Die neue Welt
- Journal
- Die neue Welt
- Volume
- 11 (1937)
- Issue
- Heft 676 (30.7.1937)
- Date
- 1937-07-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 676 vom 30. Juli 1937 DIE NEUE WELT Seite 7 Herzleiden Uerzls beruht aller Wahrscheinlichkeil nach auf einem in der Jugend envorbenen, in seinem 20. Lebensjahre bereits bestehenden Herzklappenfehler — nermuilich eine flimmernde Mitralstenose —. welcher sich in seinem 15. Lebensjahr als Folge mohl einer chronischen fieberhaften, mit einer Eiterung verbundenen Erkrankung und sicherlich einer überanstrengenden, und aufreibenden Lebensmeise zu dekompensieren beginnt und im 44. Lebensjahr zum Tode führt. Angesichts der Schonungslosigkeit, mit der TJerzl gegen sich selbst verfuhr, aber auch der Rücksichtslosigkeit der politischen (iegner uufferhalb und innerhalb der zionistischen Bewegung, die ihm es mufl dies mit Bedauern gesagt werden — trotzdem er bereits, für alle deutlich erkennbar, nom Tode gezeichnet war. bis in die letzten Tage ohne jede Schonung zusetzten, gewinnt tvohl die Forderung Dr. Isidor Sebalds und Professor Mandelstamms. Herzl unter ein „hygienisches Kuratell" zu stellen, eine tragische Bedeutung. Die historische Mission Uerzls. aber auch der seltene . Persönlich keilswert, des M e n s c h e n Herzl waren Gründe genug gewesen, eine solche Forderung in die Tal umzusetzen. Daß dies nicht geschah, ist mit eine der Ursachen des frühen Indes Theodor Uerzls. * '■ ' Auf dem Weg, Herste i!>e&e}l-^A-^i^A).eft»-i)ö/ff'isc/ien! und privat-menschlichen Einzelheiten zu erforschen, ist der Plan entstanden, alljährlich das gefundene Material in Form, eines H er zl-J a h r buche s herauszugeben. Den Plan schuf und verwirklichte Dr. Tulo N u s s e wb l a 11, der sich seit Jahren erfolgreich auf dem. Gebiet der Herzl-Forschung betätigt. Das erste Herzl-Jahrbuch (1937) ist soeben im Dr.-Heinrich-Gl an z-Verlag, Wien, erschienen. Es enthält Partien am dem Jugendtagebuch Hdrdsj Dokumente .nur Geschichte des Frilhzionxsmm, zur Geschichte des ersten Zionistenkongresses und die Persönlichkeit Herzte würdigende Aufsätze sowie eine Reihe bisher unbekannter Bilder und Handschriften in Faksimile. Wir veröffentlichen mit Erlaubnis des Verlages Dr. Heinrich Glanz den Aufs'ätz „Herzls T o deskr ankhei t" am der Feder des Dr. Wolf Gutt m. a. n n (Prag), der in sachlicher Art die Phasen von Herzls Krankheit bis zu seinem heroischen Ende schildert. Die Arbeit Dr. Guttmanns ist eine klinische Studie, die jeden Leser erschüttern wird. Raummangels wegen mußten einige Striche vorgenommen werden. 6ml Uuttcw: DER ZEHNTE Viele Jahre sind vergangen, seit sich diese Geschichte begeben hat, die mir mein Großvater oft erzählte und die ich hier berichten will. Sie hat sich also noch in jener Zeit zugetragen?' die wir die gute,, alte nennen, die aber jenen dennoch oft genug als trüb und rauh vorkam. Denn auch damals flogen einem nicht die gebratenen Tauben in den Mund, man mußte zufrieden sein, wenn man mit viel Plag und Sorge sein tägliches Brot gewann. Davon wußte Löbel Katz, der Kaufmann in einem großen böhmischen Dorf, ein Lied zu singen. Er. kaufte und verkaufte alles, womit sich handeln ließ, er stand Sommer und Winter lange vor der Sonne auf und war hinter dem Geschäfte her, aber zu mehr als einer sehr bescheidenen Lebenshaltung konnte er es nicht bringen. Man bedenke auch, daß er für eine zählreiche Familie zu sorgen hatte; zehn Kinder haftteuhm seine Frau Malke geschenkt. Und neun davon waren Mädchen. Da hieß es also jeden Kreuzer zehnmal umdrehen und ihn dann erst recht nicht ausgeben Die Judenhasser, die unser Volk ja sehr gut kennen, verfehlen nie, hämisch darauf hinzuweisen,1 daß der Jude selbst in Herzenssachen, wie es nun; einmal die Eheschließung ist, vor