfte von einer großen Menge belagert, die jeden Käufer verjagte. Christlichen Frauen, die trotzdem kaufen wollten, wurde ins Gesicht gespuckt. Auch das christliche Personal wurde belästigt. In einem Falle wurde der Laden von außen mit einer Fahrradkette zuge-' schlössen, so daß niemand heraus- oder hereinkonnte. In der gleichen Woche wurden in allen Städten Boykottposten vor die jüdischen Geschäfte gestellt. Auch eine Zerstörungsarbeit setzte ein. So wurde z. B. in Guttentag die unter Denkmalschutz stehe nd e Synagoge im Innern völlig demoliert. Sämtliche festgeschraubten Bänke wurden umgestürzt. Leuchter herausgerissen, Bailustraden zerbrochen. Trotz des dadurch verursachten großen Lärms griff der Polizeiposten, der gegenüber der Synagoge sein Wachlokal hat, nicht ein. In Groß- Strehlitz sind bei vier jüdischen Geschäften die großen Fensterscheiben eingeworfen worden, bei einer Reihe anderer Geschäfte wÄSääen Aufschriften wie „Jude!" oder ein Totenkopf aufgemalt. Unter dem Schild des bekannten jüdischen Arztes Dr. König ist mit roter Farbe aufgemalt: „Kranke! Die Juden sind Euer U h g 1 ü c k." — Die Juden dürfen kein *.