Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 682 (20.8.1937)
- Date
- 1937-08-20
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 DIB NEÜE WELT Nr. 682 Vom 20. August 193? GRABSTEINE FRi ED LÄNDER & DEUTSCH Wien, i. Bez., Seiienstettengasse 2, III S amsi ag XL, Zentralfriedhot, neb, d. 1. Tor. ||| geschlossen Restaurant mehr betreten; es wird ihnen nichts verabfolgt. Ueberall sind Schilder: „Juden sind hier unerwünscht" angebracht. Den jüdischen Kaufleuten •ftid die sogenannten Bedarfsdeckungsscheine und andere staatliche Vergünstigungseinrichtungen, zum Teil durch öffentliche Bekanntmachungen, entzogen worden. Aus dem „Beuthner Stadtblatt" geht hervor, wie seitens der Behörden offiziell für den BoykottPropaganda gemacht wird. Einer großen Anzahl jüdischer Angestellter ist die Stellung in christlichen Firmen gekündigt worden. Jüdischen Vertretern wurden die Vertretungen entzogen, die sie zum Teil jahrzehntelang innegehabt haben. In Beuthen sind nicht nur die Schwimmbäder den Juden verboten sondern auch die medizinischen Heilbäder. Besonders schwierig gestaltet sich die Lage der wenigen Juden in dem kleinen Ort Langendorf bei Tost und in Tost selbst. Die Insassen der Jugend herberge Tost haben Sprechchöre mit antisemitischen Ausrufen durch die Straßen ziehen lassen. Neu renoviert I I» II, Negerlegasse 2 / Tel A-4?-110-2 Hj?3 streng orthodox "i^O Reichhaltige Menüs S —.90 bis S 2.30 Gute Küche / Billigste Preise II Hinter allen diesen antisemitischen Ereignissen steht der „Stürmer". „S t ü r m e r" - K ä s t e n werden überall aufgestellt.' Die Aufstellung ist in der Regel von einer Feierlichkeit, wie bei einer Denkmalenthüllung, begleitet, wobei Musik k a p e 11 e n aufspielen. Außer den schon bekannten Aufschriften auf diesen Kästen finden sich auch solche, wie ,,Der „Stürmer" ist die beste Waffe gegerl das jüdische Verbrechertum". Die Behörden haben anfänglich, ohne einzuschreiten, alles geduldet. Die Polizeipressestelle Gleiwitz (»Ostdeutsche Morgenpost", Gleiwitz vom 29. Juli 1937) hat, wie üblich, der vollkommen machtlosen jüdischen Minorität die Schuld an den schweren Ausschreitungen in die Schuhe geschoben und auch die Behauptung, .daß Provokateure aus dem A u s 1 a n d e tätig seien, aufgestellt. Selbstmorde und Fludtft Das jüdische Ehepaar Kaiser in Hindenb u r g, das eine Gastwirtschaft betrieb, ist durch die Sabotage zum Selbstmord getrieben worden. Das Unternehmen lag nahe dem Bergwerk. Die Nazis hielten unter Drohungen die Arbeiter vom Besuch des Gasthauses ab. Die Steuerbehörden bedrängten das Ehepaar sehr. So blieb den 60- und 65jährigen nichts übrig, als Selbstmord zu begehen. Noch am Begräbnistag schrieben Arbeiter am Grubentor die Worte auf: „Die Nazis sind schuld am Selbstmord der Kaisers." Die Beerdigung wirkte wie eine Demonstration aller Volkskreise. Dem christlichen Arzt Dr. Keller in Hindenburg wurde die Eisenbahnerkrankenkasse abgenom- ^iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiniiw 0SEF LEITHANN j vorm. Paul Planer A. Q., Wien il, PraterstraBe 17, Telephon R-47-5-10 Elektromaterial Radioapparate Beleuchtungskörper ' Dauerbrandöfen / Gasapparate / Sprechma3chinen Elektrokosmetik Elektroapparate Glühbirnen in allen Stärken stets lagernd / Befugte Radio-Reparaturwerkatätte Günstige