allem seiner materialistischen Einstellung huldigt und genau die Höhe der: Mitgift vereinbart, bevor er seine Entscheidung trifft.; Wie immer es in diesem Punkte bestellt sein mag,. Warum sprechen unsere Feinde so selten von der jüdi-' sehen Ehe? Da gäbe es viel mehr zu erzählen: Von den unzerreißbaren Banden der herzlichsten Zuneigung und Hochachtung, die Mann und Frau für ihr ganzes Leben umschließen; von jenem tiefen Geführ der Zusammengehörigkeit, die den zwei Menschen die Kraft, gibt, allen Stürmen des Daseins die Stirn zu bieten;- im Unglück nicht zu verzweifeln, im Glück nicht übermütig zu werden; von der echten Liebe ohne große. Worte, die auch im Wandel, der Tage nichts von ihrem strahlenden Glanz, von ihrem wärmenden Feuer verliert., Solche Liebe ist es, die die jüdische Ehe durchsönnt und erhellt; so war es seit jeher und ist auch Gott sei. Dank noch heute geblieben. # . In den Tagen, da diese Geschichte anhebt, hatte Löbel Katz mit Gottes Hilfe bereits acht Töchter an brave Männer verheiratet, der Sohn stand in Prag in Kondition und nur das jüngste Mädchen, die kleinei Julie, befand sich noch in der Obhut des elterlichen1 Hauses. Wenn Mutter Malke ihr Nesthäkchen ansah, füllte sich ihr Herz mit besonderem Stolz. Nicht, daß' sie ihre übrigen Kinder weniger gebliebt hätte, nein, aber Julie schien ihr doch als die Beste und Feinster „Wie eine Prinzessin!", sagte Mutter Malke im Geheimen zu sich, und wahrlich, Julies edler Kopf, ihrefeinglicdrige Gestalt, ihr leichtfüßiger Gang, ihre Haltung und Gebärde gaben der Mutter, recht. Und Malke, sonst sehr lebenstüchtig und unromantisch,; träumte in einem versteckten Winkel ihres Herzens, von einem Königssohn, der einst ihre Tochter Julie holen würde. * Als der Sommer hochstand, kam Einquartierung^ ins Dorf. Seit einer Woche war man darauf vorbereitet, und jung und alt tummelte sich auf dem Straßen, als die Dragoner einritten. Von nun an herrschte Abend für Abend lautes und lärmendes] Leben in dem sonst so verschlafenen Ort. Säbelrasselnd und sporenklirrend zogen die rotbehosten Reiter durchsj Dorf, lachten und lärmten, schreckten Bauern und' Juden durch ihr übermütiges Benehmen, liefen hinter, jeder Schürze her und ließen aus dem Wirtshaus ihre! derben Lieder laut durch die friedlichen Sommerabende erschallen. Während aber zwischen den Soldaten und den Dorfbewohnern sich bald ein freundschaftliches Verhältnis anbahnte, blieb einer unbeliebt und gefürchtet. Es war dies ein bäumlanger Wachtmeister, dessen Hühnengestalt allein schon Schrecken einzuflößen vermochte; sein finsteres Gesicht mit dem stechenden Blick, dem mächtigen blonden Schnurrbart ließ nichts Gutes ahnen. Wenn er mit festem Tritt, den Säbel lässig nachschleifend, durch die Straße daherkam, schien sie nicht breit genug; um neben ihm noch einem Menschen Raum zu gewähren, und jeder trat scheu zur Seite vor Angst, an den Riesen anzustreifen. Die tollsten Geschichten über ihn liefen um, über seine Bärenkraft, aber auch über seine Wildheit und Roheit. Allerdings, hier im Dorfe hatte er noch keinem etwas getan, aber man traute ihm ohne weiteres das Schlimmste zu. Als nun eines Abends der lange Wachtmeister an 'Löbels Haus vorbeikam, stand die schwarze Julie am Fenster. Er sah sie an, sie hielt seinem Blicke stand und etwas Unerklärliches, geschah: Sie konnten ihre Äugen nicht voneinander lassen, und keines der beiden : wußte nachher, wie lange sie so gestanden waren. Da ..rief die Mutter aus dem Zimmer und Julie verschwand voin Fenster. Der lange - Wachtmeister wandte sich, wie aus einem Traum, erwacht;, und wanderte langsamen Schrittes wieder ins Dorf zurück. Von jenem Abend an stand er vor Löbels Haus und jedesmal erschien, wenn auch nur für einen, ganz kurzen Augenblick, Julie, am