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Die neue Welt · 1937-07-30 · Heft 676 (30.7.1937) · page 6

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Journal
Die neue Welt
Volume
11 (1937)
Issue
Heft 676 (30.7.1937)
Date
1937-07-30
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 DIE NEUE WEXT Nr. 676 vom 30. Juli 1937 Dr. Wolf Guttmann, Prag Hmts IMesktankUeU Ueber Herzls Krankengeschichte liegt nur sehr wenig klinisch verwertbares Material vor. Aus seinen eigenen Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern und Briefen, und aus den Berichten aus seiner Umgebung sowie aus den Mitteilungen der ihn behandelnden Aerzte geht nur eines mit Sicherheit hervor, daß HerzI lange Zeit an einem ..Herzleiden" litt und auch daran zugrunde ging. Dr. A. Konried bezeichnet als die Todesursache ..chronische Herzmuskelentzündung" (Myocarditis chronica). Die Professoren Singer und Ortner. die Herzl behandelten. nahmen eine ..fortschreitende Herzmuskelerkrankung" an. Herz! selbst vermerkt kleine Details von, gelegentlichen Veränderungen seines Gesundheitszustandes, beispielsweise am 14. Juni 1895, wahrend er am Judenstaat arbeilet: ..Heute sehr starker Kopfschmerz." Gegen den Kopfschmerz will er ..bicyklen lernen", um sich ..das Blut vom Kopfe abzulenken". Her/1 war ein leidenschaftlicher Radfahrer, von dieser Passion ließ er auch zu einer Zeit nicht, als die Herzbeschwerden schon sehr heftig waren. Di"?e Tatsache wollen, wir im Auge behalten, um sie spüler als ein negativ zu wertendes Symptom in sein Krnnkheitsbild einzufügen. Eine Notiz vom 2S. November 1895 lautet: ..In Paris kam ich krank an. Nordau konstatiert Bronch ia Ikatarrh." Bis zum Jahre 1896 finden mir keine nennenswerten Berichte über Beschwerden, die als gewichtige Krankheitssymptome angesprochen werden könnten. Die Situation ändert sich seit dem Jahre 1896. Hier scheint die Periode einzusetzen, in der sicli das Herzleiden manifestiert und die ersten Herzbeschwerden auftreten. Welcher Art diese sind, wissen wir nicht. Sie zwingen ihn. einen Arzt aufzusuchen. In den Tagebüchern findet sich unter dem 17. März 1896 die Eintragung: ..Dr. Beck, der Hausarzt meiner Eltern, hat mich untersucht und ein durch Aufregungen hervorgerufenes Herzleiden konstatiert." Die Frage, die hier zu beantworten wäre, lautet: Handelte es sich im März 1896 um den Beginn einer neuen akuten He.rzerkrankung — der Klappen (Endocard). des Herzmuskels (Myocard), des Herzbeutels (Pericard), der Kranzgefäße (Coronarien) — oder um die ersten Dekompensationserscheinungen einer in früheren Jahren akquirierten Herzerkrankung? Mit großer Wahrscheinlichkeit ist das erste abzulehnen. Eine akute. Entzündung des Herzens (Endo-, Myo-, Pericarditis) ist in der Regel von stürmischen Erscheinungen begleitet. Die subjektiven Sensationen in der Herzgegend — Herzstechen, Herzklopfen, bisweilen Unregelmäßigkeiten des Herzschlages (Extrasystolen) —, das hohe Fieber signalisieren dem Erkrankten ein ernstes Leiden, so daß auch der Widerstandsfähigste gezwungen ist, das Bett aufzusuchen und den Arzt zu rufen. Oder der herbeigerufene Arzt diagnostiziert die akute Herzerkrankung und seine erste, wichtigste Verordnung ist die Bettruhe. Das Krankenlager dauert gewöhnlich Wochen. Von all dem ist nirgends die Rede. Nicht ganz von der Hand zu weisen märe der Verdacht einer beginnenden Coronarsklerose. Ihr Initialstadium istgekennzeichnt durch mehr oder