Tauschgelegenheit ' Bequemes Teilzahlungssystem men, weil er eine. Jüdin zur Frau hat. Kurz darauf beging Dr. Kellers Frau Selbstmord. Dennoch verfügten die Nazis: „Da Dr. Keller Rassenschande durch Jahre hindurch betrieben habe, sei er nicht würdig, deutsche Volksgenossen durch die Krankenkasse zu betreuen." Dr. Keller war im Kriege Offizier. In Klausberg bei Hindenburg haben die dortigen Kleinsiedler von Blockwart die Aufforderung erhalten, an ihren Hoftüren und Gartentoren Schilder anzubringen: „Juden ist das Betreten des Hofes und der Wohnung verboten." Es sind zahlreiche Abwanderungen von Juden aus Deutsch-Oberschlesien nach Polen, nach der Tschechoslowakei und Palästina erfolgt. Die Juden waren in Oberschlesien durch den Minderheitenschutz vor Nazi-Uebergriffen gesichert. Der Präsident der Gemischten Kommission hat wiederholt für Juden, wenn sie geschädigt wurden, Entschädigungen vom Reich herausgeholt. Im Verlauf der vier Jahre Hitler-Herrschaft soll der Betrag fünf Millionen Mark ausgemacht haben. Jetzt halten sich die Nazis an den verbliebenen Juden «chadlos. AUS ALLER WELT Wiederaufleben ritueller Bräuche in Rußland Aus Moskau (J.T. A.):Die in jiddischer Sprache erscheinende Moskauer Tageszeitung „Emes" führt in Ieinem Artikel Klage über das Wiederaufleben der rituellen Bräuche unter den jüdischen Sied- | lern. In einigen der jüdischen Kollektivsiedlungen im Bei zirk Stalindorf, werden die Wagen, die der Siedlung [ gehören, dazu benützt, den „Schochet" in den Ort zu bringen, um die neugeborenen Knaben zu beschneiden. Das Mitglied der Stoßbrigade der Kollektivsiedlung „Ozet", Radun, war der Erste, der einen Schochet in seine Siedlung brachte; Friedmann, ein Mitglied der Stoßbrigade „Trudovik", hat, so klagt der „Emes" weiter, unter dem Vorwand, einen Auftrag der Siedlung zu besorgen, die besten Pferde gesattelt und den Schochet in die Siedlung gebracht. Der frühere kommunistische Sekretär des Sowjet-Dorfes Ordjonikidze, Rabin öwicz, organisierte dasMazzoth-Backen in seinem Dorfe; das Parteikomitee hat bisher nichts gegen ihn unternommen. Später hieß es, Rabinowicz sei ein janusköpfiger Trotz kistischer Renegat. Ansiedlung ukrainischer Juden in Biro-Bidschan Aus Moskau (.T. T. A.): Der Rat der Volkskommissäre in der Ukraine hat den Plan für 1937 zur Ansiedlung ukrainischer Juden in dem jüdischen autonomen Rayon Biro-Bidschan und in der Krim bestätigt. Auf Grund des Planes werden im Jahre 1937 1525 Familien und 1020 Einzelpersonen in Biro-Bidschan und 350 Familien in der Krim angesiedelt werden. Ein Sonderausschuß, bestehend aus den Vertretern der örtlichen Sowjet-Exekutiven, der Örtlichen Abteilungen des Volkskommissariats, für innere Angelegenheiten, des Komzet und des Ozet ist eingesetzt worden, um die Auswahl der Ansiedler zu überwachen. Man plant, in Biro-Bidschan 200 Familien in Kollektivsiedlungen anzusiedeln; 440 Familien und 230 Einzelpersonen sollen als Handwerker, 85 Familien und 143 Einzelpersonen im Schneidergewerbe, 505 Familien und 445 Einzelpersonen in Fabriken und 295 Familien und 202 Einzelpersonen in anderen Berufszweigen Beschäftigung finden. Eine Organisation jüdischer Reserveoffiziere Aus Budapest: Die jüdischen Resarveoffiziere der in der Nähe von Budapest gelegenen Stadt Kispest, in der es in der, letzten