Fenster. Mutter Malke aber, deren Herz mehr ahnte, als ihre Augen noch sahen, erschrak bis ins Innerste ihrer Seele. Wie, ihr Stolz, ihre Prinzessin, ihre, zarte Julie sollte sich in so einen ungeschlachten Menschen vergaffen, in einen Christen, in einen Soldaten, in ein Ungeheuer, vor dem 3ich jeder fürchten mußte? In schlaflosen Nächten betete und weinte Mutter Malke, aber weder sie noch Julie sprachen über die Angelegenheit auch nur ein Wort. * Nun begab es sich, daß an einem dieser Tage Löbel Katz Jahrzeit nach seinem Vater hatte und Kaddisch sagen wollte. Die wenigen jüdischen Männer des Dorfes versammelten sich daher bei ihm, um zu beten. Wie leider oft schon, hatte er seine Schwierigkeiten, ein Minjan zusammenzubekommen, denn im ganzen Dorf gab es nur wenig mehr als zehn jüdische Männer. Man zählte nun nach, wer noch fehlte und erwog, mit wessen Rückkunft man noch rechnen körinte. Einer der Männer war nach Prag zu Gericht gefahren - und würde erst übermorgen eintreffen, ein anderer war in Geschäften über Land und die Zeit seiner Rückkehr war unbestimmt. Ein Knabe, der vor zwei Wochen Barmizwah war, verbrachte seine Ferien bei Verwandten in der Nachbarschaft. Kurz, soviel man rechnete, man kam über neun nicht hinaus. So standen die Männer vor Löbels Haus und spähten die Straße hinauf und hinunter, ob nicht doch noch ein Jude käme. Da hörte man Sporenklirren und langsamen Schrittes, den Kopf nachdenklich gesenkt, sjpazierte, wie fast jeden Abend, der lange Wachtmeister heran. Als er die Juden beieinander stehen sah, blieb er, fast ein wenig verlegen, stehen, dann zerrte er an seinem langen blonden Schnurrbart und fragte, sehr von oben herab, was es hier gäbe. Die Männer schwiegen zunächst, weil sie nicht recht wußten, wie sie es einem „Goj" erklären sollten, daß man zum Gebet zehn. Männer brauchte. Schließlich erzählte Löbel kurz, worum es sich handelte. Da stellte sich der lange Wachtmeister in Positur und sagte mit seiner lauten^ kommandogewöhnten Stimme, daß es nur so hallte: „Ich bin euer zehnter Mann!" Verdutztes Schweigen war die Erwiderung; wer hätte gedacht, daß dieser „Wilde", dieser „Rosche", ein Jude sei!1 Ungläubig blickten die Männer ihn an. Er aber wiederholte nochmals laut: „Ich bin euer zehnter Mann." Und gleichsam als Beweis seines Judentums fügte er mj^j leiser- Stimme in der heiligen Sprache das Sch'ma Jisrael hinzu; Löbel Katz schickte einen Dankspruch zum Himmel; hätte er doch zum erstenmal in seinem Leben ,dem toten Vater nicht die gebotene Ehrung erweisen können. Nun war aber doch in letzter Minute ein Retter aufgetaucht. In der engen Stube vereinten die von der Lehre vorgeschriebenen zehn Männer ihre Seelen im Gebet, zur Ehre des Ewigen, zum Gedenken an den Verstorbenen. Der Vorbeter begann den erhabenen Preisgesang ..Hochgelobt und geheiligt werde Sein großer Name" und die kleine Gemeinde erwiderte im Chor die Segenssprüche. Die Stimme des langen Wachtmeisters übertönte alle anderen. Klar und deutlich, ohne ein Wort zu überschlumpern, sprach er in tiefer Ergriffenheit die Antworten. Noch am selben Abend saß der lange Wachtmeister zum Dank für sein „Minjemachen" als Gast bei Löbel Katz. Mutter Malke trug vom Besten auf, was ihr Haus bieten konnte. Unter viel lautem Reden und Lachen aß der Wachtmeister seinen Teller leer, soviel man ihm darauf häufte, dabei ließ er kein Auge von der kleinen Julie, die ihre Blicke gesenkt hielt und nicht einen Bissen berührte. * Muß ich die Geschichte noch weiter erzählen? Uebers Jahr feierten Julie und der lange Wachtmeister Hochzeit in Glanz und Freude, wie Gott es befohlen hat. Sie haben auch noch ihre goldene Hochzeit erlebt., gleichfalls in Glanz und Freude, allen jüdischen Kindern zugedacht! Juden nadi Ekuador Zwischen der