weniger lästige Druck- und Beklemmungsgefühle in der Herzgegend und muß nicht immer von typischen Angina-pectoris-Anfällen begleitet sein. Herzl hat in der Tat an Herzbeklemmungen gelitten. Er notiert am 24. Juni 189? (Tagebücher): „Mein Nervenzusland läßt mich allerdings wünschen, jetzt keine aufregenden Diskussionen zu führen. Ich habe in den letzten Tagen mit Benedikt (Chefredakteur der Neuen Freien Presse) genug Aufregungen gehabt. Die erregten Gespräche bringen mir alltägliche Herzbeklemmungen." So sehr man geneigt märe, eine Coronarsklerose mit nachfolgender Myodegeneratio cordis anzunehmen, so sehr gibt es gewichtige Bedenken gegen die Diagnose Coronarsklerose zumindest als primäre, selbständige Krankheit. Zunächst das Alter. Verlegen wir die allerersten Herzbeschwerden etwa in das letzte Drittel des Jahres 1895, so stand Herzl damals im 35. Lebensjahre. Die Annahme einer Coronarsklerose in so frühem Alter widerspricht der Erfahrung. Weder von Herzl selbst, noch von seiner Umgebung wird uns von einem stenocardischen Anfall berichtet. Herzl, den wir aus seinen Tagebüchern als guten Selbstbeobachter kennen lernen, der schon kleinste Details gestörten körperlichen Befindens registriert, der — wie mir noch später hören werden — Anfälle von Bewußtseinstrübungen sehr eingehend ^schildert, würde einen Angina-pectoris-Anfall mit, seinem außerordentlich guülenden Brustkrampf, dem Vernichtungsgefühl, der Todesangst sicherlich einmal ermähnt haben, wenn er stattgefunden hätte. An auslösenden Momenten hätte es ja bei dem schweren, dauernd mit großen Aufregungen und körperlichen Anstrengungen verbundenen Leben, insbesondere der letzten Jahre, nicht gefehlt. Dazu kommt, daß Herzl noch zu einer Zeil bereits heftiger Beschwerden leidenschaftlich Rad fuhr und drei Monate vor seinem Tode eine Bergpartie unternommen hat. Es ist nicht vorstellbar, daß derart anstrengende Körperarbeiten, die schon an und für sich für jedweden schwer Herzkranken außergewöhnliche Leistungen sind, gar einem Coronarsklerotiker möglich wären, da doch schon ganz leichte Gehbewegungen auf ebener Straße einen Anfall provozieren können (Angine d'cffort). Die Eintragung vom 12. März 1898: „Ich bin müde, mein Herz ist nicht in Ordnung" bezieht sich ganz gewiß nicht auf einen etwa Anginapectoris-Anfüll, sondern auf Empfindungen in der Herzgegend weit schwächerer Natur. Aus all diesen Gründen muß auch, der Verdacht einer Stenocardie fallen gelassen werden.. Alles spricht vielmehr dafür, daß ein altes, schon lange früher erworbenes Herzleiden sich 1895, bzw. im Frühling 1896 erstmalig zu dekompensieren und cardiale Beschwerden zu verursachen begonnen hat. Die erste uns bekannte ärztliche Feststellung eines Herzleidens erfolgte durch Dr. Beck am 17. März 1896. Am 24. Juni 189? klagte Herzl über Herzbeklemmungen. Im Jahre 1898 nehmen die Beschwerden zu. Während des Aufenthaltes in Palästina erleidet Herzl mehrere Chnmachtsanfälle, die David Wolffsohn, der von ihnen berichtet, sehr beunruhigen. A. II. Reich, der Sekretär Herzls. ist Zeuge eines leichteren ..Herzanfalles" am 5. Kongreß. (1899) und eines schwereren vor Beginn des 4. Kongresses (1900) in London. „Der Anfall war so stark, daß wir alle befürchteten, Herzl werde den Kongreß nicht eröffnen können. Aber sein Wille bezwang das schwache Herz. Er eröffnete und leitete den Kongreß und ließ es sich nicht nehmen, die sehr schwierige Bankdebatte mitzumachen." Am 21. Juni 