Zeit wiederholt zu judenfeindlichen Ausschreitungen gekommen ist, haben beschlossen, eine eigene Organisation ins Leben zu rufen. In einer von ihnen veröffentlichten Erklärung heißt es, die Gründung der Organisation diene der Vertiefung des Glaubenslebens und die Pflege der jüdischen Tradition. . Front der Nationalsozialisten, Faschisten und Weißgardisten in Amerika Aus Washington (J. T.A.): Das Mitglied des amerikanischen Kongresses Samuel Dickstein teilte in einer' öffentlichen Erklärung mit, daß deutsche Nationalsozialisten,' italienische Faschisten und russische Weißgardisten in Amerika sich zu einer vereinigten Front' zusammengeschlossen haben, die von C o 1 o n e 1 Archer, einem ehemaligen Organisator des Ku-Klux- Klan, organisiert wird. Dabei werde er von dem deutschen Konsul in Los Angeles, Georg G i e ß 1 i n g, und von dem deutschen Konsul in San Franzisko, Manfred v. Killing e r, unterstützt. Dickstein ruft zum Kampf .gegen „die anarchistische Gefahr" auf und kündigt an, er werde die Abberufung der beiden Konsuln verlangen, falls sie ihre Propagandatätigkeit fortsetzen sollten. Antisemitischer Wahlfeldzüg in Südafrika Aus Prag: Aus Johannesburg wird dem Tschechoslowakischen Preßbüro gemeldet: Der Sekretär der nazistischen Partei der „Grauhemden", Harry Victor I n c h, eröffnete mit Hilfe antijüdischer Literatur einen Werbefeldzug, der ein" ganzes Jahr dauern soll und der Partei neue Anhänger bei den künftigen Wahlen bringen soll. Inch erklärte, seine Partei habe mit der von dem ehemaligen Innenminister Dr. Malan geführten Nationalpartei ein Abkommen über gegenseitige Zusammenarbeit abgeschlossen. Nach der Bücherverbrennung — Bilder* Verbrennung Aus Prag": Dr. Edmond Könrad schreibt in den „Lidove noviny": „Nach der Bücherverbrennung kam in Deutschland die bildende Kunst an die Reihe. Nach den Reden, mit denen die Münchner Ausstellung eröffnet worden ist, erhalten die Direktoren der deutschen Museen in eigenen Lehrkursen Unterricht, wie man „wahre" von „falscher Kunst" unterscheidet. Was mit der falschen zu geschehen hat. ist bis jetzt unbekannt. Hoffen wir, daß sie nicht so durch Feuer vernichtet wird wie die Literatur. Der Verlust wäre größer, weil unersetzlich. Bücher lassen sich neu herausgeben, Bilder und Statuen sind einmalig. Deshalb hoffen wir, daß voraussehende Berechnung sich wenigstens der fremden Valuten erinnert, die die entartete Kunst einbringen könnte, wenn man sich ihrer mit einer Dosis Geschäftsgeistes entledigt. Soweit es sich um Schriftsteller und. Gelehrte handelt, bewies das Dritte Reich eine Uneigennützigkeit, ganz vereinzelt in der Geschichte, indem es aus seinem Gebiete eifrig alles entfernte, was schöpferischen Atem hatte. Die Welt nahm dankerfüllt alle die Einsteins, Reinhardts und Manns bei sich auf, auch wir sind nicht leer ausgegangen. So trägt die Lehre von der Rassenreinheit fruchtbar zur Kulturkreuzung bei, durch die sich das Hakenkreuz unvergängliche Verdienste erworben hat. Fürstprimas Seredi gegen Rassismus Aus Budapest: Anläßlich des Maria-Himmelfahrtstages hielt der Kardinal-Fürstprimas von Gran, Seredi, vor 50.000 Gläubigen eine Rede, in der er u. a. sagte: „Eine Nation kann durch die gewaltsame Durchsetzung des sogenannten Rassenschutzes nicht gerettet Werden. Diese Reinrassigkeit ist eine Utopie, die heute nirgends auf der Erde gefunden werden kann.