Regierung der südamerikanischen Republik Ekuador und dem in Paris domizilierenden jüdischen „Comite de llmmigration en Equadeur" ist ein Vertrag abgeschlossen worden. Seitens der Ekuador- Regierung ist der Vertrag vom Landwirtschaftsminister Iroge Montero Vena, seitens des Komitees von Samuel Shitlovs'ky und Boris B o n i unterzeichnet. In dem Vertrag wird ausgeführt: Die Regierung der Republik Ekuador hat aus einer altruistischen Ideologie heraus, und von dem Wunsche beseelt, den als Folge des großen Krieges und der nachkriegerischen inneren politischen Wirren heimatlos gewordenen Menschen eine Heimat zu geben, dem folgenden Immigrationskontrakt ihre Zustimmung gegeben: 1. Die Republik gewährt weißen. Einwanderern aus Europa üh'd. Amerika ohne Unterschied der Nationalität und der Religion Einlaß. Die vom genannten Komitee gesandten Einwanderer werden a11 e die von der Verfassung garantierten Bürgerrechte, wie sie den Bürgern von Ekuador zustehen, genießen, mit Ausnahme vorläufig de3 Wahlrechtes und des Rechtes, staatliche Funktionen auszuüben. 2; Die dem Komitee zur Verfügung gestellten Ländereien werden in. Parzellen zu 100 Hektar, aL» { Maximum für jede Einwandererfamilie, aufgeteilt. Ins- J gesamt umfassen die dem Komitee zur Verfügung gestellten Ländereien 485.000 Hektar, und zwar 85.000 Hektar in der Provinz Carchi, 60.000 Hektar in der Provinz I m b a b u r a,. 85.000 Hektar in der Provinz Pi chincha, 10.000 Hektar in der Provinz Esmeraldas, 50.000 Hektar in der Provinz Manabi, 25.000 Hektar im Südosten der Manabi-Provinz, 25.000 Hektar in der Provinz Guar a s, 30.000 Hektar in der Provinz Napo-Pastaza, 5000 Hektar auf der Insel Isabai y Santa Cruz, 20.000 Hektar in der Provinz Loja. Die.'Bodenpläne liegen dem Kontrakt bei. 3. Nach Ablauf von 18 Mona t e n muß das Komitee Siedlungspläne vorlegen und nach Aulauf von drei Jahren mit der Siedlungsarbeit beginnen, und zwar mindestens mit einer kolonisatorischen Investition von 100.000 sucres (270.000 fr. Fr.). 4. Das Komitee gründet eine Genossenschaftsbank . oder eine ähnliche Institution zur Förderung der landwirtschaftlichen und industriellen Kolonien. 5. Das Komitee bringt die Immigranten in Zonen unter, die ihnen körperlich und geistig am zuträglichsten sind. 6. Das Mobiliar und die Arbeitsinstrumente der Einwanderer sind zollfrei; ebenso sind die Einwanderer in den ersten drei Jahren ihres Aufenthaltes von Steuern befreit. 7. Die Materialien für Häuserbau und sonstigen Aufbau der Kolonien sind zollfrei. 8. Die Einwanderer haben das Recht, soziale und Kulturorganisationen zu gründen sowie kommunale Räte-, soziale künstlerische und wissenschaftliche Zentren, landwirtschaftliche und industrielle Genossenschaften u. ä. m. zu schaffen. 9. In jeder Einwanderungszone gründet das Komitee Schulen. 10. Die Regierung erleichtert die E i nbürgerung der Einwanderer und bevorzugt hiebei kulturell und wirtschaftlich hervorragend tätige Persönlichkelten. Die Republik Ekuador mit einer Gesamtfläche von 740.000 Quadratkilometer wird eingeteilt in 1. Küstenzone, 2. Gebirgszone,' 3. Orientzone. Die Oricntzoue ist wirklich tropisch und kommt für die Einwanderung nicht in Betracht. Die Küstenzone, deren Klima durch die Humboldt-Strömung stark gemildert ist und eine mittlere Jahrestemperatur von 20 bis 25 Grad aufweist, kommt für die Einwanderung nur teilweise in Betracht. Der Haupteinwanderungsstrom wird in die „Cordllliera dei Ande*', die Gebirgszone des Landes, geleitet, die eine Höhe von 1500 bis 3000 Meter erreicht und die gesamte Stufenleiter der europäischen Temperaturen aufweist. Die mittleren Jahrestemperaturen bewegen sich zwischen 17 und 6 Grad. Diese Gebirgszone ist etwa so groß wie die Tschechoslowakei. Die Bevölkerungen Ekuador wird auf etwa drei