1900 berichtet Herzl: „Gestern hatte ich im Bureau der Welt' einen Anfall von Gehirnanämie, während ich mit den Leuten sprach. Ich hatte plötzlich eine Verdunklung des Bewußtseins und Trübung der Wahrnehmungen, während welcher ich mich selbst genau beobachtete und mit den Sekretären Schalit und Reich Witze machte. Ich fuhr dann nicht in die Neue Freie Presse, sondern nach Hause und legte mich hin. Der Arzt befiehlt mir zwei bis. drei Tage Erholung." Am 5. Juni 1901: „Paris. Gestern abends wieder Anfall von Gehirnanämie." Im Dezember 1905 kommt Herzl zu Professor Gustav S inger, um sich Rat zu holen. Dieser schreibt über Herzls Zustand: „Ein blasser, müder, kranker Mann. Ich mußte bald erkennen, daß der Tod ihn schon belauerte. Sein Puls war unregelmäßig, das Herz in seiner Kraft schon geschwächt, jvas auch deutliche Stauungserscheinungen verrieten." Es folgt das Jahr der. Katastrophe 1904. Vom 11. bis 15. April findet die stürmische Sitzung des großen A. C. statt, die nach der Cliarkomer Konferenz einberufen mird. „Wenige Tage vor den Besprechungen hatte noch Herzl von Edlach aus lxk Stunden zur Rax emporsteigen können. Am Morgen der Tagung erschreckt er die Freunde durch sein Aussehen. Unmittelbar nach dem Schluß konstatieren die Aerzte eine schwer beunruhigende Veränderung des Herzmuskels." (Das Leben Theodor Herzls, Adolf Friedemann.) Auch in Franzensbad gönnt sich Herzl keine Ruhe. So arbeitet er die Nacht vom 9. zum 10. Mai an einem Memorandum für Petersburg. „Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die letztten Wochen oder Tage — mir haben Eile!", sagt er zu seinem Freunde Doktor Katzenelsohn. Es ist ein Weltlauf mit dem Tode! Ohne Besserung seines Leidens kehrt er nach Wien zurück und reist nach Edlach ab. Arn 1. Juli zeigen sich die Symptome einer Bronchopneumonie, Am 3. Juli um 5 Uhr nachmCUags ist Theodor Herzt gestorben. * Wir konnten nachweisen, daß das Jahr 1896 (vielleicht schon 1895) in der Krankengeschichte Herzls zwar von größter Bedeutung, aber keineswegs das Jahr des Krankheitsbeginnes, sondern das des Dekompensülionsbeginnes eines früher erworbenen Herzleidens gemesen ist. Wir haben uns nun mit der Frage zu befassen: Wie lange früher schon und welches Herzleiden hatte Herzl erworben? Nach der Iläufigkeitsskala stehen unter den Herzleiden, die in der Jugend erworben, in späteren Jahren zur Dekompensation führen, die Herzfehler — die Vitia cordis — an erster Stelle. Aetiologisch spielen hierbei die rheumatischen Erkrankungen der Gelenke eine große Rolle. Wir wissen nicht, ob Herzl in seiner Jugend an Gelenkrheumatismus oder an Angina litt. Aus einer Mitteilung Ella Naschauers, der Schwägerin Herzls, daß Herzl ein oder zwei Jahre vor seinem Tode „an einer Angina mit hohen Fiebererscheinungen" in Alt-Aussee erkrankte, läßt sich natürlich kein Schluß auf eine etwa bestehende Neigung zu Tonsilliliden ziehen. Bei der Erforschung der Krankheilsgeschichte Herzls stoßen wir auf ein besonders wichtiges Dokument. „T h e o d o r Herzl vor der Assenticr u n g s k o m missio n." (Dr. T, Nusscnblatl, Jüdische Welt, Prag. 51. Juli 1956.) Herzl. der sich, freiwillig zum Militärdienst meldet, wird, wie aus den Dokumenten einwandfrei hervorgeht, nach dreimaliger militärärztlicher Untersuchung jedesmal als dienstuntauglich, befunden und wegen, seines gestörten Gesundheitszustandes vom Militärdienst befreit. Es muß dies ein sehr schwerwiegender und vor allein