*'' Verhaftungen in Jerusalem Aus Jerusalem: Der bekannte arabische Agitator Ibn Darwisch und einige seiner Genossen sind von der Polizei unter dem Verdacht, terroristische Aktionen vorbereitet zu haben,' verhaftet worden. Palästinensischer Außenhandel gestiegen Aus Jerusalem: Im Mai 1937 betrug der Wert der Wareneinfuhr nach Palästina 1,207.000 Pfund gegenüber, 944.000 Pfund in dem gleichen Monat des Jahres 1936. Die Zunahme beträgt somit 27,9 Prozent. Die Ausfuhr im Mai hatte einen Wert von 127.000 Pfund, während der Ausfuhrwert im Mai 1936 nur 43.000 Pfund betrug. Aber auch der Wert der Ausfuhr vom Mai 1925 wurde um 62.000 Pfund oder fast 100 Prozent übertroffen. An der Steigerung der Ausfuhr um 84.000 Pf Und ist .der Zitrusexport nur mit 8361 und die Ausführ von Fertigwaren mit 15.859 Pfund beteiligt. Der Re3t entfällt auf die Steigerung der Ausfuhr von Rohstoffen und zum Teil auf die Zunahme der Ausfuhr von anderen Lebensmitteln als Zitrusfrüchten (21.913, bzw. 3681 Pfund). Unter den Ländern, aus denen Palästina in den epsten fünf Monaten des Jahres 1937 Waren bezog, steht Deutschland mit 1,076.000 an der Spitze. Es hat damit England überflügelt, das in diesem Jahre nur für 1,043.000 Pfund Waren nach Palästina eingeführt hat, gegenüber 1,121.000 Pfund in demselben Zeitraum des Jahres 1936\ . Alls Deutschland hatte Palästina in den ersten fünf Monaten 1930 Waren im Werte von 883.000 Pfund bezogen. Amtliche Verlautbarungen der IfraeL Kultusgemeinde Wien* Kundmachung Der Vorstand der Israelitischen , Kultusgemeinde Wien veranstaltet an den kommenden hohen Feiertagen' im Festsaal des Hotel „Post", I., Fleischmarkt 20 (Eingang I., Drachengasse 1), einen Festgottesdienst;, der hauptsächlich für die'r e i.f er e J'u geh d b ei.d e rlei Geschlechtes (im Alter von etwa 15 bis 20 Jahren) bestimmt ist. Der Zutritt zu diesem Gottesdienst, der nach dem Vorbild und im Umfang der Gemeindegottesdienste abgehalten wird, erfolgt auf Grund unentgeltlich ausgegebener Karten, deren Verteilung tunlichst' im Wege der Jugendorganisationen' durchgeführt werden soll. Die Jugendgruppen werden ersucht, ein Verzeichnis jener Jugendlichen, die. Eintrittskarten zu diesem' Gottesdienst wünschen, bis spätestens Montag, den 23. d., dem Jugendreferat der Kultusgemeinde zu übermitteln,. Die Ausgabe der Karten auf Grund der Verzeichnisse erfolgt am, 24. und 25. August d. J., während die Einzelkarten an, Jugendliche am Montag, den 30. August, im Jugendreferat, I., Seitenstette'ngasse 2, I. Stock, von- 9 bis 12 Uhr vormittags ausgefolgt werden. Diese Eintrittskarten gelten nur für Jugendliche; für Erwachsene werden besondere Eintrittskarten ausgegeben. JUtimmt dMet Best reno m m ler le Küche "UPS REICHHALTIGE MENÜS ä S 1.90 UNO 2.60 iCHWtCHAlhk BKAli ll,Hqmmer-Purgitq»-Gq»e 3 (nidist SalitothtHdw) Ul.ft-4,1-0-25 WOCHENsKALENDER FÜR DAS JAHR 5697 August ' , VW mn Hui Freitag 20 13 Sabbatolngang 6.55 "' Samstag 21 14 Sonntag 22 15 / Montag 23 16 i . ■ Dienstag 24 17 Mittwoch 25 18 ■.. . > : Donnerstag 26 19 Eigentümer, Verleger, Herausgeber: Oberbaurat Robert Stricker. Verantwortlicher Redakteur: Fritz Kolb. — Druck; Druckerei- und Verlags-A.-G. Ignaz Steinmannr alle Wien, IX., Universitätsstraße 6-8,