ein konstanter Befund gewesen, sein, den die Militärärzte erhoben. Herzl, dessen körperliche Vollkommenheit und Schönheil von. allen geschildert wird, ist entschieden nicht wegen „allgemeiner Körperschwäche" befreit worden. — „Die ragende Gestalt, deren vollkommene Harmonie auch in jeder seiner adligen Bewegungen zum Ausdruck kam. stellte einen idealen Typus dar", sagt. Professor Hermann Struck. Es kann sich daher nur um eine lokalisierte organische Feststellung gehandelt haben. Aber um welche? Bei allen Mängeln, die einer Vermulungsdiagnose anhaften, obendrein einer solchen, die sich auch, nachträglich, weder am Krankenbett noch auloptisch mehr verifizieren lassen, ist mein nach den angeführten Belegen zu der Vermutung berechtigt, daß Herzl seit seiner frühen J u g e n d, z umindest seit dem 20. Lebensjahre, an einem V i i i u m cordis gelitten h a t. Auf die Frage, ob es ein Mitral- oder ein Aortenvitium gewesen ist, wollen mir nicht eingehen. Die wohl im Sinne eines Vorhofflimmerns zu deutende Arhythmie weist, mit Rücksicht auf die enge Verbundenheit des Flimmerns mit. der Mitralstenose, eher in die Richtung einer Mitrals t e n ose. Diese Mitralstenose schließt, auch wenn sie im Vordergrund des ganzen Krankengeschehens ^steht — eine „Ilerzmuskelerkrankung" keineswegs aus. Denn erstens gehl fast jede Endocardaffektion Hand in Hand mit einem Myocärdschaden und ist eine eventuell rekurrierende Endocarditis von einer rekurrierenden Myocarditis begleitet, und zweitens ist die Herzinsuffizienz, das terminale Stadium der mit Herztod endenden cardialen Prozesse, der Ausdruck eines geschädigten, beziehungsweise degenerierten Myocards. Ferner ist auch das Vorhofflimmern auf ein affiziertes Myocard zurückzuführen. Daß zuletzt anscheinend die Myocardaffektion in den Vordergrund gestellt wurde, deutet darauf hin, daß das Vorhof'flimmern den Charakter einer sehr frequenlen perpeliiellen Arhythmie halle, wodurch früher hörbare Klappengeräusche später, nicht mehr wahr genommen werden konnten. Die rasch schwindenden Ohnmachls anfalle wären durch plötzliches Auftreten oder anfallartige Zunahme einer Ueberleilungsslörung zu erklären. Zu erwähnen wäre noch eine Mitteilung Herzls, aus der zu ersehen ist. daß er Anfang 1895 an einer chronischen Eiterung litt. Er schreibt am 19. Mai 1895 an T emeles : „Es begab sich, daß ich hier in Toulon bei den Rosenfesten mir eine Malaria holte. Monatelang tvar ich krank, die Aerzte behandelten mich dumm. Eirier spritzte mir Chinin unter die Haut, davon bekam ich einen Abzeß am Schenkel, der öfters operiert werden mußte. Ich ging am Stock wie ein Krüppel," Bei der Hinfälligkeit des einmal erkrankten Endomyocards und seiner Neigung' zu Rezidiven; die als rekurrierende Endomyocardilis im Anschluß an fieberhafte Vorgänge eine bekannte Erscheinung sind, wäre daran zu denken, daß eine durch längere Zeil hinziehende Eiterung eventuell ein Aufflackern des alten, beziehungsweise eine Auf Pfropfung eines frischen Prozesses bedingt und zum Ausgangspunkt einer nicht mehr ganz zu beherrschenden Dekompensierung wird. Auch die monatelange Malaria konnte nicht spurlos ah diesem Herzen vorübergehen. Dies und die ungemein sclviuere, an Strapazen und Aufregungen reiche Lebensweise Herzls müssen als Ursachen der rasch fortschreitenden Dekompensation verantwortlich gemacht iverden. Zusammenfassend läßt sich sagen: Das

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